Die ethnologische Filmsammlung des Österreichischen Bundesinstituts für den wissenschaftlichen Film (ÖWF)

Der folgende Text setzt sich inhaltlich mit den Filmen des ÖWF auseinander und gibt Einblick in die Arbeitsweisen am ÖWF. Eine Ausdifferenzierung des ÖWF-Bestands nach ethnologischen Themengebieten soll zusätzlich die inhaltliche Bandbreite der Filminhalte aufzeigen. Im Zuge dieser Auseinandersetzung werden methodische und stilistische Vorgaben durch die Statuten der Enyclopaedia Cinematographica thematisiert, sowie die Adaptierung und Veränderung dieses Rahmens skizziert.

Einleitung

Die Hauptaufgabe des Instituts für den wissenschaftlichen Film in Göttingen (IWF) sowie des Österreichischen Bundesinstituts für den wissenschaftlichen Film in Wien (ÖWF) bestand darin,

„die Verwendung des Films in der Wissenschaft in jeder Hinsicht zu fördern. Hierzu gehören die Herstellung, Veröffentlichung und Verteilung solcher Filme. 
Das Institut hat die forschenden Institutionen bei der Durchführung von wissenschaftlichen Arbeitenmit Hilfe des Forschungsfilms zu unterstützen und wissenschaftliche und technische Hilfe zu leisten.“ (Wolf 1975:6) 

In Göttingen waren ab 1952 die Statuten der „Enyclopaedia Cinematographica“ zum wissenschaftlichen Grundprinzip der Herstellung wissenschaftlicher Filme erhoben worden.
Ab 1957 bildeten diese Leitlinien auch am ÖWF (damals Bundesstaatliche Hauptstelle für Lichtbild und Bildungsfilm) die Grundlage der Produktion von wissenschaftlichen Filmeinheiten.
Im Fachbereich Ethnologie (unterteilt in die Sektionen Völkerkunde und Volkskunde) wurde das inhaltliche Hauptaugenmerk dabei zu großen Teilen auf die materielle Kultur einer Gesellschaft gelegt.
Im Zentrum standen die Herstellung sowie der Gebrauch von verschiedenen Alltags- und Kultgegenständen. Deren Einbettung in einen sozialen Kontext spielte innerhalb der Filme keine Bedeutung, wurde jedoch innerhalb der wissenschaftlichen Begleitveröffentlichungen, die in der vom ÖWF publizierten Zeitschrift „Wissenschaftlicher Film“ erschienen, erörtert.
Für die Medienwissenschaftlerin Eva Hohenberger handelt es sich bei den Filmen des ÖWF um eine Abstraktion, deren Ziel es ist, einen „repräsentativen Ausschnitt“ zu geben. „Um die Abstraktion schließlich doch wieder in den Zusammenhang gelebter Kultur zurückzubringen, wird eine Begleitpublikation erstellt, nur mit der zusammen ein Film in die Encyclopädie aufgenommen wird.“ (Hohenberger 1988:164)

Zur Sammlungsgeschichte des ÖWF-Bestandes

Durch die kontinuierliche Filmproduktion des ÖWF entstand – neben einem ebenfalls vom ÖWF verwalteten Vollarchiv der internationalen Filmeinheiten der Encyclopaedia Cinematographica –innerhalb mehrerer Jahrzehnte eine Sammlung von ca. 500 Filmen mit ethnologischen Inhalten. Die Filmsammlung wurde am Standort des Instituts (Schönbrunner Straße 56 im 5. Wiener Gemeindebezirk) für den Verleih an Universitäten und Hochschulen bereitgestellt, die Originale wurden im Zentralfilmarchiv des Österreichischen Filmarchivs in Laxenburg gelagert.

Mit der Schließung des ÖWF 1997 wurde der Filmbestand geteilt. Die vom ÖWF selbst hergestellten Filme (die nach ihrer Projekt- bzw. Kennnummer bezeichneten, sogenannten „C-Filme“) wurden der Österreichischen Mediathek (damals noch Österreichische Phonothek) übergeben, wobei die Positive in die Webgasse 2a – in die Archive der Mediathek – übersiedelten, während die Negative weiter in Laxenburg eingelagert blieben. Die vom ÖWF zu Verleihzwecken angekauften Filme wurden zwar auch der Mediathek überantwortet, von dieser aber je nach Fachgebiet an interessierte Universitätsinstitute weitergegeben. Diese Handlungsweise wurde wahrscheinlich auch deshalb gewählt, weil die Eigenproduktionen des ÖWF als wesentliche Belege österreichischen Kulturschaffens betrachtet werden können und als bedeutende kultur- und wissenschaftshistorische Quellen auch dem Sammlungsauftrag der Mediathek entsprechen. Sie stellen heute einen wichtigen Bestandteil der Bestände der Mediathek dar. Bei den internationalen Verleihfilmen hingegen handelt es sich im Wesentlichen um Filmproduktionen, deren Originale zu großen Teilen durch andere Institutionen – wie zum Beispiel dem im Jahr 2010 ebenfalls geschlossenen IWF in Göttingen – zu sichern wären. Die praktische Bedeutung dieser Filmkopien lag bis 1997 darin, dass sie den österreichischen Universitäten via ÖWF auf Leihbasis zur Verfügung standen. Dies war nach der Schließung des ÖWF besser durch die einschlägigen Universitätsinstitute selbst zu gewährleisten, weil die Mediathek keine Möglichkeit hatte, die, ihrer Aufgabenstellung nicht entsprechende Verleihtätigkeit aufrecht zu erhalten.

