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1945

Not ohne Verzweiflung




Wiederaufbau

Wiederaufbau der Floridsdorfer Brücke (Malinowskibrücke).
© Mit freundlicher Genehmigung: ÖGZ/APN

Jahresende 1945


   Nach der Nationalratswahl Ende November 1945 wurde unter der Kanzlerschaft Leopold Figls die erste definitive Bundesregierung gebildet, die zwar von allen drei Parteien beschickt, aber von ÖVP und SPÖ dominiert wurde. Trotz der immer noch kritischen Versorgungslage herrschte zu Ende des Jahres 1945 - möglicherweise im Gegensatz zum Jahr 1918 - keine Katastrophenstimmung, keine Orientierungslosigkeit. Die nächsten Ziele - Aufräumarbeiten, Wiederaufbau, Loswerden der Besatzer - schienen klar.

Gerhard Jagschitz zu 1945, Interview am 30. November 2004. Österreichische Mediathek, V-10953-55

© mit freundlicher Genehmigung: Gerhard Jagschitz

Aufräumarbeiten


Aufräumarbeiten in Wien 1945.
© Mit freundlicher Genehmigung: ÖGZ/Blaha

Regierungserklärung von Bundeskanzler Leopold Figl. 21. Dezember 1945. (nachgesprochen). Österreichische Mediathek, 9-03940


Diese Passage aus der Regierungserklärung von Leopold Figl vom 21. Dezember 1945 vor dem Parlament ist leider nicht ein Mitschnitt der originalen Rede, sondern wurde von Figl wenige Jahre vor seinem Tod nachgesprochen, vermutlich gleichzeitig mit dem Nachsprechen der "Weihnachtsrede".

Weihnachtsrede, Leopold Figl. 24. Dezember 1945. (nachgesprochen, 1965?). Österreichische Mediathek, 9-03940


Dieses Tondokument hat einen Platz im politischen Bewusstsein der Gegenwart, weil es immer wieder als Beleg für den österreichischen Aufbauwillen nach 1945 vorgeführt wird und die damalige Radiorede zu Weihnachten tatsächlich im Gedächtnis geblieben ist. Allerdings ist die ursprüngliche Radiorede nicht aufgezeichnet worden. Das immer wieder - und auch hier - verwendete Tondokument ist später von Leopold Figl nachgesprochen worden, vermutlich kurz vor seinem Tod. Von diesem Dokument ist übrigens noch eine weitere Version bekannt, in der die Worte Figls mit der Musik "Stille Nacht" unterlegt sind.

Guided tour

Kurzführung|Weihnachtsrede, Leopold Figl. 24. Dezember 1945. (nachgesprochen). Österreichische Mediathek, 9-03940 Dieses vielzitierte Dokument, das nur in einer viel später nachgesprochenen Version erhalten ist, gibt dennoch sehr gut die Stimmung der Zeit wider: Es herrschte Not, doch der Wille zum Wiederaufbau und der Glaube an eine bessere Zukunft war vorhanden.

Karl Renner, Neujahrsrede für 1946. Ca. 31. Dezember 1945. (Ausschnitt). Österreichische Mediathek, E06-00090


Interessant und charakteristisch ist diese Äusserung von Bundespräsident Renner: Österreich sei erster Anstoß und letztes Opfer des Krieges gewesen. Die Betonung einer besonderen Rolle Österreichs findet sich in vielen Äusserungen, oft in der Zusammensetzung: kleines Land, aber... Renner erläutert diese besondere Rolle aber konkreter, als dies meist der Fall ist - allerdings mit Argumenten, die angezweifelt werden können. Österreich - erster Anstoß des Zweiten Weltkrieges: das ist wohl eine Überinterpretation des sogenannten "Anschlusses" Österreichs 1938; eine Station auf dem Weg in den Weltkrieg gewiss, aber nicht wirklich Ursache oder Auslöser (zum Unterschied zu der Rolle Österreichs im Ersten Weltkrieg - Renner mag bei seiner Äusserung diese Erinnerung mit einbezogen haben). Letztes Opfer: das ist selbst für Europa nicht so eindeutig, für den Weltkrieg insgesamt schon überhaupt nicht. - Noch wichtiger ist aber Renners zweite Feststellung: weitere Analyse der Rolle Österreichs erst in ruhigeren Zeiten. Dieses Aufschieben, dem nicht nur Renner, sondern seine Politikerkollegen und Zeitgenossen in hohem Maße das Wort redeten und das sie auch ausführten, ist später, vor allem ab den achtziger und neunziger Jahren, als besonderes Versäumnis der Zweiten Republik kritisiert worden: mangelnde Aufarbeitung der Vergangenheit. Es fragt sich allerdings, ob dieses Versäumen besonders am Jahr 1945 festgemacht werden sollte. Es scheint durchaus erwägenswert, Renners Aussage zum Nennwert zu nehmen: Analyse später. Vielleicht liegt das Versäumnis eher hier - dass nicht wenige Jahre darauf und ernsthaft dieses Kapitel angegangen wurde, also nicht 1945, sondern z. B. 1948 oder allerspätestens 1955, als der Staatsvertrag Anlass dazu hätte sein können.

Ansprache über 1945, Karl Renner. Dezember 1945. (Ausschnitt). Österreichische Mediathek, 4-02944


Hier stellt Bundespräsident Renner in prägnanter Kürze einen Standpunkt dar, der für die österreichische Nachkriegspolitik sehr charakteristisch ist: Österreich bestand bei Kriegsausbruch nicht, die Moskauer Deklaration macht einen Unterschied zwischen Österreich und Deutschland; Österreich ist ein befreites Land. Dass dies vor allem als wirksames Argument verwendet wurde, um auf ein Ende der vierfachen Besetzung zu dringen, liegt auf der Hand. Problematisch daran ist, dass hier quasi nur ein Teil der Geschichte berücksichtigt wird. Der sogenannte "Anschluss" Österreichs ans nationalsozialistische Deutsche Reich zum Beispiel ist ja nicht gewissermaßen vom Himmel gefallen, sondern Österreicher in hoher Zahl haben sich daran - und an vielem mehr - aktiv beteiligt . Darauf wird ja auch in der Moskauer Deklaration Bezug genommen, - ein Passus dieses Dokuments allerdings, der in österreichischen Politikerreden dieser Zeit kaum vorkommt.