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Die Geschichtsgreißlerei

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Beiträge dieses Mediums

Bis zur Adria reichte es leider nicht!
Mitwirkende: Filipovic, Andreas [Interviewer/in] , Szevera, Walter [Interviewer/in]
Datum: 2024.04.16 [Sendedatum]
Schlagworte: Gesellschaft ; Geschichtswissenschaft ; Podcast
Typ: audio
Inhalt: [Episoden-Info] Der Wiener Neustädter Kanal

Der Ort:
Der Wiener Neustädter Kanal erstreckte sich am Höhepunkt seiner Ausdehnung Mitte des 19.Jahrhunderts vom Wiener Stubentor bis nach Wiener Neustadt. Der damals 63km lange Kanal wurde von 2 Häfen eingefasst, nämlich einem in Wiener Neustadt und einem direkt am Wiener Stubentor bis zur damaligen Stadtmauer, wo sich heute der Schienenverkehrsknotenpunkt Wien Mitte befindet. Der Kanal führte über Wien Landstraße, Simmering, Maria Lanzersdorf, Laxenburg, Guntramsdorf, Baden bis Wiener Neustadt. Derzeit existiert dieser Wasserweg zwischen Guntramsdorf und Wiener Neustadt, die restlichen Teile wurden mit der Zeit zugeschüttet. Heute sind die noch bestehenden Teile beliebte Ausflugsziele für SpaziergängerInnen und RadfahrerInnen bzw. wird die ehemalige Verkehrsader für landwirtschaftliche oder gewerbliche Zwecke genützt.

Das Thema:
Im Zuge der Industrialisierung Europas im 18.Jahrhundert waren Kanäle die effizientesten Transportwege von Massengütern. Daher plante die österreichische Verwaltung Ende des 18.Jahrhunderts ein ähnliches Kanalnetz wie in Frankreich oder England einzuführen, um die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Dabei war die Schaffung eines künstlichen Kanals von Wien bis zur Adria als Großprojekt geplant. Innerhalb von 6 Jahren Bauzeit wurde das erste Teilstück zwischen Wien und Wiener Neustadt 1803 fertiggestellt. Auf der 63km langen Strecke wurden zahlreiche Schleusen, Brücken, Lagerhallen und Anschlüsse an die im Wiener Becken ansässigen Industriebetriebe angelegt. Für die eigens für den Kanal entwickelten Bootstypen gründete man sogar Werften. Innerhalb von 50 Jahren entwickelte sich der Kanal zu einer der wichtigsten Transportlinien für Kohle, Holz, Ziegel und gewerbliche Produkte in die boomende Hauptstadt der Monarchie. Die weitreichenden Pläne für den Ausbau bis zur Adria mussten aufgrund finanzieller und innenpolitischer Hürden aufgegeben werden. Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes verlor der Kanal zunehmend seine Funktion. Die Schiene konnte billiger, schneller und unabhängig von den Jahreszeiten massenhaft Güter transportieren. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor der Kanal endgültig seine Bedeutung, das Wiener Kanalbett wurde zugeschüttet bzw. als Trasse für die Eisenbahn genützt (teilweise die heutige Strecke der S7).

Tipps und Tricks:

Zum Lesen:
Johannes Hradecky, Werner Chmelar: Wiener Neustädter Kanal. Vom Transportweg zum Industriedenkmal. Wien, 2014.
Paul Slezak u.a.: Vom Schiffskanal zur Eisenbahn: Wiener Neustädter Kanal und Aspangbahn. Wien, 1981
Fritz Lange: Von Wien zur Adria: der Wiener Neustädter Kanal. Sutton 2003

Zum Radeln und Spazieren:
Radwanderweg EuroVelo 9, Teil Wiener Neustädter Kanal. Karten findet man im Internet z.B. auf www.niederoesterreich.at
Dr. Reinhardt Brandstätter und die AIDS-Hilfe
Mitwirkende: Filipovic, Andreas [Interviewer/in] , Szevera, Walter [Interviewer/in] , Brunner, Andrea [Interviewte/r]
Datum: 2023.11.28 [Sendedatum]
Schlagworte: Gesellschaft ; Geschichtswissenschaft ; Podcast
Typ: audio
Inhalt: [Episoden-Info] Mit Selbstorganisation gegen Diskriminierung

