Kunst und Politik

Kunst und Politik sind zwei Bereiche, die sich gegen­seitig be­ein­flussen. Der künst­leri­sche Zu­gang liegt zwischen den Extremen der l’art pour l’art, der „Kunst um der Kunst willen“ und dekla­rierter politischer Kunst. Der Politik stehen von stark ein­greifen­der Zensur bis zu Förder­systemen viele Möglich­keiten der Ein­fluss­nahme auf die Kunst zur Ver­fügung. In diesem Themen­paket werden einige Bei­spiele vor­ge­stellt, wie die beiden Be­reiche mitein­ander ver­bunden sind bzw. mit­ein­ander in Ver­bindung ge­setzt werden.

Darum geht’s

Ein Unterrichtsentwurf für die Oberstufe zum Thema Kunst und Politik, der sich mit den Fragen be­schäftigt, wie und warum Künstler/innen zu poli­ti­schen Fragen Stellung nehmen, ob ein solches Ver­halten von der Öffent­lich­keit als legitim an­ge­sehen wird und wie Politik Kunst be­ein­flusst oder ver­ein­nahmt. Die Arbeits­blätter sind kompe­tenz­orien­tiert ge­staltet und be­ziehen als historische Quelle auch fiktionale Literatur mit ein.

1. Die Aktion „Kunst und Revolution“, 1968

Die Wiener Aktionisten Günter Brus, Otto Muehl, Peter Weibel und Oswald Wiener veranstalteten 1968 eine Aktion mit dem Titel „Kunst und Revolution“, über die in der Boulevardpresse unter der Bezeichnung „Uni-Ferkelei“ berichtet wurde. Aufgrund der Form und des Inhalts der Aktion wurden die daran beteiligten Künstler vor Gericht gebracht. Heute werden die Werke der damals Verurteilten in international renommierten Museen und Galerien ausgestellt.

Im folgenden Tondokument sind Ausschnitte des Plädoyers des Staatsanwaltes und die Urteilsverkündung des Prozesses gegen Günter Brus, Otto Muehl und Oswald Wiener zu hören. Brus und Muehl werden wegen Herabwürdigung der Bundeshymne (unter anderem wurde während des Absingens der Hymne onaniert und defäkiert) verurteilt.

00:07:46
„Exzesse von Wiener Aktionisten an der Universität – das Urteil“

Bericht im Abendjournal vom 31. Juli 1968

2. Thomas Bernhard: „Heldenplatz“, 1988

20 Jahre später steht Thomas Bernhards Stück „Heldenplatz“ auf dem Spiel­plan des Burg­theaters und löst heftige Kontro­versen aus. Schon vor der Ur­auf­führung kriti­sieren und be­lei­digen zahl­reiche Politiker/innen mit Unter­stützung mancher Medien wie zum Bei­spiel der „Kronen­zeitung“ den Autor und den da­maligen Burg­theater­direktor Claus Peymann. Heute stehen die Stücke Thomas Bernhards auf den Spiel­plänen zahl­reicher Theater, nicht nur im deutsch­sprachi­gen Raum, und seine Prosa zählt zu den wichtigsten litera­ri­schen Werken des 20. Jahr­hunderts.

Wie sich Politiker/innen zu Thomas Bernhards „Helden­platz“ äußern – über die Frei­heit der Kunst bis hin zur Ein­fluss­nahme durch Sub­ven­tionen – ist in diesen Auf­nahmen zu hören. 

00:59:49 [00:17:14 bis 00:29:50]
„Zwischen Freiheit der Kunst und Einflussnahme über Subventionen“ – Inlandspresseschau zu Thomas Bernhards „Heldenplatz“

aus dem Mittagsjournal vom 11. Oktober 1988

00:01:36
Aufregung um das Theaterstück „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard: Zitate von Jörg Haider, Ursula Pasterk und Erhard Busek

aus der Wochenschau vom 10. Oktober 1988 [Ausschnitt]

00:59:36 [00:23:23 bis 00:29:55]
Kontroverse Thomas Bernhard – Finanzminister Franz Vranitzky

Bericht im Mittagsjournal vom 13. September 1985

3. Macht die Kunst Politik oder macht die Politik Kunst?

„Über die politische Verantwortung des Künstlers“ referierte 1966 der Kunst­wissen­schaftler Werner Hofmann. Aus­gehend von Platon er­läutert Hofmann den Zu­sammen­hang zwischen Kunst und Politik und be­zieht die ge­wonnenen Er­kennt­nisse auf seine eigene Gegen­wart, wobei die je­weilige Rolle der Künstler/innen in den beiden damals vor­herr­schenden politischen Systemen be­sonders heraus­ge­ar­beitet wird.

