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Oral-History-Interview mit Ursula Maurič - Ausschnitt

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Katalogzettel

Titel Oral-History-Interview mit Ursula Maurič - Ausschnitt
Titelzusatz Auschnitt
Spieldauer 00:03:58
Mitwirkende Maurič, Ursula [Interviewte/r]
Achs, Benita [Interviewer/in]
Traska, Georg [Tontechniker/in] [GND ]
Traska, Georg [Kamera] [GND ]
Österreichische Akademie der Wissenschaften [Veranstalter]
Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung [Fördergeber]
Datum 2024.05.16 [Aufnahmedatum]
Ort Wien [Aufnahmeort]
Schlagworte Gesellschaft ; Kultur ; Migration ; Interview ; Geschichtswissenschaft ; Bildung und Schulwesen ; Familie ; Sprache ; Unveröffentlichte Aufnahme
Örtliche Einordnung Österreich
21. Jahrhundert - 20er Jahre
Typ video
Format DFFFV1 [FFV1-Codec im AVI-Container]
DFFLV [Dateiformat: FLV]
Sprache Deutsch
Signatur Österreichische Mediathek, e50-01020_b01_k02, e50-01020_b01
Medienart avi-Videodatei

Information

Inhalt

Ursula Maurič wuchs in einer Kleinstadt in der Steiermark auf und studierte in Salzburg 1987-93 Französisch und Russisch als Lehramtsstudium. Danach machte sie ein Jahr Schulpraktikum in Graz, wo sie außerdem noch Deutsch als Zweitsprache studierte, um für sich andere Möglichkeiten jenseits des klassischen Lehrberufs aufzubauen. Denn sie wollte reisen. 1989 war sie das erste Mal nach Russland gekommen und seither zog es sie dorthin. 1995 gelang es ihr, privat eine Anstellung als Deutsch-Lektorin an einer technischen Universität in St. Petersburg zu erlangen und ein Jahr später von Österreich beauftragt in einer ähnlichen Anstellung zu arbeiten. 1999 lernte sie ihren zukünftigen Mann kennen, ihr Vertrag in Russland lief aber im selben Jahr aus und sie ging für ein Jahr als Sprachassistentin nach Paris, wo sich ihr Entschluss, permanent in Russland leben zu wollen, verfestigte. Mit ihrem Mann, einem russischsprachigen Ukrainer, lebte sie in einem sehr offenen Kreis von Menschen, Künstler*innen, Friseuren und Mechanikern, Putzfrauen und Universitätsprofessor*innen – viele von ihnen nicht Russen*innen, sondern Menschen aus Kasachstan, Georgien, Weißrussland etc. Erst in der nachträglichen Betrachtung wurde Ursula Maurič klar, dass das nicht zuletzt durch ein gewisses Überlegenheitsgefühl der Russ*innen begründet wurde. Damals genoss sie vor allem diese soziale Vielfalt und die damalige Aufbruchsstimmung der russischen Gesellschaft. Ab 2002 verbesserte sich ihre berufliche Situation, als sie am Goethe-Institut in Sankt Petersburg die Koordination der sprachlichen Programme übernahm, wobei sie sich immer noch Jahr für Jahr um ein Visum anstellen musste, Einladungen von russischen Universitäten brauchte und sich bei Konsulaten aus dem Ausland bewerben musste – Erfahrungen, die ihr heute im Blick auf Asylant*innen in Österreich sehr „nützlich“ sind. Zugleich war das die Zeit, als es im ehemals sowjetischen Raum auf einmal entscheidend war, welchen Pass man besaß, und nun mussten sich auch Ukrainer*innen – ebenso die alten und kranken – eine halbe Nacht lang für ein Visum vor dem russischen Konsulat anstellen. Ursula Maurič fühlte sich entsetzlich, als sie, die privilegierte Ausländerin, die allerdings auch für ihr Visum bezahlen musste, an diesen vorbeigeführt wurde. (Hier lohnt sich der Vergleich, wie ein in Russland lebender Expat, der vorwiegend in seiner Firmenwelt und in einer kleinen Community anderer Expats lebt, von einer ähnlichen Konsulatssituation und seiner gegenüber Ursula Maurič noch weit deutlicherer Privilegierung spricht; siehe das Interview mit Ingolf Braun, min 39:13-40:12)
2003 bis 2011 verbesserte sich ihre Situation des Aufenthaltes weiter, da sie nun Bildungsbeauftragte des Österreichischen Bildungsministeriums in St. Petersburg war und dadurch fast so etwas wie Diplomatenstatus genoss. Nach diesen Jahren wurde ihr vom Bildungsministerium das Angebot gemacht, eine österreichische Schule in Moskau aufzubauen. Wollte sie die feste Anstellung am Ministerium nicht aufgeben und in Russland bleiben, war das ihre einzige Möglichkeit. Doch sprach sie sich schließlich aufgrund der schwierigen Vereinbarkeit der beiden Schulsysteme gegen Schulgründung aus. Außerdem wollte sie als Pädagogin nicht eine Schule leiten, die nur die russische Elite angezogen hätte. So ging sie, als auch die zunehmende Verschlechterung der politischen Verhältnisse immer unübersehbarer wurde, mit ihrem Mann 2012 nach Österreich, wo sie nun in Wien an der Pädagogischen Hochschule zu arbeiten begann. Kaum vertraut mit dem hiesigen Schulsystem und den Institutionen fiel ihr das wesentlich schwerer, als sie erwartet hatte, und erst nach etwas fünf Jahren konnte sie im Bereich Global Citizenship Education und Mehrsprachigkeit einen ihr entsprechenden Schwerpunt aufbauen. Innerhalb dessen leitete sie 2024 auch die Lehrveranstaltung „Diversitätsdimensionen Migration und Mehrsprachigkeit“, im Rahmen derer sie aufgrund ihrer Migrationsbiografie von der Teilnehmerin Benita Achs als Interviewpartnerin angefragt wurde. Das Interview wurde wiederum im Projekt „Vielsprachiges Gedächtnis der Migration“ (Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, unter der Leitung von Georg Traska, gefördert im Programm „Sparkling Science 2.0“ und finanziert vom BMBWF), das in die Lehrveranstaltung integriert wurde, geführt.
Bemerkenswert sind auch jene Passagen, in denen sie über das Fremdsein in Russland – nach dem Verströmen der ersten Euphorie – reflektiert und über das eigentliche Ankommen, als sie endlich „schon ganz wie eine Russin“ wahrgenommen wurde und erst dann genauer wusste, dass sie das doch nicht sei. Sie beschreibt hier einen besonderen Moment der Individualisierung in einer nicht eklatanten, nicht hinderlichen Form der kulturellen Differenz, die aber doch eindeutig bestehen bleibt – und die dann auch nach der Rückkehr nach Österreich bestehen blieb. Diese kulturelle Differenzwahrnehmung hat in dem migrationsbiografischen Projekt „Vielsprachiges Gedächtnis der Migration“ deutliche Spiegelmomente in Interviews mit Menschen, die wo anders als in Österreich geboren wurden, die nach landläufigen Begriffen in Österreich „bestens integriert“ sind und dennoch für sich keine nationalkulturelle „Heimat“ besitzen, ohne aber deshalb schmerzhaft heimatlos sein zu müssen. In dem intergenerationellen Projekt fällt auf, dass diese Individualisierung, die oft erst in einem mittleren Erwachsenenalter errungen wurde, für die deutlich jüngeren Interviewpartner*innen meist schwer fassbar und oder schwer wertzuschätzen ist.
Ausschnitt

Sammlungsgeschichte

Lebensgeschichtliches Interview

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