- Tonaufzeichnung vor und bis Edison
- Der Phonograph: Musik auf Tonzylindern
- Der Phonograph: Briefe und Diktate
- Das Grammophon: Unterhaltung als Massenprodukt
- Das Nachleben früher Tonaufnahmen
Das Dirigieren, so wie wir es heute kennen, d.h. als eigenständige Tätigkeit, entwickelte sich im Allgemeinen erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Von dem Zeitpunkt weg, als sich letztere als Berufsgattung etabliert hatte, dauerte es also gar nicht mehr allzu lange, bis mit ersten Orchesteraufnahmen experimentiert wurde. Und diese Möglichkeit zur Konservierung von Orchesterklängen seit dem späten 19. Jahrhundert prägte die weitere Entwicklung der Dirigiertätigkeit auf entscheidende Weise mit.
Fritz Trümpi
Der Dirigent ist ein vergleichsweise junger Musikberuf. Bis heute dominieren Männer das Metier, auch wenn sich in den vergangenen Jahrzehnten vermehrt auch Frauen durchzusetzen vermochten, die heute mitunter wichtige Stellungen einnehmen. Im “klassischen” Schellackbestand der Mediathek sind Dirigentinnen jedoch nicht repräsentiert, weshalb hier in der Folge stets nur von Dirigenten die Rede sein wird.
Beim Ensemblespiel existierten immer schon gewisse Leitungsfunktionen, aber lange wurden diese aus dem Ensemble heraus gestaltet. So waren es durch die Entwicklung des Basso Continuo [Abb.] zur rhythmischen Leitgruppe im 17. Jahrhundert zunächst häufig tastenspielende Musiker/-innen, die eine Leitungsfunktion einnahmen: Tasteninstrumente ermöglichten einhändiges Spielen, sodass die linke Hand die Basslinie spielen konnte, während die rechte zum Erteilen von Anweisungen verfügbar war. Nach dem Niedergang der Bedeutung des Basso Continuo im Laufe des 18. Jahrhunderts und dem damit verbundenen allmählichen Ausscheiden des Tasteninstruments aus den Instrumentalensembles ging die Leitungsfunktion zu Geige spielenden Ensemblemitgliedern über, da die zentrale Position im Ensemble sowie das Melodiespiel diese dazu prädestinierte. (Lit.: José Antonio Bowen, The rise of conducting)
Die frühen Orchesteraufnahmen lassen sich, entsprechend der allgemeinen technischen Entwicklungsstufen, in zwei Phasen einteilen: In eine vor-elektrische und eine elektrische. Die vor-elektrische war eine rein akustische Aufnahme, bei der die Musiker:innen in einen Aufnahmetrichter buchstäblich hineinspielen mussten. [Abb.] Das Orchester war dementsprechend klein: Sämtliche Musiker:innen mussten möglichst nah am Trichter spielen, damit die von ihnen produzierten Klänge auf der Aufnahme ausreichend präsent waren.
Vielfach wurden auch eigens für Aufnahmen angefertigte Instrumente verwendet. So etwa die von Johannes Stroh (1828–1914) entwickelten und nach ihm benannten Strohgeigen und- bratschen, die anstelle des üblichen Resonanzkörpers („Korpus“) über einen Metalltrichter verfügten. [Abb.] Allein schon hinsichtlich der Orchestergröße sowie der Beschaffenheit und Spielweisen der Instrumente geben Orchesteraufnahmen jener Zeit also in keiner Weise den Orchesterklang im Konzertsaal wieder. Doch trotz solch grundlegender Konzert- und Einspielungsdifferenzen, und trotz dieser einfachen und spielpraktisch wie klanglich herausfordernden Aufnahmetechnik sind bereits aus dieser Phase Einspielungen überliefert, die von der Fachwelt (mehrheitlich) als qualitativ hochwertig angesehen werden.
Noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, im Jahr 1913, spielte der aus Ungarn stammende Dirigent Arthur Nikisch mit dem Berliner Philharmonischen Orchester in Berlin Beethovens 5. Symphonie ein – eine Aufnahme, die bis heute Kultstatus genießt. Nach dem Musikwissenschaftler Robert Philip vermag diese vor-elektrische Aufnahme die sprichwörtliche Klangmächtigkeit des Orchesters zwar nicht einzufangen - aus den oben beschriebenen Gründen war das Orchester für die Aufnahme ja notgedrungen klein besetzt - trotzdem kann sie als Dokument für die damalige Spielweise des Orchesters unter Nikisch gelten, etwa was die ungewohnt stark fluktuierende Tempogestaltung betrifft.
