Abriss der Geschichte des Österreichischen Bundesinstituts für den wissenschaftlichen Film (ÖWF)

Der vorliegende Artikel setzt sich mit einem speziellen Aspekt der Entwicklung des wissenschaftlichen Films auseinander: der Institutionalisierung des wissenschaftlichen Films auf deutschsprachigem Boden. Im Zentrum des Diskurses steht dabei das Österreichische Bundesinstitut für den Wissenschaftlichen Film (ÖWF), welches in den Jahren von 1984 bis zu seiner Schließung 1997 wissenschaftliche Filme drehte, sammelte und historische wissenschaftliche Filme neu herausgab.

Einleitung

Das bewegte Bild blickt auf eine lange Historie zurück, in der es zu unterschiedlichen Anschauungen und Ansichten über den Einsatz dieses Mediums gekommen ist. Die theoretischen Auseinandersetzungen mit dem Medium Film begleiten seine Wirkungsgeschichte – und dies in allen Filmgenres. Die Geschichte des Filmes begann mit einem Bild, welches – in einem wissenschaftlichen Kontext zu einer Serie zusammengefasst – als Methode verwendet wurde, um Bewegungsabläufe zu dokumentieren. Diese Serienaufnahmen, etwa von Eadweard Muybridge (1872) oder Etienne-Jules Marey (1888), gelten als die ersten dokumentierten Bewegungsabläufe von Menschen und Tieren. Schon mit diesen frühen Serienaufnahmen – die wie ein Film vorgeführt werden konnten – zeigen sich Tendenzen, die für die gesamte Entwicklung des (wissenschaftlichen) Films von Relevanz sind: der Wunsch des Abbildens – und damit Festhaltens – von vergänglichen Ereignissen, die enge Wechselwirkung zwischen technischer Innovation und Fortschritten in der Darstellungsweise und der wissenschaftliche Forschergeist, dienten doch die frühen Bewegungsstudien dazu, durch die Technik des Aufnehmens bzw. Abspielens Abläufe sichtbar zu machen, die dem menschlichen Auge sonst verborgen bleiben.
Die beiden hauptsächlichen Entwicklungslinien des Films, die dokumentarisch-realistische und die fiktiv-illusionistische Richtung, sind von Anfang an miteinander verknüpft und haben sich über Jahrzehnte hinweg beeinflusst, aber auch methodisch differenziert.

Das Institut für den Wissenschaftlichen Film (IWF) und die Encyclopaedia Cinematographica

Vorbild für die Gründung und die Arbeit des Österreichischen Bundesinstituts für den Wissenschaftlichen Film (ÖWF) war das 1956 gegründete, in Göttingen beheimatete Institut für den Wissenschaftlichen Film (IWF).Dieses fußte auf zahlreichen Vorgängerinstitutionen: 1934 wurde die Reichsstelle für den Unterrichtsfilm (RfdU) in Berlin gegründet, die 1935 um die Abteilung Hochschule erweitert wurde, und die dann mit der Übernahme der Bestände der Deutschen Gesellschaft für wissenschaftliche Filme einen Schwerpunkt in diesem Bereich aufweisen konnte. 1940 wurde die RfdU in Reichsanstalt für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (RWU) umbenannt. Die RWU unterschied sich von ihrer Vorgängerinstitution vor allem dadurch, dass man nun – wie zwar schon in den 1930er Jahren begonnen – vermehrt selbst Filme herstellte. Die mitunter enge Verknüpfung zwischen herrschenden politischen Systemen und Wissenschaft lässt sich an der filmischen Tätigkeit der Institution in der Zeit des Nationalsozialismus ablesen. Die thematische Ausrichtung der Filme stand in engem Zusammenhang mit nationalsozialistischer Ideologie, wobei hier die Volkskunde eine besondere Rolle einnahm und mit der filmischen Dokumentation von „deutschen Volksbräuchen“ ihren Teil zur „wissenschaftlichen“ Legitimation der NS-Ideologie beitrug. Neben diesen volkskundlichen Filmen beinhaltete die Sammlung der RWU auch Filme von Expeditionen nach Afrika oder Südamerika. (vgl. Husmann. In: Engelbrecht 2007:385f).

Exkurs:
Zu den Filmen von Richard Wolfram
Beispiele für Filme aus dem Bereich der Volkskunde, die während der NS-Zeit entstanden, sind auch im Bestand des ÖWF zu finden, hervorgehoben sei hier der Bestand Richard Wolfram.
Richard Wolfram (1901 – 1995) studierte Germanistik, Skandinavistik und Kunstgeschichte an der Universität Wien. 1934/36 habilitierte er sich für „Germanische Volkskunde und Neuskandinavistik“.
Von 1928 bis 1938 war Wolfram Lektor an der Universität Wien.
Schon 1932 trat er der damals illegal im Untergrund tätigen österreichischen NSDAP bei.
Im Jahr 1938 übernahm Wolfram die Leitung der „Lehr- und Forschungsstätte für germanisch-deutsche Volkskunde“ innerhalb der „Forschungsgemeinschaft 'Das Ahnenerbe' der SS Heinrich Himmler“ in Salzburg und Wien. 1939 wurde er zum ao. Universitätsprofessor für „germanisch-deutsche Volkskunde“ der Universität Wien ernannt. 1940/41 wurde Wolfram wesentliches Mitglied der „Kulturkommission Südtirol“, die sich mit der Umsiedlung der Südtiroler/innen in das Großdeutsche Reich befasste.
Im Umfeld dieser Aktivitäten entstanden auch die noch erhaltenen Filme Wolframs, die später in den Bestand des ÖWF aufgenommen wurden.
Nach Kriegsende wurde Wolfram wegen seiner nationalsozialistischen Belastung die Lehrbefugnis entzogen, welche er 1954 jedoch wiedererlangte.

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde in Deutschland die während der letzten Kriegsjahre eingestellte Arbeit mit der Gründung des Instituts für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU) wieder aufgenommen. 1953 wurde die Abteilung Hochschule und Forschung dieser Institution in Institut für den Wissenschaftlichen Film (IWF) umbenannt und organisatorisch als Zweigniederlassung eingerichtet, die 1956  eine eigenständige Institution mit Sitz in Göttingen wurde. Das IWF stellte 2010 seinen Betrieb ein. Der Medienbestand wurde 2012 der Technischen Informationsbibliothek (TIB) in Hannover übertragen.Die Hauptaufgabe des IWF bestand darin, „die Verwendung des Films in der Wissenschaft in jeder Hinsicht zu fördern. Hierzu gehören die Herstellung, Veröffentlichung und Verteilung solcher Filme. Das Institut hat die forschenden Institutionen bei der Durchführung von wissenschaftlichen Arbeiten mit Hilfe des Forschungsfilms zu unterstützen und wissenschaftliche und technische Hilfe zu leisten.“ (Wolf 1975:6)Der erste Direktor des IWF, Gotthard Wolf, rief 1952 die Encyclopaedia Cinematographica (EC) ins Leben, eine Reihe wissenschaftlicher Filme, die versuchte, eine bestimmte Methodik des wissenschaftlichen Films planmäßig umzusetzen, was beispielgebend für andere Institutionen, z. B. das später gegründete Österreichische Bundesinstitut für den Wissenschaftlichen Film (ÖWF) sein sollte.