In den folgenden Jahren konnte die Österreichische Mediathek den bedeutenden Bestand an Eigenproduktionen des ÖWF im Rahmen von mehreren Projekten digitalisieren, langzeitsichern und inhaltlich erschlossen wieder zur Verfügung stellen.

Im Rahmen des von 2009 bis 2012 an der Österreichischen Mediathek durchgeführten Onlineprojektes „Österreich am Wort“ wurde ein Teil des Bestandes digitalisiert. 

Die Digitalisierung, wissenschaftliche Aufarbeitung und online-Zugänglichmachung wurde im Rahmen des gegenständlichen Projekts „Wissenschaft als Film“ mit Schwerpunkt auf die ethnologischen Filme der Sammlung fortgesetzt.
Im Kontext dieses Projekts wurde auch eine Interviewreihe mit ehemaligen Mitarbeitern des Österreichischen Bundesinstituts für den wissenschaftlichen Film durchgeführt, welche auch weiteren Aufschluss über Verfahrensweisen und inhaltliche Hintergründe ergab.
Im Zuge dieser Interviews wurden auch mehrere ethnologische Filmproduktionen durch die Interviewpartner quasi „neu kommentiert“.
Durch dieses freie Assoziieren zu den Filmen sind zusätzliche, sehr interessante – und persönliche – Dokumente entstanden, die ebenfalls dauerhaft online zur Verfügung gestellt wurden. 

Im Jahr 2014 wurde vom Österreichischen Nationalkomitee für das UNESCO-Programm „Memory of the World“ zum ersten Mal eine nationale Liste des Kulturerbes in Österreich – „Memory of Austria“ – vorgestellt.  In diese Liste bedeutender österreichischer Dokumente wurden auf Vorschlag der Mediathek auch die ÖWF-Filme – als erster Filmbestand überhaupt – aufgenommen. 

Einordnung des Bestandes in die Wissenschaftsgeschichte der Ethnologie/visuellen Anthropologie

Die wissenschaftlichen Filme des ÖWF stellen ein spezielles Kapitel in der Geschichte des Films bzw. auch der Geschichte der visuellen Anthropologie dar. Bereits durch den Kontext ihrer Entstehung im Rahmen der Filmproduktion einer staatlichen Institution, sowie deren Umsetzung des sehr strikten Reglements der Encyclopaedia Cinematographica zeigt sich die eigene Charakteristik dieses Filmbestandes.
Am ÖWF wurden inhaltlich drei Genres von Wissenschaftsfilmen unterschieden:

1) Der Hochschulunterrichtsfilm

Der Hochschulunterrichtsfilm bzw. Lehrfilm wurde der universitären Lehre zugeordnet. Diese Filme sollten Student/innen im Rahmen ihres Studiums, didaktisch aufbereitet, wissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln.

Die Lehrfilme sollten den/die Studierende zum Beispiel in eine Thematik einführen, damit er/sie „mit den typischen ergologischen und technologischen Gegebenheiten im Rahmen der Völkerkunde vertraut wird. Im Anschluß daran können die von der Encyclopedia Cinematographica gebotenen ethnographischen Dokumentationsfilme das Spektrum der regionalen Vielfalt zeigen.“ (Wernhart 1973:115) 

2) Der Forschungsfilm

Der Forschungsfilm diente der Forschung selbst und sollte für das menschliche Auge ansonsten nicht wahrnehmbare Phänomene mit Hilfe von filmischen Mitteln sichtbar machen. Forschungsfilme bedienten sich zu diesem Zweck oftmals technischer Hilfsmittel, wie zum Beispiel der Zeitraffer-Aufnahme oder der Zeitlupe.  
„Der Forschungsfilm üblicher Prägung dient meist einer bestimmten, fest umrissenen Fragestellung, beispielsweise der Erforschung der Bewegungsphase bei der Teilung einer Zelle, bestimmter Verhaltensweisen eines Tieres oder der Bewegungen einer schnelllaufenden Maschine.“ (Wolf 1967:10) Ramón Reichert bemerkt hierzu: „Zeitraffer und Zeitdehnung, Mikroskopie und Makroskopie des Films – sie sind nicht mehr Zeugnisse einer unvollständigen und imperfekten Abbildung des Ur- oder Vorbilds von Lebendigem, sondern sie schaffen qua Sichtbarmachung eine neuartige Anschauung und zielten »schon bald nach der Jahrhundertwende darauf ab, erstmalige Bewegungsvorgänge in kleinsten Dimensionen« erkennbar zu machen.“ (Reichert 2013:97) Im ethnologischen Bereich wurden Forschungsfilme sehr selten produziert, fallweise wurden jedoch Elemente des Forschungsfilmes in Dokumentationsfilmen verwendet. 