Arthur Nikisch dirigiert, Aufnahme 1913
Arthur Nikisch (1855–1922) gehört zu den Pionieren von Orchesteraufnahmen. Der in Ungarn geborene und in Wien am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde (heute: mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) ausgebildete Musiker wirkte zunächst für einige Jahre als Geiger im Wiener Hofopernorchester. 1878 gelangte er als Kapellmeister nach Leipzig ans Stadttheater und machte in der Folge eine internationale Karriere als Dirigent. Zeitgenössischen Berichten zufolge schaffte er es wie kaum ein anderer, dem Orchester einen Klangreichtum in all seinen “Farben” zu entlocken.
Er pflegte einen intuitiven Zugang zum musikalischen Text und soll mit ruhigen Bewegungen und sparsamen Gesten dirigiert haben. Ab 1889 war er Dirigent des Boston Symphony Orchestra, 1893 wurde er Operndirektor in Budapest und leitete ab 1895 das Gewandhausorchester in Leipzig und wurde dort 10 Jahre später zum Operndirektor ernannt. Zudem dirigierte er zeitweise die Philharmonischen Konzerte in Hamburg und in St. Petersburg und war ein sehr gefragter Gastdirigent, unter anderem beim Berliner Philharmonischen Orchester.
(Lit.: Harten/Fastl: Art. Arthur Nikisch, OeML; Brück, Art. Arthur Nikisch, NDB)
Nur wenige Jahre später, 1917, inmitten des Ersten Weltkriegs, spielte der deutsche Dirigent Karl Muck in Camden/New Jersey mit dem Boston Symphony Orchestra eine weitere bis heute rezipierte Referenzaufnahme ein, und zwar mit dem Vorspiel zum 3. Akt von Richard Wagners Oper Lohengrin. Die Mediathek verfügt über einige Wagner-Aufnahmen mit Muck.
Wie Nikisch gehört auch Karl Muck (1859–1940) zu jenen Dirigenten, die sich früh an Schallaufzeichnungen von Orchestern beteiligten. Am Leipziger Konservatorium zum Pianisten ausgebildet, wirkte er neben Engagements in Zürich, Brünn und Salzburg auch in Graz (wo er unter anderem 1886 die österreichische Erstaufführung von Bruckners 7. Symphonie dirigierte) und von 1886 bis 1892 in Prag, von wo er für 10 Jahre als erster Dirigent an die Hofoper unter den Linden in Berlin wechselte.
Nach 1900 war Muck auch einige Jahre Gastdirigent bei den Wiener Philharmonikern und wirkte anschließen lange Zeit in Boston, bevor er von 1922 bis 1933 nach Hamburg gelangte und zudem in allen europäischen Hauptstädten Dirigate übernahm. Von Wagner spielte Muck außer der erwähnten akustischen Aufnahme des Lohengrin-Vorspiels weitere Werke wie die Ouvertüre zu Tannhäuser und vor allem den gesamten Parsifal ein –1927 und 1928 in Berlin, mit Chor und Oper der Staatsoper. (Lit.: Harer, Ingeborg, Art. Karl Muck, OeML)
Bereits in den frühen 1920er Jahren, obwohl Einspielungen noch rein akustisch-mechanisch vorgenommen werden mussten, steigerte sich die Zahl an Schellack-Aufnahmen deutlich. Aus heutiger Sicht vermitteln die zahlreich verfügbaren Aufnahmen auch ein detailliertes Abbild des damaligen Musiklebens: Außer Gesangs- und Instrumentalsolist:innen finden sich auf den Aufnahmen auch zahlreiche Dirigenten, von denen viele inzwischen gänzlich vergessen sind. Schellack-Platten kommt dadurch eine wichtige musikhistoriographische Funktion zu: Sie sind nicht nur klingendes Konsumgut, sondern dokumentieren auch vielfältige musikgeschichtlich relevante Informationen. Mit dem Übergang der Aufnahmetechnik von der akustisch-mechanischen zur elektrischen Mikrofonaufnahme um 1925 kam es zu einem rasanten Anstieg der Orchestereinspielungen (wie auch sonstigen Aufnahmen) – und damit stieg sich aus historischer Sicht auch die Informationsdichte über musikalische Protagonist:innen und Praktiken der 1920er Jahre nochmals deutlich an.
