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Oral-History-Interview mit Ingolf Braun - Ausschnitt

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Katalogzettel

Titel Oral-History-Interview mit Ingolf Braun - Ausschnitt
Titelzusatz Ausschnitt
Spieldauer 00:02:54
Mitwirkende Braun, Ingolf [Interviewte/r]
Plankensteiner, Astrid [Interviewer/in]
Traska, Georg [Tontechniker/in] [GND ]
Traska, Georg [Kamera] [GND ]
Österreichische Akademie der Wissenschaften [Veranstalter]
Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung [Fördergeber]
Datum 2024.12.05 [Aufnahmedatum]
Ort Klosterneuburg [Aufnahmeort]
Schlagworte Gesellschaft ; Kultur ; Migration ; Interview ; Geschichtswissenschaft ; Bildung und Schulwesen ; Familie ; Unveröffentlichte Aufnahme
Örtliche Einordnung Österreich
21. Jahrhundert - 20er Jahre
Typ video
Format DFFFV1 [FFV1-Codec im AVI-Container]
DFFLV [Dateiformat: FLV]
Sprache Deutsch
Signatur Österreichische Mediathek, e50-01001_b01_k02, e50-01001_b01
Medienart avi-Videodatei

Information

Inhalt

Ein Interview wie jenes mit Ingolf Braun, der durch seine Position als Geschäftsführer des Hygienepapierherstellers Essity, vormals SCA, für Jahrzehnte in unterschiedlichen Ländern lebte und arbeitete, wird womöglich nicht in einer Sammlung migrationsbiografischer Interviews erwartet. Einer der zentralen konzeptuellen Eckpfeiler des Projekts „Vielsprachiges Gedächtnis der Migration“ war jedoch, von einem möglichst breiten Begriff der Migration auszugehen, und in diesen passt auch die Biografie Ingolf Brauns. „Migration“ bedeutet in dem Projekt jede langfristige großräumliche Verlagerung des Lebensmittelpunkts, die in individueller Perspektive eine umfassende kontextuelle Veränderung mit sich bringt. Das inkludiert auch Migration im deutschsprachigen Raum – und könnte auch österreichische Binnenmigration einschließen, wenn diese als solche adressierbar ist. Außerdem ist das Selbstverständnis, „Migrant*in“ zu sein, gewesen zu sein, oder wenigstens sich auf diese Titulierung für eine biografische Erzählung einzulassen, in einem Projekt qualitativer Interviews eine entscheidende Voraussetzung.
Ingolf Braun (geboren 1959 in Mannheim) trat nach dem Studium der Betriebswirtschaft und der Dissertation 1991 als Assistent der Geschäftsführung in die Papierwerke Waldhof-Aschaffenburg ein, für die er gemeinsam mit seinem Universitätsprofessor eine Markenstrategie entwickelt hatten. Als die Firma von der schwedischen SCA gekauft wurde, öffnete sich für Ingolf Braun ein internationales Betätigungsfeld. Seine Arbeit führte ihn und seine Familie für zwei Jahre nach Manila, drei Jahre nach Shanghai und nach einer Zeit in Wien für vier Jahre nach Moskau. An diesen Orten lebte die Familie in einer Community von Expats, die die privaten Beziehungen, aber auch das Leben der Kinder in internationalen Schulen dominierte. Die Frage, ob er so etwas wie einen Kulturschock auf einer seiner vielen Stationen erlebt habe, verneinte Ingolf Braun. Manches war einfach zu akzeptieren, vor allem aber vertrat er eine Firmenkultur, und diese Firmenkultur habe die lokale Kultur „überschrieben“. Seine Beziehung zu den jeweiligen Umgebungen definiert er also einerseits funktional im Sinn der Firma und andererseits nahm er daran Teil wie ein flanierender Tourist (mit zunehmendem Gewöhnungseffekt).
Wird Ingolf Braun im Interview nach Schwierigkeiten gefragt, die im Leben vieler Migrant*innen eine große, mitunter lebensbestimmende Bedeutung haben, manifestiert sich besonders deutlich, wie sehr die kleine Expat-Community nach vollkommen anderen Regeln als andere Migrant*innen lebt. Geht es etwa um eine Visa-Verlängerung in Russland, bedient man sich einer „Agency“. Diese schickt um 3 Uhr nachts Mitarbeiter, die typischerweise aus einer der chauvinistisch deklassierten Minderheiten Russlands (aus östlichen Nachbarländern wie Kasachstan oder Usbekistan) stammen, zu dem Amt. Wenn dann der jeweilige Expat an der Reihe ist, fährt er nach einem Anruf mit der Limousine vor, tritt ein, bekommt den Stempel und geht.
Eine typische Schwierigkeit von Expats ist vielmehr die umgekehrte: nämlich jene, den „goldenen Käfig“ leiblicher Behütung und gesellschaftlicher Absonderung wenigstens gelegentlich verlassen zu können. Ingolf Braun exemplifiziert das mit der Anstrengung, einen gültigen Führerschein für das jeweilige Land zu haben und damit nicht immer auf die Fahrer angewiesen zu sein, die nicht nur selbstverständliches Angebot, sondern von manchen Firmen sogar vorgeschrieben werden, um die wertvollen Mitarbeiter*innen von den Gefahren des lokalen Verkehrs möglichst abzuschirmen.
Das Interview führte Astrid Plankensteiner für das Projekt „Vielsprachiges Gedächtnis der Migration“ (Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, unter der Leitung von Georg Traska, gefördert im Programm „Sparkling Science 2.0“ und finanziert vom BMFWF), im Rahmen der Lehrveranstaltung „Gestaltung inklusiver Bildungsprozesse: Pädagogischer Umgang mit migrationsbedingter Vielfalt“ der Universität Wien (Zentrum für Lehrer*innenbildung, Wintersemester 2024/25).

… Die Studierenden entwickelten gemeinsam eine allgemeine Fragenliste, die als Hintergrund im Anschluss … gemeinsam vorbereitete Frage … dieselben Fragen für Arbeits- oder Bildungsmigrant*innen, Geflüchtete, ob aus West-, Südosteuropa oder anderen Kontinenten … Differenzierung der Fragen … Bedeutung, dass Ingolf Braun dieselben Fragen wie anderen Migrant*innen gestellt wurden, etwa nach Diskrimierungserfahrungen oder Schwierigkeiten bei Behördengängen würde man sich nur auf ein Interview mit einem Expat vorbereiten, würde man diese Fragen möglicherweise gar nicht stellen. Erst deren Beantwortung stellt aber so augenfällig die radikale sozioökonomische Ungleichheit unter Migrat*innen heraus. „Das ist keine faire Welt“, sagt Ingolf Braun.
Ausschnitt

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Lebensgeschichtliches Interview

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