3) Der Dokumentationsfilm

Der Dokumentationsfilm sollte Inhalte des Forschungsprozesses dokumentieren, sowie nicht bzw. nur schwer wiederholbare Ereignisse aufzeichnen und damit für die Forschung konservieren. Der Großteil der im ethnologischen Bereich produzierten Filme kann in dieses Genre eingeordnet werden. Der Dokumentationsfilm bzw. dessen Teile waren auch wichtige Bausteine der Encyclopaedia Cinematographica. In diesen stark abgegrenzten Filmeinheiten wurden Akteur/innen und ihre Objekte präsentiert. In linearer Darstellung wurde zum Beispiel die handwerkliche Herstellung von verschiedenen Alltagsgegenständen gezeigt. Ein typischer Dokumentationsfilm nach den Kriterien der Encyclopaedia Cinematographica beginnt zum Beispiel mit der Gewinnung des Rohmaterials, dokumentiert die verschiedenen Arbeitsschritte und endet mit einem gefertigten Objekt.

Der „klassische Erklärdokumentarismus“ als stilistische Methode am ÖWF

Am ÖWF wurden auch Filme gestaltet, die zum Ziel hatten, neben den Herstellungsprozessen auch Rituale zu dokumentieren, aber insofern die Regeln der EC überschritten, als sie über den geforderten „repräsentativen Ausschnitt“ hinaus Prozesse und Rituale auch in einen kulturellen Gesamtkontext stellten und von diesem Standpunkt aus zu verstehen versuchten.
Ein inhaltliches Mittel, das in Dokumentationsfilmen zur Erklärung von kulturellen Zusammenhängen angewandt wurde, war die Verwendung von auktorialen Erzähler/innenstimmen, die die gefilmten Ereignisse kommentierten.
Während der eigentliche wissenschaftliche Dokumentationsfilm im Sinne der EC den Fokus ausschließlich auf die Dokumentation von „wissenschaftlich bedeutungsvollen Bewegungsvorgänge[n] und Verhaltensweisen bei Tieren, Pflanzen, Stoffen und schließlich auch beim Menschen […]“ richtete und stark vom populärwissenschaftlichen Dokumentarfilm unterschieden wurde (vgl. Wolf 1975:23, 11 und 14), näherte sich der wissenschaftliche Dokumentationsfilm hinsichtlich filmischer Mittel auch dem populärwissenschaftlichen Genre des Dokumentarfilms an, was auch als Folge des wissenschaftlichen Diskurses der 1970er Jahre zu verstehen ist.
Von Bedeutung für diese Entwicklung war sicher auch, dass Dokumentarfilme zu einem beliebten Format des immer wichtigeren Fernsehens wurden.
Als Vorläufer des Dokumentarfilmes können bereits die Lehrfilme der 1920er Jahre angesehen werden. Mit der Etablierung des Tonfilmes in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren waren die technischen Voraussetzungen für den in den 1960er Jahren populär werdenden „klassischen Erklärdokumentarismus“ gelegt. (vgl. De Brigard 2003:22 und Hohenberger 1988:121) Diesem entsprachen auch die in den Filmen des ÖWF angewendeten Off-Kommentare.

Durch die Möglichkeit einer parallel laufenden Tonaufnahme konnte sowohl eine erzählerische Kontinuität in Form eines Off-Kommentars (im Englischen spricht man auch von einem voice-over) erreicht werden, sowie auch weitere, über den bloßen Bildinhalt hinausgehende, Inhalte sprachlich vermittelt werden. Dieser Off-Kommentar teilte die unterschiedlichen Sequenzen eines Filmes in argumentative Blöcke und strukturierte diesen neu. Der Ton in Form eines Kommentars machte den Dokumentarfilm zu einem Erklärer von Realität und änderte im Vergleich zum Stummfilm seine Adressierungsweise. Das Publikum wurde von nun an direkt angesprochen. 
Der Filmkommentar wurde bis in die 1980er Jahre als wichtig für die Produktion wissenschaftlicher Filme erachtet. Lipp und Kleinert ziehen hier eine Parallele zu den im Fernsehen ausgestrahlten Dokumentarfilmen der 1980er Jahre, deren dramaturgische Grundlage der „meist von einer Autorität ausstrahlenden, männlichen Sprecherstimme vorgetragene Kommentar“ war. (vgl. Lipp und Kleinert 2011:17) Um diesen Kommentar wurden die Bilder des Dokumentarfilms aufgebaut und als argumentative Strategie der Beweisführung benutzt. Typisch für den klassischen Erklärdokumentarismus ist dabei die wechselnde Dominanzverschiebung von Kommentar und Bild, „sowie eine punktgenau zu den Bildern komponierte, dramatisierende Musik.“ (vgl. Hohenberger 1988:121f und Lipp und Kleinert 2011:18) 

Der ethnologische Film am ÖWF

Die Schwierigkeiten der Unterordnung des ethnologischen Films des ÖWF unter den Kanon der EC werden durch Beate Engelbrechts kritische allgemeine Bemerkung zu diesem Filmgenre noch deutlicher herausgearbeitet: „Den ethnographischen Film gibt es nicht. Im Bereich der Ethnologie gibt es zahlreiche Einsatzmöglichkeiten von Film und noch weitaus mehr Möglichkeiten der filmischen Umsetzung. Dies alles hängt von den gewählten Themen, von der jeweils zu filmenden Gesellschaft, von der Intention des Filmemachers und damit verbunden vom Zielpublikum ab […] in der Praxis werden alle möglichen Mittel in jeglicher Kombination zur Erreichung bestimmter Ziele eingesetzt.“ (Engelbrecht 1995:148)

Engelbrecht setzt bei der Anwendung des ethnologischen Films drei Schwerpunkte:

  • den Einsatz von Video im Sinne eines ethnographischen Notizbuches,
  • den Einsatz von Video im Sinne einer visuellen Beschreibung eines Ereignisses, oder
  • den Einsatz von Film zur Diskussion bestimmter Zusammenhänge.