Eine kontrovers diskutierte Angelegenheit bildet jedoch der Informationsgehalt von Schellack-Aufnahmen für eine Bewertung der musikalischen Interpretation von Dirigenten (und „ihren“ Orchestern). Tatsächlich existieren dazu gleich mehrere Problemebenen. Denn zum einen schufen Aufnahmen eigene Parameter der musikalischen Interpretation, etwa was die Tempogestaltung betraf: Ein bestimmter Teil einer Komposition sollte idealerweise auf einer Plattenseite Platz finden, was in der Umsetzung häufig zu beschleunigten Tempi führte. Aber auch spezifische Spielweisen etwa bei den Streichergruppen wie das Vibrato- oder Portamentospiel können aus aufnahmebezogenen Gründen anders ausgeführt worden sein als im Konzertsaal. Zum anderen gelten klangliche Nuancen auf Schellack-Platten vor allem aus der frühen, akustischen Phase als nur sehr schwer erfassbar.
Dennoch macht etwa der Musikhistoriker Robert Philip, ein Experte für historische Aufnahmepraxis, spätestens für die erste Phase der elektrischen Mikrofonaufnahme geltend, dass anhand von Schellackplatten die Qualität der weltbesten Orchester durchaus nachvollziehbar werde und auch Auskunft über deren „lokale“ Eigenheiten vermitteln würden. Zugleich warnt er vor allzu hohen Erwartungen an die Aussagekraft der Aufnahmen, einschließlich der elektrischen der späten 1920er Jahre: So könne etwa die Balance zwischen den verschiedenen Orchestersektionen kaum beurteilt werden, vor allem weil Fortissimos dazu neigten, überladen und verzerrt zu klingen – zu hören seien bloß jene Klänge, die das Mikrofon in bestimmten Positionen gerade erwischt, nicht jedoch das, was das Publikum im Konzertsaal gehört habe.
Noch einen Schritt weiter geht der streitbare Musikkritiker Dave Hurwitz auf seinem Blog „The Ultimate Classical Music Guide“: Für ihn ist die Qualität von Orchesteraufnahmen „aus der vor-LP Zeit“, d.h. Aufnahmen des Schellack-Zeitalters insgesamt zweifelhaft – sie seien zwar „historically ‚interesting‘ but musically irrelevant“. Man muss seine Auffassung nicht teilen, um sich mit seiner Polemik eine vergnügliche Viertelstunde lang zu beschäftigen.
Solchen polemischen bis kritischen Positionen zu Orchesteraufnahmen des Schellackzeitalters wäre entgegenzuhalten, dass sich von Beginn an und noch verstärkt im Laufe der 1920er Jahre ein ausgeprägter Sinn für Probleme der Aufnahmetechnik entwickelte, was zur fortlaufenden Verbesserung unbefriedigender Klangqualitäten führte. Auch viele Dirigenten selbst leisteten in diesem Prozess mitunter bemerkenswerte und wichtige technische Beiträge zur klanglichen Verbesserung von Aufnahmen. Oft sind dies jedoch gerade nicht jene Dirigenten, die bis heute Kultstatus besitzen – auch wenn von diesen vielfach namhafte Schellack-Aufnahmen existieren.
Auch wenn sie nicht alle zur aufnahmetechnischen Avantgarde ihrer Zeit gehörten, schufen die zu Lebzeiten als Stars geltenden Dirigenten seit den 1920er Jahren mitunter Meilensteine bei Orchesteraufnahmen. Sie standen den damals weltbesten Orchestern vor oder formten ihre Ensembles zu solchen – ein Umstand, der für eine Spiel- und Interpretationsqualität sorgte, die auch auf Schellackplatten hörbar gemacht wurde.
Zur Speerspitze der Stars gehörte Arturo Toscanini (1867–1957), der als erklärter Antifaschist 1929 seinen Posten als Musikdirektor der Mailänder Scala aufgab und
zunächst das New York Philharmonic und von 1937 bis 1954 das NBC Symphony Orchestra leitete. Das Rundfunkorchester war letztlich sogar für Toscanini gegründet worden, womit er sich im vorgerückten Alter an wichtiger Stelle in die Audio-Entwicklung einschrieb.
