Der Wiener Heldenplatz

Der Wiener Heldenplatz ist ein Ort mit außergewöhnlich vielen Fa­cet­ten. Zahl­reiche Touristinnen und Touristen halten inne, um den Platz auf sich wirken zu lassen, die Fassade der Hof­burg zu be­wun­dern oder die Fiaker zu be­staunen. Mit seinen Museen, der National­biblio­thek und den Prunk­räumen, die für Ban­kette und Ball­ver­an­stal­tungen ge­nützt werden, ist der Helden­platz ein wichtiger Ort der kulturellen Be­gegnung. Als zentraler Raum im historischen Machtzentrum Wiens verbindet er Vergangenheit und Gegenwart auf besonders sichtbare Weise. Ebenso bietet der Helden­platz Raum für all­tägliche Feste und Feier­lich­keiten wie bei­spiels­weise jenen zum National­feier­tag, aber auch für Ver­an­stal­tungen rund um das Ernte­dank­fest, für den Ziel­ein­lauf beim Wiener City­mara­thon oder auch für den „Tag des Sports“. Diese unterschiedlichen Nutzungen zeigen, wie öffentliche Räume politisch, kulturell und gesellschaftlich gleichzeitig genutzt und gedeutet werden können.

Der Heldenplatz ist auch ein höchst politischer Ort. Die Büros des Bundes­kanzlers und des Bundes­präsi­denten be­finden sich in nächster Nähe. Das ist einer der Gründe, warum Massen­demon­strationen häufig auf den großen Platz im Zentrum Wiens führen. Er kann daher als Beispiel für einen demokratischen Raum verstanden werden, in dem Meinungen öffentlich sichtbar gemacht und politische Forderungen artikuliert werden. Hier werden auch Er­inner­ungen an historische Zeiten und Er­eig­nisse wach. Der Helden­platz lässt nicht nur an die Zeit der Monarchie denken. Während der Ersten Republik mar­schierten hier die Heim­wehren auf; in den Jahren nach dem Zweiten Welt­krieg fand auf dem Platz die Wach­ab­löse der alliierten Mächte statt. Den Ge­fallenen der beiden Welt­kriege ist ein Denk­mal ge­widmet, das in den letzten Jahren für politische Dis­kus­sionen sorgte. Diese zeigen, dass Denkmäler keine neutralen Erinnerungsorte sind, sondern Ausdruck bestimmter historischer Deutungen und gesellschaftlicher Werte.  Be­sonders aber findet am Wiener Helden­platz der „An­schluß“ Öster­reichs an das Deutsche Reich 1938 seine sym­bol­ische Ver­ortung.Am 15. März 1938 verkündete Adolf Hitler hier vor einer großen Menschenmenge den „Anschluss“ – ein Ereignis, das für die Zerstörung der Demokratie, die Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen und Juden sowie anderer Opfergruppen steht. Der Begriff „Anschluss“ wird heute kritisch betrachtet, da er die gewaltsame Eingliederung Österreichs verharmlosen kann.

Die Auseinandersetzung mit dem Heldenplatz ist daher auch Teil der österreichischen Erinnerungskultur. Sie wirft Fragen auf wie: Wie gehen wir heute mit Orten um, die mit nationalsozialistischen Verbrechen verbunden sind? Welche Verantwortung ergibt sich daraus für die Gegenwart? Zusammen mit dem Heldenplatz als Motiv in der Literatur bieten all diese As­sozia­tionen viel Stoff, um sich mit diesem Platz im Unter­richt näher zu be­schäfti­gen. Der Heldenplatz kann dabei als historische Quelle verstanden werden, die „gelesen“ werden kann: durch Denkmäler, Architektur, politische Nutzung und mediale Darstellungen. Ein Haupt­platz in der Haupt­stadt Öster­reichs gibt Auf­schluss über öster­reich­ische Ge­schichte, Kunst und Kultur, Politik, Volks­kunde, Sport und Literatur.

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Darum geht’s

Die Schüler/innen setzen sich mit der Wahrnehmung eines öf­fent­lichen Ortes aus­ein­ander und lernen dessen sicht­bare und nicht sicht­bare De­tails zu er­kennen. Dabei be­fassen sie sich mit öster­reich­ischer Ge­schich­te und Politik im Längs­schnitt an­hand zeit­ge­nössischer Quellen. Eigen­ver­ant­wortliches Ar­bei­ten (re­cher­chie­ren, be­wer­ten, prä­sen­tieren) steht im Vorder­grund. Ein Ar­beits­blatt für eine vir­tuelle Zeit­reise führt die Schüler/innen an­hand von Ton- und Video­quellen, von Be­richten von Zeit­zeuginnen und ‑zeugen so­wie von Inter­net­seiten durch die Ge­schichte des Helden­platzes. Themen wie die Ent­stehung der Wiener Ring­straße, der „An­schluß“ Öster­reichs an das Deutsche Reich 1938, der Liter­atur­skandal rund um das Theater­stück „Helden­platz“ von Thomas Bernhard, das Lichter­meer von 1993 und der Aus­schluss des Ski­renn­läufers Karl Schranz von den Olympischen Winter­spielen 1972 werden be­handelt.