Die Encyclopaedia Cinematographica

Die Filme der EC setzten sich aus drei wissenschaftlichen Sektionen zusammen:

  1. Biologie mit den Untersektionen Zoologie, Botanik, Mikrobiologie
  2. Ethnologie
  3. Technische Wissenschaften

Gotthard Wolf schreibt über die Aufgabe einer wissenschaftlichen Filmenzyklopädie Folgendes: „Die Aufgabe der wissenschaftlichen Filmenzyklopädie besteht in der Erfassung und Fixierung der wissenschaftlich bedeutungsvollen Bewegungsvorgänge und Verhaltensweisen bei Tieren, Pflanzen, Stoffen und schließlich auch beim Menschen, d. h. um die Herstellung von Bewegungsabbildern für eine Bewegungsphysiologie oder Verhaltensforschung in einem denkbar allgemeinen Sinne.“ (Wolf 1975:23)
Die zu dokumentierenden Bewegungsvorgänge sollten drei Gesichtspunkten entsprechen:

  • Vorgänge, die mit dem menschlichen Auge nicht erfassbar sind, und die nur durch die kinematografischen Möglichkeiten sichtbar gemacht werden können (z. B. Insektenflug, Wachstum von Pflanzen);
  • Vorgänge, bei denen der Vergleich eine wesentliche Rolle spielt (z. B. Verhalten von Tieren);
  • Vorgänge, die einmalig sind, oder bei denen damit gerechnet werden muss, dass sie bald nicht mehr erfassbar sein werden (z. B. völkerkundliche Bewegungsabläufe). (Wolf 1975:23)

Der zentrale methodische Ansatz bestand also darin, anstelle von langen, umfassend gestalteten Filmen, kurze monothematische Sequenzen zu sammeln. Diese Sequenzen bzw. Ausschnitte aus einem größeren Themenkreis sollten der Vergleichbarkeit der in den Filmen dargestellten Sachverhalte dienen und schließlich eine enzyklopädische Gesamtheit ergeben.
Filme, die der Encyclopaedia Cinematographica entsprechen sollten, mussten streng „wissenschaftlich“ sein und ein „hohes Maß an Wirklichkeitsgehalt“ aufweisen (vgl. Wolf 1975:23). Husmann beschreibt diese „wissenschaftliche Kontrolle“ in den ethnologischen Filmen folgendermaßen: „No staging or acting! NO interference of the film with the activities being filmed! Detailed documentation of all aspects of the filming process! In the post production, strict editing rules had to be obeyed, no manipulation of the scenes by re-arranging chronology or adding a disturbing element such as a commentary of music was allowed.” (Husmann. In: Engelbrecht 2007:387f)
Neben der Aufnahme und Montage wurde im Rahmen der EC eine genaue Dokumentation der Aufnahmesituation gefordert, die „wissenschaftlich kontrolliert“ sein sollte. Die Forderung nach wissenschaftlicher Kontrolle ließ sich am besten bei Filmen aus der Sektion Biologie und der Sektion Technische Wissenschaften erfüllen. 

Die wissenschaftlichen Sektionen der Encyclopaedia Cinematographica

1. Biologie mit den Untersektionen Zoologie, Botanik, Mikrobiologie

Wolf zufolge kann die Sektion Biologie von zwei Gesichtspunkten aus behandelt werden: dem der Verhaltensforschung und dem der Physiologie. Während erstere von beobachtbarem Verhalten ausgeht und im Vergleich ihre Methode hat, erforscht die Physiologie die Funktion eines Organismus oder seiner Teile durch Experimente und kausale Analyse. „Die Aufgaben des enzyklopädischen Dokumentationsfilmes liegen im Rahmen dieser Zielsetzung.“ (vgl. Wolf 1975:37)

Um jene Vorgänge, die mit dem menschlichen Auge nicht erfassbar sind, aufzeichnen zu können, bediente man sich im Bereich der Biologie der Kinematografie. Zeitdehnung und Zeitraffung sollten dabei für den Menschen Unsichtbares sichtbar machen. 

1.1. Zoologie

In der Untersektion Zoologie bestand das Hauptziel in der Sichtbarmachung der Lokomotion von Tieren. Dabei galt, „je komplexer ein Vorgang ist, um so zahlreicher können auch seine Modifikationen sein. Bei der filmischen Dokumentation müssen dann die Filme länger sein, um auch die Varianten erfassen zu können.“ (vgl. Wolf 1975:45). Neben der Lokomotion sollten vor allem Verhaltensweisen (Rivalenkampf, Beuteerwerb, Nahrungsaufnahme, Paarbildung, Kopulation, Geburt, Drohverhalten etc.) aufgezeichnet werden. In den physiologischen Einheiten, die auch Bewegungskomplexe wie Lymphgefäßbewegungen, Kontraktionswellen von Einzelfasern der Skelettmuskulatur etc. behandelten, wird der hohe Schwierigkeitsgrad bei den Aufnahmebedingungen offensichtlich. So mussten nicht nur die Experimente vor der Kamera gelingen, sondern auch die filmischen Aufnahmen selbst glücken.
Die wichtigste Forderung, die an den zoologischen Dokumentationsfilm gestellt wurde, war die Erfüllung des höchsten „Wirklichkeitsgehaltes“. Die Möglichkeit der Anwendung der Kinematografie im Bereich der Zoologie machte den Dokumentationsfilm dieser Sektion laut Wolf zu einem perfekten kinematografischen Dauerpräparat. (vgl. Wolf 1975:46f)

1.2. Botanik

Ähnlich der Untersektion Zoologie behandelte die Untersektion Botanik primär die Fixierung laufender, flüchtiger Ereignisse, etwa des Ausschleuderns von Samen.
Auch hier wurde oft mit Zeitrafferaufnahmen gearbeitet, um für das menschliche Auge nicht sichtbare Bewegungsvorgänge erfassbar zu machen. 

