1924 – 1938: Das neue Medium

Was zunächst unauffällig und technisch unzureichend 1924 begann, wurde bald zu einer Leidenschaft für alle: Radio. Verschiedene Typen von "Sendungen" entstanden und wurden fast ausschließlich live abgewickelt. Sehr viel Musik, meist einfach das Abspielen von Schellackplatten. Zum Beispiel Lieder zur Einführung des Radios – etwa die schöne Adrienne mit ihrer für den Empfang sehr anzuratenden "Hochantenne" – charakterisieren die Frühzeit gut.

Kulturprogramm

Die Arten von Sendungen, die sich in den frühen Jahren des Radios herauskristallisierten, entsprechen ungefähr heutigen Vorstellungen, ihre Machart war jedoch recht anders, statischer, ruhiger als heute: da spricht ein Wissenschafter wohl vorbereitete Worte über sein Fachgebiet, da wird eine Musikübertragung angekündigt, Literatur vorgetragen, auch schon in dramatisierter Form.

00:02:49
Hallo, hallo, hier Radio Wien

Anlässlich des Beginns der Ausstrahlung von Radiosendungen in Österreich durch die RAVAG (Radio Verkehrs AG) wurde 1925 (?) eine Schallplatte mit mehreren Liedern eingespielt.

00:03:06
Die schöne Adrienne hat eine Hochantenne (Tschintarata-radio)

Der Empfang der Sendungen mit den frühen Radioapparaten, den Detektoren, war mühsam und hing sehr stark von einer wirksamen Antenne ab. Darauf bezieht sich das Wort "Hochantenne".

00:02:48
Orgelmusik vom "Salzburger Stier"

Diese historische Walzenorgel aus dem Jahr 1502 befindet sich in der Festung Hohensalzburg.

Literatur

00:05:17
Das grobe Hemd [Ausschnitt]

aus einer Radio-Umsetzung des Volksstückes von Carl Karlweis

00:04:29
Gedichte [Ausschnitt]

von Richard Schaukal, gelesen vom Autor

Wissenschaft

00:02:35
Die operative Behandlung des Krebses

Der berühmte Chirurg Anton von Eiselsberg, ein Schüler Theodor Billroths, erläutert, was wir heute "state of the art" nennen würden: die damaligen Behandlungsmethoden

Nachdenken über das neue Medium

Die Aufnahme ist in doppelter Hinsicht interessant.
Zu Beginn macht Wagner-Jauregg deutlich, wie eine solche Sendung zustande kam: zuerst der Vortrag, der im Studio auf einer Schallplatte aufgenommen wurde, dann die Wiedergabe dieser Platte zur vorgesehenen Sendezeit. Da das Aufnehmen solcher Platten kompliziert war, wurde oft darauf verzichtet und viele Sendungen live abgewickelt (einer der Gründe, warum sowenig Belege des frühen Radios überlebt haben).
Erst mit der Einführung des Tonbandes in den 1950er-Jahren wurde dies einfacher.
Die für Radiozwecke aufgenommenen Platten sind übrigens nicht mit den publizierten und vervielfältigten Schellackplatten gleichzusetzen. Zwar war die Technik ähnlich, doch wurden bei Aufnahmen wie bei jener von Wagner-Jauregg nur ein Exemplar, oder höchstens ein paar, aufgenommen. Das Plattenetikett wurde mit der Hand beschriftet.

Wagner-Jauregg gibt in weiterer Folge auch noch einen wichtigen Einblick in das Nachdenken über das neue Medium: es war den Beteiligten klar, dass für das Radiomachen neue Regeln gefunden werden mussten.

00:02:55
Wie im Radio vortragen?

Julius Wagner-Jauregg

00:01:45
Vorteile für Flugzeuge in der Stratosphäre [Ausschnitt]

Radiovortrag von Auguste Piccard

Reportagen, Unterhaltung

Ein Aushängeschild des frühen Radios waren Reportagen, die sehr unterschiedliche Themen behandelten, vom traditionellen Handwerk über Stadt- und Landschaftsfeuilletons zu Sportberichterstattung.
Man versuchte, die Hörerschaft direkt ins Geschehen hineinzuversetzen. Besonders beliebt als Reporter war dabei Willy Schmieger mit seiner soignierten Sprache, die er selbst bei der Kommentierung von Fußballspielen anwendete.