<p>Der Heldenplatz</p>

Der Heldenplatz

1. Der Wiener Heldenplatz – zentraler Ort der Geschichte, Politik und Kultur (Arbeitsanregungen)

Im Sinne der historischen Sachkompetenz sollen die Schüler/innen Namen und Er­eig­nisse der öster­reich­ischen Ge­schichte so kate­gori­sieren können, dass sie einen Zu­sammen­hang mit dem Wiener Helden­platz er­kennen und diesen als mehr­dimension­alen Ort im Längs- und Quer­schnitt wahr­nehmen.

1.1) Thematische Auseinandersetzung mit dem „Heldenplatz“

Die Schüler/innen erhalten folgende Begriffe (als Kärtchen, auf einer Kopier­vor­lage oder an die Tafel ge­schrieben): Ernst Jandl – Erzherzog Karl – Fest der Freude – Franz Joseph – Heimwehren – Lichtermeer – Nacht des Schweigens – Nationalfeiertag – Prinz Eugen – Tag des Sports – Thomas Bernhard – Wiener City-Marathon – Wiener Stadtfest.

Dazu werden zwei Arbeitsaufgaben gestellt:

  1. Schreiben Sie zu jedem dieser Begriffe bzw. Namen zwei Sätze, in denen Sie er­klären, wie diese mit dem Helden­platz in Zu­sammen­hang stehen.
  2. Kategorisieren Sie diese Begriffe bzw. Namen, indem Sie sich Kriterien (über­ge­ordnete Termini, z. B. Ge­schichte) über­legen, zu denen Sie die Begriffe bzw. Namen zu­ordnen können.

1.2) Weiterführende Recherche

Die Schüler/innen suchen sich einen Teilbereich aus und recherchieren zu diesem genauer. Dabei steht nicht mehr der Helden­platz an sich im Mittel­punkt, sondern der einzelne Be­griff oder Name. Zum Bei­spiel wird bei Ernst Jandl nicht nur das Ge­dicht „wien : heldenplatz“ an­ge­führt, sondern auch die Person, sein Gesamt­werk u. a. Be­zogen auf die Heim­wehren geht es nicht nur um die Kund­gebungen am Helde­nplatz, sondern auch um allgemeine his­torische Hinter­gründe zu deren Ent­steh­ung, Be­deutung usw. Folgende Vor­gaben müssen bei dieser Übung be­rück­sichtigt werden:

  • Es soll ein passender Ton aus der Mediathek gefunden werden.
  • Es soll eine passende Internetseite (nicht Wikipedia!) ausgewählt werden.

1.3) Präsentation

Schüler/innen mit gleichen oder ähnlichen Rechercheschwerpunkten finden sich in Gruppen zusammen. Sie bereiten eine Präsentation für ihre Mit­schüler/innen nach folgenden Vor­gaben vor:

  • Das Thema soll den Mitschüler/innen verständlich vor­ge­stellt werden. Keine reine Daten-Fakten-Auf­zählung sondern Zu­sammen­hänge sollen er­klärt werden.
  • Ein ausgewählter Ton soll eingeleitet, in einem Ausschnitt vor­ge­spielt und er­läutert werden.
  • Eine Internetseite soll gezeigt und beurteilt werden.
  • Die Beziehung zwischen dem ausgewählten Thema und dem Helden­platz soll ge­nannt werden.

1.4) Mögliche Zusatzaktivitäten

Variante a: Die Schüler/innen erstellen Kurzversionen ihrer Prä­sen­ta­tionen. Im Zuge eines Lehr­aus­gangs zum Helden­platz tragen sie diese vor Ort vor.

Variante b: Die Schüler/innen erstellen Collagen zum Thema Helden­platz, welche die viel­seitige Be­deutung dieses Platzes auf­zeigen.

<p>Vorbereitungen für Hitler</p>

Vorbereitungen für Hitler

<p>Lichtermeer</p> ©

Lichtermeer

2. Eine virtuelle Reise über den Wiener Heldenplatz (Arbeitsanregungen)

Im Rahmen einer virtuellen Zeitreise dekonstruieren die Schüler/innen his­tor­ische Quellen und setzen sich im Sinne der Stär­kung der his­tor­ischen Orien­tierungs- und der politischen Urteils­kompetenz mit der Viel­seitig­keit des Wiener Helden­platzes aus­ein­ander. Ein reflektiertes Ge­schichts­be­wusst­sein und ein mult­iper­spekt­ivisches Ver­ständnis sind die Ziele.

2.1) Bildimpuls

Ausgehend von einem Bildimpuls zum Wiener Heldenplatz kann ein Brain­storming er­fol­gen, um die Schüler/innen zu akti­vieren.

