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Wünsche werden wahr - Die Entstehung des Kaufhauses

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Katalogzettel

Titel Wünsche werden wahr - Die Entstehung des Kaufhauses
Urheber/innen und Mitwirkende 3sat [Sendeanstalt]
Datum 2019.01.22 [Sendedatum]
2011 [Jahr des Copyright]
Schlagworte Gesellschaft ; Konsum ; Dokumentation ; TV-Mitschnitt
Typ video
Format DFMPG [Dateiformat: MPG]
Sprache Deutsch
Signatur E52-15475

Information

Inhalt

Im Reich der Versuchung
Das "Au Bon Marché" - ein wahrhaft beeindruckender Gebäudekomplex

Das erste Warenhaus der Welt, das "Au Bon Marché" in Paris, revolutionierte im 19. Jahrhundert nicht nur den Handel, es beförderte sogar die Emanzipation der Frauen. An diesem Ort der Sinne gingen Träume und Wünsche der Frauen in Erfüllung - und er veränderte ihr Selbstverständnis.

Der französische Unternehmer Aristide Boucicaut eröffnet 1869 in Paris das "Au Bon Marché", das ersteWarenhaus der Welt. Hier gibt es auf riesigen Verkaufsflächen über mehrere Etagen Schönheit im Überflusszu bestaunen und zu erleben. Und so kommen alle Pariserinnen, um diesen unvergleichlichen Ort kennenzulernen. Ein Paradies der Sinne! Das neue Warenhaus ist eine solche Sensation in der französischen Metropole, dass ein aufmerksamer Zeitzeuge, der Schriftsteller Émile Zola, ihm sogar einen eigenen Roman widmen wird, der die gesellschaftliche Entwicklung dieser Zeit beschreibt - "Das Paradies der Damen". Dieses Kaufhaus kremple den ganzen Markt um und verwandle Paris, schreibt Zola, und entspreche dem, was den Frauen in Fleisch und Blut liege.

Die neuaufkommende Bourgeoisie: Folge der industriellen Revolution

Aristide Boucicaut wird 1810 in dem kleinen Ort Bellême geboren. Sein Vater, ein Tuchhändler, lässt ihn viele Jahre zu den Märkten der Normandie reisen. Ein hartes Leben, das ihn schon früh mit den Grundlagen seines Gewerbes bekannt macht und ihn lehrt, wie er das Vertrauen skeptischer Kundinnen erlangt und ihren Geldbeutel öffnet. Als er den Laden seines Vaters übernehmen und heiraten soll, macht er sich auf den Weg in die französische Hauptstadt. Für diese Zeit nicht ungewöhnlich: Mehr als zwei Drittel der damaligen Bewohner von Paris kommen aus der Provinz.

Die industrielle Revolution bringt eine neue Schicht hervor: die Bourgeoisie. Die ist zu Geld gekommen und wild entschlossen, es auszugeben. Der Handel passt sich an, es entstehen die ersten "Passagen" mit Einzelhandelsgeschäften. Ein Labyrinth mitten in Paris, in dem man ungestört flanieren kann und derDreck der Straße nicht die Kleidung beschmutzt. In einem der neuen Modegeschäfte, den "Magasins des Nouveauté", bekommt Boucicaut eine Anstellung. Seine Wissbegier und sein Ehrgeiz bringen ihn in den nächsten Jahren Schritt für Schritt nach vorne. Auch lernt er in dieser Zeit seine Frau Marguerite kennen und wird Vater eines Sohnes.

Die bürgerliche Klasse wird aufgrund der industriellen Fortschritte immer reicher, während die Arbeiter von Hungerlöhnen leben müssen. Diese gesellschaftlichen Spannungen führen schließlich 1848 zur Februarrevolution. Aristide Boucicaut verliert seine Arbeit. Der neu gewählte Staatspräsident LouisNapoléon weiß, dass er, wenn er an der Macht bleiben will, die Lebensbedingungen der Pariser verändern muss. Er gibt den Auftrag, Paris zu verschönern, vor allem soll es übersichtlicher werden. So werden ganze Viertel mit engen Gassen dem Erdboden gleichgemacht. Es entsteht Raum für großflächigeParks und 300 Kilometer lange schnurgerade Avenuen und Boulevards.