1.3. Mikrobiologie

Die Untersektion Mikrobiologie beinhaltete alle mikroskopisch erfassbaren Erscheinungen in der Biologie auf Ebene der Zelle.
Man versuchte dabei, Verhaltensweisen wie etwa die Vermehrung, Koloniebildung, Bewegung, Nahrungsaufnahme etc. von Zellen (vgl. Wolf 1975:79) zu untersuchen.
Auch Bewegungsvorgänge wie etwa die Zellteilung (normal, chemisch oder physikalisch beeinflusst), die Phagozythose etc. wurden in den 4 bis 8 Minuten langen Filmen behandelt. 

2. Technik

„Diese Sektion umfaßt die Filmdokumentation auf dem Gebiet der technischen Wissenschaften mit Einschluß der Technik. […] Auf dem Gebiet der technischen Wissenschaften besteht die Aufgabe, die Bewegungsvorgänge und Verhaltensweisen der Stoffe im Film zu dokumentieren.“ (vgl. Wolf 1975:92) Der Fokus wurde dabei auf den Werkstoff Metall gelegt. Die Dokumentationsauflage lag hier bei der Erfassung der Gefüge-Veränderungen und Umwandlungserscheinungen unter verschiedenen äußeren Bedingungen.

3. Ethnologie

Während die genaue Dokumentation des Filmschaffens, das Reglement für die Aufnahme und die Montage eines Filmes zu einer stilistischen Vereinheitlichung der Filme im Bereich der Biologie (Zoologie, Botanik, Mikrobiologie) und den technischen Wissenschaften führte, bewirkte sie im Bereich der Ethnologie eine Einschränkung der Themenauswahl. 
Sektion Völkerkunde und Volkskunde
Die ersten völkerkundlichen Filmaufnahmen am ehemaligen IWF begannen Mitte der 1950er Jahre. Dabei ist zu erwähnen, dass laut Wolf die größte Schwierigkeit darin bestand, bereits vorhandene und von Amateuren gedrehte Aufnahmen wissenschaftlich aufzuarbeiten. (vgl. Wolf 168:115) Ethnologische Filme der Encyclopaedia Cinematographica befassten sich in erster Linie mit materieller Kultur, Nahrungsproduktion, Tanz sowie sichtbaren Teilen von Ritualen. (vgl. Husmann. In: Engelbrecht 2007:387ff)
Die Leitung des Referats für Völkerkunde am IWF übernahm Günther Spannaus, der spätere Ordinarius für Völkerkunde an der Universität Göttingen. Im Jahr 1959 formulierte dieser zwölf Leitsätze, welche die „Wissenschaftlichkeit“ der ethnologischen EC-Filme garantieren sollten.

  1. Wissenschaftlicher Film ist ein „optisches Dauerpräparat von Bewegungsvorgängen“.
  2. In der Anthropologie beinhalten solche „in sich geschlossenen“ Bewegungsabläufe technische Prozesse (z. B.: Töpferei), ökonomische Aktivitäten, Tänze und Bewegungsprozesse in Verbindung mit Musik.
  3. Da es in der Regel unmöglich ist, Bewegungsabläufe in ihrer Gesamtheit zu filmen, soll sich der ethnologisch-wissenschaftliche Film auf die „repräsentativen“ Teile konzentrieren.
  4. Die Kamerapositionen sollten sich nach der Anforderung der Aufnahme der „repräsentativen“ Teile richten. Der Wechsel von Totale und Nahaufnahme soll sich nach dem Inhalt richten (z. B. erfordert eine handwerkliche Tätigkeit mehr Nahaufnahmen als ein Hausbau).
  5. Einsatz von Kameraschwenks oder Übersichtsaufnahmen zur Verbindung von verschiedenen Orten.
  6. Der „anthropologische Typus“ sollte in diesen Filmen erfasst werden: „Zur völkerkundlichen Aufnahme gehört die Erfassung des anthropologischen Typus der betreffenden Bevölkerung in Mittelnah- und Nahaufnahmen, wenn notwendig im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen (z. B. Zwerge – Neger, evtl. auch Neger – Weiße).“ [Anmerkung der Verfasserin: Die Kategorisierung von Personen anhand von körperlichen Merkmalen, verweist auf die Vorstellung der Existenz von menschlichen Rassen und somit auf die Rassentheorien, die vor allem zur Zeit des Nationalsozialismus in der Völkerkunde verbreitet waren.]
  7. Um eine Einordnung in den kulturellen Kontext zu ermöglichen, und alle wichtigen Teilbereiche erfassen zu können, sind spezielle Kenntnisse der Vorgänge erforderlich.
  8. Synchrone Tonfilmaufnahmen erfordern technisches Expertenwissen, das ein Ethnologe als Filmamateur in der Regel nicht besitzt.
  9. Vor Beginn der Aufnahmen sollte der Ethnologe eine Liste der zu filmenden Motive erstellen.
  10. Ziel eines wissenschaftlich-ethnologischen Films ist es, der Realität möglichst nahe zu kommen. Um dies zu erreichen, sollte der Ethnologe Kultur und Menschen sehr gut kennen sowie sich durch Sprachkenntnisse verständigen können.
  11. Genaue Protokollierung während des Filmens ist für die wissenschaftliche Dokumentation notwendig.
  12. Die obenstehenden Richtlinien gelten für die Bereiche Völkerkunde und Volkskunde.

Spannaus‘ Leitsätze hatten bis in die 1970er und 1980er Jahre starken Einfluss auf die Herstellung ethnologischer Filme beim deutschen IWF. (vgl. Husmann. In: Engelbrecht 2007:388)
Damit ein Film in die Encyclopaedia Cinematographica aufgenommen wurde, musste dieser vor einem internationalen Expertenausschuss bestehen.
Auch in Österreich sollten Spannaus‘ Leitsätze für den ethnologischen Film als Richtlinien gehandhabt werden, ihre Anwendung und Kontrolle auf Einhaltung erfolgte ab den 1990er Jahren jedoch auf eine recht lockere Art und Weise – wie im Folgenden gezeigt werden wird.