Die Filme des Bestands des Österreichischen Bundesinstituts für den wissenschaftlichen Film entziehen sich Engelbrechts Definition des ethnographischen Filmes. Vielmehr können die Filme des ÖWF großteils auch als Dokumentarfilme betrachtet werden, die ethnografische oder ethnologische Themen behandeln. Dies wurde im vorherigen Kapitel bereits kurz als Teil einer allgemeinen Entwicklung – der Bewegung des neuen Dokumentarfilmes der 1960er Jahre – angesprochen. Der ethnologische bzw. ethnografische Film wurde lange Zeit als neues Genre des Dokumentarfilmes – sowohl in der Ethnologie, als auch im Kreis der Dokumentaristen – angesehen, und dem konnte sich auch das ÖWF – trotz ihrer widersprechenden Definition von Dokumentationsfilmen – nicht vollständig entziehen.
Einen Versuch, den ethnografischen Film als besonderes Feld des Dokumentarischen einzugrenzen, unternimmt Heider im Jahr 1976. Er spricht dabei von einem „Anteil von Ethnographizität“ im Film, den er in unterschiedliche Attribute aufteilt, „die er gemäß ihrer Wertigkeit in ein Polaritätsprofil überträgt, an dessen Kurve dann die Qualität (gleich Ethnographizität) des jeweiligen Films ablesbar sein soll.“ (vgl. Hohenberger 1988:143 oder auch Lüem und Galizia 1995:29) Hohenberger bezeichnet Heiders Methode als eventuell zu streng normativ, verweist jedoch gleichzeitig auf das allgemeine Streben der Ethnologie, hin zu einer dominanten Methode des ethnologischen Films. Innerhalb der Sammlung des ÖWF drückt sich Heiders „Ethnographizität“ vor allem an den Filmeinheiten der Encyclopaedia Cinematographica und Günther Spannaus‘ definierten Leitsätzen für die Sektion Völkerkunde und Volkskunde am IWF aus.

Innerhalb der Filmproduktion des ÖWF erfolgte ab den 1980er Jahren eine Art von „Aufbegehren“ der wissenschaftlichen Autoren gegen die Anwendung der starren Richtlinien der Encyclopaedia Cinematographica. Dieses Aufbegehren demonstriert den Zwiespalt, in dem sich das Institut mit seinen ethnografischen Filmen befand.
So galten einerseits die von Spannaus 1959 definierten Leitsätze als Prämisse für den ethnologischen Gehalt am Film, während man methodologisch mehr und mehr zu einer „offeneren und dokumentarischen Arbeitsweise“ im Sinne von Jean Rouch tendierte.
Zu dieser Arbeitsweise gehörten mitunter auch improvisierte Dreharbeiten, ein höherer Materialverbrauch, dass den Gefilmten die Filme gezeigt wurden usw. (vgl. Hohenberger 1988:243)

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Said Manafi: Über die Methode des ethnologischen Filmens am ÖWF [Ausschnitt]

Anmerkungen zur „Wissenschaftlichkeit“ von Wissenschaftsfilmen

Die Filme des ÖWF, unabhängig von den behandelten Thematiken, wurden als wissenschaftliche Filme publiziert und gehandhabt. Aus heutiger Sicht betrachtet, ist es jedoch äußerst fraglich, ob es sich beim wissenschaftlichen Film überhaupt um ein eigenes Filmgenre handelt. Es handelt sich vor allem einmal um eine bloße Zuschreibung, die primär im institutionellen Kontext des deutschsprachigen Raumes am ehemaligen IWF sowie am ÖWF getätigt wurde.

Eva Hohenberger zufolge erfolgt das Erkennen bzw. die Zuschreibung, ob es sich bei einem Film um einen „wissenschaftlichen“ handelt, erst in der „nachfilmischen Realität“ und ist daher nur von der Wahrnehmung der Rezipient/innen abhängig. Es liegt jedoch auf der Hand, dass durch die Gestaltung des Films diese Wahrnehmung jedoch in jedem Fall verändert werden kann. (vgl. Hohenberger 1988:49f) Ramón Reichert konkretisiert: „Ob Filme als wissenschaftlich, belehrend oder unterhaltend tituliert werden, ist nun keine Frage der ontologischen Gattungsbestimmung mehr, sondern eine der Verfahren, Modi und Narrative filmischer Repräsentation.“ (Reichert 2009:5)

In diesem Zusammenhang kann auch die für die Filme des ÖWF typische Herausgabe einer wissenschaftlichen Begleitpublikation kritisch gesehen werden. Nach Reichert kommt es durch die Publikation von Begleitmaterial zu einer „Prädikatisierung“ des wissenschaftlichen Films. Er schreibt: „Paratextuelle Verfahren (Forschungsbericht, Publikation, Inhaltsangabe, Abstract, Ankündigung, Rezension etc.) prädikatisieren den wissenschaftlichen Film und versehen ihn mit dem Adelstitel »Wissenschaftlicher Film«. Die Prädikation bezieht sich vor allem auf seine technisch-apparativen Qualitäten: z.B. die bildgebenden Techniken von Mikro- und Makroaufnahmen, Zeitlupe und Zeitraffer. Film wird im sozialen Prozess zu einem wissenschaftlichen Produkt (z.B. der Beweisfähigkeit) gemacht. Dieser Prozess entspringt jedoch weniger wissenschaftlicher Qualifizierung, sondern verweist vielmehr auf opportunistische Praktiken, die oft unklar und vage bleiben.“ (Reichert 2009:6)

