Lust auf's Leben - Kultur aus allen Richtungen [2019.03.10]
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Katalogzettel
| Titel | Lust auf's Leben - Kultur aus allen Richtungen [2019.03.10] |
| Titelzusatz |
Der religiöse Schlager |
| Urheber/innen und Mitwirkende |
Huemer, Michael [Moderation]
ORF Radio Oberösterreich [Sendeanstalt] |
| Datum |
2019.03.10 [Sendedatum] |
| Schlagworte | Musik ; U-Musik ; Radiosendung-Mitschnitt |
| Typ | audio |
| Format |
DFMP2 [Dateiformat: MP2] |
| Sprache |
Deutsch |
| Signatur | E53-04463 |
Information
Inhalt
[Senderinformation] Das Genre „religiöses Schlager“ scheint etwas aus der Mode gekommen zu sein. Doch das war nicht immer so, wie Michael Huemer am Sonntag, 10. März, ab 21.03 Uhr in der Sendung „Lust aufs Leben“ zu erzählen weiß.
Es ist wie bei der Mode, sie kommt und geht. Ständige Trendwechsel machen es einem nicht einfach, stets up to date zu sein. Es ist auffallend, dass im Laufe der Jahrzehnte Musikstile aus den Radioprogrammen verschwunden, geradezu herausgefallen sind. Man denke nur an Shanties, jene Arbeitslieder der Seefahrer aus der Zeit der Handelsschifffahrt. In den 50er-Jahren erlebten die Seemannslieder in den Radioprogrammen ihren Höhepunkt. Als Bestandteil des Schlagers wurden sie zum Klischee von Seefahrer-Romantik und Fernweh. Namen wie Freddy Quinn, Hans Albers, Heino, Lale Andersen, Lolita, diverse Marine-, Matrosen- und Seemannschöre waren regelmäßig in den Sendungen vertreten.
Eine weitere Musikgattung ist kaum mehr zu hören und in Verkaufsregalen von Schallplattengeschäften, sofern sie überhaupt noch existieren, zu finden. Ende der sechziger Jahre verbreitete sich besonders in Großbritannien Rockmusik, die sich einzelner Werke von Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven und Wolfgang Amadeus Mozart annahmen. Es wurde zur Mode, die ein entsprechendes Etikett verlangte, das mit Ausdrücken wie „Classic Rock“, „Baroque Rock“ oder „Symphonic Rock“ erfolgte. Emerson Lake & Palmer, Ekseption, Procol Harum, Electric Light Orchestra verwenden in ihren Kompositionen harmonische Grundlagen und Instrumentierungen der abendländischen Klassik.
Etwas später ist es in Österreich das Vienna Symphonic Orchestra Project, kurz VSOP, unter der Leitung von Christian Kolonovits, das seinen musikalischen Schwerpunkt auf symphonische Musikproduktionen verlagert. Es gelang ihnen durchaus, mit Operetten-Potpourris, leichter Salonmusik und anderen Klassikern der Ernsten Musik die Grenzen zwischen E und U zu überschreiten. Es geht aber auch umgekehrt: große Symphonieorchester wie das London Symphony Orchestra, das Munich Symphonic Sound Orchestra oder das Royal Philharmonic Orchestra bearbeiten Pop-Songs von Pink Floyd, Queen, Abba, den Beatles, Genesis und Michael Jackson. Synthesizer, Schlagzeug, E-Bässe und E-Gitarren ergänzen den riesigen Streicherapparat. Auch dieses Genre scheint irgendwie aus der Mode gekommen zu sein. So wie der religiöse Schlager, das religiöse Lied.
In den Nachkriegsgesellschaften verlieren die Amtskirchen zunehmend an gesellschaftlicher Bedeutung und Einfluss. 1962 bringt der Botho-Lucas-Chor das Lied „Danke für diesen guten Morgen“ auf Schallplatte heraus. Er war ein Jahr zuvor als Siegertitel aus einem Wettbewerb der Evangelischen Kirche für neue religiöse Lieder hervorgegangen. Weil die Produzenten eigentlich nicht an einen Erfolg glaubten, wurde die Single erst in einer Auflage von 1.500 Stück auf den Markt gebracht. Ein Jahr später entwickelte sich „Danke“ zu einem Hit und für den deutschen Botho-Lucas-Chor zum ersten unerwarteten Erfolg. Das Lied wurde zu einem Evergreen und war auch in Radio OÖ zu hören.