Das Österreichische Bundesinstitut für den Wissenschaftlichen Film (ÖWF)

Die Kinematografie hatte sich als wissenschaftliche Methode der Aufzeichnung in Österreich bzw. Wien bereits Anfang der 1920er Jahre durchgesetzt.
Erste wissenschaftliche Filme entstanden z. B. am 1922 unter Paul Schrott eingerichteten „Übungslabor für Kinematographie“ an der Technischen Hochschule Wien, im Fachbereich Zoologie mit den mikrokinematografischen Aufnahmen von Otto Storch oder am Universitätsinstitut für Orthopädische Chirurgie bei Adolf Lorenz (vgl. Hermann. In: ZWF Nr. 33, 1985:7); eine länger bestehende Institutionalisierung, ähnlich wie in Deutschland, erfolgte allerdings erst nach 1945.
1945 wurde die (Bundes-)staatliche Hauptstelle für Lichtbild und Bildungsfilm (SHB) in Wien gegründet.
Ihre Aufgaben lagen in erster Linie im schulischen und volksbildnerischen Bereich. Zu den Tätigkeiten der Institution gehörten das Sammeln, der Verleih und die Produktion von audiovisuellen Dokumenten.
In den Folgejahren wurde dieser Aufgabenbereich unter ihrem Direktor Adolf Hübl um die Agenden wissenschaftliche Filmdokumente und Hochschullehrfilm erweitert.
Die Institution wurde Mitglied in der International Scientific Film Association (ISFA) und 1957 wurde die Encyclopaedia Cinematographica zu einer internationalen Gemeinschaftsarbeit ausgebaut, an der auch Österreich beteiligt war.
1962 wurde Dankward G. Burkert mit dem Aufbau der Abteilung Wissenschaftlicher Film an der Bundesstaatlichen Hauptstelle für Lichtbild und Bildungsfilm (Direktor war zu dieser Zeit Paul Ullmann) betraut, die auch eine eigene Zeitschrift „Mitteilungen der Abteilung wissenschaftlicher Film“ herausgab.
Die Zeitschrift „Wissenschaftlicher Film“ war eigentlich als Nachrichtenblatt konzipiert, entwickelte sich jedoch zunehmend zu einem relevanten Publikationsorgan, in dem Begleitveröffentlichungen zu den hergestellten Lehrfilmen, wissenschaftlichen Filmdokumenten und Forschungsfilmen publiziert wurden.
In den ersten zehn Jahren ihres Bestehens wurde die Abteilung mit wichtigen technischen Einrichtungen ausgestattet – wie etwa eine Drehprismenkamera für Zeitlupenaufnahmen – die ein Filmschaffen ermöglichten, das dem damaligen Standard im Bereich des wissenschaftlichen Film entsprach.
In dieser Zeit wurde auch das Verleiharchiv an wissenschaftlichen Filmen wesentlich erweitert (von 381 auf 1827 Titel, Bestandskataloge wurden 1963 und 1968 herausgegeben) und es entstanden 141 selbst produzierte wissenschaftliche Filme.
Auch die Zusammenarbeit mit der Encyclopaedia Cinematographica wurde fortgesetzt, die Abteilung verfügte in dieser Zeit über ein Vollarchiv dieser internationalen Sammlung wissenschaftlicher Filmdokumente. Methodisch wurden z. T. neue Wege in der Filmproduktion beschritten: So wurden beispielsweise eine Reihe ethnologischer Lehrfilme aus dem Bereich Technologie und Ergologie produziert, in denen – im Gegensatz zum rein Dokumentarischen – gestellte Modellbeispiele aufgebaut wurden, die das Wesentliche bzw. Typische herausstellen sollten.
Die Hauptaufgaben dieser Abteilung lassen sich in vier wesentlichen Punkten zusammenfassen:

  1. Die Herstellung von Filmen für wissenschaftliche Zwecke
  2. Die Sammlung und Archivierung wissenschaftlicher Filme und der Verleih an wissenschaftliche Institute
  3. Die Erforschung und Weiterentwicklung der methodischen Grundlagen der wissenschaftlichen Kinematografie
  4. Die internationale Vernetzung (inkl. Austausch wissenschaftlicher Filme)

(vgl. Burkert. In: Wissenschaftlicher Film in Forschung und Lehre; 1972:14-16)
1972 wurde diese Abteilung als selbstständige Dienststelle in „Bundesstaatliche Hauptstelle für Wissenschaftliche Kinematographie“ (BHWK) umbenannt und in das neu geschaffene Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung integriert.
Sitz der Institution war in Wien in der Schönbrunner Straße 56. (vgl. Burkert In ZWF Nr.13; 1972:3)
Dankward Burkert – nun Direktor der neuen Dienststelle – war viele Jahre Vizepräsident der International Scientific Association (ISFA) und auch akademisch verankert. 1962/63 erhielt er einen Lehrauftrag über das Fach „Wissenschaftlicher Film“ an der damaligen Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien.
1964 wurde Burkert mit dem Lehrauftrag „Herstellung wissenschaftlicher Filmdokumente im Rahmen der ethnologischen Feldforschung“ am Institut für Theaterwissenschaften betraut.
Seit 1963 war er Mitglied des Internationalen Redaktionsausschusses der „Encyclopaedia Cinematographica“ und erarbeitete im Jahr 1980 neue Richtlinien für die EC. (vgl. Levenitschnig. In: ZWF Nr.30; 1983:6f)
Siegfried Hermann – Burkerts Nachfolger – zufolge definierte Burkert 1972 die wesentlichen Aufgabenstellungen des BHWK mit der „Durchführung kinematographischer Aufnahmen und die Herstellung von Filmen für wissenschaftliche Zwecke im Rahmen von Forschungsarbeiten, in Form wissenschaftlicher Filmdokumente zum Zwecke der wissenschaftlichen Auswertung, für den wissenschaftlichen Unterricht“.
Seine Abhandlung differenziert zwei Filmtypen, die für die zukünftigen Arbeiten am BHWK und seinem Nachfolgeinstitut essentielle Genres darstellen sollten: das wissenschaftliche Filmdokument sowie der Hochschullehrfilm. (vgl. Hermann. In: ZWF Nr. 33; 1985:8)
1983 wurde Siegfried Hermann zum neuen Direktor der BHWK bestellt (vgl. Levenitschnig. In: ZWF Nr. 30, 1983:5) die im folgenden Jahr in Österreichisches Bundesinstitut für den Wissenschaftlichen Film (ÖWF) umbenannt wurde. Organisatorisch war das Institut in die Direktion, die Produktion und in die Administration geteilt.
Laut Hermann bildete die Direktion das zentrale Management bzw. die Produktionsleitung.
Die Produktionsleitung entschied dabei primär über die Realisierbarkeit von Filmprojekten.
Die Produktion setzte sich aus allen Mitarbeiter/innen zusammen, „die eine filmtechnische bzw. filmgestalterische Aufgabe erfüllen (Drehbuch, Gestaltung, Kamera, Kameraassistenz, Ton, Schnitt, Aufnahmeleitung.“
Die Administration übernahm die organisatorischen und administrativen Tätigkeiten. Sie umfasste das Sekretariat, das Archiv, den Verleih sowie die Rechnungsführung. (vgl. Hermann. In: ZWF Nr. 34/35, 1985:18)