Der Bestand des ÖWF aus heutiger Sicht

Der Bestand des ÖWF setzt sich aus Filmen zusammen, die im Zeitraum von 1945 bis 1997 produziert wurden. Unterschiedliche Leiter, technische Entwicklungen, veränderte wissenschaftliche Diskurse und methodologische Neuerungen gingen – wie bereits skizziert – an den am ÖWF produzierten Filmen nicht spurlos vorüber.
Teilweise sehr unterschiedliche Zugänge bei oftmals gleichzeitigem Festhalten an einem starren Regelwerk spiegeln sich in den Filmen selbst und deren oftmals unterschiedlichen stilistischen, technischen und methodischen Umsetzungen wider.
Aus heutiger Sicht handelt es sich bei der Sammlung um wissenschaftshistorische Zeitdokumente mit multiplen Aussagen, unter anderem über:

  • das Filmschaffen vergangener Tage 
  • wissenschaftliche, methodische und technische Diskurse von einst
  • Auseinandersetzung mit unterschiedlichen „fremden“ Kulturendie Widerspiegelung und Hinterfragung der eigenen Kultur
  • diverse Inhalte, die in den Filmen oftmals unbeabsichtigt und nur implizit behandelt werden. Hiermit ist gemeint, dass zum Beispiel durch einen Film über Wirtshauskultur auch Informationen über Kleidungsstile, Architektur oder Ähnliches vermitteln werden können, was zum Zeitpunkt der Produktion womöglich gar nicht beabsichtigt war.

Entsprechend Barbara Wolberts Überlegungen zur Fotografie können auch diese Filme Antworten auf Fragen geben, die bei ihrer Herstellung gar nicht gestellt wurden und uns heute etwas zeigen, das unbewusst in den Film geraten ist. (vgl. Wolbert 1998:215)
Die Auswertung dieses ethnografischen Quellenmaterials erfolgt also nicht vor dem Hintergrund der ursprünglichen Funktion und intendierten Aussage, sondern hinsichtlich eines interdisziplinären Wissensgewinns. Offenkundige Hauptzielrichtungen sind dabei, Erkenntnisse über Mediengeschichte, über die Geschichte ethnografischer Methoden und nicht zuletzt allgemeiner kultur-, sozial-, und wissenschaftshistorischer Fragestellungen, zu erlangen. 

Inhaltliche Beispiele aus unterschiedlichen Themenbereichen

Im folgenden Kapitel soll anhand ausgewählter ethnologischer Themenbereiche die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Filmen des ÖWF illustriert, sowie ein Ausblick auf die Bandbreite der in der Sammlung vertretenen Themen gegeben werden.
Die getroffene Einteilung ist als beispielhaft und ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu betrachten. Einzelne Filme können durchaus in mehreren thematischen Zusammenhängen erscheinen.

Beschäftigung mit materieller Kultur in den Filmen des ÖWF

Materielle Kultur bezeichnet die Summe aller in einer Gesellschaft hervorgebrachten Geräte, Werkzeuge, Bauten, Kleidungsstücke etc. Dabei steht die Bedeutung dieser materiellen Dinge für den Menschen im Vordergrund.
Eine tiefgehende Auseinandersetzung mit materieller Kultur erfolgt durch die Wissenschaft der Ergologie und Technologie. Dabei versteht sich die Ergologie (lat. Ergon – Arbeit, Werk; logos – Lehre, Wissenschaft) als Lehre der Form und Anwendung primär technischer Erzeugnisse in ihrer kulturellen Einbettung. Zentral dabei sind die Erforschung von Arbeitsbräuchen und Arbeitsgeräten, sowie deren kulturelle Bedeutung. Die Technologie (lat. Techneitos – künstlich gemacht) hingegen kann als Verfahrenskunde verstanden werden und meint die Gesamtheit der zur Gewinnung, Bearbeitung und Verformung von Werkstoffen relevanten Prozesse.
Die Darstellung dieser Vorgänge und Bearbeitungsprozesse bietet eine gute Grundlage für ethnografische Filme, da diese eine Verbindung zwischen dem Objekt und den Nutzer/innen und Produzenten/innen herstellen. Der ethnografische Film bildet dabei einen Rahmen in dem der Akt der Verwendung - François Sigaut bezeichnet diesen Akt als „Operation“ – des Objektes aufgezeigt wird. Madeleine Akrichs „black boxing“ eines Objekts – also die Unklarheit der korrekten Verwendung einer Gerätschaft – kann durch die filmische Dokumentation in Form einer (audio-)visuellen Darstellung der Anwendung überwunden werden.
Der Bereich der materiellen Kultur ist in den ethnografischen Filmen des ÖWF und vor allem auch in den ethnografischen EC-Einheiten sehr stark vertreten. Wahrscheinlich ließ sich die Forderung der EC, „bedeutungsvolle Bewegungsvorgänge“ zu dokumentieren und monothematische Sequenzen zu sammeln (vgl. Wolf 1975:23), auf dem Gebiet der materiellen Kultur besonders gut verwirklichen. Daraus resultiert wohl auch die Dominanz dieses Themenbereiches beim ÖWF-Bestand. Der Herstellungsprozess bzw. die Demonstration der Herstellung eines Objekts liefert den optimalen Handlungsablauf für eine EC-Einheit, da es sich um einen „in sich geschlossenen“ Prozess handelt. Ausgehend vom Rohmaterial kann der komplette Verlauf der Herstellung bis zur Fertigstellung des Gegenstandes systematisch filmisch festgehalten werden. Charakteristisch an diesen Filmen ist der Wechsel von Totale und Nahaufnahme.