Die Plattenindustrie wird aufmerksam und entdeckt das Geschäft mit dem singenden Kirchenpersonal. Internationaler Motor wird dabei eine belgische Nonne. Geboren am 17. Oktober 1933 in Wavre bei Brüssel tritt Jeanne-Paule Marie Deckers 1959 in den Orden der Dominikanerinnen ein, wo sie den Namen Luc-Gabrielle annimmt. Eines der wenigen privaten Dinge im Kloster war eine Gitarre. Die Novizin lernt nicht nur das Instrument zu spielen, sondern bald auch einfache Lieder zu texten und zu komponieren. Luc-Gabrielle möchte ihrem Kloster und ihrer Oberin ein Lied über den Ordensgründer Dominikus schenken. Ihre Komposition „Dominique“ wird unter dem Pseudonym Soeur Sourire, zu deutsch „Schwester des Lächelns“, in englischsprachigen Ländern als „The singing Nun“ veröffentlicht.
Eine komponierende und singende Nonne war damals ein absolutes Novum, vielleicht spielte diese Tatsache auch eine Rolle, dass das einfache Liedchen innerhalb kürzester Zeit weltweit die Spitze der Hitparaden erreichte. Man kann geradezu von einem Welterfolg sprechen, wobei die Sängerin selbst davon nichts hatte. Da Luc-Gabrielle beim Eintritt in das Kloster das Armutsgelübde abgelegt hatte, flossen die Einnahmen an den Orden. Später kam es zum Streit über die Finanzen und Soeur Sourire verliess den Orden. Das belgische Finanzamt machte hohe Steuernachzahlungen geltend, weil unklar war, wer welche Tantiemen kassiert hatte. Kloster und Orden erklärten sich nicht zuständig und schwiegen. Ihre eingestandene Tablettensucht und ihre lesbische Beziehung taten das Übrige. 1985 beging Soeur Sourire gemeinsam mit ihrer Lebenspartnerin verarmt und depressiv Selbstmord.
Soeur Sourire stand bei der Plattenfirma “Philips” unter Vertrag, weshalb sie wohl ein Händchen für das Geschäft mit christlichen Liedern entwickelte. Jedenfalls nahm Philips nach dem Erfolg mit der belgischen Nonne 1964 den Schweizer Kaplan Alfred Flury unter Vertrag. Der 1934 in Wangen bei Olten geborene Flury hatte bereits in seiner Heimat einen Namen als singender Geistlicher. Er war dort als Gesangs-Religionslehrer und Erzieher in einem Internat tätig und nannte sich selbst der „singende Hilfsarbeiter der Kirche Gottes“.
Er bemerkte, dass seine Schüler die alten Lieder langweilig fanden. Wenn sie allein waren sangen sie vor allem Schlager, Schnulzen, also das „was sie für Jazz“ hielten. Kaplan Flury entschloss sich, seinen Schülern selbst neue Lieder zu schreiben. Sein Motto: „Christentum ist für mich eine fröhliche Sache. Und Musik auch. Beides zusammen muss doch einfach Spaß machen.“ Es gelang ihm tatsächlich. 1964 war Österreichs Hitparade fest in den Händen der Geistlichkeit.
Es ist wie bei der Mode, sie kommt und geht. Ständige Trendwechsel machen es einem nicht einfach, stets up to date zu sein. Es ist auffallend, dass im Laufe der Jahrzehnte Musikstile aus den Radioprogrammen verschwunden, geradezu herausgefallen sind. Man denke nur an Shanties, jene Arbeitslieder der Seefahrer aus der Zeit der Handelsschifffahrt. In den 50er-Jahren erlebten die Seemannslieder in den Radioprogrammen ihren Höhepunkt. Als Bestandteil des Schlagers wurden sie zum Klischee von Seefahrer-Romantik und Fernweh. Namen wie Freddy Quinn, Hans Albers, Heino, Lale Andersen, Lolita, diverse Marine-, Matrosen- und Seemannschöre waren regelmäßig in den Sendungen vertreten.
Eine weitere Musikgattung ist kaum mehr zu hören und in Verkaufsregalen von Schallplattengeschäften, sofern sie überhaupt noch existieren, zu finden. Ende der sechziger Jahre verbreitete sich besonders in Großbritannien Rockmusik, die sich einzelner Werke von Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven und Wolfgang Amadeus Mozart annahmen. Es wurde zur Mode, die ein entsprechendes Etikett verlangte, das mit Ausdrücken wie „Classic Rock“, „Baroque Rock“ oder „Symphonic Rock“ erfolgte. Emerson Lake & Palmer, Ekseption, Procol Harum, Electric Light Orchestra verwenden in ihren Kompositionen harmonische Grundlagen und Instrumentierungen der abendländischen Klassik.