Die „Encyclopaedia Cinematographica-Einheit“ aus österreichischer Sicht. Einblick in Entstehungsprozesse und Methodik

Siegfried Hermann sah im wissenschaftlichen Film eine „hochspezialisierte Ausformung des Filmmediums“, der eine Stellvertreterfunktion des Wissenschaftlers/der Wissenschaftlerin übernimmt. (vgl. Hermann. In: ZWF Nr. 33, 1985:9)
Die Hauptaufgabe des ÖWF lag in der Herstellung dieser wissenschaftlichen Filme.
Neben der Herstellung von Forschungsfilmen, Dokumentationsfilmen und Universitäts- bzw. Hochschulfilmen waren es vor allem die EC-Einheiten, die die Archive auf internationaler Ebene verbanden.
Die in Göttingen von Günther Spannaus etablierten Rahmenbedingungen zu den EC-Einheiten (s.o.) sollten dazu beitragen, diese fächerübergreifend nutzbar zu machen.
Während das IWF in Göttingen strikte Standards für die wissenschaftliche EC-Einheit etablierte, formulierte Hermann vorsichtiger und gab „Orientierungshilfen zum enzyklopädischen Film, wie sie in Österreich durchgeführt werden […].“ (vgl. Hermann. In: ZWF Nr. 36/37, 1987:10)
Dieses Thema – das ÖWF und die EC – wird weiter unten noch ausführlicher behandelt.
Im Folgenden soll die Herstellung eines wissenschaftlichen Filmdokumentes am ehemaligen Österreichischen Bundesinstituts für den Wissenschaftlichen Film beschrieben werden.
Hervorzuheben ist in diesem Kontext, dass einige Angestellte des ehemaligen Österreichischen Bundesinstituts für den Wissenschaftlichen Film ein Studium an der Universität Wien im Bereich der Ethnologie, Biologie etc. absolviert hatten, eine Film- und Medienausbildung hatte jedoch niemand.
Erst unter Hermann wurden Absolvent/innen der Filmakademie angestellt, was für zusätzliche Professionalität sorgte und den Austausch mit der Filmakademie förderte.
Barth und Näser bezeichnen diese Zusammenarbeit von Forscher/innen und Filmemacher/innen als doppelte Praxis. (vgl. Barth und Näser. In: Ziehe und Hägele 2011:9)
Diese doppelte Praxis war auch durch die Zusammenarbeit mit externen, meist von der Universität stammenden Wissenschaftler/innen gegeben. Durch diese Zusammenarbeit erklärt sich eine gewisse Streuung der regionalen Schwerpunktsetzungen in den ethnologischen Filmen.
Die Realisierung eines Projektes lief, wie sowohl Werner Zips – einer der wissenschaftlichen Filmemacher – es in dem am 17. Juni 2014 geführten Interview als auch Siegfried Hermann feststellen, immer gleich ab.
Der/die Wissenschaftler/in trat mit einem konkreten Projektvorschlag an das ÖWF heran. Dies geschah meist mittels eines Exposés über die „Notwendigkeit des Filmvorhabens“.
Je nach Aufgabenstellung konnte das Drehbuch vor oder nach einer Filmherstellung verfasst werden.
Für Hermann stellte das Drehbuch ein wichtiges Indiz dafür dar, ob eine Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftler/in und Filmgestalter/in kooperativ verlief. (vgl. Hermann. In: ZWF Nr. 36/37, 1987:13; Interview Zips 2014).
Genehmigte der Direktor des ÖWF das Filmprojekt, musste ein Finanzierungsplan erstellt werden. Die Projektfinanzierung lief dann in den meisten Fällen über den Österreichischen Forschungsfond, bei dem Projektantrag, Kostenvoranschlag etc. eingereicht werden mussten. In den seltensten Fällen kam es zu einer Finanzierung durch Externe (Privatpersonen, Museen etc.).
Als ein Beispiel sei hier das von Werner Zips eingereichte Filmprojekt „Accompong – Schwarze Rebellen in Jamaica“, das die Unabhängigkeitsfeier der Maroons auf Jamaica zum Inhalt hatte, vorgestellt. Mit den Dreharbeiten zu diesem Projekt wurde 1989 begonnen.
Die Materialkosten – gedreht wurde auf 16mm – waren im Vergleich zu den heutigen digitalen Trägern enorm hoch.
Dazu kam, dass man, abhängig von Ausmaß des Projektes, zwei Kameras und einen Toningenieur brauchte, um komplexe Handlungen aufzuzeichnen.
Said Manafi erklärt die Notwendigkeit zweier Kameras folgendermaßen: „Bei manchen Filmen habe ich eine zweite Kamera eingesetzt, weil es inhaltlich notwendig war, Parallelhandlungen festzuhalten. Nehme ich die Parallelhandlung nicht auf, versteht der Rezipient nicht, worum es geht. Das führte früher dazu, dass man 50 Seiten Begleitveröffentlichung hatte, oder man musste stundenlang erzählen, was man nicht sehen kann ...“.
Neben dem Einholen von Genehmigungen zum Filmdreh, den anlaufenden Vorbereitungen und den anschließenden Dreharbeiten selbst, brauchte es beim tatsächlichen Filmdreh vor allem eines – Zeit.
Manafi formuliert es so: „Man kam vorbereitet ins Feld und alles kam anders.“ (vgl. Interview Manafi 2014)
Die Gestaltung der wissenschaftlichen Filme unterlag dabei im Lauf der Zeit –  sozusagen auf dem Weg von der BHWK zum ÖWF – einem nicht unbeträchtlichen Wandel.
Während man an der BHWK, der Vorgängerinstitution des ÖWF, bei Dreharbeiten den Ton nur dann mit aufnahm, wenn dieser für den Film als erklärend galt, kam es unter Siegfried Hermann zu einem Paradigmenwechsel, der als Reaktion auf die technischen Neuerungen zu verstehen ist.
Bei der BHWK war der Großteil der älteren „Tonfilme“ ohne Originalton gedreht worden. Ein „bild-synchroner“ Originalton wurde nur dann für nötig erachtet, wenn diesem eine „tragende Rolle" zukam.
Grund dafür war, dass das Drehen mit Originalton weiteres technisches Equipment erforderte und einen Mehraufwand darstellte. So mussten vor jeder Einstellung auf ein Zeichen hin erst das Tonband und dann die Kamera gestartet werden. Durch das Schlagen der Filmklappe wurde ein Referenzton erzeugt, der die Synchronisation von Ton und Bild am Schneidetisch vereinfachte.
Bevor am BHWK 1977/78 synchrontonfähiges Equipment angekauft wurde (ARRI SR II, sowie eine NAGRA IV), wurde mit schweren Kameras und Tonbandgeräten (ARRI ST mit Netzsynchronmotor im ARRI-Blimp sowie einer Perfomaschine – Kamera und Perfomaschine wurden durch das Schlagen der Filmklappe synchronisiert) gearbeitet.
Diese Technik war jedoch für einen mobilen Einsatz unbrauchbar, weshalb man es am ÖWF bevorzugte, eine laufleise Kamera und ein Nagra-Tonbandgerät zu mieten.
Neben Gründen der damals vorherrschenden Methodik, war es auch der technische Mehraufwand, der dazu beitrug, dass Filme „stumm“ gedreht wurden.
Aufgrund dieser Umstände wurde bis in die 1980er Jahre der Filmkommentar als unumgänglich und professionell erachtet. Lipp und Kleinert ziehen hier eine Parallele zu den im Fernsehen ausgestrahlten Dokumentarfilmen der 1980er Jahre, deren „dramaturgische Grundlage“ ein „meist von einer Autorität ausstrahlenden, männlichen Sprecherstimme vorgetragenes Kommentar“ war. (vgl. Lipp und Kleinert. In: Ziehe und Hägele 2011:17)
Siegfried Hermann schreibt jedoch in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1987: „Der ideale enzyklopädische Film benötigt keinen Kommentar.“ Denn das Bild und der Originalton (sofern vorhanden) sollten selbsterklärend sein.
Sollte es jedoch vorkommen, dass „bestimmte Einstellungspassagen zu wenig dargestellt sind“, konnte man einen Kommentar einsetzen. Dieser sollte den/die Zuschauer/in nicht ablenken und er sollte nicht interpretativ sein. Dabei galt die „Faustregel: Die Länge des wissenschaftlichen Filmkommentars soll nur einen Bruchteil, maximal die Hälfte der Filmlaufzeit betragen. Schachtelsätze sind zu vermeiden. Der Filminhalt soll in knapper, einfacher Form vermittelt werden. Der Filmkommentar ist so gut wie der Wissenschaftler, der ihn bearbeitet.“ (Hermann. In: ZWF Nr. 36/37, 1987:13)
Was nun das rigide Reglement der Encyclopaedia Cinematographica betrifft, so war vorgesehen, dass Filmeinheiten für die Forschung und nicht für die Lehre gedacht waren.
Sieht man sich aus heutiger Sicht EC-Einheiten an, so fällt einem vor allem eines auf: ihre Kürze.
Die Dauer einer EC-Einheit beträgt meist nicht mehr als 20 Minuten und es werden Themenatome wie Bewegungsvorgänge bei Tieren oder Menschen oder Operationen gezeigt.
Dieser Ansatz – „optische Dauerpräparate von Bewegungsvorgängen“ herzustellen – passt nicht zur Darstellung ethnologischer Sachverhalte der Kategorien materieller Kultur oder Ritual.
Daher die Kritik Said Manafis: „Im ethnologischen Kontext war die EC-Einheit schwer umzusetzen. Sah man sich eine EC-Einheit an, wusste man nicht, worum es geht.“

