Von Anarchie und Monarchie - Eine Wiederholung vom Doppelzimmer Spezial mit Theo und Moritz Altenberg - vom 7. März 2004
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Katalogzettel
| Titel | Von Anarchie und Monarchie - Eine Wiederholung vom Doppelzimmer Spezial mit Theo und Moritz Altenberg - vom 7. März 2004 |
| Spieldauer | |
| Urheber/innen und Mitwirkende |
Altenberg, Theo [Interviewte/r]
[GND
]
Altenberg, Moritz [Interviewte/r] FM4 [Sendeanstalt] |
| Datum |
2004.07.03 [Aufnahmedatum] 2008.05.22 [Sendedatum] |
| Schlagworte | Gesellschaft ; Radiosendung-Mitschnitt |
| Typ | audio |
| Format |
DFMP3 [Dateiformat: MP3] DFWAV [Dateiformat: Broadcast WAV] |
| Signatur | e03-00742_K01 |
| Medienart | Mediendatei |
Information
Inhalt
Mein Jahr mit der Kommune
Es war 1996, als ich das erste Mal über das Gelände des Friedrichshofes spazierte. Hier, mitten in der Pampa des Burgenlandes, fand die Sozialutopie "Mühl-Kommune" zwischen 1973 und 1991 ihre Heimat "und durch diese Allee ging allen voran Otto Mühl, hinten nach ein Tross von hundert Menschen, von denen jeder und jede bemüht war, ihm so nahe wie möglich zu kommen. So haben die Spaziergänge in der Kommune ausgesehen", Karls Gesichtsausdruck verriet einen dichten Erinnerungsfilm, der in seinem Hirnkino ablief, als wir an der ehemaligen Gemeinschaftsküche am Friedrichshof vorgingen.
Anarchie im Burgenland
1973 kaufte Otto Mühl mit den anderen 40 KommunardInnen dieses Stück Land, auf dem nichts weiter als ein alter Wasserturm stand. Vorerst als Wochenenddomizil verwendet, wurde der Friedrichshof im Lauf der Jahre zu einer Art Siedlung ausgebaut, in der die Gemeinschaft autark lebte - mit eigener Tischlerei, eigenem Gemüse, eigener Schule.
Gegen die Kleinfamilie, für freie Sexualität
Mein Freund Karl war Anfang der 70er Jahre in die Kommune eingezogen und bis zum Zusammenbruch 1991 geblieben. Fünf Jahre später lernten wir uns kennen. Ich habe seine Erzählungen über die Kommunezeit aufgesogen, ungläubig und gebannt. Es gab viele Details, die ich nicht wusste; mir war vor allem das Ausmaß dieses Gesellschaftsexperimentes nie bewusst: Über 20 Jahre haben bis zu 700 Menschen in einem System gelebt, in dem die Zweierbeziehung abgelehnt wurde und man über lange Zeit freie Sexualität praktizierte, in dem das Privateigentum und die bürgerliche Existenz gegen Werte wie Kreativität, emotionale Stärke und soziale Kompetenz ausgetauscht wurden.
Aus einem anarchistischen Vorhaben entwickelte sich allerdings im Lauf der Jahre eine Monarchie. Die Gemeinschaft implodierte schließlich an genau jenen Umständen, die uns das Leben auf dem Planeten "kapitalistischer Westen" vermiesen: hierarchische Strukturen, Unterdrückung von Minderheiten, Machtstreben.
Das Scheitern eines Experiments
Karl und ich haben Mitte der 90er Jahre beschlossen, einen Film über die Geschichte der Kommune zu machen. Otto Mühl wurde 1991 zu sieben Jahren Haft wegen Beischlafes mit Minderjährigen verurteilt. "Der Künstler als Kinderschänder" schien damals das einzige, was von der Kommune in der Öffentlichkeit übrig geblieben war. Die ehemaligen Mitglieder, zerstreut über ganz Europa, waren teilweise untereinander zerstritten oder lebten sehr zurückgezogen - aus Angst vor Repressionen, falls man ihre Kommunevergangenheit an der neuen Arbeitsstätte oder in dem neuen Freundeskreis erfahren würde.
Die Enttäuschung über das Scheitern eines Experimentes, an das man geglaubt hatte, war jedoch in diesen Jahren für viele KommunardInnen weniger wichtig als existenzielle Fragen, die sich stellten: Wie organisiert man sein Leben ohne die Gemeinschaft, die einen Jahre lang aufgefangen hatte?
