Vielsprachiges Gedächtnis der Migration

In dieser Oral-History-Sammlung führen Schüler:innen und Studierende generationenübergreifend biografische Interviews mit Migrant:innen – als Beitrag zu einem nationalen „Archiv der Migration“, das in Österreich bislang nicht besteht.
Text und Konzept: Georg Traska

Wer ist “Migrant:in?”

Im Rahmen generationenübergreifender Interviews wurden Migrant:innen „der ersten Generation“ angesprochen – also Menschen, die selbst migriert sind. Gelegentlich wurden auch Menschen als Interviewpartner:innen rekrutiert, die tatsächlich in Österreich geboren wurden, sich aber selbst als „Migrant:innen“ sehen (Ayse, Michael Hoffman). Diese Selbstbestimmung wurde von der Projektleitung als ‚Arbeit an den Definitionsgrenzen‘ aufgegriffen. 
Das Projekt ging von einem breiten Verständnis von „Migration“ aus: im Sinn jeder langfristigen überregionalen Veränderung des eigenen Lebensmittelpunktes. Das umfasst – in jeweils unterschiedlichen Überlagerungen – Bildungs- und Arbeitsmigration, Zwangs- und Fluchtmigration wie auch Migration aus privaten und individuellen Gründen. 
Für den Charakter der Migrationserzählungen spielt das Alter der Menschen eine geringere Rolle als die Dauer, die die Menschen bereits (oder wieder) in Österreich leben. Menschen, die als (Klein-)Kinder nach Österreich kamen, würden in einem anderen thematischen Zusammenhang möglicherweise unterschiedslos als „Österreicher:innen“ auftreten und wahrgenommen werden. In deren biografischer Erzählung spielt die zeitlich ferne, teils „rekonstruierte“ Aus- bzw. Einwanderung aber dennoch eine markante Rolle (z.B. in den Interviews mit Adele Fabian, Brigitte Gruber, Franz Peters-Engel, Paul Vecsei). 
Was den geografischen Raum betrifft, sollte das Projekt auch österreichische Binnenmigration einschließen, sofern diese von einer Person als einschneidende Verlagerung der räumlich bedingten Bezugsfelder wahrgenommen wurde (z.B. Ernst Maurer). Binnenmigration wurde von den Projektbeteiligten – im Verhältnis zu transnationalen Bewegungen – aber kaum als „Migration“ wahrgenommen, wie überhaupt der Migrationsbegriff häufig erst durch Diskussion von massenmedial geprägten Kategorien gelöst werden konnte. So gelten etwa Personen aus Deutschland oder anderen deutschsprachigen Ländern statistisch als Migrant:innen, werden aber kaum so wahrgenommen und verstehen sich selbst oft nicht als „Migrant:innen“ (thematisiert im Gespräch mit Youri Geers, der aus Luxemburg nach Österreich kam).
Meist geht es in den Interviews um Menschen, die von „wo anders“ nach Österreich kamen; in einigen Fällen aber auch um Personen, die längere Zeitabschnitte wo anders verbrachten, um sich schließlich wieder in Österreich anzusiedeln. In solchen Erzählungen entsteht eine Perspektivverschiebung, durch die sich „autochthone“ Österreicher:innen (hier Geborene ohne „frische“ familiäre Migrationserfahrung) gedanklich eher an die Seite der Erzählenden stellen können. Dies erleichtert in der Folge auch das Nachvollziehen dessen, wie es Migrant:innen in Österreich ergeht – etwa im Umgang mit häufigen Herkunftsfragen, mit bestimmten Zuschreibungen oder Momenten des Sich-fremd-Fühlens und der „Fremdmachung“ durch die angestammte Bevölkerung.

“Ich hab mich dann in dieser Zwischenwelt eingebettet.”
Ursula Maurič verbrachte 17 Jahre in der Russischen Föderation: als Lektorin für Deutsch als Zweitsprache, als Übersetzerin, in verschiedenen Funktionen im Kulturbereich und schließlich als Bildungsbeauftragte für das österreichische Bildungsministerium in Sankt Petersburg. Russland war das Land ihrer Wahl und sie lebte sehr gerne dort, bis sich ihre beruflichen Möglichkeiten verschlechterten und parallel dazu das politische Klima.
In dieser Passage erzählt Ursula Maurič von unterschiedlichen Phasen der Fremd- und Selbstpositionierung: vom Wunsch, nicht als Nicht-Russin aufzufallen, und der Genugtuung, wenn ihr Akzent wenigstens dem ehemaligen sowjetischen Einflussbereich des Baltikums zugeordnet wurde; bis hin zur eigenen Anerkennung dessen, dass sie „Österreicherin“ sei – und zwar nicht aus irgendeinem nationalen Stolz, sondern weil es ihr Denken und ihre Wahrnehmungsweisen prägte.

