The Archivist's Choice 2026

Monatliche Highlights der Mitarbeiter:innen­

 

In der Reihe The Archivist’s Choice erzählen Mitarbeiter:innen der Österreichischen Mediathek monatlich von ihren ganz persönlichen Archiv-Highlights, Aha-Momenten und Lieblingsaufnahmen, die ihnen bei ihrer Arbeit in einem der größten Medienarchive Österreichs begegnen.

Medienarchivar:innen evaluieren, sortieren, schlichten, digitalisieren, katalogisieren, beschreiben, speichern, präsentieren, skartieren – und haben dabei mit überraschenden, einzigarten, besonderen oder auch ganz alltäglichen Aufnahmen zu tun. The Archivist's Choice versammelt einige davon und präsentiert jeden Monat einen neuen und persönlichen Einblick in die Sammlungen der Österreichischen Mediathek.


Ein bisschen Theorie – aber hörbar!

März 2026

Das „Mehr-an-Information“

Was ist das Neue an den AV-Medien, das, was andere, ältere Medien wie zum Beispiel Schrift und Buchdruck, nicht können? – Schwer zu beschreiben, aber eigentlich leicht zu zeigen. Sagen wir provisorisch: Das Neue, Einzigartige, ist das, was über das Schriftliche hinausgeht – und hören wir uns Beispiele für dieses „Mehr-an-Information“ an.

Rainer Hubert, ehemalige Leiter der Mediathek, versucht, den besonderen Quellenwert audiovisueller Dokumente anhand von Beispielen hörbar zu machen.

Ein Gedicht – sein Text und die stimmliche Interpretation des Textes

Diesen Text lesen ist offenkundig etwas anderes, als jemanden - einen Schauspieler zum Beispiel - diesen Text sprechen zu hören. Eine Tonaufnahme davon enthält daher mehr als bloß den Text des Gedichtes; sie beinhaltet auch die stimmliche Interpretation, die Stimme des Sprechenden. Dies ist ein „Mehr-an-Information“, das nur die AV-Medien aufzeichnen können.

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Schlaflied für Mirjam

Alexander Moissi, 1912

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Sigmund Freud spricht

Tonaufnahmen von 1939

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Sigmund Freud und die Individualität, die sich in der Sprache ausdrückt

Die einzige Tonaufnahmen von Freud ist kostbar, aber nicht so sehr wegen dem, was er sagt, sondern wie er es tut: ein Mensch in seiner Individualität.

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Interne Anweisungen eines "Rassewarts"

Tonaufnahmen von 1940

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Wie brutal Sprache sein kann …

Die menschenverachtende Sprache des Nationalsozialismus in der Rede eines „Rassewartes“ in Linz im Jahr 1940: brutale Worte in brutaler Weise gesprochen …

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Aufziehen der Burgwache in Wien

Tonaufnahmen von 1910 im Inneren Hof der Hofburg

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Ein Klangspektakel – Wachablöse in der Hofburg 1910

Hier ein andere Aspekt der AV-Medien: gespielte Musik und Geräusche.

Was sind audiovisuelle Medien?

Jede/r kennt sie, jede/r benützt sie: AV-Medien - das sind doch die, bei denen man ein Gerät braucht, um sie abzuspielen oder ein Handy zum Streamen. Filme, Musik und so.
Eine alltagstaugliche Beschreibung vielleicht, hilft aber nicht, sie zu verstehen. Das ist zu menschenbezogen, zu sehr von der Benützung her gedacht. Das ist so, wie wenn man die Tierwelt bloß in essbare und nicht-essbare Tiere einteilen würde. Eine solche Betrachtungsweise bringt uns zu keinem Verständnis der Sache selbst, seien es nun Tiere oder AV-Medien.
Was also ist der Wesenskern der AV-Medien? - Geräte, gewiss! Aber entscheidend ist nicht die Wiedergabe durch Geräte, entscheidend ist, dass zu ihrer Entstehung eine Apparatur vonnöten ist. AV-Medien sind Geräte-geboren.
Was machen diese Geräte? – Sie bilden etwas ab: AV-Medien sind apparativ hergestellte Abbildungen von akustischen und/oder optischen Sachverhalten.
 

Definition: AV-Medien

AV-Medien sind apparativ hergestellte Analoga (Abbildungen) von akustischen und/oder optischen Sachverhalten und Abläufen, die übertragen und/oder aufgezeichnet werden.

Das „Mehr-an-Information“ wäre noch offensichtlicher, wenn auch Film, Video, Fotografie herangezogen würde. 


Obs edler im Gemüt...

Februar 2026

Die Onlineausstellung „Tonkonserven“ zeigt Tondokumente aus der Anfangszeit der Tonaufzeichnung und beleuchtet Aspekte wie Technik, Konsum, Emotion und Utopie. Im Kapitel „Literatur“ sind vier historische Aufnahmen des berühmten „Sein oder Nichtsein“-Monologs aus Hamlet von 1902, 1908, 1912 und 1917 zu hören, gesprochen von drei verschiedenen, damals schon international sehr bekannten und durchaus berühmten Schauspielern.

Peter Ploteny vertieft sich unter anderem in die rechtlichen Möglichkeiten der Verwendung von audiovisuellen Medien, hört und sieht gerne historische Tondokumente und Videodokumente.