Der Ort
Reinhardt-Brandstätter-Platz, 1060.
Am 1. Dezember 2022 wurde die Verkehrsfläche vor der Aids Hilfe Wien in Dr. Reinhardt Brandstätter-Platz in einem feierlichen Festakt umbenannt. Brandstätter war ein Gründungsmitglied der Österreichischen AIDS-Hilfe und ein engagierter Aktivist der damaligen Lesben- und Schwulenbewegung. Er verstarb nach langer Krankheit an den Folgen von HIV/AIDS im Jahr 1992

Das Thema
HIV/AIDS taucht vor genau 40 Jahren in den österreichischen Medien auf. Die Hysterie ist groß, Unwissen und Verunsicherung schüren Vorurteile. Schnell ist von einer „Schwulenseuche“ die Rede. Zwangsmassnahmen bis hin zu Tätowierungen und Internierungslagern werden diskutiert. Der Aktivist und Arzt Dr. Reinhardt Brandstätter reagiert schnell mit einer Informationsbroschüre, die falschen Vorstellungen entgegentreten soll und zeitgleich für Bewusstsein und Prävention sorgen soll. In der Folge gründet er die Österreichische AIDS-Hilfe. Über die einstige Selbstorganisation Betroffener, die damit eingehende Veränderung im Selbstbewusstsein von NGOs und den heutigen Aufgaben in der Prävention sexuell übertragbarer Krankheiten sprechen wir mit unserem Gast, Andrea Brunner.

Zu Gast
Andrea Brunner wurde in Schwaz in Tirol geboren und studierte Politikwissenschaft in Wien. Sie war Vorsitzende der Hochschüler*innenschaft an der Universtität Wien, später Bundesfrauengeschäftsführerin der SPÖ Frauen und stellvertretende Bundesgeschäftsführerin der Sozialdemokratischen Partei Österreichs. Seit 2020 ist die Geschäftsführerin der Aids Hilfe Wien.

Tipps

Zum Hören:
Radio Orange: Radio Positiv. Die Sendereihe der AIDS-Hilfe Wien. Jeden Donnerstag, 20.00

Zum Hören bzw. Ansehen:
Matteo Haitzmann: Those we lost – a visual concert

Zum Schauen:
„It’s a sin“: Britische Miniserie, 5 Folgen, Channel 4 (2021)
Rosa von Praunheim: Ein Virus kennt keine Moral (1986)

Zum Lesen:
Rebecca Makkai: Die Optimisten (2021) bzw. das Original: The Great Believers (2018)
Jürgen Bauer: Das Portrait (2020)

Zum Selber-Hingehen:
Das AIDS Memorial bei der Wallfahrtskirche Maria Grün im Prater. Dortiger Pfarrer: Pater Clemens Kriz, AIDS-Seelsorger
Heanois is ois! - Der Wiener Sport-Club
Mitwirkende: Filipovic, Andreas [Interviewer/in] , Szevera, Walter [Interviewer/in] , Schönbauer, Sebastian [Interviewte/r]
Datum: 2024.01.09 [Sendedatum]
Schlagworte: Gesellschaft ; Geschichtswissenschaft ; Podcast
Typ: audio
Inhalt: [Episoden-Info] Und der älteste heute noch bespielte Fussballplatz Wiens

Tipps

Zum Lesen:
Michael Almasi-Szabo: „Von Dornbach in die ganze Welt. Die Geschichte des Wiener Sportklubs. 2017
Christian Bunke: Wiener Sportklub. Fußballfibel. Fans schreiben für Fans.
Fanmagazin „Alszeilen“. Erscheint bei jedem Heimspiel neu.
Roman Horak: Mehr als nur ein Spiel. Fußball und populare Kultur im Wien der Moderne. 1997
Renate Mowlam: Der Wiener Sport-Club – Von 1883 bis heute. Ein Comic.

