- Tonaufzeichnung vor und bis Edison
- Der Phonograph: Musik auf Tonzylindern
- Der Phonograph: Briefe und Diktate
- Das Grammophon: Unterhaltung als Massenprodukt
- Das Nachleben früher Tonaufnahmen
Unter den klanglichen Merkmalen früher Grammophonaufnahmen nimmt das stets präsente Hintergrundrauschen eine besondere Stellung ein und steht für den charakteristischen Klang dieser Einspielungen.
Text und Tonauswahl: Benedetta Zucconi
Unter den klanglichen Merkmalen früher Grammophonaufnahmen nimmt das stets präsente Hintergrundrauschen eine besondere Stellung ein. Die Auseinandersetzung mit Geräuschen aller Art war ein zentrales Thema der 78-U/min-Schallplatte und begleitete die gesamte sogenannte akustische Ära, also die Zeit vor der Einführung elektrischer Aufnahmeverfahren ab 1925. Störgeräusche konnten sich in unterschiedlichen Formen äußern: als konstantes Rauschen, als Kratzlaute durch Materialunregelmäßigkeiten oder Oberflächenbeschädigungen, aber auch als ungewollte Klänge, die während der Aufnahme im Studio entstanden und vom Aufnahmetrichter unmittelbar eingefangen wurden.
Das körnige Grundrauschen, das Theodor W. Adorno Ende der 1930er-Jahre als ständige Begleiterscheinung und zugleich als integralen Bestandteil des Hörerlebnisses beschrieb, war eine unmittelbare Folge der verwendeten Materialien sowie der technischen Verfahren, mit denen die Schallplatten hergestellt wurden.
Die 78-U/min-Schallplatten bestanden in der Regel aus einer heterogenen Mischung mineralischer und organischer Bestandteile. Das Grundmaterial war eine thermoplastische Harzmasse, in der fein zermahlene Mineralien – vor allem Schiefer, Kalkstein, Baryt und Ruß – mit Ton, Kopalgummi und Schellack gebunden wurden. Letzterer ist ein natürliches Harz, das von den Weibchen der Lackschildlaus (Kerria lacca), heimisch in den Wäldern Thailands und Ostindiens, ausgeschieden wird. Aus dieser Mischung entstanden flache, runde Platten von meist schwarzer Farbe und einem Gewicht von etwa 200 Gramm – die Schellackschallplatten. Gerade diese Zusammensetzung verlieh dem Hintergrundrauschen seine charakteristische, „steinige“ Qualität: Es war eine unmittelbare Folge der in der Masse verteilten Härtepartikel, Körner und mikroskopischen Unregelmäßigkeiten.
Die Anwesenheit solcher Partikel war notwendig, um der Schallplatte jene physische Widerstandsfähigkeit zu verleihen, die dem zwangsläufigen, materialbelastenden Kontakt der Abtastnadel mit der Oberfläche entgegenwirken sollte. Die Suche nach einer optimalen Zusammensetzung – einer Mischung, die zugleich Robustheit und eine möglichst hohe Klangqualität gewährleistete – begleitete die gesamte Geschichte der 78-U/min-Schallplatten. Dieses Unterfangen erwies sich jedoch als ausgesprochen anspruchsvoll und in vieler Hinsicht widersprüchlich.
Bereits Emile Berliner, der aus Deutschland stammende und später in den USA eingebürgerte Erfinder des Grammophons, verfolgte seit 1887 das Ziel, einen möglichst langlebigen Schallträger zu entwickeln. Zu diesem Zweck erprobte er eine Vielzahl unterschiedlicher Materialien, darunter Metall, Celluloid und vulkanisierten Kautschuk. Seine Erfahrungen mit dem Übergang von Hartgummi zu Schellack bei der Herstellung von Telefonapparaten veranlassten ihn schließlich, in einer elektrotechnischen Werkstatt eine Probeserie von Platten aus einer Nickelmatrix pressen zu lassen. Das Ergebnis war vielversprechend: Die größere Härte des Materials führte zu einer deutlich klareren und lauteren Wiedergabe. Dennoch gelang es nie, eine Schellack-Mineral-Mischung zu entwickeln, die langfristig wirklich stabil und konstant in ihren Eigenschaften geblieben wäre.