Die Thematisierung von Kleidung als Teil der materiellen Kultur in den Filmen des ÖWF

Kleidung als relevanter Bestandteil menschlicher Existenz ist ein wichtiger Aspekt der materiellen Kultur. Kleidung selbst kann als Gesamtheit aller Materialen bezeichnet werden, die als künstliche Hülle den menschlichen Körper umgibt. Ihre Bedeutung lässt sich ähnlich wie ein Text lesen.
Kleidung unterliegt ständigen Veränderungen und dient als Kommunikationsmittel, das ein breites Spektrum an Signalen zur Verfügung stellt. Kleidung markiert häufig die Zugehörigkeit zu einer Gruppe (Beispielsweise markiert das Fußballtrikot die Zugehörigkeit zu einer Mannschaft, oder es können damit Berufsrollen, Rand- oder Standesunterschiede kommuniziert werden).
Eine Abgrenzung durch Kleidung kann gruppenspezifisch sein. So kann zum Beispiel in stammesspezifische Kleidung (Nationaltrachten), Berufskleidung (Arztkittel, Schutzbekleidung) etc. unterschieden werden. Kleidung kann dabei sowohl geschlechts-, alters-, klassen-, standes- und/oder kastenspezifisch sein.
Bei Trachten handelt es sich um eine bestimmte Kleiderordnung, die typisch für eine Region und die dort ansässige Bevölkerungsgruppe ist. Sie kann zum Beispiel vermitteln, aus welcher Gegend die Träger/innen kommen, deren augenblickliche wirtschaftliche Verhältnisse bzw. die soziale Stellung anzeigen, ihren Familienstand (ledig, verheiratet, verwitwet etc.) offenbaren, sowie den Anlass, zu dem die Tracht getragen wird, zum Ausdruck bringen.
In vielen volkskundlichen Filmen ist Kleidung bzw. Tracht ein wichtiges Thema. So wird die Herstellung von Kleidung und Stoffen (Färben, Weben etc.) behandelt und auch das Anlegen von Trachten. Die Filme zeigen aber auch Akteur/innen in Tracht, ohne dass dies als ein eigenes Thema behandelt wird.
Neben der Herstellung von Kleidungsgegenständen spielt auch das Anlegen diverser Trachten in einzelnen Filmen eine Rolle. Zusätzlich zur Dokumentation im Sinne der Encyclopaedia Cinematographica kommt es fallweise auch zu einer Einbettung und Darstellung von Kleidung in ihren kulturellen Verwendungszusammenhängen. Diese Einbettung, obwohl nicht primäres Ziel des Filmes, erfolgt auch in Filmen, die vordergründig anderen Themen gewidmet sind. So dokumentiert zum Beispiel die Darstellung von Tänzen, Ritualen, Feiern etc. auch die dort getragene Kleidung, wodurch zusätzlich Informationen über die Herkunft der gezeigten Personen, deren Status etc. abgeleitet werden können und eine zeitliche Einordnung des Filmes ermöglicht wird.

Thematisierung von Nahrung, Essen und Ernährung in den Filmen des ÖWF

„As the most powerful instrument for expressing and shaping between humans, food is the primary gift and repository of condensed social meanings. Any food system has multiple dimensions (material, sociocultural, nutritional-medical), all of which interrelate.” (Barnard und Spencer 2003:238)
Themen wie Lebensmittelherstellung, Ernährung und Landwirtschaft haben in der ethnologischen Forschung einen wichtigen Stellenwert. Besonders im Kontext der Analyse von Landwirtschaft versucht die Kultur- und Sozialanthropologie ein ganzheitliches Bild zu zeichnen, in dem sie neben kulturellen Praktiken auch historische Entwicklungen in ihre Untersuchungen mit einbezieht.
Während bei klassisch-ethnologischen Feldforschungen der Fokus auf der Herstellung von Lebensmitteln, Märkte etc. gelegt wurde, setzen sich neuere Ansätze mit Nahrungsmittelsicherheit oder auch Hungersnöten auseinander.
Auch in der Sammlung der ethnologischen Filme des ÖWF lag ein inhaltlicher Schwerpunkt auf Ernährung und der Nahrungsmittelherstellung. Primär im volkskundlichen Segment finden sich Filme über die Herstellung traditioneller Gerichte in Österreich oder die Verwertung geschlachteter Tiere im bäuerlichen Haushalt.

