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Lust auf's Leben - Kultur aus allen Richtungen [2018.11.04]

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Katalogzettel

Titel Lust auf's Leben - Kultur aus allen Richtungen [2018.11.04]
Urheber/innen und Mitwirkende Huemer, Michael [Moderation]
ORF Radio Oberösterreich [Sendeanstalt]
Datum 2018.11.04 [Sendedatum]
Schlagworte Musik ; U-Musik ; Moderne Musikformen - Jazz ; Portrait ; Radiosendung-Mitschnitt
Typ audio
Format DFMP2 [Dateiformat: MP2]
Sprache Deutsch
Signatur E53-03493

Information

Inhalt

[Sendungsinformation]
„Alles weglassen, was nicht notwendig ist“, ist das Motto des Gitarristen Bill Frisell. Michael Huemer widmet einem der großen Gitarreros in der Jazz- und Fusionszene weltweit am 4. November die Sendung „Lust aufs Leben“ ab 21.03 Uhr.
1951 in Baltimore im Bundesstaat Maryland geboren, wuchs Bill Frisell in Denver auf. Er lernte schon als Kind Klarinette bevor er zur Gitarre wechselte. Von 1969 bis 1971 studierte er Musik an der University of North Colorado, danach an der renommierten Berklee School of Music in Boston. Einer seiner Lehrer ist der berühmte Jim Hall, zu einem seiner Klassenkameraden zählt Pat Metheny, der später ebenfalls zum Superstar der Gitarre werden wird.
Produzent Manfred Eicher erkennt Frisells Talent
Danach zieht es Frisell für ein Jahr nach Belgien, um sich dem Handwerk des Komponierens zu widmen. Während seines Aufenthaltes lernt er den Münchner Produzenten Manfred Eicher kennen, der ihm sofort die Gelegenheit gibt, auf seinem Label ECM aufzunehmen. Eicher erkennt das Talent und bringt es mit Paul Motian, Jan Garbarek, Eberhard Weber, Kenny Wheeler zusammen. Frisell wird nicht nur ECMs Hausgitarrist Nummer 1 sondern allmählich zum führenden Gitarrero in der Jazz- und Fusionszene weltweit.
„Der neue Gitarrenpapst“
1987 zieht es Bill Frisell wieder in die Staaten, landet in New York und lernt die Downtown-Musikszene kennen. Dort geht es musikalisch ruppiger und härter zu, Musiker wie John Zorn, George Lewis, Tim Berne, Wayne Horvitz, Vernon Reid tummeln sich dort, und Frisell etabliert sich schnell und bald spricht man vom neuen Gitarrenpapst. Wenn Kritiker zu dieser Zeit die Technik von Bill Frisell beschrieben, konzentrierten sie sich meist auf die melancholischen Schleierklänge, die bei den Schallplattenaufnahmen des Münchner Schönklang-Labels ECM zu hören waren. Sie passten dort auch zur Corporate Identity mit nebligen Fjorden, wolkenverhangenen Stimmungen und endlosen Wüsten-Highways.
Seine neuen New Yorker Musikerkollegen, allesamt gebriefte Experimentierer, bringen den Melodiker auf der Gitarre dazu, sich an Schrilles zu wagen. „Before we were born“ – „Vor unserer Geburt“ heißt das neue Album auf einem neuen Label namens „Nonesuch“, für das Frisell in den nächsten 20 Jahren 21 Alben aufnehmen wird. Charakteristisch ist auf dieser Platte ein Titel - insgesamt ist er 13 Minuten lang - in dem kollagenhaft kurze musikalische Sequenzen aneinandergereiht sind, Fragmente, Zitate, sprunghaft in der Stimmung, im Tempo, in der Struktur, mal aggressiv, mal sanft – zusammengebastelte „Quickies“ aus dem Großstadtdschungel. So wie wenn man vor dem Fernseher sitzen und die Fernbedienung bedienen würde, von Kanal zu Kanal, „zapping music“ mit Heavy Metal, Country, Reggae, Pop, Italo-Western, Werbe-Jingles, Soundtracks, Cartoons. In seinen späteren Schallplattenprojekten wird sich Frisell diesen Musik-Genres noch intensiver widmen.
Musikalisch überall zu Hause
