Oral-History-Interview mit Youri Geers
Dieses Medium ist Teil des Gesamtwerks Vielsprachiges Gedächtnis der Migration
Katalogzettel
| Titel | Oral-History-Interview mit Youri Geers |
| Urheber/innen und Mitwirkende |
Geers, Youry [Interviewte/r]
Purdue, Joanna [Interviewer/in] Becker, Gilles [Übersetzer/in/Dolmetscher/in] Traska, Georg [Tontechniker/in] [GND ] Traska, Georg [Kamera] [GND ] Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften [Veranstalter] Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung [Fördergeber] |
| Datum |
2024.05.31 [Aufnahmedatum] |
| Ort |
Wien [Aufnahmeort]
|
| Schlagworte | Gesellschaft ; Kultur ; Migration ; Interview ; Geschichtswissenschaft ; Bildung und Schulwesen ; Familie ; Sprache ; Unveröffentlichte Aufnahme |
| Typ | video |
| Format |
DOV [Digitales Original Video] |
| Gesamtwerk/Reihe | Vielsprachiges Gedächtnis der Migration |
Information
Inhalt
Youri Geers konnte zuerst nicht viel damit anfangen, dass er ein Interview als „Migrant“ geben sollte. Luxemburger studieren in der Regel im Ausland und arbeiten vielfach wenigstens phasenweise außerhalb des Landes. Alle Luxemburger wachsen schulisch mit Französisch und Deutsch auf und haben angesichts der kleinen Fläche des Landes eine selbstverständlich enge Beziehung zu Frankreich und Deutschland, eventuell auch zu Belgien. Luxemburgisch (Lëtzebuergesch) – die Sprache, in der das Interview stattfand – ist die dritte Verwaltungssprache und hat einen Sonderstatus als „Nationalsprache“, während es strukturlinguistisch als Variante des moselfränkischen Dialekts zu verstehen ist – eines Dialekts, der in Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Teilen Lothringens gesprochen wird. Youri Geers lernte außerdem in der frühen Kindheit Portugiesisch von seiner „Nanny“, doch nahm er diese Sprache in seiner Entwicklung und Bildung nicht weiter mit und vergaß sie – zu seinem Bedauern. Diesem Vergessen wird politisch und gesellschaftlich insofern Vorschub geleistet, als Portugiesisch, das aufgrund einer großen portugiesischen „Gastarbeiter“-Community von rund 20% der Bewohner*innen Luxemburgs gesprochen wird, keine Schul- bzw. Verwaltungssprache ist und nicht dem nationalen Bildungskanon angehört wie die englische Sprache.
Youri Geers kam als 17-Jähriger mit seiner Freundin nach Wien, um „remote“ die luxemburgische Schule zu beenden und hier zu studieren. Er arbeitete immer neben dem Studium und schließlich zog es ihn ganz in die Arbeit, als er die technische Leitung eines Clubs und dann die Geschäftsführung eines Co-Creation- und Coworking-Spaces übernahm. Und er blieb in Wien.
Dass sich seine Biografie aus privaten, Bildungs- und beruflichen Überlegungen nicht innerhalb nationaler Grenzen bewegte, war für Youri Geers selbstverständlich. Er hätte diese Form der Mobilität, obwohl er seit über zehn Jahren in Österreich lebt, nicht mit „Migration“ in Verbindung gebracht. „Migrant*in“ ist für ihn eher Begriff der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Ist er auch selbst gegenüber Migrant*innen politisch und zwischenmenschlich positiv eingestellt, habe er sich dennoch als Westeuropäer nie als „Migrant“ gesehen. Um diese Thematik, wie Migration in Luxemburg und in Österreich politisch und gesellschaftlich wahrgenommen wird, entwickelt sich ein Gespräch mit der Interviewerin Joanna Purdue, die ebenfalls zum Studium aus Luxemburg nach Österreich kam und das Interview im Rahmen einer Lehrveranstaltung der PH Wien führte. Die Entscheidung für eine bestimmte Stadt – Hamburg befand sich neben Wien in seiner engeren Wahl – war für Youri Geers wichtiger als die für eines der mittel- und westeuropäischen Länder. Was das als „Ausländer“ betrachtet oder behandelt zu werden betrifft, werden Luxemburger*innen in Österreich sprachlich meist als „Deutsche“ identifiziert, die einerseits die größte migrantische Gruppe des Landes sind, andererseits einen eigenen Status als Teil des großen, durchgängig deutschsprachigen Raumes Europas haben und für die in Österreich eine eigene Form des nachbarschaftlichen „Otherings“ bereitgehalten wird. Youri Geers und Joanna Purdue machen den Unterschied zu „Migrant*innen“ auch daran fest, dass sie mit keinerlei bürokratischen Hürden konfrontiert waren und dass sie durch ihre freie und leichte Entscheidung des Aufenthaltes (anderen) „Migrant*innen“ gegenüber privilegiert seien. In alldem war „Migration“ für sie durchwegs ein mit Schwierigkeiten verbundener oder problematisierender Begriff. Die aus freien Stücken transnational Lebenden sind für sie keine Migrant*innen.