Dieses In-Frage-Stellen der bisherigen Gestaltungsgrundsätze der Encyclopaedia Cinematographica wurde auch durch die allgemeine technische und wissenschaftsgeschichtliche Entwicklung im Bereich des ethnologischen Films gestützt.
Während man bis 1980 die Filmkamera nur als ergänzendes Mittel der Feldforschung betrachtete, begann man in den darauf folgenden Jahren, die Kamera als Bindeglied zwischen Forschungsfeld und Theorie zu verstehen. Neue methodische Zugänge ab den 1980er Jahren mündeten in eine Forderung nach einer verstärkten Reflexion der Rolle der Kameraführung in der ethnologischen Feldforschung und Forschungsdokumentation und führten zu einer neuen Betrachtung der Kamera als ethnologisches Forschungsinstrument. (vgl. Lipp und Kleinert. In: Ziehe und Hägele 2011:15)
Diese zog auch eine Veränderung im wissenschaftlich-ethnologischen Film nach sich. War man es bisher gewohnt, nur Handlungsabläufe, Sequenzen religiöser Rituale etc. festzuhalten, erkannte man nun die Notwendigkeit, auch auf die Rahmenbedingungen einzugehen, unter denen diese Handlungsabläufe stattfanden.
Die vom ÖWF nach neuen Grundsätzen hergestellten ethnologischen Filme entzogen sich somit den Dogmen der Encyclopaedia Cinematographica.
Gedreht wurden „komplette Filme“, wie Said Manafi es formuliert. Aus diesen kompletten Filmen konnte man freilich sehr wohl auch EC-Einheiten extrahieren.
Ein gutes Beispiel dafür stellt der 1985 gedrehte Film „Timghriwin – Kollektive Erstverheiratung im Hohen Atlas“ dar. Aufgrund der Befürchtung, der 100-minütige Film würde nicht in die Encyclopeaedia Cinematographica aufgenommen, teilte man den Film in elf EC-Einheiten:

Die Filme des ÖWF wurden durch Begleitpublikationen ergänzt. Hier konnten die wissenschaftlichen Autoren/innen ihre Forschungsarbeit publizieren. Ferner wurden die Umstände der Aufnahme des Filmes dargestellt und die dabei angewendeten gestalterischen und technischen Methoden erläutert. Ergänzt wurden diese Begleitpublikationen mit Nachrichten zum aktuellen Geschehen im ÖWF.   
Aus den im Rahmen des Projekts „Wissenschaftlicher Film“ (s.u.) geführten Interviews mit wissenschaftlichen Mitarbeitern des ehemaligen ÖWF geht hervor, dass die Begleitveröffentlichung einen besonderen Stellenwert im Schaffen des ÖWF einnahm. So diente sie meist zur Ergänzung bzw. Erläuterung der hergestellten Lehr- und Forschungsfilme.