Details
00:03:58 video
Oral-History-Interview mit Ursula Maurič

Ausschnitt

Wenn sich „Einwanderer der zweiten Generation“ selbst als Migrant:innen verstehen und auf ein migrationsbiografisches Interview einlassen, dann geschieht das oft im Rahmen einer „Familienbiografie“. Ihre eigene Lebensgeschichte wird also explizit oder implizit in jene der Familie eingebunden und so werden sie, obwohl hier geboren, auch selbst noch zu „Migrant:innen“.  Dabei ist oft kaum zu unterscheiden, ob diese Positionierung mehr von außen aufgezwungen wurde (im Sinn der Zuschreibung „Ausländer“- oder „Migrantenkinder“) oder vor allem aus eigenem Antrieb geschieht. Jedenfalls wird die damit einhergehende „Identitätsfrage“ in der zweiten Generation oder bei Menschen, die in ihrer frühen Kindheit nach Österreich kamen, oft als besonders dringend empfunden. Eine potentiell produktive Lösung der „Identitätsfrage“ besteht darin, den vorwiegend nationalen Bezugsrahmen und seine Differenzierungen – „autochthon“ versus „migrantisch“ – bewusst zurückzuweisen oder individuell zu interpretieren (so auch im Interviewausschnitt von Ursula Maurič, wo sie sagt, dass Menschen, die in irgendeiner Weise Migration oder das Fremdsein erlebt haben, nie wieder „die typischen Österreicher und Österreicherinnen“ sein könnten). 
Wenn diskriminierend eingesetzte Kategorien („migrantisch“ als Abwertung gegenüber „autochthon“) individuell umgedeutet werden, ist das auch ein Zeichen von „Agency“/Handlungsmacht. Zu beachten ist, dass eine solche individuelle Selbstbestimmung nur in einem bestimmten gesellschaftlichen Rahmen, etwa in einem kosmopolitisch-großstädtischen Kontext (Michael Hoffman, Azra Fetahović), auf Akzeptanz stößt und durch ein gehobenes Bildungsniveau sowie eine langfristige Auseinandersetzung mit der eigenen gesellschaftlichen Position begünstigt wird. Individuelle Agency steht also immer in einem bestimmten Verhältnis zu gesellschaftlichen Voraussetzungen und einem Interaktionsrahmen.

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Interview mit Michael Hoffmann

Ausschnitt

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“An erster Stelle bin ich Wiener, an zweiter Stelle bin ich Europäer und an dritter Stelle bin ich Pole und Österreicher. Also das ist meine Identität. Es ist vielleicht ein bisschen komplexer …”
Michael Hoffman beginnt seine Lebensgeschichte nicht bei seiner Geburt, sondern mit einem ausführlichen Abschnitt über das Leben seiner Eltern in Polen, wo sein Vater in der kapitalistischen Schattenwirtschaft arbeitete und sich in der verbotenen „Solidarnosc“-Bewegung engagierte. Als immer mehr Menschen verhaftet wurden, emigrierten die Eltern 1984 nach Österreich, wo Michael Hoffman 1987 geboren wurde.
Angesichts seiner Mobbing- und Diskriminierungserfahrungen in der Schule fragt ihn die Interviewerin Alina Fischer (Master-Studentin des Faches „Deutsch als Fremd- und Zweitsprache“), ob er sich damals „als Pole“ gefühlt habe. Seine Antwort umfasst zwei Zeitebenen: In der Abschlusszeitung seiner Mittelschulzeit habe er sich selbst im ersten Satz als „österreichischer Staatsbürger“ bezeichnet – eine Formulierung, die auch aus einer gewissen Angst aufgrund der damaligen FPÖ-Regierungsbeteiligung entstanden sei. Die zweite Ebene der Antwort bezieht sich auf die Gegenwart und ist zugleich pädagogisch fundiert: „Ich bin in erster Linie Wiener. Ja, das sage ich auch zu meinen Schülern und Schülerinnen: Ihr seid für mich erst mal Wiener. Wir wohnen hier, wir arbeiten, wir leben hier. An erster Stelle bin ich Wiener, an zweiter Stelle bin ich Europäer und an dritter Stelle bin ich Pole und Österreicher. Also das ist meine Identität. Also, es ist vielleicht ein bisschen komplexer …“