Die Thematisierung von Tanz in den Filmen des ÖWF

„Dance, a symbolic form through which people represent themselves to themselves and to each other, may be a sign of itself, a sign with referents beyond itself, and an instrument. […] dance is the key medium of communication in many cultures.” (Barnard und Spencer 2003:147)
Tanz kann auf unterschiedliche Art und Weise gelesen werden und kann Ritual, Brauch, Kunst, Unterhaltung, Sport oder auch Beruf sein. Volkstänze oder Folkloretänze kommen in fast allen Kulturen vor und bilden mit der gespielten Musik oft eine Einheit. Im Gegensatz zu Standardtänzen sind die Bewegungsabläufe dabei nicht strikt festgelegt. Beim Volkstanz kommt zudem der getragenen Tracht oder dem Schmuck ein besonderer Stellenwert zu.
Zwar weist die Filmsammlung des ÖWF Volkstänze aus aller Welt auf, doch beschäftigt sich der Großteil der Filme mit europäischen Tänzen bzw. solchen aus dem alpinen Raum.
In den Begleitveröffentlichungen des ÖWF werden Melodie, die genaue Schrittfolge sowie eine Interpretation des Tanzes behandelt und erläutert.
Auch die Dokumentation von Volkstänzen innerhalb der Sammlung des ÖWF resultiert aus der bereits angesprochenen Idee des „Einfrierens“ oder – in Bezug auf die Dokumentierung einer Regionalkultur – auf der Idee der „Konservierung“. (vgl. Hohenberger 1988:162)
Aufgezeichnet wurden Tänze sowohl stumm, als auch mit Originalton oder Synchronton.

Dokumentation von Ritualen in den Filmen des ÖWF

Rituale sind kulturell bedingt und gebunden an lokale Begebenheiten. Sie bedienen sich eines strukturierten Ablaufs, um Handlungen sichtbar zu machen bzw. um Bedeutungs- und Sinnzusammenhänge klar darzustellen und erlebbar zu machen. Rituale fördern durch den gemeinsamen Vollzug Gruppenzugehörigkeit und sind identitätsstiftend.
Als „rites de passage“ werden Rituale bezeichnet, die den Übergang von einer in die nächste Lebensphase markieren (Geburt, Pubertät, Hochzeit etc.)
Der französische Ethnologe Arnold van Gennep differenzierte drei unterschiedliche Typen von Übergangsriten:

  1. „rites de séparation“ – Trennungsriten (beispielsweise bei Beerdigungen)
  2. „rites de marge “ – Schwellen- bzw. Übergangsriten (diese Riten kommen z.B. bei einer Schwangerschaft oder Geburt, Verlobung oder Initiation zum Tragen)
  3. „ rites d’agrégation “ – Angliederungsriten

Bei Ritualen kommt vor allem das Konzept der Liminalität zu tragen. „Van Gennep saw transition rites as ‘liminal’, while rites of separation are ‘preliminal’, and rites of incorporation are ‘postliminal’. The liminal phase is when things are not as they are in the ordinary world: roles may be reversed (men acting as women, the elderly as if they were young, etc.).” (Barnard und Spencer 2003:489)
Ein Ritual selbst kann als nach vorgegebenen Regeln ablaufende Handlung mit hohem Symbolgehalt definiert werden. Bei einem Ritus handelt es sich somit um ein festgelegtes Zeremoniell von Ritualen.
Rituale können sowohl auf einer religiösen, als auch auf einer weltlichen Ebene ablaufen. Rituale haben neben ihrer symbolischen Funktion auch eine instrumentell-pragmatische Funktion inne. So dienen Rituale zur Erhaltung diverser Machtstrukturen bzw. Herrschaftsverhältnisse.
Beate Engelbrecht schreibt bezüglich der Thematisierung des Rituals im ethnografischen Film „Filmisch besonders attraktiv ist die Dokumentation von Ritualen. Rituale sind dramaturgisch inszenierte Ereignisse, die innerhalb eines gegebenen Rahmens künstlerische Vielfalt ermöglichen. Zugleich sind sie Äußerungen einer Gesellschaft; in ihnen wird Gesellschaft sichtbar.“ (Engelbrecht 1995:145)
Bezüglich der Problematik der Dokumentation von Ritualen schreibt Engelbrecht „Das Problem der Dokumentation von Ritualen liegt darin, dass sie äußerst komplex, vielschichtig und schwer zu beschreiben sind.“ (Engelbrecht 1995:146) Gerade die filmische Dokumentation kann deshalb für die Darstellung von Ritualen wie auch bei deren Erforschung von großem Wert sein.
Der ÖWF-Bestand weist viele Filme auf, die die Dokumentation von Ritualen zum Inhalt haben. Diese können mittlerweile in vielen Fällen als „Realitätskonserven“ bezeichnet werden, da viele dieser Rituale bereits nicht mehr praktiziert werden.
Im deutschsprachig-volkskundlichen Bereich wurde vor allem die Aufzeichnung von Faschingsritualen und christlichen Bräuchen wie Prozessionen zu bestimmten kalendarischen Ereignissen forciert, was sich auch in der Anzahl der vorhandenen Filme spiegelt.  
Auch hier ist wiederum ab den 1990er Jahren festzustellen, dass die Rahmenbedingungen, unter denen bestimmte Handlungen stattfanden, bei der Filmgestaltung vermehrt Beachtung fanden. Gedreht wurden nun „komplette Filme“, wie Said Manafi es formuliert. Aus diesen kompletten Filmen konnte man EC-Einheiten extrahieren. (vgl. Interview Manafi 2014) 