J. Brahms: Haydn-Variationen, op. 65a - 1. Teil
G. Mahler, Symphonie Nr. 5 cis-Moll - 1. Teil
Auch der etwas jüngere Kollege Bruno Walter (1876–1962) tat sich mit Aufnahmen hervor, die bis heute diskutiert werden. So jene von Gustav Mahlers 9. Symphonie, die er mit den Wiener Philharmonikern nur wenige Wochen vor dem ‚Anschluss‘, im Jänner 1938 einspielte.
Walter war 1929 Wilhelm Furtwängler als Kapellmeister des Leipziger Gewandhausorchesters nachgefolgt, musste diese Position 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft jedoch aufgeben und floh nach Österreich, wo er als Konzert- und Operndirigent wirkte und regelmäßig mit den Wiener Philharmonikern auftrat. Nach dem ‚Anschluss‘ emigrierte er über die Schweiz in die USA und wurde dort Dirigent des Los Angeles Philharmonic Orchestra.
Eine gänzlich andere Dirigentenbiographie weist Wilhelm Furtwängler (1886–1954) auf: Auch er wuchs schon in den 1920er Jahren zu einem der führenden Dirigenten heran, nachdem er 1922 zum Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker gewählt wurde. Obwohl er das Amt 1934 unter Protest gegen kulturpolitische Maßnahmen der Nationalsozialisten niederlegte, arrangierte er sich in der Folge mit dem neuen Regime und
dirigierte während der NS-Herrschaft die Philharmonischen Konzerte; bis 1945 war er der führende Dirigent und kulturelles Aushängeschild Nazi-Deutschlands.
J. Brahms: Ungarischer Tanz Nr. 1
Andere Dirigenten, die sich um aufnahmetechnische Entwicklungen bemühten, diese voranbrachten und maßgeblich mitprägten, sind jedoch heute vielfach in Vergessenheit geraten – mit ein Grund, sie hier ausführlich zu würdigen. Zu ihnen gehörte Selmar Meyrowitz (1875–1941), der sich seit der Elektrisierung der Aufnahmetechnik verstärkt den damit verbundenen Medien wie Rundfunk und Schellackplatte widmete. [Abb .] In der Mediathek sind von ihm neben Ausschnitten aus dem „Zigeunerbaron“ von Johann Strauß eine Einspielung von Gustav Mahlers „Urlicht“ aus dessen zweiter Symphonie verfügbar; Meyrowitz dirigiert das Orchester der Staatsoper Berlin, als Solistin wirkt die legendäre, von Mahler an die Hofoper geholte Sängerin Sarah Jane Cahier (auch: Madame Charles Cahier, 1870–1951) mit.
S. Meyrowitz dirigiert das Orchester der Staatsoper Berlin; Solistin: Sarah Jane Cahier
Doch auch schon vor der Umstellung auf elektrische Aufnahmeverfahren wirkten Dirigenten mitunter entscheidend an der technischen Verbesserung der musikalischen Schallaufzeichnung mit. Einer der maßgeblichen Pioniere akustischer Aufnahmetechnik in Europa war Bruno Seidler-Winkler (1880–1960).
Einer der heute vergessenen Dirigenten, die sich seit der Frühphase mit Orchesteraufnahmen beschäftigten, ist Bruno Seidler-Winkler (1880–1960). Dass auch im Bestand der Mediathek viele seiner Aufnahmen existieren, ist wenig erstaunlich: Seidler-Winkler war bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts hin für Aufnahmen bei der Edison-Gesellschaft engagiert bevor er 1903 zur Gramophone and Typewriter Company wechselte und dort 20 Jahre lang mit einem eigenen Orchester Aufnahmen produzierte und begleitete.
Aufnahme von 1939; Dirigent: B. Seidler-Winkler, Solistin: Hildegard Erdmann
Aufnahme von 1910; Dirigent: Bruno Seidler-Winkler, Solistin: Edith Walker
Anschließend leitete er zwei Jahre ein Orchester in Chicago und übernahm danach bis 1933 bei der Funkstunde die Leitung der Orchester-Abteilung und fungierte zudem als Dirigent des Rundfunkorchesters. 1933 wurde er zwar entlassen, erhielt aber 1934 eine Stelle an der Berliner Musikhochschule als Leiter der Rundfunkklasse für Gesang. In weiterer Folge wirkte er als Arrangeur und Dirigent tatkräftig an der NS-Propaganda mit und gelangte 1944 auf Goebbels‘ „Gottbegnadetenliste“.