Musiksendungen nahmen den größten Teil des Programms ein. Im Vordergrund stand dabei die Wiedergabe von Musik auf Schellackplatten.
Von Unterhaltungssendungen, die darüber hinausgingen, hat sich leider kaum etwas erhalten.
Der Grund dafür ist einerseits, der Umstand, dass sehr viele Sendungen live abgewickelt wurden, andererseits die damaligen technische Gegebenheiten, die das Aufnehmen (und das Aufbewahren) von Sendungen schwierig machten.
Das Erstellen einer Aufnahmeplatte war deutlich mühsamer als später – ab den 1950er-Jahren – das Aufnehmen mit Tonband.

Reportagen

Willy Schmieger erläutert in einer Reportage vom Turm des Stephansdoms einem deutschen Kollegen den Blick auf Wien und wird von diesem als „Herr Professor“ angesprochen. Schmieger war Altphilologe und Mittelschullehrer, vor allem aber mit seinen Reportagen, besonders auch von Fußballspielen, stilprägend:

00:03:37
Doppelreportage vom Turm des Stephansdomes [Ausschnitt]
00:03:56
Krippenschnitzer in Ebensee [Ausschnitt]

Andreas Reischek

00:03:14
Das Öl in Zistersdorf [Ausschnitt]
00:01:09
Übertragung des Fußballspiels Österreich gegen Ungarn [Ausschnitt]

Kommentator ist Willy Schmieger, der selbst vor dem Ersten Weltkrieg in der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft gespielt hatte

Unterhaltung

00:02:37
Ein Lied geht um die Welt

Joseph Schmidt

Politik

In den 30er-Jahren erwies sich, dass das neue Medium – über Unterhaltung und Information hinaus – sehr geeignet war, als Instrument politischer Beeinflussung eingesetzt zu werden.
Das Phänomen der "Radiopersönlichkeit" – eine Generation später gefolgt von der "Fernsehpersönlichkeit" – trat auf. Eine solche war zum Beispiel der US‑Präsident Franklin D. Roosevelt, der ab 1933 mit seinen "Fireside chats" eine weite Wirkung erzielte.
Ein Kapitel für sich ist der massive Einsatz der Radiopropaganda im nationalsozialistischen Deutschland, der der ideologischen Einstimmung auf das Regime und später auf den Krieg diente.
In Österreich war das Radio in politischer Hinsicht das Sprachrohr des autoritären Ständestaates, dessen Exponenten – vor allem die Kanzler Dollfuß und Schuschnigg – häufig zu hören waren.
Nachrichtensendungen aus dieser Zeit sind leider so gut wie keine erhalten, aber ein Sendungsausschnitt aus dem Jahr 1933 mit Berichten zur deutschen Radiopropaganda gegen Österreich und Lokalberichten erlaubt einen gewissen Einblick.

00:02:49
Kommentar zur deutschen Zeitungspolitik gegen Österreich und Lokalberichte [Ausschnitt]

Wie bedeutend die Rolle des Radios in den zehn Jahren seit seiner Einführung geworden ist, zeigt eine vermutlich privat mitgeschnittene Aufnahme vom Februar 1934. Der Kanzler appelliert an die Kämpfer der Sozialdemokraten, die Waffen zu strecken und verhängt das Standrecht (das in der Folge auch angewendet wurde).

00:07:19
Rundfunkansprache von Bundeskanzler Dollfuß zum Februar 1934
00:01:26
Lied mit Persiflage auf den Völkerbund [Ausschnitt]

In diesem noch vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise (1929 bzw. 1931) entstandenen Lied wird der Völkerbund in Genf als eine zahnlose Organisation dargestellt, die zwar fleißig diniert, aber wenig weiterbringt.

Paneuropa-Bewegung

Die Anfang der 20-Jahre von Graf Richard Coudenhove-Kalergi gegründete Paneuropa-Bewegung propagierte die friedliche Vereinigung Europas. In dieser Ansprache kommt auch zum Ausdruck, dass Coudenhove-Kalergi, scharf anti-nationalsozialistisch eingestellt, eng mit dem autoritären Ständestaat kooperierte.

00:02:34
Ansprache von Richard Coudenhove-Kalergi auf dem Paneuropa-Kongress [Ausschnitt]

Das Ende Österreichs 1938

00:02:46
"Gott schütze Österreich"

Wie stark das Radio in den 30er-Jahren ins Zentrum des Geschehens gerückt war, zeigt sich am Ende Österreichs im März 1938. Dieses wird in der Erinnerung vieler Zeitgenossen stark mit dieser Radiorede verbunden: Das Ende eines Staates wird via Radio verkündet.