Die Boulevards werden schnell zum Treffpunkt der Pariser und zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Vor allem die reichen Bürger zeigen und amüsieren sich gerne. Auch Aristide Boucicaut drängt es, an diesen gesellschaftlichen Veränderungen teilzuhaben.

Völlig neuartiger Tempel des Konsums

Hier bekommt man alles, was das Herz begehrt

Dank seiner Ersparnisse und einer Erbschaft bringt er es 1852 zum Miteigentümer eines Modegeschäfts - dem "Au Bon Marché". Er hat ganz neue und revolutionäre Ideen. Bisher war es das Ziel der Händler, so teuer wie möglich zu verkaufen. Doch Boucicaut hat begriffen, dass er die Gewinnmarge verringern muss, um mehr Ware umzusetzen. Sein Konzept geht auf: Innerhalb von acht Jahren erhöht sich der Umsatz des Geschäfts von 500 000 Francs auf über fünf Millionen Francs. 1863 zieht sich sein Teilhaber zurück, und Boucicaut hat freie Hand, seine Expansionspläne zu verwirklichen. Er hat den Traum, alle Frauen, unabhängig von ihrem Stand und ihrer Herkunft, zu seinen Kundinnen zu machen. Denn "Wem die Frauen gehören, dem gehört die Welt!", sagt er. Ein unerhörter Gedanke für diese Zeit, in der die Wissenschaft bewiesen haben will, dass die Frau ein kleineres Gehirn als der Mann besitzt und es auf keinen Fall in Anspruch nehmen sollte.

Das notwendige Geld für seine Investitionen leiht sich Boucicaut bei Henry-François Maillard, einem innovativen französischen Unternehmer, der sein Vermögen in New York mit Konditoreien verdient hat. Die städtebaulichen Entwicklungen in Paris machen es Boucicaut möglich, Grundstücke für seine Expansion rund um das "Au Bon Marché" zu erwerben. Doch nun stellt sich die Frage, wie er das große Areal bebauen soll. Er ist fasziniert von den Ideen des jungen Gustave Eiffel, der bei der Weltausstellung 1867 mit seiner "Maschinenhalle" für eine Attraktion gesorgt hat: Eine gewaltige Eisenkonstruktion, deren Kuppel dem Himmel und dem Licht entgegenzueilen scheint, großzügig und offen. Boucicaut beauftragt seinen Architekten, ein Kaufhaus in diesem Stil zu bauen, Eiffel wird in die Planung einbezogen. Das "Au Bon Marché" wächst von 500 auf 50 000 Quadratmeter. Als es 1869 seine Türen öffnet, hat es sich in einen Tempel des Konsums verwandelt, gleicht einer Kathedrale, wie Zola in seinem Roman beschreibt.

Die Kundin ist Königin

Jetzt kann man die Ware direkt angreifen - und auch gleich den Preis erkennen

In diesem Kaufhaus der Sinne ist alles neu: freier Eintritt, kein Kaufzwang, es gibt verschiedenste, prachtvoll dekorierte Abteilungen mit einem riesigen Sortiment an Waren von garantierter Qualität. Die Kundinnen können sich überall frei bewegen und die begehrten Artikel berühren. Alles, was uns heute selbstverständlich erscheint, war damals eine Neuheit. So auch die Preisauszeichnung. Bis dahin erfuhr eine Kundin nur vom Verkäufer, ob sie sich die Ware leisten konnte oder nicht. Auch für das Personal gibt es eine Reihe von Regeln, unter anderem, dass die Kundin die uneingeschränkte Königin in diesem Reich ist. Ganz Paris strömt herbei, und innerhalb von wenigen Jahren steigt der Umsatz von sieben auf 21 Millionen Francs.

Ein neuer Berufsstand entsteht: die Verkäuferin

Ein soziales Absicherungssystem für die Arbeitskräfte entsteht

Die Welt im "Au Bon Marché" verändert sich immer schneller. Ständig werden neue Abteilungen eröffnet, um Faszination, Neugier und Konsumfreude zu erhalten und zu fördern. Mit dem Warenangebot wächst auch der Personalbestand auf 4000 Arbeitskräfte an. Vor allem Frauen stellt Aristide Boucicaut ein - und gibt damit vielen, die aus der Provinz kommen, die Chance, als Verkäuferin ein unabhängiges Leben zu führen.