(Lit.: Mertens, Art. Seidler-Winkler, MGG Online; Prieberg-Handbuch 6546 f.; Deutsche Grammophon [Hg.], 90 Jahre)
Viele der Dirigenten, die sich Orchesteraufnahmen widmeten, weisen ein aus heutiger Sicht erstaunlich breites Repertoire auf: Häufig wirkten sie an der Schnittstelle zwischen Unterhaltungs- und Kunstmusik. Neben Julius Prüwer und Frieder Weissmann, zwei besonders wichtige und interessante Vertreter an dieser Schnittstelle (s. Kasten), kann hier auch etwa der österreichische Dirigent Alois Melichar (1896–1976) genannt werden [Abb .]. Von ihm sind in der Mediathek Aufnahmen der frühen 1930er Jahren überliefert, die den Bogen von Operettenmelodien über Ausschnitte aus Richard Strauss‘ Ariadne auf Naxos bis zu Tonfilmaufnahmen mit dem Orchester der Staatsoper Berlin und dem berühmten Tenor Benjamino Gigli spannen.
Alois Melichar dirigiert das Staatopernorchester Berlin, 1930
Der in Wien geborene Julius Prüwer (1874–1943) machte nach seinem Studium am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde rasch eine internationale Karriere. Nach Stationen als Kapellmeister in Bielitz (Bielsko-Biała) und Esseg (Osijek) gelangte aber über Engagements in Köln nach Breslau (Wrocław), wo er sich als Dirigent von Uraufführungen einen Namen machte und zeitweise auch die Operndirektion führte.
Aufnahme von 1929; Dirigent: J. Prüwer, Solistinnen: Elisabeth Ohms, Adele Kern, Elfriede Marherr
1923/24 war er GMD am Weimarer Nationaltheater und wurde 1925 als Professor nach Berlin an die Hochschule für Musik berufen. Dort wurde er auch als leitender Dirigent der populären Konzerte der Berliner Philharmoniker engagiert – Prüwer dirigierte in den folgenden Jahren hunderte dieser Konzerte. Kurz nach der Machtübergabe an die Nazis 1933 verlor Prüwer, der einer jüdischen Familie entstammte, seine Stellen. In der Folge engagierte er sich als Dirigent und Pädagoge beim Jüdischen Kulturbund. 1939 gelang ihm die Flucht nach New York, wo er am College of Music neuerlich eine Unterrichtstätigkeit aufnahm. (Lit.: Kalcher, Julius Prüwer, Lexm)
Frieder Weissmann (1893–1984) war sowohl ein umtriebiger Konzert- und Operndirigent als auch eine prägende Figur der deutschen Schellackplattenproduktion zwischen 1920 und 1933. Nach dem Studium in München und Mannheim gelangte er über Frankfurt und Stettin (Szczecin) nach Berlin, wo er von 1920 bis 1924 als Dirigent an der Staatsoper tätig war. Es folgten weitere Stationen in Münster und Königsberg (heute Kaliningrad). Ab Mitte der 1920er Jahre widmete er sich zudem verstärkt dem symphonischen Repertoire und dirigierte namhafte Orchester in Deutschland und in den Niederlanden.
Neben all diesen Engagements dirigierte Weissmann zudem bei einer Vielzahl an Aufnahmen und beschäftigte sich nachhaltig mit Fragen einer Optimierung von Einspielungsprozessen; seine Diskographie weist ein ungewöhnlich breites Repertoire auf. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft musste er Deutschland 1933 verlassen und floh zunächst nach Südamerika und dann in die USA, wo er seine vielseitigen Tätigkeiten ungebrochen fortführte. (Lit.: Patmore, Frieder Weissmann, Naxos online)
Dirigent: F. Weissmann, Solistin: Meta Seinemeyer
Ein weiteres interessantes und auch gar nicht so seltenes Phänomen sind Aufnahmen von Komponisten, die ihre eigenen Werke dirigieren. An ihnen lässt sich – sofern es die technischen und klanglichen Voraussetzungen zulassen – ein gutes Stück weit nachvollziehen wie sie sich die klingende Umsetzung ihrer Kompositionen vorgestellt haben mögen. Von Richard Strauss (1864–1949) etwa existieren bereits aus der akustischen, dann aber vor allem auch aus der elektrischen Phase viele Aufnahmen.