Die Auflösung des ÖWF

Ab dem Ende der 1990er Jahre wurden verstärkt Anstrengungen unternommen, mit den Arbeiten des ÖWF in die Öffentlichkeit zu gehen und eine engere Zusammenarbeit mit der Österreichischen Filmakademie zu erreichen. So kam es zur Gründung der Vorlesungsreihe „Wissenschaftlicher Film“ an der Filmakademie Wien, die Studierenden Einblick in die wissenschaftliche Filmproduktion gewährte sowie zur Aufnahme einiger Absolvent/innen der Akademie als Mitarbeiter/innen des ÖWF führte. Dies ging nicht ohne gewisse Anlaufschwierigkeiten, Kommunikationsprobleme und unterschiedliche Ansichten über Filmmethodik zwischen alten und neuen Bediensteten vor sich.
Herman Lewetz einer der „Neuen“ am ÖWF – erklärt diese Situation in einem Interview folgendermaßen „Ein Diskussionsthema war sicher die Definition der Gestaltung. Es gab welche, die gemeint haben, wir bilden hier Wirklichkeit ab, hier darf nicht gestaltet werden. Und es gab die andere Seite […], dass in dem Moment, wo ich Film in die Hand nehme – gestalte ich.“ (vgl. Interview Lewetz 2014)
Trotz der geschilderten Kurskorrekturen des Institutes wurde das ÖWF schließlich 1997 durch seinen Träger, das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, geschlossen. Die Gründe dafür wurden nicht ausreichend öffentlich kommuniziert. Mangels einer detaillierten Untersuchung dieses Vorganges, die der herrschenden Quellenlage geschuldet ist, kann nur vermutet werden, dass – neben rechtlichen, organisatorischen und vielleicht auch persönlichen Gründen – die allgemeine technische und mediale Entwicklung eine Rolle spielte. Sie machte es vielen Universitätsinstituten möglich – oder schien es ihnen möglich zu machen – wissenschaftliches Filmmaterial anderwärts zu beschaffen oder in Eigenregie anzulegen. Dass die österreichische Medienstruktur durch das Ende des ÖWF, der auf ein methodisch geschultes und technisch gut ausgerüstetes Planungs- und Aufnahmeteam zurückgreifen konnte, einen schweren Verlust erlitten hat, kann nicht geleugnet werden. Die Produktion wissenschaftlicher Filme an einem eigens dafür eingerichteten wissenschaftlichen Institut kam zum Stillstand. Auch wenn mit der Übersiedelung wichtiger Mitarbeiter/innen und des Kernes des Archivs des ÖWF in die Österreichische Mediathek – damals noch Österreichische Phonothek – eine Benützung des wesentlichen Bestandes sichergestellt ist, ist mit dem Ende der Filmproduktion eine Lücke im Bereich dieses Instrumentariums wissenschaftlicher Forschung entstanden.

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Hermann Lewetz: Zur Sammlungsgeschichte des ÖWF-Bestands

Der Verbleib des Filmbestands des Österreichischen Bundesinstituts für den wissenschaftlichen Film (ÖWF)

Mit der Schließung des ÖWF im Jahr 1997 wurde der ehemals geschlossene Bestand auf mehrere Institutionen aufgeteilt. Ein genauer Schriftverkehr über den Verbleib der einzelnen Filme ist bei den betroffenen Institutionen nicht vorhanden. Die Österreichische Mediathek konnte im Jahr 1999 den Kernbestand des ÖWF-Archivs, vor allem die Eigenproduktionen, mit allen bestehenden Rechten übernehmen. Entsprechend den Aufgaben der Österreichischen Mediathek (Präsenzarchiv und Sammlung mit Österreichbezug) wurde der Verleih eingestellt. Der Großteil der Filme, die keine Eigenproduktionen des ÖWF waren, sondern Ankäufe (vor allem vom IWF in Göttingen), die in erster Linie für die Lehre an Universitäten eingesetzt wurden, wurde an die einschlägigen Universitätsinstitute abgegeben. Hier waren es an der Universität Wien vor allem das Institut für Ethnologie, die Bibliothek des Biozentrums und das Institut für Zoologie. Kleinere Bestände gingen auch an das Institut für Psychologie der Universität Wien und die Universität für Bodenkultur in Wien. Der Großteil dieser Bestände ist heute nicht mehr oder sehr schwer zugänglich – im Gegensatz zu den in der Österreichischen Mediathek befindlichen Filmen, die nun vollständig im (Online-)Katalog erfasst sind. Jene Filme, bei denen es die urheberrechtlichen Rahmenbedingungen erlauben, sind auch online abrufbar.
Der in der Österreichischen Mediathek vorhandene Bestand des ÖWF umfasst insgesamt rund 800 Schwarz-Weiß- und Farbfilme (16-mm-Film, 35-mm-Film, U-Matic, Betacam SP, Digital Betacam – insgesamt sind das rund 1450 Filmrollen sowie 1750 Videokassetten), die vom ÖWF allein oder zusammen mit Universitätsinstituten sowie Forscherinnen und Forschern produziert wurden. Diesen Bestand ergänzen Kataloge, Zeitschriftenreihen sowie Filmakten (inklusive Begleitpublikationen, die den filmischen Prozesses verschriftlichen) zu den einzelnen Produktionen.
Die Filmnegative des ÖWF lagern nicht im Archiv der Österreichischen Mediathek, sondern im Zentralfilmarchiv Laxenburg (Filmarchiv Austria) unter den für Filmnegative idealen klimatischen Bedingungen (Anmerkung: die ideale Lagertemperatur für Filmnegative ist deutlich niedriger als die Lagertemperatur für andere Arten von audiovisuellen Medien wie etwa Filmpositive oder Videokassetten).
Der inhaltliche Schwerpunkt dieses Bestandes in der Österreichischen Mediathek beschränkt sich vor allem auf die Fachdisziplinen Kultur- und Sozialanthropologie sowie europäische Ethnologie (rund 30%), Biologie (rund 10%) und Medizin (rund 10%), daneben finden sich Bestände zu folgenden Wissenschaftsdisziplinen: Chemie, Physik, Technik, Kulturgeschichte, Archäologie, Zeitgeschichte, Architektur, Religion sowie Psychologie. Die Filme sind kulturhistorisch von großer Bedeutung; so wurde 2014, neben 18 weiteren bedeutenden historischen österreichischen Dokumenten, die Sammlung des Österreichischen Bundesinstituts für den Wissenschaftlichen Film in das Österreichische Memory of the World-Register aufgenommen.

Das Forschungsprojektes „Wissenschaft als Film“ (gefördert vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank, Projektnummer 14924) widmete sich vor allem dem Bereich der ethnologischen Sammlung. Diese Sammlung besteht aus 307 Filmen des Referates Ethnologie, welches im Jahr 1978 ursprünglich unter der Bezeichnung Referat Volkskunde/Völkerkunde am Österreichischen Bundesinstitut für den Wissenschaftlichen Film eingerichtet wurde. (Waltner. In: ZWF Nr. 34/35, 1986:12) Bei dem Bestand teilt sich auf in 120 volkskundliche Filme sowie 187 Filme, die der Ethnologie/Völkerkunde zuzurechnen sind. Diese Einteilung in volkskundliche bzw. völkerkundliche Filme folgt weitgehend der damaligen Logik der Institution sowie der damaligen wissenschaftlichen Institutionalisierung. Dabei ist zu beachten, dass diese Zuordnung aus heutiger Sicht sehr subjektiv ist.