Der Alltag hat uns wieder
"Plötzlich findet man sich in einer Warteschlange beim Billa wieder - erniedrigend!", erinnert sich der Künstler und Exkommunarde Theo Altenberg, den ich im Zuge der Dokumentarfilmarbeiten 1996 kennenlernte. "Ich dachte, dass wir nach der Generalsversammlung 1990, bei der wir Otto Mühl all seiner Funktionen enthoben hatten, wieder zu der Ursprungsidee der Kommune zurückkehren können - denn diese Idee ist ja nach wie vor gut. Aber es waren schon alle untereinander so zerstritten, dass sich die übriggebliebene Gemeinschaft ebenfalls in alle Winde zerstreut hat."
Kommunekinder erzählen
Theos Sohn Moritz nickt, als sein Vater die Idee der Kommune hoch hält. Er ist die Hälfte seines bisherigen Lebens in der Kommune groß geworden. Die Umstellung auf einen normalen Schulalltag in Düsseldorf, wo er heute mit seiner Mutter lebt und nächstes Jahr die Matura macht, war schwierig. "Plötzlich in einem Haus zu leben, wo du niemanden kennst, wo nicht jeder in irgendeiner Art eine Bezugsperson ist, war am Anfang beängstigend für mich." Er sehe seine Zukunft nicht in einer 30 Quadratmeter Wohnung mit Frau und Kind, er wolle das Modell des Zusammenwohnens in einer Gemeinschaft, die politisch und künstlerisch eine Basis hat, mit Freunden wieder versuchen, sagt Moritz. Er erinnert sich aber auch an den psychischen Druck, den es seitens der Erwachsenen in der Kommune auf die Kinder gab, wenn sie nicht den Vorstellungen entsprachen.
Kommune-News
Mein Freund Karl lebt heute das erste Mal in seinem Leben alleine in einer Wohnung, und er lebt als schwuler Mann, nachdem er seine Liebe zu Männern in den 20 Jahren Kommunezeit unterdrückt hatte. Schwulsein galt in der Mühl-Kommune als Störung aus der Kindheit, die man beheben könne.
Karl und ich stellten den Film "Die Tage der Kommune" nach zwei Jahren Arbeit fertig. Es war mein erster langer Dokumentarfilm und Karls Abschluss mit seiner Kommunezeit.
Otto Mühl lebt seit seiner Entlassung aus der Haft 1998 mit einer Gruppe von Kommunarden in Portugal.
Letzten Mittwoch wurde im MAK in Wien eine umfassende Ausstellung seiner Bilder eröffnet.
Ein Doppelzimmer Spezial Widerholung
In einem Doppelzimmer Spezial erzählen Theo Altenberg und sein Sohn Moritz über das Leben in der Mühl-Kommune, über das Scheitern dieses Gesellschaftsexperimentes und die persönliche Conclusio aus dieser Erfahrung.
Es war 1996, als ich das erste Mal über das Gelände des Friedrichshofes spazierte. Hier, mitten in der Pampa des Burgenlandes, fand die Sozialutopie "Mühl-Kommune" zwischen 1973 und 1991 ihre Heimat "und durch diese Allee ging allen voran Otto Mühl, hinten nach ein Tross von hundert Menschen, von denen jeder und jede bemüht war, ihm so nahe wie möglich zu kommen. So haben die Spaziergänge in der Kommune ausgesehen", Karls Gesichtsausdruck verriet einen dichten Erinnerungsfilm, der in seinem Hirnkino ablief, als wir an der ehemaligen Gemeinschaftsküche am Friedrichshof vorgingen.
Anarchie im Burgenland
1973 kaufte Otto Mühl mit den anderen 40 KommunardInnen dieses Stück Land, auf dem nichts weiter als ein alter Wasserturm stand. Vorerst als Wochenenddomizil verwendet, wurde der Friedrichshof im Lauf der Jahre zu einer Art Siedlung ausgebaut, in der die Gemeinschaft autark lebte - mit eigener Tischlerei, eigenem Gemüse, eigener Schule.
Gegen die Kleinfamilie, für freie Sexualität
Mein Freund Karl war Anfang der 70er Jahre in die Kommune eingezogen und bis zum Zusammenbruch 1991 geblieben. Fünf Jahre später lernten wir uns kennen. Ich habe seine Erzählungen über die Kommunezeit aufgesogen, ungläubig und gebannt. Es gab viele Details, die ich nicht wusste; mir war vor allem das Ausmaß dieses Gesellschaftsexperimentes nie bewusst: Über 20 Jahre haben bis zu 700 Menschen in einem System gelebt, in dem die Zweierbeziehung abgelehnt wurde und man über lange Zeit freie Sexualität praktizierte, in dem das Privateigentum und die bürgerliche Existenz gegen Werte wie Kreativität, emotionale Stärke und soziale Kompetenz ausgetauscht wurden.