Zum Schauen:
Next Goal Wins. Dokumentation 2014
Next Goal Wins. Spielfilm 2023. Jetzt im Kino.

Der Ort
Wiener Sport-Club Platz, Alszeile 19, 1170
Der Sportclubplatz wurde 1904 errichtet und ist somit das älteste noch bestehende Fußballstadion Kontinentaleuropas. Hier wurden auch die meisten Heimspiele des WSC ausgetragen und er ist auch heute noch der Austragungsort vieler Freundschaftsspiele anderer Mannschaften. Das Stadion bietet die klassische englische Fußballatmosphäre, liegt es doch inmitten des Bezirks Hernals zwischen Wohnhäusern und dem Hernalser Friedhof. Von diesem Friedhof leitet sich auch der Name der berühmten Nordtribüne ab, der sogenannten Friedhofstribüne, von der aus die WSC-Fans ihre Mannschaft anfeuern. Leider befindet sich das Stadion seit langer Zeit in dringend renovierungsbedürftigen Zustand. Nach langer Durststrecke besteht die Hoffnung, dass der Platz in absehbarer Zukunft wieder im alten Glanz erstrahlt.

Das Thema
Das im Stadtteil Dornbach in Wien Hernals errichtete Stadion dient von Beginn an als Heimstätte des Wiener Fußballklubs WSC. Am Anfang des Wiener Sportclubs stand aber nicht der Fußball, sondern andere Sportarten: Vor allem Fahrradfahren und Rudern. Aus dem von sportbegeisterten bürgerlichen Honoratioren gegründete Verein entwickelte sich einer der wichtigsten Wiener Fußballvereine, der vor allem in den 1950er und 60ern seine erfolgreichste Zeit hatte. Der WSC steht aber auch für den stetigen Abstieg des Wiener Vereinsfußballs seit den 1970er Jahren. Zwei Konkurse zwangen ihn in die Dritte Liga. Gleichzeitig entwickelte sich aber auch eine hochaktive Fanszene, die den Verein nicht nur schon mehrmals rettete, sondern auch für selbstbestimmtes und engagiertes Klubleben steht.

Zu Gast
Sebastian Schönbauer ist einer der beiden Archivare des Wiener Sport-Clubs, Aktivist auf der Friedhofstribüne und Hard-Core Fan des WSC seit vielen Jahren. Er ist auch Kuratoriumsmitglied des Vereins und natürlich Dauergast auf der Friedhofstribüne.
Im wilden Dschungel der Mehrsprachigkeit
Mitwirkende: Filipovic, Andreas [Interviewer/in] , Szevera, Walter [Interviewer/in] , Fritz, Thomas [Interviewte/r]
Datum: 2023.10.31 [Sendedatum]
Schlagworte: Gesellschaft ; Geschichtswissenschaft ; Podcast
Typ: audio
Inhalt: [Episoden-Info] Märkte als Orte der Begegnung und der Sprachenvielfalt

Der Ort
Der Brunnenmarkt in Wien Ottakring, 1160

Das Thema
Sprachforscher und Erwachsenenbildner Thomas Fritz besucht als Gast gemeinsam mit der Geschichtsgreisslerei den Wiener Brunnenmarkt und erklärt anhand der Methode der „Linguistic Landscape“, wie vielsprachig der Stadtteil um dem Markt ist und welche wichtige Rolle öffentliche Märkte für die kulturelle, soziale und politische Entwicklung von Metropolen spielen.

Zu Gast
Thomas Fritz ist Sprachenforscher und Erwachsenenbildner. Er ist Gründer des lernraum.wien der Wiener Volkshochschulen und lehrt am Institut für Germanistik an der Universität Wien im Fachbereich DaF/DaZ.