Aufnahme 1917, Dirigent: R. Strauss
Und auch der österreichische Komponist Franz Schreker (1878–1934) wäre hier zu nennen [Abb.]: Schreker spielte einerseits eine wichtige Rolle für die Ausbildung der nachfolgenden Komponistengeneration, die sich, vielfach als Vertreter der „Neuen Sachlichkeit“, ausführlich mit der Bedeutung von Aufnahmetechniken für das Komponieren beschäftigten. Andererseits spielte Schreker auch früh eigene Werke ein, so 1927 mit der Staatskapelle Berlin seine Suite „Der Geburtstag der Infantin“.
Aufnahme ca. 1927, Dirigent: F. Schreker, Orchester: Staatskapelle Berlin
Auch aus dem Unterhaltungsgenre sind vielfach Komponisten als Dirigenten überliefert. Eine sehr frühe Aufnahme stammt von Leo Fall (1873–1925). Sie enthält Ausschnitte aus seiner Operette „Die Dollarprinzessin“ und ist im Jahr der Uraufführung entstanden, 1907. Leo Fall war zu Lebzeiten ein höchst erfolgreicher Operettenkomponist. Ähnlich auch Paul Abraham (1892–1960), der seine Filmmusiken und Jazzoperetten meistens selbst dirigierte (Lit.: Meesmann, Pál Ábrahám, 2023). Auch von ihm sind eigenhändig dirigierte Schellack-Aufnahmen im Bestand der Mediathek verfügbar.
Aufnahme ca. 1907; Dirigent: L. Fall; Solist:innen: Käthe Hansen, Gusti Macha, Franz Glawatsch
Mit dem britischen Dirigenten Edward Elgar gehörte Strauss zu den ersten Komponisten, die sich engagiert eigenen Aufnahmen widmeten (Lit.: Philip, Historical Recordings). Don Juan stammt sogar noch aus der vor-elektrischen Zeit und ist 1917, inmitten des Ersten Weltkriegs, eingespielt worden. Aus der Frühphase der elektrischen Periode stammen demgegenüber Till Eulenspiegels lustige Streiche sowie Eine Alpensinfonie.
Aufnahme von 1929, Richard Strauss dirigiert das Staatsopernorchester Berlin
Aufnahme ca. 1931; Paul Abraham und das Metropol-Tanzorchester
Am Schellack-Bestand der Mediathek lassen sich aber auch noch weitere interessante musikgeschichtliche Konstellationen ablesen. Eine davon findet sich etwa auf einer Schellackplatte von 1929, auf der Jascha Horenstein und die Berliner Philharmoniker mit einer Bearbeitung Arnold Schönbergs einer Komposition Johann Sebastian Bachs zu hören sind. Für unsere heutigen Ohren mögen die damaligen Klangvorstellungen von Bachs Musik ungewohnt, wenn nicht sogar befremdlich wirken – umso interessanter ist die Aufnahme jedoch als interpretationsgeschichtliches Dokument.
Aufnahme ca. 1929; Jascha Horenstein dirigiert die Berliner Philharmoniker
Sowohl der Arrangeur als auch der Dirigent dieser Aufnahme mussten aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nur wenige Jahre nach der Einspielung aus Deutschland fliehen. Jascha Horenstein (1898–1973) war in Kiew geboren und gelangte über Königsberg (Kaliningrad) 1911 nach Wien, wo er ein Kompositionsstudium aufnahm und 1920 nach Berlin weiterzog, dort als Gastdirigent der Berliner Philharmoniker wirkte und 1929 Musikdirektor der Düsseldorfer Oper wurde.
Seine letzten Auftritte in Düsseldorf waren begleitet von Tumulten der SA, die im März 1933 seine Absetzung als Dirigent verlangte. Horenstein verließ Düsseldorf in Richtung Paris von wo er rechtzeitig ins Exil nach New York fliehen konnte. Nach Kriegsende kehrte er nach Europa zurück und wirkte unter anderem als Dirigent des London Symphony Orchestra. (Lit.: Jahresbericht der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf 2009, online S. 31 f.)
