- Tonaufzeichnung vor und bis Edison
- Der Phonograph: Musik auf Tonzylindern
- Der Phonograph: Briefe und Diktate
- Das Grammophon: Unterhaltung als Massenprodukt
- Das Nachleben früher Tonaufnahmen
Frühe Schellackplatten waren noch nicht standardisiert und hatten unterschiedliche Drehgeschwindigkeiten und Formate
Text und Tonauswahl: Benedetta Zucconi
In den ersten Jahrzehnten der Tonaufzeichnung war die Drehgeschwindigkeit – sowohl beim Aufnehmen als auch beim Abspielen – alles andere als standardisiert. Zwar liefen die Grammophonplatten im Durchschnitt mit etwa 70 Umdrehungen pro Minute, doch konnten die tatsächlichen Werte von Aufnahme zu Aufnahme deutlich abweichen. Mit der Verbreitung von Federwerk-Antrieben und später der ersten elektrisch betriebenen Geräte versuchte man, diese Schwankungen einzudämmen und verlässlichere Geschwindigkeiten zu erreichen.
Kurz nach 1900 spielte ein Großteil der im häuslichen Gebrauch verwendeten Geräte die Platten in einem Bereich von etwa 78 bis 82 Umdrehungen pro Minute ab. In der Praxis zeigten sich jedoch weit größere Abweichungen: Viele der allerersten Aufnahmen am Anfang des 20. Jahrhunderts wurden mit etwa 68–70 Umdrehungen pro Minute eingraviert, und nicht wenige akustische Platten klingen erst bei deutlich über 80 Umdrehungen „richtig“. In einigen Fällen wiesen die zwei Seiten einer einzigen Schellackplatte sogar Aufnahmen verschiedener Interpreten oder Gattungen auf, die jeweils mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten abzuspielen waren.
Die Vereinheitlichung auf 78 Umdrehungen pro Minute setzte vergleichsweise spät ein. Erst Mitte der 1920er-Jahre lässt sich von einem verbindlichen Standard sprechen, als elektrisch betriebene Motoren – deren Funktionsweise an die Frequenz des Wechselstromnetzes gekoppelt war – eine konventionelle Drehzahl von 78,26 Umdrehungen pro Minute ermöglichten. Dieser Wert ergab sich aus einem einfachen Übersetzungsverhältnis der in Nordamerika üblichen Netzfrequenz von 60 Hz. Dennoch zeigen auch in der elektrischen Ära hergestellte Platten verschiedener Labels weiterhin bemerkenswerte Geschwindigkeitsabweichungen.
Die Schwierigkeit, die Abspielgeschwindigkeit zuverlässig zu kontrollieren, führte zu deutlichen akustischen Problemen: Wurde eine Aufnahme zu schnell wiedergegeben, verschob sich die Tonhöhe nach oben, wodurch Stimmen übermäßig hell und scharf klangen; lief sie hingegen zu langsam, wirkte das Klangbild schwerfällig und gedämpft. Die frühen Aufnahmen Enrico Carusos wurden beispielsweise mit deutlich geringerer Geschwindigkeit eingraviert als der später etablierte Standard. Spielt man sie heute mit 78 Umdrehungen pro Minute ab, erscheint der Stimmklang verfälscht.
aus: I Pagliacci / Der Bajazzo. Enrico Caruso. Abgespielt mit 78 Umdrehungen / Minute, aufgenommen mit langsamerer Drehgeschwindigkeit
aus: Die Meistersinger von Nürnberg. Leo Slezak. Abgespielt mit 78 Umdrehungen / Minute
Um solchen Unsicherheiten entgegenzuwirken, vermerkten einige Kataloge die jeweils richtige Drehzahl direkt auf dem Etikett der Platte. Grammophone waren zudem mit einem Geschwindigkeitsregler ausgestattet, der eine Anpassung der Rotation ermöglichte; mitunter wurden auf den Etiketten auch die Tonarten der Stücke angegeben, sodass Hörerinnen und Hörer – die häufig ein Klavier im Haushalt besaßen – die Abspielgeschwindigkeit durch Vergleich der Tonhöhe kontrollieren konnten. Manche Labels, darunter die Gramophone & Typewriter Company und Fonotipia, experimentierten sogar mit kurzen „Stimm¬bändern“ zu Beginn der Aufnahme, die das korrekte Einstellen der Geschwindigkeit erleichtern sollten. Solche Verfahren blieben jedoch Ausnahmen und setzten sich nie als allgemeiner Standard durch.
Fritz Rotter
Ein besonders komplexer Sonderfall stellt die Produktion der Pathé Frères dar. Während bei herkömmlichen Grammophon-Schallplatten in der Regel die Seitenschrift durch die horizontale Auslenkung der Rille verwendet wurde, arbeiteten die Pathé-Platten – ähnlich wie die frühen Phonographen-Aufnahmen und später die Edison Diamond Discs – mit einem vertikalen Aufzeichnungsverfahren. Darüber hinaus nahm Pathé zunächst auf Master-Zylindern auf, die anschließend je nach Bedarf und Zielmarkt entweder auf Wachszylinder oder auf Schallplatte übertragen wurden. Dieser Transfer erfolgte mittels eines pantographischen Kopierverfahrens, sodass die endgültige Wiedergabegeschwindigkeit das Ergebnis zweier voneinander unabhängiger und schwankungsanfälliger Mechanismen war. Die ersten Schellackplatten, die aus diesen Master-Zylindern hervorgingen, mussten mit etwa 90 Umdrehungen pro Minute abgespielt werden; später setzte sich eine Drehzahl durch, die näher an 80 Umdrehungen pro Minute lag. Die Situation wurde zusätzlich dadurch erschwert, dass Pathé eine große Vielfalt an Formaten produzierte – mit Durchmessern zwischen 20 und 50 Zentimetern (ungefähr 7 bis 20 Zoll). Diese Vielfalt bedeutete, dass selbst verschiedene Ausgaben desselben Stückes auf unterschiedlich großen Platten abweichende Abspielgeschwindigkeiten erfordern konnten.
Chansons de la Marine a Voile.
Pathé-Aufnahme: vertikale Aufzeichnung und schnellere Drehgeschwindigkeit
aus: Tannhäuser von Richard Wagner
Pathé-Aufnahme: vertikale Aufzeichnung und schnellere Drehgeschwindigkeit