Tipps

Im Netz:
Dokumentation der Ausstellung „linguistic landscapes – Mehrsprachigkeit from Below“ von Thomas Fritz
www.vhs.at/de/e/lernraum-wien
www.geschichtewiki.wien.gv.at/Markt

Zum Lesen:
Thomas Fritz: Super, divers und mehrsprachig in Basisbildung und DaZ-Kursen, edition Volkshochschule, Wien 2020
Alastair Pennycook, Emi Otsuji: Metrolingualism. Language in the City. New York 2015
Alastair Pennycook: Language and Mobility: Unexpected Places. Bristol 2012
Vera Ahamer: Unsichtbare Spracharbeit. Jugendliche Migranten als Laiendolmetscher. Integration durch „Community Interpreting“. Bielefeld 2013
Manfred Chobot und Petra Rainer: Der Wiener Brunnenmarkt oder Wie man in der eigenen Stadt verreist. Wien 2012.

Zum Hören:
Podcast der IPU Berlin: Aladin El-Mafaalani:
Zwischen Diskriminierung und Anerkennung: Potenziale und Herausforderungen in der superdiversen (Klassen-) Gesellschaft

Zum Selber-Hingehen:
Sprachcafé jeden Montag um 17 Uhr im Stand 129 am Viktor Adler Markt
Die Literatin Maria Leitner
Mitwirkende: Filipovic, Andreas [Interviewer/in] , Szevera, Walter [Interviewer/in] , Marx, Stephanie [Interviewte/r]
Datum: 2023.11.14 [Sendedatum]
Schlagworte: Gesellschaft ; Geschichtswissenschaft ; Podcast
Typ: audio
Inhalt: [Episoden-Info] Sozialkritik und das Bild der "Neuen Frau" im Leben einer Internationalistin

Der Ort
Hotel Prinz Eugen, Wiedner Gürtel 14, 1040 Wien.
Das heutige Hotel „Prinz Eugen“ am Wiedener Gürtel 14 war eine von drei bekannten Adressen der Schriftstellerin Maria Leitner in Wien. Hier lebte sie auf der Flucht vor den Schergen des faschistischen Horthy-Regimes. Hotels waren historisch auch immer ein Rückzugsort vor den Blick von Polizei und Denunziant*innen. Am gefährlichen Rand der Dinge waren diese Orte Asyl, Info-Börse und Arbeitsplatz zugleich.

Das Thema
Das Leben der Schriftstellerin, Journalistin und politischen Kämpferin Maria Leitner war abenteuerlich. In eine jüdische Familie der damaligen ungarischen Reichshälfte geboren, erlebt sie nach dem ersten Weltkrieg die Errichtung der Räterepublik und die Grauen des reaktionären weißen Terrors. Über Wien flieht sie nach Berlin, arbeitet für unterschiedliche Zeitungen und hinterläßt uns sowohl politische Romane als auch pointierte Reisereportagen, die eines gemeinsam haben: Die Sicht der Subalternen und des Prekariats sowie ein Bild der „Neuen Frau“ und ihr Ringen um politische Teilhabe in einer Welt, die abermals kurz vor dem Abgrund steht.

Zu Gast
Stephanie Marx lehrte am Institut für Germanistik der Universität Wien und forscht zur politischen Literatur der Zwischenkriegszeit. Sie publizierte zum Leben und Werk der Maria Leitner in der Österreichischen Zeitschrift für Geschichte (ÖZG 3/22): Ein Mädchen, drei Namen. Die politische Teilhabe neuer Frauen bei Maria Leitner. Sie ist Mit-Herausgeberin des Bandes „Literatur und Care“ (Verbrecher Verlag, Berlin: 2023).