Aus einem anarchistischen Vorhaben entwickelte sich allerdings im Lauf der Jahre eine Monarchie. Die Gemeinschaft implodierte schließlich an genau jenen Umständen, die uns das Leben auf dem Planeten "kapitalistischer Westen" vermiesen: hierarchische Strukturen, Unterdrückung von Minderheiten, Machtstreben.
Das Scheitern eines Experiments
Karl und ich haben Mitte der 90er Jahre beschlossen, einen Film über die Geschichte der Kommune zu machen. Otto Mühl wurde 1991 zu sieben Jahren Haft wegen Beischlafes mit Minderjährigen verurteilt. "Der Künstler als Kinderschänder" schien damals das einzige, was von der Kommune in der Öffentlichkeit übrig geblieben war. Die ehemaligen Mitglieder, zerstreut über ganz Europa, waren teilweise untereinander zerstritten oder lebten sehr zurückgezogen - aus Angst vor Repressionen, falls man ihre Kommunevergangenheit an der neuen Arbeitsstätte oder in dem neuen Freundeskreis erfahren würde.
Die Enttäuschung über das Scheitern eines Experimentes, an das man geglaubt hatte, war jedoch in diesen Jahren für viele KommunardInnen weniger wichtig als existenzielle Fragen, die sich stellten: Wie organisiert man sein Leben ohne die Gemeinschaft, die einen Jahre lang aufgefangen hatte?
Der Alltag hat uns wieder
"Plötzlich findet man sich in einer Warteschlange beim Billa wieder - erniedrigend!", erinnert sich der Künstler und Exkommunarde Theo Altenberg, den ich im Zuge der Dokumentarfilmarbeiten 1996 kennenlernte. "Ich dachte, dass wir nach der Generalsversammlung 1990, bei der wir Otto Mühl all seiner Funktionen enthoben hatten, wieder zu der Ursprungsidee der Kommune zurückkehren können - denn diese Idee ist ja nach wie vor gut. Aber es waren schon alle untereinander so zerstritten, dass sich die übriggebliebene Gemeinschaft ebenfalls in alle Winde zerstreut hat."
Kommunekinder erzählen
Theos Sohn Moritz nickt, als sein Vater die Idee der Kommune hoch hält. Er ist die Hälfte seines bisherigen Lebens in der Kommune groß geworden. Die Umstellung auf einen normalen Schulalltag in Düsseldorf, wo er heute mit seiner Mutter lebt und nächstes Jahr die Matura macht, war schwierig. "Plötzlich in einem Haus zu leben, wo du niemanden kennst, wo nicht jeder in irgendeiner Art eine Bezugsperson ist, war am Anfang beängstigend für mich." Er sehe seine Zukunft nicht in einer 30 Quadratmeter Wohnung mit Frau und Kind, er wolle das Modell des Zusammenwohnens in einer Gemeinschaft, die politisch und künstlerisch eine Basis hat, mit Freunden wieder versuchen, sagt Moritz. Er erinnert sich aber auch an den psychischen Druck, den es seitens der Erwachsenen in der Kommune auf die Kinder gab, wenn sie nicht den Vorstellungen entsprachen.
Kommune-News
Mein Freund Karl lebt heute das erste Mal in seinem Leben alleine in einer Wohnung, und er lebt als schwuler Mann, nachdem er seine Liebe zu Männern in den 20 Jahren Kommunezeit unterdrückt hatte. Schwulsein galt in der Mühl-Kommune als Störung aus der Kindheit, die man beheben könne.
Karl und ich stellten den Film "Die Tage der Kommune" nach zwei Jahren Arbeit fertig. Es war mein erster langer Dokumentarfilm und Karls Abschluss mit seiner Kommunezeit.
Otto Mühl lebt seit seiner Entlassung aus der Haft 1998 mit einer Gruppe von Kommunarden in Portugal.
Letzten Mittwoch wurde im MAK in Wien eine umfassende Ausstellung seiner Bilder eröffnet.
Ein Doppelzimmer Spezial Widerholung
In einem Doppelzimmer Spezial erzählen Theo Altenberg und sein Sohn Moritz über das Leben in der Mühl-Kommune, über das Scheitern dieses Gesellschaftsexperimentes und die persönliche Conclusio aus dieser Erfahrung.