00:45:35
„Über die politische Ver­ant­wor­tung des Künstlers“

Vortrag des Kunst­wissen­schaft­lers Werner Hofmann, 1966

Der Zusammenhang von Kunst und Politik er­schöpft sich frei­lich nicht in diesen Bei­spielen, deren Aus­wahl auch mit der Ver­füg­bar­keit von Ton­doku­menten zu diesem Thema zusammen­hängt. Die Gleich­schal­tung unter dem national­sozialis­tischen Regime aus­ge­nommen, stellte einer der um­fassend­sten Ein­griffe in die Kunst das Zensur­system unter Metter­nich im 19. Jahr­hundert dar. Die Zensur ist ein Instru­ment, das in autori­tären Regimen nach wie vor ver­breitet ist und das auch im Zusammen­hang mit Thomas Bernhard ge­fordert wurde.

4. Freiheit der Kunst

1984 äußert sich der damalige Wissenschaftsminister Heinz Fischer in einem Interview zum Thema „Freiheit der Kunst“:

00:59:38 [00:51:10 bis 00:57:05]
Interview mit Wissenschafts­minister Heinz Fischer auf der Frank­furter Buch­messe zur „Frei­heit der Kunst“

aus dem Mittagsjournal vom 5. Oktober 1984

Im Jahr 2000 sorgte der Regisseur Christoph Schlingen­sief mit seinem Projekt „Bitte liebt Österreich“ bei manchen für Empörung und 2003 löste in Salz­burg während der Fest­wochen die Skulptur eines nackten Mannes, ins­besondere der Um­stand, dass ein erigierter Penis ge­zeigt wurde, große Auf­regung bei Politiker­innen und Politikern sowie der Be­völkerung aus.

„Erregung in Salzburg“

Beitrag in der Zeit im Bild 2 vom 25. Juli 2003

Umgekehrt führen auch politische Themen und Hand­lungen zu Auf­regung bei Künstler­innen und Künstlern, wo­rauf viele zu poli­ti­schen Themen bzw. Aktionen Stellung nehmen. Be­son­ders be­merkens­wert ist es, wenn die Kunst durch die Politik tat­sächlich ver­ein­nahmt wird: Einstige, als „Nest­be­schmutzer/innen“ be­schimpfte Künstler/innen finden sich dann über­raschend als „Säulen­heilige“ der öster­reichi­schen Kunst und Kultur wieder.

00:00:53
Nobelpreis für Literatur an Elfriede Jelinek: „Der Preis ist keine Blume am Knopf­loch Öster­reichs“

aus dem Abendjournal vom 7. Oktober 2004 [Ausschnitt]

5. Literatur = eine politische Äußerung?

Der Literaturwissenschaftler Walter Jens vertritt die These, schrift­stelleri­sche Ar­beit sei immer auch eine poli­ti­sche Äußerung.

00:59:37 [00:38:20 bis 00:43:54]
„Geist und Macht – Literatur und Politik in der BRD“ – Gespräch mit dem Tübinger Rhetorikprofessor Walter Jens

Beitrag im Mittagsjournal vom 18. April 1983

Eine eindeutige politische Äußerung ist das „Mani­fest bevor Öster­reich be­waff­net wurde“ von H. C. Artmann. 

01:08:20 [00:01:34 bis 00:05:17]
„Manifest bevor Österreich bewaffnet wurde“

aus einer Lesung von H. C. Artmann am 6. März 1984 

Um die Revolution von 1848 geht es in dem Stück „Brücken­köpfe“ des Schrift­stellers Heinz Rudolf Unger. In einer kurzen Werk­ein­führung er­klärt er seine Sicht auf den damaligen Auf­stand. Nicht nur als Träger des Silbernen Ehren­zeichens für Ver­dienste um das Land Wien ist der Ver­fasser von poli­ti­schen Theater­texten (u. a. „Proleten­passion“ und die Trilogie „Die Republik des Ver­gessens“) ein gutes Bei­spiel für den Zu­sammen­hang von Kunst und Politik.

01:10:16
„Brückenköpfe“

aus einer Lesung von Heinz Rudolf Unger am 8. April 1976

Lesung von Heinz Rudolf Unger aus seinem Stück „Hoch hinaus“, einem Teil der Trilogie „Die Republik des Ver­gessens“, das die un­mittel­bare Nach­kriegs­zeit be­han­delt: Ein Kriegs­heim­kehrer muss Opportu­nis­mus und (alte und neue) Vor­ur­teile bei den Öster­reicher­innen und Öster­reichern er­kennen.

00:54:18
„Hoch hinaus“

aus einer Lesung von Heinz Rudolf Unger am 25. März 1987

6. Arbeitsblätter

Arbeitsblatt 1 – Freiheit der Kunst

Arbeitsblatt 2 – (Fiktionale) Literatur als historische Quelle

7. Literatur

Rüther, Günther: Literatur und Politik. Göttingen 2013