Mit der 1933 in Deutschland erfolgten Machtübertragung an die Nationalsozialisten begann auch für zahlreiche Dirigenten ein Leben, das zunächst von wachsender Diskriminierung geprägt war, die in eine existenzielle Verfolgung überging und mit der Ermordung endete, wenn die Flucht ins Exil nicht rechtzeitig gelang.
Besonders drastisch war das Schicksal des Dirigenten Kurt Singer (1885–1944). Singer, der sowohl studierter Musikwissenschaftler als auch Mediziner war, gründete 1912 den Berliner Ärztechor und leitete diesen über zwei Jahrzehnte hinweg – der Chor ist auch auf der Schellack-Aufnahme von Brahms Alt-Rhapsodie (mit dem Orchester der Staatsoper Berlin und der Altistin Sigrid Onégin) zu hören. Ab 1927 war Singer Intendant der Städtischen Oper in Berlin-Charlottenburg, verlor diese Stelle jedoch nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten und wirkte danach maßgeblich an der Gründung und Leitung des Jüdischen Kulturbundes mit. 1938 reiste Singer in die USA, allerdings nur temporär: Obwohl ihm eine Stelle an der Harvard University angeboten wurde,
wollte er nach Deutschland zurück, um sich weiter um die Geschicke des Kulturbunds zu kümmern. Allerdings gelangte er nur bis in die Niederlande, von wo er nach Theresienstadt/Terezín deportiert wurde und dort im Jänner 1944 umkam.
(Lit.: Hirsch, Kurt Singer, Music and the Holocaust online)
Aufnahme von 1929; Dirigent: Kurt Singer, Orchester: Berliner Staatsoper, Solistin: Sigrid Onégin
Einen gänzlich anderen Umgang mit dem NS-Regime versuchte der Dirigent und Komponist Manfred Gurlitt (1890–1972) zu pflegen. Zunächst war er jedoch ein aufstrebender Künstler mit einem guten Netzwerk (er assistierte unter anderem bei Karl Muck, Richard Strauss und Leo Blech) und gelangte nach mehreren Kapellmeisterstationen an die in den 1920er Jahren legendäre Kroll-Oper in Berlin, arbeitete mit Max Reinhardt gemeinsam und war bis 1933 Gastdirigent in verschiedenen deutschen Städten und in Wien. Gurlitt wurde von den Nazis als „jüdischer Mischling“ betrachtet, trat jedoch noch 1933 der NSDAP bei, aus der er, seiner (vermuteten) Herkunft wegen, 1937 wieder ausgeschlossen wurde – die Familienverhältnisse waren jedoch reichlich kompliziert und undurchsichtig.
Jedenfalls verfolgte Gurlitt ab diesem Zeitpunkt eine internationale Dirigentenkarriere und orientierte er sich vor allem nach Japan, wohin er 1939 emigrierte und in Tokyo als vielseitiger Dirigent und Lehrer wirkte, wenn auch bis 1945 mit einigen Einschränkungen. Nach Kriegsende blieb Gurlitt in Japan und prägte das dortige Musikleben entscheidend mit. Als Opernkomponist blieb Gurlitt hingegen relativ erfolglos (wobei die Uraufführung seiner „Soldaten“ 1930 immerhin vom oben erwähnten Jascha Horenstein geleitet worden war).
(Lit.: Suchy, Manfred Gurlitt, LexM
Die Rassepolitik der Nazis manifestierte sich somit auch überdeutlich in der deutschen Schellack-Produktion. Im Laufe der 1930er Jahren verschwanden jüdische Dirigenten aufgrund von Verfolgung und Vertreibung auch von den Labels der Platten. Ihren Platz nahmen dem NS-Regime genehme – auch oftmals jüngere – Dirigenten ein, die die Aufnahmeproduktion zahlreich fortsetzten. Im digitalisierten Bestand der Mediathek zeugen davon etwa Heinrich Hollreiser (1913–2006), Robert Heger (1886–1978), Georg Kniestädt (1895–1948), Leopold Ludwig (1908–1979) oder Walter Lutze (1891–1980).