Besonders in einen historischen Kontext gesetzt, vermitteln diese Filme, neben den gezeigten Inhalten eine Fülle an Informationen. Ähnlich Barbara Wolberts Überlegungen zur Fotografie, können auch diese Filme Antworten auf Fragen geben, die gar nicht gestellt wurden, und uns optisch unbewusste Momente bewusst machen. (vgl. Wolbert 1998:215)
Ein ehemaliger Mitarbeiter des ÖWF und der Österreichischen Mediathek, Said Manafi, wurde im Rahmen der laufenden Interviewreihe des Projekts „Wissenschaft als Film“ über die historische Bedeutung der Filme des ÖWF befragt und antwortete folgendermaßen: „Alle Filme haben eine Bedeutung. Diese Filme, ob jetzt qualitativ gut oder schlecht, sind das audiovisuelle Gedächtnis unserer Zeit, Epoche und Kultur.“ (vgl. Interview Manafi 2014). Damit antwortete Manafi ganz im Sinne des Schweizer Filmregisseurs Hans-Ulrich Schlumpf. „Der Film und insbesondere der dokumentarische haben eine innerer Affinität zur Ethnographie und zur Ethnologie. Man kann sagen, daß jeder Film – auch der Spielfilm in einem gewissen Sinne – ethnographisches Quellenmaterial darstellt.“ (Schlumpf. In: Husmann 1987:52)

 

(Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Verena Kubicek)

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Said Manafi: " ... alle Filme haben eine Bedeutung ..."

Literatur

  • Barth, Manuela; Hägele, Ulrich; Näser, Thomas; Ziehe, Irene; 2011: Fotografie und Film: Forschungsfeld und wissenschaftliche Methode. In Ziehe, Irene und Hägele, Ulrich: Visuelle Medien und Forschung – Über den wissenschaftliche-methodischen Umgang mit Fotografie und Film, Für das Museum Europäische Kulturen – Staatliche Museen zu Berlin; Waxmann 2011; Seiten 9-15.
  • Burkert, Dankward; April 1972: Zehn Jahre Abteilung Wissenschaftlicher Film. In: Zeitschrift Wissenschaftlicher Film Nr. 13; 1972:3)
  • Hermann, Siegfried; Juni 1985: Der wissenschaftliche Film – Ein Instrument der partizipativen Planung. In: Zeitschrift Wissenschaftlicher Film Nr. 33; Seite 7ff.
  • Hermann, Siegfried; Juni 1986: Richtlinien bei der Produktion wissenschaftlicher Filme am Österreichischen Bundesinstitut für den Wissenschaftlichen Film (ÖWF). In: Zeitschrift Wissenschaftlicher Film Nr. 34/35; Seite 18ff.
  • Hermann, Siegfried; Juni 1987: Orientierungshilfen bei der Gestaltung von wissenschaftlichen Filmen für die ENCYCLOPAEDIA CINEMATOGRAPHICA, aus der Sicht des Österreichischen Bundesinstitutes für den Wissenschaftlichen Film. In: Zeitschrift Wissenschaftlicher Film Nr. 36/37; Seite 7ff.
  • Husmann, Rolf; 1952: Post-War Ethnographic Filmmaking in Germany. Peter Fuchs, the IWF and the Encyclopaedia Cinematographica. In: Engelbrecht, Beate (Hg.): Memories of the Origins of Ethnographic Film; Peter Lang Verlag; Seiten 381 – 395.
  • Lakatha, Emmerich; Juni 1989: Beitrag zur Rechtssicherheit bei der Herstellung von wissenschaftlichen Filmen durch wissenschaftliche Institutionen. In: Zeitschrift Wissenschaftlicher Film Nr. 40; Seite 97ff.
  • Levenitschnig, Peter; April 1983: Hofrat Prof. G. Burkert 60 Jahre. In: Zeitschrift Wissenschaftlicher Film Nr. 30; BHWK; Seite 5ff.
  • Lipp, Thorolf; Kleinert, Martina; 2011: Im Feld – im Film – im Fernsehen. Über filmende Ethnologen und ethnografierende Filmer. In: Ziehe, Irene und Hägele, Ulrich: Visuelle Medien und Forschung – Über den wissenschaftliche-methodischen Umgang mit Fotografie und Film, Für das Museum Europäischer Kulturen – Staatliche Museen zu Berlin; Waxmann 2011; Seiten 15 – 49.
  • Lüem, Barbara und Galizia, Michele; 1987: Versuch einer Typologisierung des Ethno-Film. In: Husmann, Rolf (Hg.): Mit der Kamera in fremden Kulturen – Aspekte des Films in Ethnologie und Volkskunde; Emsdetten: Gehling Müller; 1987; Seiten 23 – 35.
  • Wolf, Gotthard; 1975: Der Wissenschaftliche Dokumentationsfilm und die Encyclopaedia Cinematographica; IWF; Göttingen.
  • Interview mit Hermann Lewetz geführt am 17.10.2014 in der Österreichischen Mediathek
  • Interview mit Said Manafi geführt am 26.08.2014 in der Österreichischen Mediathek
  • Interview mit Werner Zips geführt am 17.06.2014 in der Österreichischen Mediathek
  • Interview mit Norbert Mylius geführt am 15.07.2014 in der Österreichischen Mediathek
  • Spannaus, Günther: Leitsätze zur völkerkundlichen und volkskundlichen Filmdokumentation. In: Research Film Vol. 3; No. 4; 1959; 234 – 238.
  • Schlumpf, Hans-Ulrich; 1987: Warum mich das Graspfeilspiel der Eipo langweilt. In: Husmann, Rolf (Hg.): Mit der Kamera in fremden Kulturen. Göttingen 1987. Seiten 49 – 65.
  • Waltner, Lisl: Das Referat Volkskunde und Völkerkunde am ÖWF. In: Wissenschaftlicher Film Nr. 34/35 (1986) 12.
  • Wolbert, Barbara; 1998: Der Anthropologe als Photograph. Bemerkungen zu einem blinden Fleck der visuellen Anthropologie In: Aufsätze-Historische Anthropologie-6; Seiten 200 – 216.