Die Suche nach einem idealen Verhältnis von Plastizität und Härte – notwendig, um dem Druck der Abtastnadel standzuhalten – blieb letztlich ungelöst. Insbesondere das Grundrauschen konnte in erheblichem Maße vom Herstellungsprozess des Plattenmaterials abhängen. Die Mischungen wurden industriell verarbeitet, wobei die verschiedenen Komponenten miteinander verschmolzen und anschließend zu feinem Granulat zermahlen wurden. Waren die Ausgangsstoffe jedoch nicht ausreichend fein, neigten einzelne Füllstoffe dazu, nach dem Pressvorgang minimal aus der harzigen Matrix hervorzutreten. Für die Nadel bedeuteten diese mikroskopischen Erhebungen winzige Hindernisse, die sich akustisch als Rauschen, Knistern oder Kratzgeräusche bemerkbar machten.
Auch der Zustand des Wachsträgers, auf dem die Matrize geschnitten wurde, hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Geräuschentwicklung. War seine Zusammensetzung nicht optimal oder hatte sich das Material während der Lagerung verändert, konnte sich eine körnige Oberfläche bilden, die im fertigen Schellackfilm präzise reproduziert wurde – mit entsprechend deutlicher Verstärkung des Hintergrundrauschens.
Neben den materialbedingten Grenzen spielte auch das akustische Aufnahmeverfahren selbst eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Störgeräuschen in frühen Schallplatten. Da der Rillenschnitt ausschließlich durch die mechanische Energie der einfallenden Schallwellen erfolgte, gelangte nur eine sehr geringe Kraft an die Schneidnadel. Jeder Abschnitt der Übertragungskette – von der Stimme oder dem Instrument über den Aufnahmetrichter und die Membran bis hin zur Nadel, die die Wachsmatrize gravierte – führte zu einem weiteren Verlust an akustischer Energie. Dieser fortlaufende Abfall wirkte sich unmittelbar aus: Die übertragbare Frequenzbreite und die dynamischen Unterschiede wurden stark eingeschränkt, während das Verhältnis zwischen Nutzsignal und Störgeräusch zunehmend schlechter wurde – mit dem Ergebnis eines deutlich wahrnehmbaren Hintergrundrauschens.
Die Ingenieure der jungen Schallplattenindustrie waren daher gezwungen, praktische Strategien zu entwickeln, um überhaupt zu befriedigenden Ergebnissen zu gelangen. Fred Gaisberg, einer der frühesten Tonmeister und Produzenten in der Grammophongeschichte, erinnerte sich später daran, wie wichtig es gewesen sei, kräftige und obertonreiche Stimmen auszuwählen, die das Oberflächenrauschen möglichst überdecken konnten. Ebenso entscheidend war die Platzierung der Sängerinnen und Sänger: Sie mussten in einem gewissen Abstand zum Aufnahmetrichter stehen, um Klangverzerrungen zu vermeiden. Zugleich verlangte die Aufnahmetechnik von den Ausführenden eine aktive Steuerung der Lautstärke durch körperliche Bewegung. Eine zu weit entfernte Stimme wurde nicht zuverlässig in den Wachsträger graviert; eine zu nahe erzeugte dagegen so starke Schallenergie, dass die Schneidnadel aus der Rille springen konnte. Die Klangqualität hing somit nicht allein von der musikalischen Darbietung ab, sondern vor allem von einem fein austarierten akustischen Gleichgewicht, das Übersteuerungen verhindern und gleichzeitig die technischen Unzulänglichkeiten des Mediums kaschieren sollte.
Während der Aufnahme konnte jedes unerwünschte Geräusch – eine Bewegung, ein Stoß, sogar eine allzu abrupte Geste – vom Trichter erfasst werden und die Matrize unbrauchbar machen. Nach dem Ende einer Aufnahme musste daher völlige Stille herrschen: Ein Atemzug, eine beiläufige Bemerkung oder ein spontaner Ausruf wären unwiderruflich auf der Platte verewigt worden. Hinzu kamen äußere Störeinflüsse. Hohe Frequenzen ließen sich besonders leicht übertragen und konnten selbst aus Bereichen jenseits des eigentlichen Aufnahmeraums stammen.
Das charakteristische Geräusch früher 78-U/min-Aufnahmen sollte nicht als bloßer technischer Mangel missverstanden werden. Es ist vielmehr das natürliche Ergebnis des Zusammenspiels von Materialien, industriellen Herstellungsverfahren, die sich noch im Aufbau befanden, und einer Aufnahmetechnik, die ausschließlich auf der physikalischen Kraft der mechanischen Akustik beruhte. Jene von Adorno so bezeichnete „Hörstreife“, die die Musik dieser Epoche begleitet, gehört heute untrennbar zu ihrem historischen Reiz: Sie ist ein hörbares Dokument der Grenzen, der Einfallsreichtümer und der praktischen Bedingungen, unter denen die moderne Tonaufzeichnung entstand.