Tipps

Im Netz:
John-Heartfield-Exhibition

Zum Lesen:
Stefanie Marx: Ein Mädchen, drei Namen. Die politische Teilhabe neuer Frauen bei Maria Leitner. Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, Heft 3/2022
Julia Killet: Maria Leitner oder: Im Sturm der Zeit (2013)
Maria Leitner: Reportagen aus Amerika : eine Frauenreise durch die Welt der Arbeit in den 1920er Jahren. (1999)
Anke Stelling: Bodentiefe Fenster (2015)
Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen (2018)
Mithu Sanyal: Identitti (2021)
Fatma Aydemir: Dschinns (2022)
Mutter ledig, Vater Staat
Mitwirkende: Filipovic, Andreas [Interviewer/in] , Szevera, Walter [Interviewer/in] , Pawlowski, Verena [Interviewte/r]
Datum: 2023.10.03 [Sendedatum]
Schlagworte: Gesellschaft ; Geschichtswissenschaft ; Podcast
Typ: audio
Inhalt: [Episoden-Info] Das Gebär- und Findelhaus in Wien

Der Ort
Im Hof Nummer 7 des Alten AKH und auf der Alserstraße/Ecke Lange Gasse im 9.Bezirk befanden sich das Wiener Gebär- und das Findelhaus von 1784-1910. Während das Wiener Findelhaus abgerissen wurde, existieren die Räumlichkeiten der ehemaligen Gebärklinik für ledige Frauen nach wie vor im Alten AKH.

Das Thema
Im Zuge der Reformpolitik Joseph II wurde mit der Einrichtung der beiden Häuser ledigen Schwangeren die Möglichkeit geboten, ohne Strafverfolgung und mit einem Mindestmaß an medizinischer und sozialer Unterstützung ihre Kinder zur Welt zu bringen und sie staatlicher Obhut zu übergeben. Diese Maßnahmen entsprangen aber nicht nur humanistischen Überlegungen, sondern sollten auch dem kontrollierten Bevölkerungswachstum eines expandierenden Militär- und Steuerwesens dienen. Und auch in der Behandlung der Frauen machten sich große Unterschiede je nach Klassenzugehörigkeit bemerkbar.

Zu Gast
Dr. Verena Pawlowski ist Historikerin in Wien und setzt ihren Schwerpunkt vor allem in Folgegeschichte der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Österreich. Sie ist auch Autorin der umfassenden Studie, die die Geschichte dieser beiden Einrichtungen multiperspektivisch behandelt: „Mutter ledig, Vater Staat. Das Gebär- und Findelhaus in Wien 1784 – 1910. Wien 2001“.
Das Neujahrskonzert: Johann Strauss und Joseph Goebbels
Mitwirkende: Filipovic, Andreas [Interviewer/in] , Szevera, Walter [Interviewer/in]
Datum: 2024.01.02 [Sendedatum]
Schlagworte: Gesellschaft ; Geschichtswissenschaft ; Podcast
Typ: audio
Inhalt: [Episoden-Info] Eine kurze Sonderausgabe zum historischen Hintergrund des ersten Neujahrskonzerts

Der Ort
Musikvereinsplatz 1, 1010
Der Wiener Musikverein gibt als eines der traditionsreichsten Konzerthäuser dem Musikvereinsplatz in Wiens erstem Bezirk seinen Namen. 1812 als Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gegründet, wurde das heutige Gebäude im Jänner 1870 mit einem feierlichen Konzert bezogen. Der historisierende Stil soll klarstellen, dass es sich hier um einen „Tempel der Musik“ handelt. Es ist der Ort, an dem natürlich auch traditionell das Neujahrskonzert stattfindet. Das erste Neujahrskonzert ging hier am 31. Dezember 1939 über die Bühne.

Das Thema
In diesem kurzen Special gehen wir der Geschichte des Neujahrskonzert auf den Grund. Das Neujahrskonzert gilt als eines der größten heimischen Medienereignisse, wird in die ganze Welt ausgestrahlt und steht wie wenig andere Veranstaltungen für klassische bis klischeehafte „Österreichbilder“. Doch welche „Traditionen“ stehen dahinter und wann fing das alles eigentlich an?

