Vielsprachiges Gedächtnis der Migration

In dieser Oral-History-Sammlung führen Schüler:innen und Studierende generationenübergreifend biografische Interviews mit Migrant:innen – als Beitrag zu einem nationalen „Archiv der Migration“, das in Österreich bislang nicht besteht.
Text und Konzept: Georg Traska

Agency – "Handlungsmacht"

In welchem Maß besitzt ein Mensch die Fähigkeit und Macht, in einem gesellschaftlichen Rahmen selbstbestimmt zu handeln? Und wie beschreibt eine Person diese Handlungsfähigkeit in der eigenen Lebensgeschichte? Wird „Agency“ tatsächlich in den erzählten Ereignissen verortet? Oder besteht sie vor allem in der Interpretation der eigenen Geschichte – also in jener Sinnstiftung, die immer Teil des Erzählens ist?
Die Lebensgeschichte von Michael Hoffman ist ein gutes Beispiel für den Übergang von der gelebten zur narrativen Ebene von Agency. Dass ihm ein höherer Bildungsabschluss gelang, obwohl er durch eine rassistische Deklassierung in eine Mittelschule gedrängt wurde (die Volksschullehrerin meinte gegenüber seiner Mutter, dass er lieber in die Mittelschule gehen solle, weil er dort unter „seinesgleichen“ sei), ist ein bedeutende Selbstermächtigung auf der gelebten Ebene. Wenn er nun – in Konsequenz seines Bildungserfolgs – für sich selbst und für seine Schüler:innen (abermals in einer Mittelschule) eine Identität als „Wiener:innen“ und „Europäer“ konstruiert, ist das ein Beispiel von Handlungsmacht durch Interpretation bzw. biografische Sinnstiftung in einem konkreten gesellschaftlichen Rahmen, in dem unter anderem die Europäische Union einen wichtigen Bezugspunkt bildet.
Die Einschätzung der eigenen gelebten Agency und die erzählerische Performance von Agency können aber auch in Gegensatz zueinander treten. So geschieht das beispielsweise in der Erzählung von Aynur, wenn diese von kultureller (Selbst-)Entfremdung erzählt, dies aber narrativ besonders eindrucksvoll inszeniert – mit einem effektvollen Sprachwechsel vom Deutschen ins Türkische an genau der Stelle, wo es um sprachliche Kenntnisse und Sprachverlust als Teil von Identität geht.

“Ich war immer anders”
Aynur spannt einen Bogen von ihrem Aufwachsen in einer steirischen Kleinstadt als Kind einer „Gastarbeiterfamilie“ – geprägt von Fremdheit, rassistischer Abwertung und dem Gefühl, „immer anders“ zu sein – über die verhinderte Berufswahl, Heirat und die Geburt ihrer Kinder bis in die Gegenwart. Hier macht sie das Entfremdungsgefühl an ihrem „Spiegelbild“ fest und begründet es mit dem Verlust der kulturellen und sprachlichen Wurzeln aufgrund von Anpassung.

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Oral-History-Interview mit Aynur

Ausschnitt. Pseudonym - Video ohne Bild

Am anderen Ende des sozialen Spektrums zeigt sich Handlungsmacht im sozialen Habitus privilegierter Migrant:innen.

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Oral-History-Interview mit Ingolf Braun

Ausschnitt

“Wir haben eine Firmenkultur und die überschreibt die lokale Kultur.”
Die Lehramtsstudentin Astrid Plankensteiner interviewt Ingolf Braun, der als Geschäftsführer eines internationalen Konzerns viele Jahre in Manila, Shanghai und Moskau verbrachte. Einige der Fragen, die sie ihm stellte, entstammten dem allgemeinen Fragebogen, den die Studierenden gemeinsam für migrationsbiografische Interviews vorbereitet hatten. Doch seine Antworten machen deutlich, wie sehr sich sein Leben nach völlig anderen Regeln abspielte als das vieler anderer Migrant:innen. Er und die Familie lebte in einer Community von Expats, die sowohl die privaten Beziehungen als auch das Leben der Kinder in internationalen Schulen bestimmte. Die Frage, ob er Diskriminierung erlebt habe, überrascht ihn sichtlich, denn wo man der Boss ist, erlebe man keine Diskriminierung. Die Frage nach Schwierigkeiten mit Behörden in den Ländern, in denen er gelebt hat, ist insofern ebenso irrelevant, als es für diese Behördengänge eigene „Agencies“ gebe, die für ihn stundenlang anstanden, bis er mit dem Firmenauto vorfuhr und eine Unterschrift auf das vorbereitete Dokument setzte.
„Wir haben eine Firmenkultur und die überschreibt die lokale Kultur,“ so lautet der zentrale Satz des Interviewausschnitts, mit dem Ingolf Braun darauf antwortet, ob er jemals so etwas wie einen Kulturschock an einer seiner vielen Stationen erlebt habe. Und er stellt an einigen Beispielen dar, wo die Grenze liege zwischen jenem, was man als Firmenchef in einer bestimmten kulturellen Umgebung akzeptieren müsse, und dem, was sich der Firmenkultur unterordnen müsse.