Doch die Unabhängigkeit hat ihren Preis: Jeden Tag 13 Stunden für die Kundinnen durch die Abteilungen hetzen, ohne sich nur einmal hinsetzen zu dürfen, gekleidet in tadellose schwarze Seidenkleider, um die Kundin nicht zu überstrahlen. Doch Boucicaut schafft für seine Arbeitskräfte auch ein soziales Absicherungssystem, was für diese Zeit ebenfalls vollkommen neu ist: Er führt eine Betriebsrente ein, bezahlten Urlaub, die Mitarbeiter werden am Gewinn beteiligt und die Sonn- und Feiertage sind frei. Es gibt außerdem einen Belegschaftsarzt und eine Kantine, in der alle kostenlos essen dürfen.

Unaufhörlich arbeitet Boucicaut an der Perfektionierung seiner Konzepte, die überall auf der Welt Nachahmer finden. Um die Maschinerie "Au Bon Marché" in Betrieb zu halten, greift er die neuen Ideen und Trends in der Modebranche auf: Das "Prêt-à-porter" ist erfunden - Mode für alle zu günstigen Preisen und passend zur Saison. Bisher hielt ein Kleid mehrere Jahre oder ein Leben lang und war ein Einzelstück. Doch nun tragen die Frauen ihre Roben oft nur ein paar Monate lang und kaufen sich für die nächste Saison neue, die dem aktuellen Trend entsprechen. Andererseits müssen sie nun mit den neuen Standardgrößen zurechtkommen und sich der Ware anpassen. Plötzlich fühlen sie sich zu dick oder zu dünn, zu groß oder zu klein. Zu einem weiteren Verkaufsschlager werden die Kinderabteilungen.Zunächst lockt Boucicaut die Kinder und ihre Mütter mit den gerade neu erfundenen Luftballons aus Kautschuk an, lässt an festgelegten Wochentagen kleine kolorierte Karten mit Geschichten an die Kinder verteilen. Die sind begeistert und erleben mit ihren Müttern vergnügliche Stunden in den wachsenden Kinderabteilungen des Kaufhauses.

Boucicaut erfindet Schlussverkauf und Bestellkatalog

Als nach den Weihnachtstagen der Umsatz schlechter wird, erfindet Boucicaut den Schlussverkauf. Alte Waren will er loswerden, Platz für neue schaffen und den Warenumschlag ankurbeln. Die Idee, Rabatte zu gewähren, ist die ideale Lösung. Schließlich lässt er sogenannte Rabattkalender verbreiten, damit keiner diese Aktionen versäumt. Um Kunden zu erreichen, die nicht ins "Au Bon Marché" kommen können,lässt er Bestellkataloge herstellen. Allein 150 Mitarbeiterinnen sind damit beschäftigt, die Stoffproben, die den Katalogen beiliegen, auszuschneiden. Jeden Montag gehen mehr als 4000 Bestellungen ein, die bearbeitet, verpackt und ins Haus des Kunden geliefert werden, sofern ein Transport innerhalb eines Tages möglich ist. Etwa 150 Pferdekutschen mit den bestellten Waren verlassen jeden Morgen das Kaufhaus in alle Himmelsrichtungen. Wieder hat Boucicaut das richtige Gespür gehabt und erfolgreich eine Idee umgesetzt.

1877 stirbt Aristide Baucicaut im Alter von 68 Jahren. Seine Frau Marguerite übernimmt mit 61 Jahren die Geschäftsführung. Bislang hat sie im Schatten ihres Mannes gestanden, doch schnell erwirbt sie sich Respekt und Anerkennung. Vor allem für ihr soziales Engagement. Als sie zehn Jahre nach ihrem Mann stirbt, hinterlässt sie die Hälfte des Vermögens der Belegschaft. Ein weiteres Vermächtnis ist bis heute einWahrzeichen der französischen Metropole: das "Bon Marché". Was die Frauen angeht, so ist neben und mit dem "Bon Marché" die Pariserin zu einer Institution geworden. Anlässlich der Weltausstellung in Brüssel 1910 wurde ihr ein Denkmal errichtet: Auf dem Eingangsportal stand, in 44 Meter Höhe, "La Parisienne" in einem Modellkleid aus Gips. Diese Statue sollte der Welt die Überlegenheit und Raffinesse der französischen Kultur vor Augen führen.

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