Tipps

Zum Lesen:
Fritz Trümpi: Politisierte Orchester. Die Wiener Philharmoniker und das Berliner Philharmonische Orchester im Nationalsozialismus. 2011
Bernadette Mayrhofer, Fritz Trümpi: Orchestrierte Vertreibung. 2014
Fred K. Prieberg: Musik und Macht. 2015
Ordnung der Häuser, Beschreibung der Seelen
Mitwirkende: Filipovic, Andreas [Interviewer/in] , Szevera, Walter [Interviewer/in]
Datum: 2024.03.19 [Sendedatum]
Schlagworte: Gesellschaft ; Geschichtswissenschaft ; Podcast
Typ: audio
Inhalt: [Episoden-Info] Geschichte der Hausnummern in Wien

Das Thema:
Die sich neu formierenden europäischen Staaten des 17. Jahrhunderts mussten neue Herrschaftstechniken einführen, um auf zwei ihrer wichtigsten Ressourcen zugreifen zu können, nämlich Steuern und wehrtüchtige Männer. Um diese besser zu erfassen und zu registrieren wurden u.a. auch das System der Häusernummerierungen eingeführt. Die Doppelmonarchie machte sich seit Mitte des 18.Jahrhunderts daran, die Häuser und die darin wohnenden „Seelen“ zu erfassen. Aber auch die BürgerInnen hatten Interesse an diesem System, ermöglichte es ihnen auch für sie an Informationen zu kommen, die für sie essentiell waren. Ergänzt wurde dieses System durch die Einführung eines Informationssystems, den sogenannten Auskunftsbüros, die der Allgemeinheit gegen geringes Entgeld Informationen zu den BewohnerInnen und allgemeinen Ereignissen zur Verfügung stellten.

Der Ort:
Die Stadt Wien war ursprünglich auf das Gebiet des heutigen ersten Bezirkes beschränkt. Hier startete die Nummerierung mit "1" beim Sitz des Herrschers und endete in der heutigen Ballgasse 8 mit der Nummer "1343".

Der Gast:
Anton Tantner studierte Geschichte und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien. Im Sinne des Kulturhistorikers Peter Burke hinterfragt er das scheinbar Selbstverständliche und Alltägliche. Neben der Geschichte der Hausnummern geht Anton Tantner auch der Geschichte der Fragämter und Adressbüros auf den Grund. In seinen Stadtflanierien führt er Interessierte an die Orte seiner Forschung.
Ein Palast des Wissens für das Volk: Das Volksheim Ottakring
Mitwirkende: Filipovic, Andreas [Interviewer/in] , Szevera, Walter [Interviewer/in] , Evers, John [Interviewte/r]
Datum: 2023.12.12 [Sendedatum]
Schlagworte: Gesellschaft ; Geschichtswissenschaft ; Podcast
Typ: audio
Inhalt: [Episoden-Info] Volkshochschulen und Erwachsenenbildung im Wandel der Zeit

Der Ort
Ludo-Hartmann-Platz, 1160
Die heutige Volkshochschule Ottakring wurde 1901 als „Volksheim Ottakring“ auf Initiative von Ludo Moritz Hartmann und Emil Reich als Einrichtung der Erwachsenenbildung gegründet. Gerade in der Zwischenkriegszeit des „Roten Wien“ hatte sie eine große Bedeutung und zahlreiche prominente Vortragende.
Auch heute noch ist das historische Haus am Ludo-Hartmann-Platz einer der größten und bedeutendsten Standorte der Wiener Volkshochschulen, mit besonderen Schwerpunkten im Bereich der Bildungsarbeit mit Migranten und der Bildungsarbeit mit Jugendlichen, sowie umfassenden Angeboten in den Bereichen Sprachen und Bildungsabschlüsse („Zweiter Bildungsweg“).