Aufnahme von 1938; Dirigent: Leopold Ludwig, Orchester der Staatsoper Berlin
Doch auch jenseits der deutschen Produktion verfügt die Mediathek über Orchestereinspielungen aus den späten 1930er und 1940er Jahren, die auf Schellackplatten erschienen sind – und dies mitunter mit einem Repertoire, das von den Nazis verfolgt wurde.
Aufnahme von 1940; Dirigent Artur Rodziński, Cleveland Orchestra
Der legendäre Dirigent Artur Rodziński (1892–1958) spielte mit dem Cleveland Orchestra 1941 Felix Mendelssohns Sommernachtstraum ein. In Lemberg (Lwiw) aufgewachsen, studierte er Jus an der Universität Wien und Komposition an der Wiener Musikakademie (heute mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien). Anschließend kehrte er als Chor- und Operndirigent nach Lemberg zurück und zog von dort nach Warschau weiter, wo er in der Oper und bei den Philharmonischen Konzerten dirigierte. 1925 ging er auf Einladung von Leopold Stokowski in die USA wo er ab 1929 das Los Angeles Philharmonic Orchestra und ab 1933 das Cleveland Orchestra dirigierte, das er zu einem der renommiertesten und virtuosesten Orchester der USA formte [Videolink] Trotz seines konfliktbehafteten Verhältnisses zum New York Philharmonic Orchestra wurde Rodziński 1942 zu dessen Dirigenten gewählt und wechselte 1947, als letzte Station, zum Chicago Symphony Orchestra. (Lit.: Steinberg, Artur Rodziński, Grove Music Online)
Aufnahme von 1941, Dirigent: A. Rodziński, Cleveland Orchestra
Bowen José Antonio. The rise of conducting. In: Ders. (Hg.), The Cambridge Companion to Conducting. Cambridge Companions to Music. Cambridge University Press; 2003, S. 91-113.
Brück, Marion. "Nikisch, Arthur" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 257 [Online-Version]: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118786253.html#ndbcontent).
Deutsche Grammophon (Hg.), 90 Jahre in Daten, Namen & Fakten zu einer Firmengeschichte, Hamburg 1988.
Harer, Ingeborg. Art. „Muck, Karl (Carl)“, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, begr. von Rudolf Flotzinger, hg. von Barbara Boisits (letzte inhaltliche Änderung: 14.3.2004, abgerufen am 18.9.2025), https://dx.doi.org/10.1553/0x0001da3b
Harten, Uwe / Fastl, Christian. Art. „Nikisch, Arthur“, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, begr. von Rudolf Flotzinger, hg. von Barbara Boisits [letzte inhaltliche Änderung: 14.11.2024, abgerufen am 22.8.2025], https://dx.doi.org/10.1553/0x0001db51
Lily E. Hirsch, Kurt Singer, Music and the Holocaust, online: https://holocaustmusic.ort.org/de/politics-and-propaganda/third-reich/singer-kurt/
Kalcher, Antje. Julius Prüwer, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen (Hg.), Hamburg: Universität Hamburg, 2007 (https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00002153).
Karin Meesmann, Pál Ábrahám. Zwischen Filmmusik und Jazzoperette, Wien 2023.
Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf (Hg.), Jahresbericht 2009, online https://www.ns-gedenkstaetten.de/fileadmin/files/d_mug_Jahresbericht_2009.pdf
Mertens, Volker. Art. Seidler-Winkler, Bruno in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, New York, Kassel, Stuttgart 2016ff. (zuerst veröffentlicht 2006), https://www.mgg-online.com/mgg/stable/594251
Patmore, David. A–Z of Conductors [Naxos], online: https://www.naxos.com/Bio/Person/Frieder_Weissmann/31313
Philip, Robert. “Historical Recordings of Orchestras.” Chapter. In The Cambridge Companion to the Orchestra, edited by Colin Lawson, 203–17. Cambridge Companions to Music. Cambridge: Cambridge University Press, 2003.
Prieberg, Fred K. Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, 2005 (Version 1.2 – 3/2005).
Steinberg, Michael. "Rodziński, Artur." Grove Music Online. 2001; Accessed 1 Sep. 2025. https://www.oxfordmusiconline.com/grovemusic/view/10.1093/gmo/9781561592630.001.0001/omo-9781561592630-e-0000023654
Suchy, Irene. Manfred Gurlitt, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen (Hg.), Hamburg: Universität Hamburg, 2007, online: https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00002414