Oral History Interview mit Friedrich Zawrel - 10. Teil [Ausschnitt]
Katalogzettel
| Titel | Oral History Interview mit Friedrich Zawrel - 10. Teil [Ausschnitt] |
| Titelzusatz |
Geboren 1929 in Lyon (Frankreich): Überlebender der NS-Kindereuthanasieanstalt „Am Spiegelgrund“, Hilfsarbeiter, Vater, Pensionist |
| Spieldauer | 00:02:40 |
| Mitwirkende |
Zawrel, Friedrich [Interviewte/r]
[GND
]
Maier, Michael S. [Interviewer/in] Österreichische Mediathek [Produzent] |
| Datum |
2010.09.03 [Aufnahmedatum] |
| Ort |
Wien [Aufnahmeort]
|
| Schlagworte | Gesellschaft ; Politik Österreich ; Politik ; Interview ; Alltag ; Familie ; Faschismus und Nationalsozialismus ; Justiz und Rechtswesen ; Straftaten ; Tod ; Kinder und Jugend ; Soziales ; Sozialpolitik ; Zweiter Weltkrieg ; Unveröffentlichte Eigenaufnahme der Österreichischen Mediathek |
| Örtliche Einordnung |
Österreich
Frankreich Deutschland, Deutsches Reich USA - Vereinigte Staaten von Amerika Sowjetunion |
| Typ | audio |
| Format |
TKA [Tonband auf Kern (AEG)] |
| Sprache |
Deutsch |
| Signatur | Österreichische Mediathek, e13-00700_b01_k02 |
| Medienart | Mp3-Audiodatei |
Information
Inhalt
Auszug aus dem Interviewprotokoll
0:36:34 Umgang mit den Erlebnissen als NS-Opfer nach dem Krieg?
War nicht leicht, Nachwirkungen, Angstzustände, hat solche Zustände auch heute noch, hat sich extra wegen diesen Ängsten eine Sicherheitstür einbauen lassen, traut sich beim Lesen oder Schreiben oft nicht umzuschauen, weil er glaubt, dass da wer stehen würde, Traum, wie Ärzte ihn in eine Badewanne mit siedendem Wasser geben, hat nicht versucht zu verdrängen, sondern wollte sich dem schon stellen, hat sich aber geärgert, dass den ehemaligen Nationalsozialisten so geholfen wurde, ehemalige Nazis konnten nach der Entnazifizierung ganz normal weiterleben, innerhalb von ein paar Monaten waren 300.000 Nazis entnazifiziert, kann das nicht nachvollziehen
Richtig spürbar wurde das erst wieder, als er sich alles wieder in Erinnerung gerufen hat, das hat mit der Veranstaltung in Brigittenau zum Spiegelgrund und seiner Arbeit als Zeitzeuge in den Schulen begonnen, war zunächst fürchterlich, hat damals über viele Dinge noch nicht reden können, über Vermittlung von Hannah Lessing ist er dann zur ESRA gekommen, war dort zwei Jahre in Behandlung, wurde dort von seiner Hemmung über die Erlebnisse zu sprechen befreit, es ist auch heute noch irrsinnig schwer darüber zu sprechen, darf sich keine Bilder in Erinnerung rufen, gelingt ihm nicht immer, ein Gutachten sagt, dass das nicht heilbar wäre, in Schulen ist es ihm oft peinlich, wenn er fast zu weinen beginnt, braucht dafür viel Kraft, Leute verstehen oft auch nicht, dass man nach solchen Erlebnissen noch fröhliche Gedanken haben kann, er weiß heute, dass es das Dritte Reich nicht mehr gibt, ist froh, dass Hitler den Krieg verloren hat, andernfalls würden wir heute in der Hölle leben, alles wäre gleichgeschaltet
Zeichen der Dankbarkeit überwiegen oft das Böse, war beim Filmdrehen wieder in derselben Zelle, seine frühere Zelle ist mittlerweile umgebaut worden, sieht heute aus wie ein Hotelzimmer, Tagräume, dort wo früher die Säuglinge, die getötet werden sollten, lagen, sieht es heute aus wie in einem Märchenland, Kinder werden dort heute so gut behandelt, dass man nicht mehr an die Geschehnisse von früher denkt, andere Opfer sehen das Positive nicht, für diese ist die Zeit vor 1945 immer noch lebendig, manche sehen die Fortschritte nicht
0:36:34 Umgang mit den Erlebnissen als NS-Opfer nach dem Krieg?
War nicht leicht, Nachwirkungen, Angstzustände, hat solche Zustände auch heute noch, hat sich extra wegen diesen Ängsten eine Sicherheitstür einbauen lassen, traut sich beim Lesen oder Schreiben oft nicht umzuschauen, weil er glaubt, dass da wer stehen würde, Traum, wie Ärzte ihn in eine Badewanne mit siedendem Wasser geben, hat nicht versucht zu verdrängen, sondern wollte sich dem schon stellen, hat sich aber geärgert, dass den ehemaligen Nationalsozialisten so geholfen wurde, ehemalige Nazis konnten nach der Entnazifizierung ganz normal weiterleben, innerhalb von ein paar Monaten waren 300.000 Nazis entnazifiziert, kann das nicht nachvollziehen
Richtig spürbar wurde das erst wieder, als er sich alles wieder in Erinnerung gerufen hat, das hat mit der Veranstaltung in Brigittenau zum Spiegelgrund und seiner Arbeit als Zeitzeuge in den Schulen begonnen, war zunächst fürchterlich, hat damals über viele Dinge noch nicht reden können, über Vermittlung von Hannah Lessing ist er dann zur ESRA gekommen, war dort zwei Jahre in Behandlung, wurde dort von seiner Hemmung über die Erlebnisse zu sprechen befreit, es ist auch heute noch irrsinnig schwer darüber zu sprechen, darf sich keine Bilder in Erinnerung rufen, gelingt ihm nicht immer, ein Gutachten sagt, dass das nicht heilbar wäre, in Schulen ist es ihm oft peinlich, wenn er fast zu weinen beginnt, braucht dafür viel Kraft, Leute verstehen oft auch nicht, dass man nach solchen Erlebnissen noch fröhliche Gedanken haben kann, er weiß heute, dass es das Dritte Reich nicht mehr gibt, ist froh, dass Hitler den Krieg verloren hat, andernfalls würden wir heute in der Hölle leben, alles wäre gleichgeschaltet
Zeichen der Dankbarkeit überwiegen oft das Böse, war beim Filmdrehen wieder in derselben Zelle, seine frühere Zelle ist mittlerweile umgebaut worden, sieht heute aus wie ein Hotelzimmer, Tagräume, dort wo früher die Säuglinge, die getötet werden sollten, lagen, sieht es heute aus wie in einem Märchenland, Kinder werden dort heute so gut behandelt, dass man nicht mehr an die Geschehnisse von früher denkt, andere Opfer sehen das Positive nicht, für diese ist die Zeit vor 1945 immer noch lebendig, manche sehen die Fortschritte nicht