Das Thema
Ein Palast des Wissens für das Volk: Das Volksheim Ottakring
Volkshochschulen und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Erwachsenenbildung
Bildung ist ein Fundament unserer Gesellschaft. Sie führt zu mehr Chancengerechtigkeit und stärkt die Demokratie. Der Zugang zu Bildung und besonders zu Hochschulbildung ist keine Selbstverständlichkeit. Er wurde erst vor wenigen Jahrzehnten ermöglicht und in den letzten 20 Jahren auch wieder eingeschränkt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Universitäten noch restriktiver. Frauen und Arbeiter*innen konnten nicht studieren, auch ein zweiter Bildungsweg war nicht möglich. So kam es zu Initiativen, die auch den Unterprivilegierten Anteil an Wissensproduktion und -erwerb ermöglichen sollten. Das Volksheim Ottakring war ein erster Meilenstein, der Bildung bis hin zum Hochschulniveau und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen sollte und den Kern der heutigen Volkshochschulen bildete. Seither hat sich viel verändert, die Institution steht vor den Herausforderungen des digitalen, postmodernen Zeitalters. Über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Erwachsenenbildung sprechen wir daher mit dem Generalsekräter der Österreichischen Volkshochschulen, Dr. John Evers.

Zu Gast
John Evers absolvierte zunächst eine Buchhändlerlehre, erwarb im zweiten Bildungsweg die Berufsreifeprüfung und studierte Geschichte. 2007 promovierte er mit Auszeichnung und war daneben beruflich von 2003 bis 2007 Geschäftsführer des Gedenkdienstes. Danach arbeitete er wieder bei den Wiener Volkshochschulen. In seine Zuständigkeit fielen insbesondere die Angebote aus dem Bereich Basisbildung und Pflichtschulabschluss-Kurse, deren größter Träger die Volkshochschulen im Rahmen des Förderprogramms Initiative Erwachsenenbildung sind. Seit 2022 ist der „Erwachsenenbildner mit Leib und Seele“ Generalsekretär des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen.
Psychologie im Nationalsozialismus: Die Erziehungsanstalt Kaiserebersdorf
Mitwirkende: Filipovic, Andreas [Interviewer/in] , Szevera, Walter [Interviewer/in] , Weser, Martin [Interviewte/r]
Datum: 2023.09.05 [Sendedatum]
Schlagworte: Gesellschaft ; Geschichtswissenschaft ; Podcast
Typ: audio
Inhalt: [Episoden-Info] Psychologie zwischen Reformpädagogik und Erbbiologie

Der Ort
Das Schloss Kaiserebersdorf an der Kaiser-Ebersdorfer-Straße 297 im 11. Wiener Gemeindebzirk hat eine lange Geschichte. Im 16. Jahrhundert wurde das festungsartige Gebäude in ein Jagd- und Lustschloss umgebaut. In der zweiten Türkenbelagerung wurde es zerstört, danach im barocken Stil wiederaufgebaut und diente in der Folge als Sommerresidenz der Habsburger Herrscher. Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts beherbergte es eine Kaserne.

In den späten 1920er Jahren wurde hier die Bundesanstalt für Erziehungsbedürftige eingerichtet, in welcher auch mit Hilfe der damals neuen „psychotechnischen Verfahren“ (heute: „entwicklungspsychologische Diagnostik“), sozial schwer integrierbaren oder kriminellen Jugendlichen eine Integration in die Gesellschaft ermöglicht werden sollte. Diese – leider bald berüchtigte – Bundesanstalt wurde 1974 geschlossen. An ihre Stelle traten von der Bewährungshilfe geführte offene Wohngemeinschaften. In Kaiserebersdorf selbst wurde 1975 die Justizvollzugsanstalt Simmering eröffnet, die 1994 bis 1999 den charakteristischen neuen Anbau erhielt.