Adolf von Sonnenthal (1832-1909), der älteste dieser drei Schauspieler, sprach die vorhandene Aufnahme 1908, ein Jahr vor seinem Ableben, auf Platte. Josef Kainz (1858-1910) nahm den Monolog im Jahr 1902 auf und Alexander Moissi (1879-1935) 1912, ein weiteres Mal 1917.
Diesen Aufnahmen gemeinsam ist, dass sie mit rein akustischer bzw. mechanischer Aufnahmetechnik aufgenommen wurden. Das heißt, die Schauspieler dieser vier Aufnahmen sprachen (wie zu dieser Zeit auch Sänger:innen und Instrumentalmusiker:innen, Orchester sangen oder spielten) in einen Trichter, und über eine an einer Membran befestigten Nadel wurden die Schwingungen auf Platte graviert. Erst ab 1925 wurden mit Hilfe der Erfindung des Mikrophons und elektrischer Verstärker die Tonaufnahmen drastisch verbessert.

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Monolog des Hamlet

Alexander Moissi, 1912

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Monolog aus Hamlet

Alexander Moissi, 1917

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Alexander Moissi ©
Alexander Moissi
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Monolog des Hamlet

Adolf von Sonnenthal, 1908

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Adolf von Sonnenthal ©
Adolf von Sonnenthal

Sonnenthal, Kainz, Moissi und viele andere Schauspieler:innen, Sänger:innen, Musiker:innen waren zu dieser Zeit Stars und Berühmtheiten und unternahmen Tourneen mit Auftritten bis nach Russland oder in die USA.
Als Hörerlebnis und auditives Vergnügen beeindrucken die unterschiedlichen, individuellen Interpretationen dieses berühmten Monologs, auch zB bei Alexander Moissi selbst, einmal 1912 und fünf Jahre später. Diese auch zeitgebundene Mode- und Stilentwicklung lässt sich seit Beginn der Schallaufzeichnung durch das ganze weitere 20. und 21. Jahrhundert bis heute erleben und beobachten.

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Monolog aus Hamlet

Josef Kainz, 1902

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Josef Kainz ©
Josef Kainz

Das Rössl auf dem Schachbrett – Ein Interview mit Billy Wilder in Hollywood

Jänner 2026

Am Zenit seines Schaffens gab Billy Wilder seinem langjährigen Freund aus Wiener Tagen, dem Journalisten Friedrich Porges, ein kurzes Interview. Es wirft ein Licht auf Karriere und Arbeitsweise des großen Filmemachers, blickt aber auch zurück auf eine gemeinsame Zeit vor der Emigration in die USA.

Im Fernsehen lief spätabends ein Film von Billy Wilder: The Apartment (1960) spiegelte nicht notwendigerweise die eigenen vier Wände wider, der Audioarchivar Stefan Kaltseis erinnerte sich allerdings daran, vor nicht allzu langer Zeit ein auf Tonband aufgezeichnetes Gespräch mit dem Regisseur digitalisiert zu haben.

„Hier spricht Friedrich Porges aus Hollywood!“ Mit diesen Worten eröffnete der renommierte Filmkritiker stets seine kurzen Beiträge, die er über die USIA (United States Information Agency), einer für Öffentlichkeitsarbeit zuständigen und direkt der US-Regierung unterstellten Behörde, in regelmäßigen Abständen nach Österreich sandte.
Friedrich Porges spielte eine wichtige Rolle als kultureller Vermittler zwischen Europa und der amerikanischen Filmwelt. Nach seiner Flucht aus Wien 1938 setzte er seine Arbeit als Journalist zunächst in Großbritannien, danach in den USA fort.

In einem Interview, das er im April 1960 mit dem ebenfalls in Wien aufgewachsenen und vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten nach Amerika emigrierten Filmemacher und Drehbuchautor Billy Wilder führte, sprechen die beiden auf joviale Weise über Filmprojekte und Sneak Previews, die für die österreichische Zuhörerschaft in ihrer Funktion genau erklärt werden.
Sie erinnern sich aber auch an ihre gemeinsame Zeit bei der Wiener Tageszeitung Die Stunde im Wien der 20er Jahre und sprechen über Aufenthalte Wilders in Europa. Dieser erzählt, jährlich nach Österreich zurückzukehren, um, wie er sagt, in Bad Gastein seinen Sommerurlaub zu verbringen („Da nehm ich meine Bäder.“).
 

Billy Wilder neben der Schauspielerin Marylin Monroe, Schwarzweiß-Aufnahme ©
Billy Wilder mit Marylin Monroe am Set der Dreharbeiten zu Some Like It Hot, 1959
00:05:52 audio
Interview mit Billy Wilder in Hollywood
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In den Jahren zuvor hatte Wilder mit Werken wie Sunset Boulevard oder Some Like It Hot Filmgeschichte geschrieben und verkörperte dadurch das Beste der goldenen Ära Hollywoods – mit Eleganz, mit Humor, aber auch der Fähigkeit, gesellschaftliche Themen in unterhaltsame Geschichten zu verpacken. Dabei, so Wilder, versteht er sich durchwegs als Filmemacher unterschiedlichster Genres, der nicht einer einzelnen Filmgattung zuzuordnen ist, oder, wie er es ausdrückt: „Ich spring so herum wie das Rössl auf dem Schachbrett“. Er gibt sich bescheiden, sei auch nur deshalb selbst zum Regisseur avanciert, da viele andere seine Drehbücher „vermurkst“ hätten. Man kann das auch Koketterie nennen.

Im Interview schwingt viel unsentimentale Nostalgie mit. Hier treffen sich zwei alte Bekannte, Freunde aus längst vergangenen Tagen: Der Filmkritiker als bewundernder Connaisseur und der am Höhepunkt seines kreativen Schaffens stehende, dabei stets bodenständig gebliebene Filmregisseur. Und beide nehmen die vor ihren Radios sitzenden österreichischen Hörer*innen mit auf eine kleine Reise ins Herz der „Traumfabrik Hollywood“.