Darstellung eines Querschnitts einer Kultur als methodische Weiterentwicklung oder Transzendierung der EC-Einheit

Die methodische Weiterentwicklung in den 1990er Jahren resultierte in der Produktion von inhaltlich weiter gefassten filmischen Ethnografien, die dem, was Hohenberger als „beobachtungs-orientierter Dokumentarfilm“ sowie als „Interview-orientierter Dokumentarfilm“ bezeichnet, relativ nahekommen. Die Glaubhaftigkeit des Films ergibt sich durch die „Mustergültigkeit der Zeugen und ihrer Reden“. (vgl. Hohenberger 1988:131) Diese ähneln dabei geschriebenen Ethnografien primär durch den Versuch, ein gewähltes Soziotop in seinen vielfältigen historischen, politischen, kulturellen und sozio-ökonomischen Bezügen darzustellen. Die Interviewten erhalten dabei die Autorität des Off-Kommentars des klassischen Erklärdokumentarismus.
Während der Interview-orientierte Dokumentarfilm bei der Auswahl der „vorfilmischen Realität“ stets ein Ereignis auswählt, „dessen Eigendramaturgie die Filmarbeit vorkonstruieren ließ“, richtete der beobachtungs-orientierte Dokumentarfilm sein Objektiv auf das Alltägliche.
Auch die Länge der zu Beginn der 1990er Jahre produzierten ethnografischen Dokumentarfilme unterschied sich von jenen aus früheren Jahren. Während frühere Filme mit maximal 20 Minuten bemessen waren, wiesen Dokumentationsfilme der 1990er Jahre eine Spieldauer bis zu 50 Minuten auf.
Ein stilistischer Mix ergab sich auf der Ebene des Kommentars: neben dem im Stil des „klassischen Erklärdokumentarismus“ gehaltenen Off-Kommentar wurden Interviews mit weiteren Personen durchgeführt, die zu einer Verdichtung des Sachverhalts bzw. des Themas beitragen sollten.
Eine Sonderposition hierbei nimmt etwa der von Olaf Bockhorn initiierte Film "... und nåcha fång i ån mit da Årbeit"aus dem Jahr 1990 ein. Hier wird statt einer auktorialen Erzählperspektive durch einen Off-Kommentar der Kommentar der Sennerin Elisabeth Unterberger verwendet. Diese schildert dabei ihren täglichen Tages- und Arbeitsablauf auf der „Siminer-Alm“. Durch die neue Vorgangsweise veränderte auch die Begleitpublikation ihre Rolle. Früher wurden die einzelnen Einheiten erst nachträglich in der schriftlichen Publikation in ihren sozio-kulturellen Kontext gestellt. Nun war dieser der Ausgangspunkt für die Herstellung des Filmes selbst.

 

(Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Verena Kubicek)

Quellenverzeichnis

  • Akrich, Madleine; 1992: The De-Scripiton of Technical Objects. In: Bijker & Law; 1992: Shaping Technology / Building Society: Studies in Sociotechnical Change. Cambridge, Massachusetts; Seiten 205 – 223.
  • Barnard, Alan; Spencer, Jonathan; 2003: Encyclopedia of Social and Cultral Anthropology; Routledge; London & New York; Seiten 232ff.
  • De Brigard, Emilie; 2003: The History of Ethnographic Film. In: Hockings, Paul; 2003: Principles of Visual Anthropology; Seiten 13 – 45.
  • Hohenberger, Eva; 1988: Die Wirklichkeit des Films. Dokumentarfilm. Ethnographischer Film. Jean Rouch; Georg Olms Verlag; Hildesheim.
  • Interview mit Hermann Lewetz, geführt am 17. Oktober 2014 in der Österreichischen Mediathek, Webgasse 2a, 1060 Wien.
  • Interview mit Said Manafi, geführt am 26. August 2014 in der Österreichischen Mediathek, Webgasse 2a, 1060 Wien.
  • Lipp, Thorolf; Kleinert, Martina; 2011: Im Feld – im Film – im Fernsehen. Über filmende Ethnologen und ethnografierende Filmer. In: Ziehe, Irene und Hägele, Ulrich: Visuelle Medien und Forschung – Über den wissenschaftliche-methodischen Umgang mit Fotografie und Film; Waxmann; Münster; Seiten 15 – 49.
  • Pfundner, Robert; 2010: Von der Phonothek zur Mediathek. Fünfzig Jahre Österreichs Archiv für audiovisuelle Medien. In: Zuna-Kratky, Gabriele: Echo unserer Zeit. Zum fünfzigjährigen Bestand der Österreichischen Mediathek 1960 – 2010; Cuvillier; Göttingen; Seiten 33 – 69.
  • Reichert, Ramón; 2009: Die Medialisierung des wissenschaftlichen Wissens im Studien- und Lehrfilm. Eine Bibliographie; In: Medienwissenschaft / Hamburg: Berichte und Papiere; No 96/2009: Wissenschaftsfilm; Hamburg; www1.uni-hamburg.de/Medien/berichte/arbeiten/0096_09.html [Zugriff am 26. April 2015]
  • Reichert, Ramón; 2013: Kinematographie der Objektivität. Zur Medienästhetik des Wissens um 1900. 

Diese Ausstellung ist im Rahmen des Projektes Österreich am Wort entstanden.
Ein Großteil der Medien ist dort in voller Länge abrufbar.