Vielsprachiges Gedächtnis der Migration

In dieser Oral-History-Sammlung führen Schüler:innen und Studierende generationenübergreifend biografische Interviews mit Migrant:innen – als Beitrag zu einem nationalen „Archiv der Migration“, das in Österreich bislang nicht besteht.
Text und Konzept: Georg Traska

Sprachen Leben

Besonders deutlich wirkt sich der der partizipative Charakter des Projekts im Sprachlichen und im Sprechen über Sprachen aus. Das betrifft sprachbiografische Erzählungen, Reflexionen über das Leben mit verschiedenen Sprachen und Sprachvarianten, aber auch die sprachlichen Strukturen der Interviews selbst. Prinzipiell hatten in dem Projekt die Interviewten die Möglichkeit, die Sprache des Interviews zu wählen. Dies setzt voraus, dass die Interviewer:innen neben Deutsch auch die (oder mindestens eine) Erst- oder Herkunftssprache mit den Interviewten teilen, was tatsächlich überwiegend der Fall war. Manchmal kam es im Interviewverlauf zu bewussten Sprachwechseln und noch häufiger zu Momenten, in denen Elemente aus unterschiedlichen Sprachen pragmatisch gemischt und überlagert wurden (Code-Switching und Translanguaging). In einigen Interviews stellten Schüler:innen ihre Fragen auf Deutsch, während es den Interviewten leichter fiel, in ihrer Herkunftssprache zu erzählen. Die vielfältigen Sprachpraktiken sollten Mitteilungsschwierigkeiten im Interview verringern und zugleich die sprachliche Praxis migrantisch geprägter Lebenswelten widerspiegeln.

Sedat Pero und Sara über Kurdisch (Kurmandschi) in der Türkei und in Österreich
Das Interview von Sara, einer Schülerin des ORG Antonkriegergasse, mit Sedat Pero spannt sprachbiografisch einen großen thematischen Bogen. Sara wusste lange nicht von ihrer kurdischen Herkunft, lernte zuhause kein Kurmandschi und fragt Sedat Pero mit lebendigem Interesse nach seinen Spracherfahrungen. Er erzählt von der Unterdrückung der kurdischen Sprachen (Kurmandschi und Zazaki) in der Türkei und davon, wie Kurd:innen selbst die diskriminierende Abwertung von Sprache und Zugehörigkeit verinnerlichten. Von hier aus macht er einen thematischen Schwenk zum sprachlichen Verhalten von Kurd:innen in Österreich. Er betont, wie wichtig ihm Kurmandschi im Alltag seiner Familie sei und wie sehr die Sprache auch von den hier lebenden Kurd:innen gegenüber dem Türkischen vernachlässigt werde.

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00:07:50 video
Oral-History-Interview mit Sedat Pero

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Oral-History-Interview mit Andrea Schopf-Balogh

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“Wenn ich so Dialektwörter verwenden würde, wäre es ein wenig so, wie wenn man sich zu Fasching verkleidet.”
Kata Kemele, eine Studentin am Zentrum für Lehrer:innenbildung der Universität Wien, und ihre Interviewpartnerin Andrea Schopf-Balogh sprechen auf Ungarisch ausführlich und mit Humor über die Bedeutung von Dialekten in Österreich und darüber, wie es ihnen damit im gesellschaftlichen Kontext und im Zusammenleben mit ihren österreichischen Partnern ergeht. In dieser Gesprächspassage lösen sich die Rollen von Interviewerin und Interviewter weitgehend auf, nachdem sie im ersten, narrativen Teil des Interviews streng beachtet wurden.