Frisell scheint musikalisch überall zu Hause zu sein: im Jazz, in der Rock- oder Countrymusik, im Blues. Eines seiner überzeugendsten Alben entsteht 1994: „Have a little faith“ mit vier Musikern, die die Creme de la Creme im Jazz darstellen. Neben dem inspirierten Bassisten Kermit Driscoll und dem melodiösen Schlagzeuger Joey Baron erweitert Frisell seine Band um zwei Grenzgänger. Der eine ist Don Byron, in Klezmer Musik und afroamerikanischer Klassik ebenso bewandert wie Guy Klucevsek in Polka und Avantgarde. Kompositionen von Aaron Copland, Charles Ives, John Philip Sousa, allesamt Vertreter der zeitgenössischen Musik, Pop-Klassiker von Madonna, Bob Dylan, John Hiatt, sie alle gehören längst zum „Great American Songbook“. Frisell entdeckt, was sie miteinander verbindet: Improvisation und Spielfreude. Er streichelt sie, verfremdet sie, er bringt sie zum Stolpern um sie kurz vor dem Sturz wieder aufzufangen.
Frisell, der Klangtüftler
vBill Frisell ist ein Klangtüftler. Der Mann hat Zeit, er nimmt sich die Zeit, er hat sie sich immer genommen. Hier ein Loop, dort ein Hall, mal elektronische Effekte durch Sampling, ein wenig Verzerrung samt Rückkoppelung, manchmal eine zweite Gitarre, die im Hintergrund mit ein paar hingezupften Tönen für eine pastellfarbene Grundierung sorgt. Er setzt die Technik stets sparsam ein, sie darf der Transparenz seiner Musik nicht im Wege stehen. So ergründet er die musikalischen Roots, die Wurzeln der USA und sein individueller Sound wird in den 90er-Jahren oft als „singend“ beschrieben. Frisell verfügt über ein ausgesprochen breites Repertoire von Ausdrucksmöglichkeiten auf seinem Instrument.
Mitte der 90er-Jahre ist im Zusammenhang mit seinem Spiel immer wieder von „Americana“ die Rede. Frisell schöpft aus verschiedenen amerikanischen Quellen und zieht die Quintessenz aus durchaus gegensätzlichen Musikgenres, verwurzelt im Jazz, aber auch in Country Music und Bluegrass, in Rock und Funk. Frisell behält dabei die Brille auf, die ihm gleichzeitig Scharfblick und Distanz garantiert – eingebettet zwischen Mississippi-Delta, Appalachian Mountains und Waikiki Beach.
Frisell entschlackt Disney, Morricone und Nino Rota
vDer Musiker Frisell versucht stets ein und dieselbe Frage zu beantworten: wie soll ein Provinzler aus Colorado samt seinem Rocky Mountains-Background seine urbanen Erlebnisse als Profimusiker mit „downtown musicians“ aus der New Yorker Loft-Szene zusammenbringen? Er, der gern romantische Melodien an der Grenze zur Banalität spielt und keinen Ton mehr, der mit Lärmkumpanen wie Wayne Horvitz, Arto Lindsay, Bill Laswell, Fred Frith und anderen aus der Heavy Metal-Szene zusammenarbeitet. Er, der als Kind seiner Zeit sich auch gern Trickfilme wie Bugs Bunny, Tom & Jerry, The Flintstones reinzog, die regelmäßig im Kinderfernsehen gezeigt wurden. Frisell entwirft eine Trio-Begleitmusik für Stummfilme von Buster Keaton, die auch mit großem Erfolg in Europa aufgeführt wird. Er nimmt Soundtracks von Kinofilmen unter die Lupe, entschlackt Walt Disney, Ennio Morricone, Nino Rota, James Bond. Fernsehserien, Werbeclips, Comics werden schonungslos zerlegt und wieder zusammengesetzt.
Spielweise mit ländlich-wehmütigen Beiklang
Frisells Gesamt-Diskographie ist von fast beängstigenden Dimensionen, vor allem in einer Phase, nachdem er nach Seattle übersiedelt war. Er beginnt Elemente der Bluesgrass- und Countrymusik sowie Western-Songs in seine Musik zu integrieren. Anders als die traditionellen Jazzgitarristen, die bevorzugt die Saiten mit einem Plektrum anschlagen, verwendet Frisell genau die gegensätzliche Methode, in dem er die Gitarrensaiten mit den Fingerspitzen zupft. Dabei setzt er das Lautstärkepedal ein, um eine Note langsam anschwellen zu lassen. Außerdem verwendet er den Vibrato-Arm, mit dem sich Tonhöhenveränderungen erzielen lassen. Damit verleiht er seiner urbanen Spielweise einen ländlich-wehmütigen Beiklang.

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