zurück

Navigation

Suchen

Lust auf's Leben - Kultur aus allen Richtungen [2018.11.11]

Mediathek

Dieses Medium ist nur vor Ort im Publikumsbetrieb der Österreichischen Mediathek verfügbar.

Katalogzettel

Titel Lust auf's Leben - Kultur aus allen Richtungen [2018.11.11]
Titelzusatz Als die Linzer Synagoge brannte
Urheber/innen und Mitwirkende Huemer, Michael [Moderation]
ORF Radio Oberösterreich [Sendeanstalt]
Datum 2018.11.11 [Sendedatum]
Schlagworte Gesellschaft ; Geschichtswissenschaft ; Völkermord und Holocaust ; Radiosendung-Mitschnitt
Typ audio
Format DFMP2 [Dateiformat: MP2]
Sprache Deutsch
Signatur E53-03509

Information

Inhalt

[Sendungsinformation]
Vor 80 Jahren, in der Nacht von 9. auf den 10. November 1938, fanden in Österreich sowie im gesamten Deutschen Reich gewalttätige Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung statt. Am Sonntag ab 21.03 Uhr widmet sich der ORF OÖ einem Schwerpunkt Zeitgeschichte.
Zu den Ereignissen des November 1938 sind in den Archiven nur sehr wenige zeitgenössische Tondokumente erhalten. Die spärlichen Originalquellen sind zudem in den meisten Fällen in einem Propaganda-Kontext entstanden und reflektieren die Ereignisse aus der Sicht des NS-Staates. Erhalten sind aber auch Erzählungen derjenigen, die flüchten konnten und jener, die den nachfolgenden Krieg und die Vernichtungslager des Dritten Reiches überlebten. Sie werden in der Sendung am 10. November zu Wort kommen.
Organisierte Gewaltmaßnahmen gegen Juden
Als Novemberpogrome werden vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Juden im gesamten Deutschen Reich bezeichnet. Bezogen auf die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 spricht man von der Reichskristallnacht. Der Ursprung dieses Wortes ist nicht restlos geklärt. Er war jedoch entgegen einer verbreiteten Meinung anfänglich keine offizielle Sprachregelung des NS-Regimes. Dessen Dienststellen und die von ihnen gelenkten Medien benutzten damals propagandistisch gefärbte Ausdrücke wie Juden-, November- oder Vergeltungsaktion. Wahrscheinlich prägte der Berliner Volksmund die Wortschöpfung „Kristallnacht“ und spielte auf die zertrümmerten Scheiben vieler Fenster an.
„Nacht der langen Messer“
Augenzeugen der Pogrome erinnern sich auch an Begriffe wie „Bartholomäusnacht“ oder die „Nacht der langen Messer“. Später verwendeten die Nationalsozialisten durchaus das verharmlosende Wort Kristallnacht, um die blutige Gewalt zu bagatellisieren. Sie kokettierten dabei mit dem „schaurig-schönen“ Widerschein des Feuers, das sich in den auf der Straße liegenden Glasscherben spiegelte.
Die Linzer Synagoge vor der Zerstörung
Schon unmittelbar nach der Machtergreifung Adolf Hitlers 1933 kam es in Deutschland zu ersten Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte. 1935 werden die „Nürnberger Rassengesetze“ erlassen. Nach dem „Reichsbürgergesetz“ können Juden nicht mehr Staatsbürger sein und verlieren das aktive und passive Wahlrecht. Das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verbietet die Ehe und den außerehelichen Verkehr zwischen Juden und Deutschen. 1937 zeichnet sich ein Kurswechsel von der schleichenden Verdrängung der Juden aus der Privatwirtschaft zu ihrer schnellen Zwangsenteignung durch den Staat ab. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 12. März 1938 in Österreich nahm die Judenverfolgung im nun erweiterten gesamtdeutschen Reich zu.
