Oral History Interview mit Anna Lechner, 1. Termin
Dieses Medium ist Teil des Gesamtwerks Oral History Interview mit Anna Lechner an zwei Terminen
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Inhalt
Gesprächsthemen: Agrarwirtschaft – Alter – Arbeit – Arbeit in der Kindheit – Arbeit im Alter – Ausbeutung – Backen – bäuerliches Milieu – Bauern – Bekleidung – Beruf – Berufswunsch – Besatzung – Busreisen – Dialekt – Dienstboten – Dienstmädchen – Dienstmagd – Diktaturen und totalitäre Regime – Dorf – Ehe – Ehefrau – Eltern – Entlohnung – Ernährung – Erwachsenwerden – Familie – Fliegeralarm – Frauen – Frauenarbeit – Frauenbilder – Frauenrollen – Freizeit – Garten/Gärtnern – Gedenkstätte – Geschlechterrollen – Geschlechterverhältnisse – Geschwister – Geselligkeit – Glaube – Hausarbeit – Hausfrau – Haushalt – Hausmeisterin – Hauswirtschaftsschule – Heirat – Hilfsarbeiterin – Jugend – katholisch – katholische Kirche – Katholizismus – Kind – Kinderbetreuung – Kindheit – Kindheit im Nationalsozialismus – Konzentrationslager Melk – Krieg – Kriegsende – Kriegskindheit – Krise – Kur – Land – Landarbeiterin – Landarmut – Landwirtschaft – landwirtschaftliche Arbeit – landwirtschaftliche Hilfsarbeiterin – Lebensmittel – Lebensmittelknappheit – Machtverhältnisse – Melk – Menstruation – Modernisierung – Moskau – Mundart – Mutter – Nachkriegskindheit – Nachkriegszeit – Nahrung – Nationalsozialismus - Niederösterreich – NS – NS-Zeit – Ober-Grafendorf – Partnerschaft – Patriarchat – Pensionistin – Pensionistenverband – Politik – politische Gesinnung – Religion – Religiosität – Reisen – russische/sowjetische Besatzung – Scheidung – Schlaganfall – Schrebergarten – Schwangerschaft – Sehschwäche – Senioren – sexuelle Aufklärung – Sorgearbeit/Care – soziale Schicht – soziale Unterschiede – Sozialisation – SPÖ – Tiefflieger – Tod – Traditionelle Geschlechterrollen – Trauer – Trauern – Tod – UdSSR – uneheliches Kind – Verlust – verheiratet – Volksschule – Weihnachten – Witwe – Wohnverhältnisse – Zweiter Weltkrieg – Weinburg – Hochschwab – Erholungsheim Grimmenstein – Gschöder – ZIZALA
Anna Lechner wurde als Anna Fuxsteiner 1931 in Engelsdorf bei Weinburg im Pielachtal in Niederösterreich geboren. Ihre Eltern waren nicht verheiratet und Anna wuchs beim Vater, vor allem aber den Großeltern auf, die eine Landwirtschaft betrieben, die später Frau Lechners Onkel überschrieben wurde. Die Mutter ist landwirtschaftliche Hilfsarbeiterin, der Vater Hilfsarbeiter. 1942 heiratet der Vater Anna Lechners erste Stiefmutter, kurze Zeit später wird er an die Front eingezogen. Da sich der Onkel keine Magd leisten kann, muss Anna mit der neuen Stiefmutter umziehen. Sie gehen in den Nachbarort Kunning bei Ober-Grafendorf und bewohnen dort eine kleine Zimmer-Küche Wohnung. Anna Lechner hat Erinnerungen an einen „fanatischen“ Direktor in ihrer Schule während der NS-Zeit und Fliegerangriffe, die ihr große Angst machten. Die Stiefmutter arbeitet als landwirtschaftliche Hilfsarbeiterin bei einem Bauern. Auch Anna muss jeden Nachmittag nach der Schule landwirtschaftliche Arbeit verrichten und ist danach zu müde, um Hausübungen zu schaffen. Bald leiden die Schulleistungen so stark unter Anna Lechners Müdigkeit von der Arbeit und einer unbehandelten Sehschwäche, dass sie eine Klasse wiederholen muss. Gegen Ende des Krieges erlebt Frau Lechner häufig Fliegeralarm, der Nachbarort Markersdorf wird bombardiert. Kurz vor Kriegsende flieht Anna Lechner mit ihrer Stiefmutter in den Nachbarort Ochsenburg und leben in einem leerstehenden Haus. Nach elf Tagen in Ochsenburg endet der Zweite Weltkrieg und Anna macht sich gemeinsam mit ihrer Stiefmutter auf den Weg zurück nach Hause. Dort finden sie eine völlig leergeräumte Wohnung vor. Beim Begutachten der Wohnung entgeht Anna Lechner knapp einer Kugel, ein sowjetischer Soldat hatte beim Fenster hereingeschossen. Nach Kriegsende zieht Anna zu ihrer Tante nach Winden bei Melk, wodurch sie, wie sie sagt, ihr Zuhause verliert. Nachdem der Vater aus dem Krieg zurückkehrt, nimmt er