Mögliche Leitfragen für das Brainstorming:

  • Wo befindet sich der Wiener Heldenplatz? Welche Institutionen gibt es dort bzw. in un­mittel­barer Nähe?
  • Wer war schon auf dem Heldenplatz? Aus welchem Grund?
  • Gibt es persönliche Erlebnisse in Bezug auf den Heldenplatz?
  • Wem ist „Heldenplatz“ als Schlagwort in den Medien unter­ge­kommen? In welchem Zu­sammen­hang?
  • Was ist über die kulturgeschichtliche Bedeutung des Heldenplatzes bekannt?
  • Inwiefern ist der Heldenplatz ein geschichtsträchtiger Platz?
  • Woher hat der Heldenplatz seinen Namen?

2.2) Virtuelle Reise über den Heldenplatz

Die Schüler/innen erhalten zur Bearbeitung das Arbeitsblatt „Eine vir­tu­elle Reise über den Helden­platz“. Teile des Ar­beits­blattes können auch zu Hause e­rledigt werden.

2.3) Ertragssicherung

Die Schüler/innen erstellen zum Thema Heldenplatz ein Portfolio. Folgende Inhalte sind denkbar:

  • Antworten zu den Aufgaben und Fragen des Arbeitsblattes
  • detaillierter Kommentar zu einem ausgewählten Ton
  • kreativer Beitrag zum Thema „Heldenplatz“ (Gedicht, selbst produziertes Bild, Fotokunst, …)
  • Eintrag für einen hypothetischen Reiseführer „Plätze in Österreich“
  • persönlicher Erfahrungsbericht zu dieser Form des Lernens

2.4) Zusatzaktivität

Die Schüler/innen gestalten eine Minireportage zum Thema Heldenplatz entweder als Videobeitrag, als Radiosendung (z. B. mit Hilfe von Audacity) oder als Fotoreportage.

Archivlinks zum Thema Heldenplatz

00:00:42 audio
Bekenntnis zu Österreich: Schallplattenaufnahme Ernst Rüdiger Starhembergs anlässlich einer Heimwehrveranstaltung (1934)
Details
00:00:41 audio
Der Führer des Schutzbundes Julius Deutsch (Herbst 1933)
Details
00:02:40 audio Ticket erforderlich
Propagandabericht nach Hitlers Einmarsch in Österreich, in dem Wien als deutsche Stadt gepriesen wird. 13. März 1938
00:01:05 audio Ticket erforderlich
Kundgebung auf dem Wiener Helden­platz. Adolf Hitler am 15. März 1938 [Ausschnitt]
00:05:05 audio Ticket erforderlich
Ansprache von Arthur Seyß-Inquart vor der Rede Hitlers auf dem Wiener Heldenplatz am 15. März 1938
00:01:30 audio Ticket erforderlich
Tonspur einer Wochen­schau zur deutschen Okkupa­tion Öster­reichs im März 1938
00:00:51 video Ticket erforderlich
Wachablöse der Alliierten am Wiener Heldenplatz in den Nachkriegsjahren. Ausschnitt aus einer ORF-Dokumentation von 2003
00:01:01 audio Ticket erforderlich
Bundeskanzler Julius Raab spricht nach der ersten Parade zu den Soldaten. 26. September 1955
00:41:48 video Ticket erforderlich
Nacht des Schweigens (12. März 2008), 1. Teil
00:43:08 video Ticket erforderlich
Nacht des Schweigens (12. März 2008), 2. Teil
00:22:08 video Ticket erforderlich
Lichtermeer 1993 [Ausschnitt]
00:08:03 audio Ticket erforderlich
Karl Schranz’ „Triumphzug“ in Wien. Beitrag im Abendjournal vom 8. Februar 1972
00:01:36 video Ticket erforderlich
Aufregung um das Theaterstück „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard. Fernsehbericht vom 10. Oktober 1988
00:55:23 audio Ticket erforderlich
Europafest zur EU-Präsidentschaft Österreichs. Beitrag im Mittagsjournal vom 1. September 1998
00:00:52 video Ticket erforderlich
Angelobung am Heldenplatz und Bundeskanzler Schüssel zur Neutralität. 26. Oktober 2001

3. Arbeitsblatt

Arbeitsblatt – Eine virtuelle Reise über den Wiener Heldenplatz

Dieses Arbeitsblatt lädt dazu ein, den Wiener Heldenplatz sowie damit in Zu­sammen­hang stehende Er­eig­nisse und Akteurinnen bzw. Akteure in Form einer Zeit­reise zu er­leben. Links zu Tönen, Bildern und Web­sites er­wecken den Helden­platz zum Leben. Ge­zielte Frage­stellungen regen den Denk­prozess der Schüler/innen an. Kurze I­nfor­ma­tions­texte führen von einem Er­eignis zum nächsten.

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(Text und Inhalt: Bettina Paireder, 2014,
Überarbeitung: Lisa Häring/Martin Schefzik, 2026)