Das Interview fand 2024 im Rahmen des Projekts „Vielsprachiges Gedächtnis der Migration“ (Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, unter der Leitung von Georg Traska, gefördert im Programm „Sparkling Science 2.0“ und finanziert vom BMFWF).
Youri Geers kam als 17-Jähriger mit seiner Freundin nach Wien, um „remote“ die luxemburgische Schule zu beenden und hier zu studieren. Er arbeitete immer neben dem Studium und schließlich zog es ihn ganz in die Arbeit, als er die technische Leitung eines Clubs und dann die Geschäftsführung eines Co-Creation- und Coworking-Spaces übernahm. Und er blieb in Wien.
Dass sich seine Biografie aus privaten, Bildungs- und beruflichen Überlegungen nicht innerhalb nationaler Grenzen bewegte, war für Youri Geers selbstverständlich. Er hätte diese Form der Mobilität, obwohl er seit über zehn Jahren in Österreich lebt, nicht mit „Migration“ in Verbindung gebracht. „Migrant*in“ ist für ihn eher Begriff der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Ist er auch selbst gegenüber Migrant*innen politisch und zwischenmenschlich positiv eingestellt, habe er sich dennoch als Westeuropäer nie als „Migrant“ gesehen. Um diese Thematik, wie Migration in Luxemburg und in Österreich politisch und gesellschaftlich wahrgenommen wird, entwickelt sich ein Gespräch mit der Interviewerin Joanna Purdue, die ebenfalls zum Studium aus Luxemburg nach Österreich kam und das Interview im Rahmen einer Lehrveranstaltung der PH Wien führte. Die Entscheidung für eine bestimmte Stadt – Hamburg befand sich neben Wien in seiner engeren Wahl – war für Youri Geers wichtiger als die für eines der mittel- und westeuropäischen Länder. Was das als „Ausländer“ betrachtet oder behandelt zu werden betrifft, werden Luxemburger*innen in Österreich sprachlich meist als „Deutsche“ identifiziert, die einerseits die größte migrantische Gruppe des Landes sind, andererseits einen eigenen Status als Teil des großen, durchgängig deutschsprachigen Raumes Europas haben und für die in Österreich eine eigene Form des nachbarschaftlichen „Otherings“ bereitgehalten wird. Youri Geers und Joanna Purdue machen den Unterschied zu „Migrant*innen“ auch daran fest, dass sie mit keinerlei bürokratischen Hürden konfrontiert waren und dass sie durch ihre freie und leichte Entscheidung des Aufenthaltes (anderen) „Migrant*innen“ gegenüber privilegiert seien. In alldem war „Migration“ für sie durchwegs ein mit Schwierigkeiten verbundener oder problematisierender Begriff. Die aus freien Stücken transnational Lebenden sind für sie keine Migrant*innen.
Das Interview fand 2024 im Rahmen des Projekts „Vielsprachiges Gedächtnis der Migration“ (Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, unter der Leitung von Georg Traska, gefördert im Programm „Sparkling Science 2.0“ und finanziert vom BMFWF).