„Reibpartien“
Kurz nach dem Anschluss kommt es in Wien und anderen österreichischen Städten zu beispiellosen Ausschreitungen gegen jüdische Mitbürger. Diese werden von siegestrunkenen Nazis gezwungen, zum Gaudium der Zuschauer Parolen des Ständestaates von den Straßen zu waschen. Die Parolen sollten vor der Volksbefragung am 13. März 1938 Stimmung für ein unabhängiges Österreich machen. Die antijüdischen Exzesse finden vor zahlreichem Publikum statt. Der Volksmund prägt für die Szenen der Erniedrigung den verharmlosenden Ausdruck „Reibpartien“, weil die Juden die Straßen mit Reibbürsten säubern müssen. Die Anfangszeilen des Liedes „Schön ist so ein Ringelspiel“, das Hermann Leopoldi berühmt gemacht hat, geben auf beklemmende Weise wieder, was die Schaulustigen damals vermutlich empfunden haben.
Von einer Hetz spricht auch der „Herr Karl“ bei Helmut Qualtinger, wenn er sich erinnert, wie er den Herrn Tennenbaum geführt hat, damit er die Anti-Nazi-Parolen vom Trottoir wischt.
Jüdische Gemeinschaft in Linz war nicht klein
Eine Flüchtlingswelle von deutschen Juden in die Nachbarstaaten setzte ein. Bei der internationalen Konferenz im französischen Evian im Juli erklärte sich keiner von 32 teilnehmenden Staaten bereit, bedrohte Juden aufzunehmen. In Linz und in Oberösterreich waren in den ersten Wochen der NS-Herrschaft antijüdische Maßnahmen von besonderer Aggressivität geprägt. Sie dienten dazu, das Land möglichst rasch „judenrein“ zu machen.
Die jüdische Gemeinschaft von Linz war nicht so klein, wie oft angenommen wurde. Ihr offizieller Mitgliederstand lag bei etwa 670 Personen. Diese mehrfach zitierte Zahl umfasst aber nur jene, die 1938 als Mitglieder in der Israelitischen Kultusgemeinde registriert waren, nicht aber die, welche im Sinne der Nürnberger Rassengesetze auch als jüdisch galten. So muss die Zahl wesentlich höher liegen, wenn man sich die Anzahl jüdischer Gewerbebetriebe in Linz vor Augen hält.
Einige damals bekannte Firmennamen und ihr Standort: die Unternehmerfamilie Spitz, die Firma Kraus & Schober, Kleidermachergewerbe am Hauptplatz 27, der Fruchtsafterzeuger Leopold Mostny aus Urfahr, Rudolfstraße 8, das Schuhhaus Bally, Landstraße 15, die Tuchfabrik Himmelreich & Zwicker, Rädlerweg 8, das Wäsche- und Modegeschäft Walter Eichner in der Klosterstraße 1 oder Ernst Hartmann, Geschäftsführer des Phönix-Kinos.
Strategie der Vertreibung wurde modifiziert
Von den lokalen Machtträgern in Linz wurden abseits der Wiener bzw. der deutschen Entwicklung eigenständige Handlungen gesetzt: So erließ die Gestapo-Leitstelle Linz am 19. März die fernmündliche Verfügung, „die Geschäftsstellen sämtlicher jüdischer Organisationen zu besetzen, das vorhandene Schrifttum sicherzustellen, die Geschäftsräume zu schließen, die leitenden Personen der Verbände festzunehmen und eingehend über das Vorhandensein von Vermögen zu vernehmen“.
Gleichzeitig wurde die Strategie der Vertreibung modifiziert: Die Gestapo Linz forderte die untergeordneten Gendarmerie- und Polizeidienststellen im Sommer mehrmals auf, „Juden die Abwanderung nach Wien nahezulegen“. Primär für die regionalen und lokalen Stellen war es also nicht, Juden zu nötigen, das Deutsche Reich, sondern lediglich die Stadt Linz bzw. den Gau zu verlassen.

Download


Metadaten
Mediathek Logo