sie jedoch auch nicht wieder bei sich auf, Anna Lechner muss bei der Tante bleiben. Die Stiefmutter wurde gegen Ende des Krieges von einem anderen Mann schwanger, wodurch sich Vater und Stiefmutter nach seiner Rückkehr aus dem Krieg trennten. Anna Lechner arbeitet in Winden bei benachbarten Landwirt*innen für Kost. Sie wohnt bei ihrer Tante, Geld bekommt sie von den Bäuer*innen für ihre Arbeit keines. Nach einer Zeit reicht es Anna Lechner, sie möchte für ihre Arbeit bezahlt werden und sucht in mehreren Fabriken im Pielachtal nach Arbeit. Sie findet keine, lernt im Zug jedoch einen Förster mit kleiner Landwirtschaft kennen, der sie bei sich einstellt. Dafür muss Anna in die Steiermark nach Gschöder im Hochschwabgebiet umziehen, was ihr nichts ausmacht, da sie sich sofort in die Berge verliebt. Da sie ihre Arbeit dem Förster aber nicht rechtmachen konnte, kündigt sie nach einem Jahr und geht zurück zur Tante nach Melk. 1949 hat Annas Vater erneut geheiratet. Aus der zweiten Ehe des Vaters hat Anna Lechner eine Schwester, mit der sie allerdings wenig Kontakt hat. Mit ihrer Mutter hatte sie immer etwas Kontakt, diese bekommt noch eine Tochter, heiratet nach St. Pölten und bekommt noch einen Sohn, Anna hat also noch eine Halbschwester und einen Halbbruder. Anna ist Anfang der 1950er zurück in Melk, eine Gastwirtin aus dem Hochschwabgebiet lässt dann jedoch nach ihr schicken und Anna geht zurück in die Steiermark, um in der Gastwirtschaft mit Fremdenzimmern und der daran anschließenden Landwirtschaft zu arbeiten. Sie erkrankt an einer Rippenfellentzündung und ist fünf Monate lang auf Kur in Grimmenstein. Wieder gesundet beginnt sie in einer Fabrik zu arbeiten. Sobald sie Urlaub hat, fährt sie aber bald zurück in die Berge zu ihrer ehemaligen Arbeitsstelle, weil es ihr dort so gut gefallen hat. Dort lernt sie beim Kartenspielen ihren späteren Ehemann Ernst Lechner kennen. Nach dem Ende ihres Urlaubs schreiben Anna Lechner und er sich einige Male und treffen einander bald wieder. Der Ehemann arbeitet bei einer Forstverwaltung in Thörl (Steiermark), Anna besucht ihn in ihrem Urlaub und er sie in seinem in Melk. Sie beschließen zusammen zu ziehen und zu heiraten. Anna zieht nach Thörl und arbeitet ebenfalls bei der Forstverwaltung im Pflanzgarten. Nach wenigen Jahren zieht das Paar nach Melk, Anna Lechners Ehemann beginnt bei den ÖBB zu arbeiten. Anna arbeitet zeitweilig in Fabriken, in einer Gärtnerei und übernimmt eine Hausmeisterei. Gemeinsam bekommen sie zwei Kinder und machen trotz ihrer bescheidenen Einkommen kleine Urlaube in Österreich. Ab 1970 arbeitet Frau Lechner weitestgehend als Hausmeisterin und Garderobière im Melker Stadtsaal. Politisch wird sie in der ÖVP-dominierten Stadt aufgrund ihres Ehemanns, der bei den ÖBB arbeitet und sich bei der SPÖ engagiert immer als „Rote“ gesehen, faktisch ist sie aber Zeit ihres Lebens Wechselwählerin. Im Alter engagiert sie sich beim SPÖ-Pensionistenverband. Als Anna Lechner Probleme mit den Knien bekommt, machen die Lechners weniger Urlaube in den Bergen reisen stattdessen per Flugzeug. Die erste Reise führt sie 1988 nach Moskau. Es folgen zahlreiche Europareisen wie das Nordcap oder Mallorca, auch Afrika bereisen Anna Lechner und ihr Ehemann. Zeit ihres Lebens hat Anna Lechner gerne Mehlspeisen gebacken, sehr zur Freude ihres Ehemanns, der immer Lust auf Süßes hatte. Noch immer backt sie gerne, wagt sich aber nicht mehr an ausgefallene Rezepte heran, da sie nicht mehr so lange stehen kann. Lange hätte sie sich Enkelkinder gewünscht, dieser Wunsch hat sich leider nicht erfüllt. Heute ist Anna Lechner froh, dass sie keine Enkelkinder hat, weil sie die Zukunft sehr kritisch betrachtet. Nach einem Schlaganfall Anfang der 2020er Jahre zieht Anna in eine kleinere Wohnung und ist beim Gehen auf einen Rollator angewiesen. Mit diesem ist sehr mobil, sie hat sogar ein Nummernschild daran angebracht. Ihren Alltag verbringt sie mit ihrem geliebten, 23-jährigen Kater Felli, Kartenspielen mit Freund*innen, backen, kochen und Handarbeiten.