Etwas später ist es in Österreich das Vienna Symphonic Orchestra Project, kurz VSOP, unter der Leitung von Christian Kolonovits, das seinen musikalischen Schwerpunkt auf symphonische Musikproduktionen verlagert. Es gelang ihnen durchaus, mit Operetten-Potpourris, leichter Salonmusik und anderen Klassikern der Ernsten Musik die Grenzen zwischen E und U zu überschreiten. Es geht aber auch umgekehrt: große Symphonieorchester wie das London Symphony Orchestra, das Munich Symphonic Sound Orchestra oder das Royal Philharmonic Orchestra bearbeiten Pop-Songs von Pink Floyd, Queen, Abba, den Beatles, Genesis und Michael Jackson. Synthesizer, Schlagzeug, E-Bässe und E-Gitarren ergänzen den riesigen Streicherapparat. Auch dieses Genre scheint irgendwie aus der Mode gekommen zu sein. So wie der religiöse Schlager, das religiöse Lied.
In den Nachkriegsgesellschaften verlieren die Amtskirchen zunehmend an gesellschaftlicher Bedeutung und Einfluss. 1962 bringt der Botho-Lucas-Chor das Lied „Danke für diesen guten Morgen“ auf Schallplatte heraus. Er war ein Jahr zuvor als Siegertitel aus einem Wettbewerb der Evangelischen Kirche für neue religiöse Lieder hervorgegangen. Weil die Produzenten eigentlich nicht an einen Erfolg glaubten, wurde die Single erst in einer Auflage von 1.500 Stück auf den Markt gebracht. Ein Jahr später entwickelte sich „Danke“ zu einem Hit und für den deutschen Botho-Lucas-Chor zum ersten unerwarteten Erfolg. Das Lied wurde zu einem Evergreen und war auch in Radio OÖ zu hören.
Die Plattenindustrie wird aufmerksam und entdeckt das Geschäft mit dem singenden Kirchenpersonal. Internationaler Motor wird dabei eine belgische Nonne. Geboren am 17. Oktober 1933 in Wavre bei Brüssel tritt Jeanne-Paule Marie Deckers 1959 in den Orden der Dominikanerinnen ein, wo sie den Namen Luc-Gabrielle annimmt. Eines der wenigen privaten Dinge im Kloster war eine Gitarre. Die Novizin lernt nicht nur das Instrument zu spielen, sondern bald auch einfache Lieder zu texten und zu komponieren. Luc-Gabrielle möchte ihrem Kloster und ihrer Oberin ein Lied über den Ordensgründer Dominikus schenken. Ihre Komposition „Dominique“ wird unter dem Pseudonym Soeur Sourire, zu deutsch „Schwester des Lächelns“, in englischsprachigen Ländern als „The singing Nun“ veröffentlicht.
Eine komponierende und singende Nonne war damals ein absolutes Novum, vielleicht spielte diese Tatsache auch eine Rolle, dass das einfache Liedchen innerhalb kürzester Zeit weltweit die Spitze der Hitparaden erreichte. Man kann geradezu von einem Welterfolg sprechen, wobei die Sängerin selbst davon nichts hatte. Da Luc-Gabrielle beim Eintritt in das Kloster das Armutsgelübde abgelegt hatte, flossen die Einnahmen an den Orden. Später kam es zum Streit über die Finanzen und Soeur Sourire verliess den Orden. Das belgische Finanzamt machte hohe Steuernachzahlungen geltend, weil unklar war, wer welche Tantiemen kassiert hatte. Kloster und Orden erklärten sich nicht zuständig und schwiegen. Ihre eingestandene Tablettensucht und ihre lesbische Beziehung taten das Übrige. 1985 beging Soeur Sourire gemeinsam mit ihrer Lebenspartnerin verarmt und depressiv Selbstmord.
Soeur Sourire stand bei der Plattenfirma “Philips” unter Vertrag, weshalb sie wohl ein Händchen für das Geschäft mit christlichen Liedern entwickelte. Jedenfalls nahm Philips nach dem Erfolg mit der belgischen Nonne 1964 den Schweizer Kaplan Alfred Flury unter Vertrag. Der 1934 in Wangen bei Olten geborene Flury hatte bereits in seiner Heimat einen Namen als singender Geistlicher. Er war dort als Gesangs-Religionslehrer und Erzieher in einem Internat tätig und nannte sich selbst der „singende Hilfsarbeiter der Kirche Gottes“.
Er bemerkte, dass seine Schüler die alten Lieder langweilig fanden. Wenn sie allein waren sangen sie vor allem Schlager, Schnulzen, also das „was sie für Jazz“ hielten. Kaplan Flury entschloss sich, seinen Schülern selbst neue Lieder zu schreiben. Sein Motto: „Christentum ist für mich eine fröhliche Sache. Und Musik auch. Beides zusammen muss doch einfach Spaß machen.“ Es gelang ihm tatsächlich. 1964 war Österreichs Hitparade fest in den Händen der Geistlichkeit.