Karl Kraus spricht: das Gedicht "Todesfurcht"
Katalogzettel
| Titel | Karl Kraus spricht: das Gedicht "Todesfurcht" |
| Titelzusatz |
aus "Worte in Versen VI" von Karl Kraus |
| Spieldauer | 00:03:19 |
| Urheber/innen |
Kraus, Karl [Text]
[GND]
|
| Mitwirkende |
Kraus, Karl [Rezitator/in]
[GND
]
Die Neue Truppe [Label] |
| Datum |
1931 [Aufnahmedatum] |
| Schlagworte | Literatur ; Tod ; Lyrik ; Publizierte und vervielfältigte Aufnahme |
|
20. Jahrhundert - 30er Jahre
|
|
| Typ | audio |
| Format |
SCS2578 [Schallplatte, Schellack - 25 cm, 78/min] |
| Nummern |
144 [Katalognummer] DNT 11252 [Matrizennummer] |
| Sprache |
Deutsch |
| Signatur | Österreichische Mediathek, 2-08507_b_k02 |
| Medienart | Mp3-Audiodatei |
Information
Inhalt
Transkript:#13 Hab verlangend alles schon empfangen,#13
allen Wechsel, den es gibt auf Erden:#13
aller Lust und allerlei Beschwerden#13
froh und unfroh immer wieder werden.#13
Und dazwischen ist die Zeit vergangen.#13#13
Neugier regt sich nach dem andern Kreise,#13
wie mags, frag ich, drüben nur bestellt sein;#13
und ob schwierig die besondre Reise,#13
und ob ich auf wunderbare Weise#13
werde wiederum auf meiner Welt sein.#13#13
Immer das Erlebte zu erleben,#13
lüstet mich, ich will es frei bekennen;#13
immer dieses zwischen Feuern schweben,#13
dieses atemlose Lastenheben#13
und dies hoffnungslose Herzverbrennen.#13#13
Ist's dort grün wie meine Kinderstunden?#13
Ist der Tag dort grau wie meine Tage?#13
Warten alle Wunder, aller Wunden#13
Wonnefieber, schmerzliches Gesunden,#13
aller Wollust wechselvolle Plage?#13#13
Bleib ich aller Feuerflammen Beute#13
und erhitzt von allen Hindernissen?#13
Glüht mir dort der helle Haß des Heute,#13
und entflammen mich die kalten Bräute?#13
Ach ich brenne schon, es nur zu wissen!#13#13
Was sich so lebendig mir verdichtet,#13
was mit Aug und Ohr ich je erworben,#13
nimmer sei von mir darauf verzichtet!#13
Anders werde dieser Streit geschlichtet#13
und das Leben nur zum Teil gestorben!#13#13
Einverleibt der Welt, der es entbrannte,#13
will es nimmer sich vom Leben trennen.#13
Wenn ich sie nicht mehr mit Namen nannte,#13
die ich bis zum letzten Blick erkannte,#13
würde sie sich selbst nicht mehr erkennen.#13#13
Wortverbunden bleib ich den Gestalten,#13
gegen die ich mich des Geistes wehre.#13
Nimmer würde anderen Gewalten#13
wehrlos ich mich zur Verfügung halten#13
dort in einer wortverlassnen Leere.#13#13
Dreist entreiß ich mich dem faulen Frieden,#13
nichts zu haben als die Totenstille.#13
Sie zu meiden, will ich nicht ermüden;#13
da zu bleiben, wenn ich abgeschieden,#13
fortzuleben sei mein letzter Wille.#13#13
Todesfurcht ist, daß Natur mich bringe#13
einst um alles mir lebendige Grauen.#13
Jener ewigen Ruh ist nicht zu trauen.#13
Ich will leiden, lieben, hören, schauen:#13
ewig ruhlos, daß das Werk gelinge!
allen Wechsel, den es gibt auf Erden:#13
aller Lust und allerlei Beschwerden#13
froh und unfroh immer wieder werden.#13
Und dazwischen ist die Zeit vergangen.#13#13
Neugier regt sich nach dem andern Kreise,#13
wie mags, frag ich, drüben nur bestellt sein;#13
und ob schwierig die besondre Reise,#13
und ob ich auf wunderbare Weise#13
werde wiederum auf meiner Welt sein.#13#13
Immer das Erlebte zu erleben,#13
lüstet mich, ich will es frei bekennen;#13
immer dieses zwischen Feuern schweben,#13
dieses atemlose Lastenheben#13
und dies hoffnungslose Herzverbrennen.#13#13
Ist's dort grün wie meine Kinderstunden?#13
Ist der Tag dort grau wie meine Tage?#13
Warten alle Wunder, aller Wunden#13
Wonnefieber, schmerzliches Gesunden,#13
aller Wollust wechselvolle Plage?#13#13
Bleib ich aller Feuerflammen Beute#13
und erhitzt von allen Hindernissen?#13
Glüht mir dort der helle Haß des Heute,#13
und entflammen mich die kalten Bräute?#13
Ach ich brenne schon, es nur zu wissen!#13#13
Was sich so lebendig mir verdichtet,#13
was mit Aug und Ohr ich je erworben,#13
nimmer sei von mir darauf verzichtet!#13
Anders werde dieser Streit geschlichtet#13
und das Leben nur zum Teil gestorben!#13#13
Einverleibt der Welt, der es entbrannte,#13
will es nimmer sich vom Leben trennen.#13
Wenn ich sie nicht mehr mit Namen nannte,#13
die ich bis zum letzten Blick erkannte,#13
würde sie sich selbst nicht mehr erkennen.#13#13
Wortverbunden bleib ich den Gestalten,#13
gegen die ich mich des Geistes wehre.#13
Nimmer würde anderen Gewalten#13
wehrlos ich mich zur Verfügung halten#13
dort in einer wortverlassnen Leere.#13#13
Dreist entreiß ich mich dem faulen Frieden,#13
nichts zu haben als die Totenstille.#13
Sie zu meiden, will ich nicht ermüden;#13
da zu bleiben, wenn ich abgeschieden,#13
fortzuleben sei mein letzter Wille.#13#13
Todesfurcht ist, daß Natur mich bringe#13
einst um alles mir lebendige Grauen.#13
Jener ewigen Ruh ist nicht zu trauen.#13
Ich will leiden, lieben, hören, schauen:#13
ewig ruhlos, daß das Werk gelinge!