In der Reihe The Archivist’s Choice erzählen Mitarbeiter:innen der Österreichischen Mediathek monatlich von ihren ganz persönlichen Archiv-Highlights, Aha-Momenten und Lieblingsaufnahmen, die ihnen bei ihrer Arbeit in einem der größten Medienarchive Österreichs begegnen.
Medienarchivar:innen evaluieren, sortieren, schlichten, digitalisieren, katalogisieren, beschreiben, speichern, präsentieren, skartieren – und haben dabei mit überraschenden, einzigarten, besonderen oder auch ganz alltäglichen Aufnahmen zu tun. The Archivist's Choice versammelt einige davon und präsentiert jeden Monat einen neuen und persönlichen Einblick in die Sammlungen der Österreichischen Mediathek.
Am Zenit seines Schaffens gab Billy Wilder seinem langjährigen Freund aus Wiener Tagen, dem Journalisten Friedrich Porges, ein kurzes Interview. Es wirft ein Licht auf Karriere und Arbeitsweise des großen Filmemachers, blickt aber auch zurück auf eine gemeinsame Zeit vor der Emigration in die USA.
Im Fernsehen lief spätabends ein Film von Billy Wilder: The Apartment (1960) spiegelte nicht notwendigerweise die eigenen vier Wände wider, der Audioarchivar Stefan Kaltseis erinnerte sich allerdings daran, vor nicht allzu langer Zeit ein auf Tonband aufgezeichnetes Gespräch mit dem Regisseur digitalisiert zu haben.
„Hier spricht Friedrich Porges aus Hollywood!“ Mit diesen Worten eröffnete der renommierte Filmkritiker stets seine kurzen Beiträge, die er über die USIA (United States Information Agency), einer für Öffentlichkeitsarbeit zuständigen und direkt der US-Regierung unterstellten Behörde, in regelmäßigen Abständen nach Österreich sandte.
Friedrich Porges spielte eine wichtige Rolle als kultureller Vermittler zwischen Europa und der amerikanischen Filmwelt. Nach seiner Flucht aus Wien 1938 setzte er seine Arbeit als Journalist zunächst in Großbritannien, danach in den USA fort.
In einem Interview, das er im April 1960 mit dem ebenfalls in Wien aufgewachsenen und vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten nach Amerika emigrierten Filmemacher und Drehbuchautor Billy Wilder führte, sprechen die beiden auf joviale Weise über Filmprojekte und Sneak Previews, die für die österreichische Zuhörerschaft in ihrer Funktion genau erklärt werden.
Sie erinnern sich aber auch an ihre gemeinsame Zeit bei der Wiener Tageszeitung Die Stunde im Wien der 20er Jahre und sprechen über Aufenthalte Wilders in Europa. Dieser erzählt, jährlich nach Österreich zurückzukehren, um, wie er sagt, in Bad Gastein seinen Sommerurlaub zu verbringen („Da nehm ich meine Bäder.“).
In den Jahren zuvor hatte Wilder mit Werken wie Sunset Boulevard oder Some Like It Hot Filmgeschichte geschrieben und verkörperte dadurch das Beste der goldenen Ära Hollywoods – mit Eleganz, mit Humor, aber auch der Fähigkeit, gesellschaftliche Themen in unterhaltsame Geschichten zu verpacken. Dabei, so Wilder, versteht er sich durchwegs als Filmemacher unterschiedlichster Genres, der nicht einer einzelnen Filmgattung zuzuordnen ist, oder, wie er es ausdrückt: „Ich spring so herum wie das Rössl auf dem Schachbrett“. Er gibt sich bescheiden, sei auch nur deshalb selbst zum Regisseur avanciert, da viele andere seine Drehbücher „vermurkst“ hätten. Man kann das auch Koketterie nennen.
Im Interview schwingt viel unsentimentale Nostalgie mit. Hier treffen sich zwei alte Bekannte, Freunde aus längst vergangenen Tagen: Der Filmkritiker als bewundernder Connaisseur und der am Höhepunkt seines kreativen Schaffens stehende, dabei stets bodenständig gebliebene Filmregisseur. Und beide nehmen die vor ihren Radios sitzenden österreichischen Hörer*innen mit auf eine kleine Reise ins Herz der „Traumfabrik Hollywood“.