Oral-History-Interview mit Tarafa Baghajati

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Dieses Medium ist Teil des Gesamtwerks Vielsprachiges Gedächtnis der Migration

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Tarafa Baghajati (geb. 1961) wuchs in einer alteneingesessenen Großfamilie im Zentrum von Damaskus auf. Sein Vater war Literatur-Übersetzer, seine Mutter Chefredakteurin einer Wirtschaftszeitung. Nach der Matura studierte er Architektur in Rumänien, in Temeschwar (Timișoara), wo er erstmals eine multiethnische, -religiöse und vielsprachige Gesellschaft kennenlernte und Freunde aus allen Regionen Syriens hatte. Bei einem Syrienbesuch 1984 wurde er verhaftet – ohne Anklage „entführt“ – und für 8 Monate in einem gefürchteten militärischen Untersuchungsgefängnis inhaftiert. Nach seiner Freilassung und nachdem er sein Studium in Rumänien beendet hatte, war an eine Rückkehr nach Syrien nicht mehr zu denken. Nicht wissend wohin, ging er 1986 nach Wien, wo eine Tante von ihm, Maha Saedaddin Al-Homsi, lebte. Ein weiteres Motiv war, dass Österreich damals, unter der Kanzlerschaft Bruno Kreiskys, einen guten Ruf in arabischen Ländern genoss. Nach intensivem Deutsch-Studium fand er bald eine Stelle in einem Architekturbüro und hatte über die Jahrzehnte hinweg eine gute Karriere als Bauingenieur. 1990 heiratete er und gründete mit seiner Frau Carla Amina Baghajati eine Familie. Beide Ehepartner waren 1999, als Harald Ofner von der FPÖ in einer ORF-Sendung gezielt die „außereuropäischen Muslime“ attackierte, an der Gründung der „Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen“ (IMÖ) beteiligt – einer Organisation, die sich für die gesellschaftliche und politische Partizipation von Muslim*innen, für interreligiöses Verständnis und gegen Rassismus, auch unter Migrant*innen, einsetzt.
Tarafa Baghajati betont, dass sein erfolgreiches Leben in Österreich darauf beruht, dass er in vielfacher Hinsicht unkomplizierte und beherzte Unterstützung erfuhr – beginnend bei der österreichischen Botschaft in Rumänien, wo er leicht ein Visum erhielt, aber auch bei der Wohnungssuche in Wien, beim Spracherwerb und schließlich in der Arbeitswelt – und dass er bereits nach 5 Jahren die Staatsbürgerschaft erhielt. Er macht aber auch deutlich, dass er seine Ziele mit großer Anstrengung, Entschiedenheit, mit Durchhaltevermögen sowie mit der Bereitschaft, als Architekt in einer neuen Arbeitsumgebung bei Null anzufangen, verfolgte.
Das Interview führte Fatima, eine Schülerin der Islamischen Fachschule für soziale Bildung in Wien, 2024 in arabischer Sprache – im Rahmen des Projekts „Vielsprachiges Gedächtnis der Migration“ (Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, unter der Leitung von Georg Traska, gefördert im Programm „Sparkling Science 2.0“ und finanziert vom BMFWF).
Fatimas Frage, ob er sich und ob seine Kinder sich eine Rückkehr nach Syrien vorstellen könnten, ermöglichte Tarafa Baghajati, sein Verständnis „multipler Identitäten“ zu erklären. Auf ihre Frage nach Rassismus-Erfahrungen im Zuge seiner Tätigkeit in der IMÖ und anderer Organisationen beschreibt er einerseits den Hass, den manche hier Ansässige erfolgreichen und gebildeten Migrant*innen entgegenbringen, und andererseits die Mordaufrufe gegen ihn und seine Familie von Seiten des „Islamischen Staates“.
Tarafa Baghajati schließt das Interview, indem er die Islamische Fachschule für soziale Berufe als Errungenschaft für die in Österreich lebenden Muslim*innen hervorhebt und als Beispiel für die gelungene Institutionalisierung österreichisch-muslimischen Lebens.
Interviewerin: Fatima
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