Das Thema
Nach dem Inkrafttreten des am 18. Juli 1928 beschlossenen Jugendgerichtsgesetzes wurde mit 1. Jänner 1929 das ehemalige Schlossareal als Bundesanstalt für Erziehungsbedürftige zur Unterbringung schwer erziehbarer Kinder und Jugendlicher genutzt. Geleitet wurde die für die damalige Zeit moderne Erziehungsanstalt von Richard Seyß-Inquart, dem Bruder des späteren nationalsozialistischen Bundeskanzlers und NSDAP-Funktionärs Arthur Seyß-Inquart. Richard Seyß-Inquart setzte jedoch auf pädagogische und psychologische Maßnahmen, sein Grundsatz war „Ihr sollt nicht strafen, bessern sollt ihr“. Die Anstalt sollte also Jugendlichen über Erziehung und Arbeit und unter Einbeziehung moderner (entwicklungs-)psychologischer Messverfahren („Wofür interessiere ich mich? Was kommt mir enbtgegen?“) eine zweite Chance zur Integration in die Gesellschaft ermöglichen.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1938, dem Tod Richard Seyß- Inquarts und der Übernahme der Leitung durch den vormals illegalen Nationalsozialisten Otto Schürer-Waldheim wandelte sich die Anstalt in ein Repressionsinstrument gegen sozial deviante Jugendliche. Die Jugendlichen wurden gequält, mussten für die Wehrmacht arbeiten und wurden zum Teil in den letzten Kriegstagen in Strafbataillonen verheizt. Auch die angewandten psychologischen Methoden stellten sich in den Dienst der rassistischen und biologistischen NS- Ideologie. Den repressiven Charakter behielt sie auch nach der Befreiung 1945 in vielerlei Hinsicht bei. Sie wurde nun dem Justizministerium unterstellt, ein großer Teil des Personals wurde aber einfach übernommen.

Die Jugendlichen kamen alle aus ärmlichen Verhältnissen, fast alle aus unvollständigen Familien, viele hatten als Waisen bereits lange Heimkarrieren hinter sich oder sie kamen deshalb nach Kaiser-Ebersdorf, weil ihre Stiefväter sie misshandelten. Auch sexuell missbrauchte und Kinder von Opfern des Nationalsozialismus waren darunter. In den Schriftstücken wie Führungsakten, Erhebungs- und Gerichtsberichten, beschrieben die Verantwortlichen die Jugendlichen mit Adjektiven wie zum Beispiel „muffig“, „grenzdebil“, „hemmungslos“, „hinterhältig“, „renitent“, „primitiv“, „faul“ oder „tiefgehend verwahrlost“. Sie sahen nichts Positives in den jungen Menschen.

Die Zustände waren auch in der Folge so schlimm, daß es Ende der 1940er und in den 1950er Jahren zu Aufständen in der Anstalt kam, die unter Zuhilfenahme der Bereitschaftspolizei brutal unterdrückt wurden.

Erst im Zuge der fortschrittlichen Justizreformen in der sozialdemokratischen Regierung Kreiskys wurde dieser Zustand beendet und die Anstalt geschlossen.

Die Sendung behandelt den historischen Hintergrund der Anstalt und der dort erstmals in Österreich angewandten neuen psychologischen Methoden von der christlich-sozialen Ethik und den Sozialreformen des roten Wien hin zur erbbiologistischen und rassistischen Unterdrückungspolitik der nationalsozialistischen Diktatur bis zur Nachkriegszeit und den hier wirkenden Kontinuitäten.

Zu Gast
Martin Wieser studierte Psychologie und Philosophie an der Universität Wien und der Freien Universität Berlin. Von 2010 bis 2014 war er Fellow am interdisziplinären Doktoratskolleg „Die Naturwissenschaften im historischen, philosophischen und kulturellen Kontext“ am Institut für Geschichte der Universität Wien sowie Dozent an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien. 2013 arbeitete er als Research Fellow am Graduate Program „History and Theory of psychology“ der York University in Toronto, 2014 als Gastwissenschaftler an der HU Berlin am Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte. 2013 promovierte er im Fach Psychologie an der Universität Wien, 2014 ebendort in Philosophie. Von April 2016 bis März 2020 war er Projektmitarbeiter in dem Forschungsprojekt „Psychologie in der Ostmark“ an der SFU Berlin, seit 2020 ist er Projektleiter des Nachfolgeprojekts „Theorie, Praxis und Konsequenzen der Operativen Psychologie“.
Der Republikanische Schutzbund
Mitwirkende: Filipovic, Andreas [Interviewer/in] , Szevera, Walter [Interviewer/in]
Datum: 2024.02.06 [Sendedatum]
Schlagworte: Gesellschaft ; Geschichtswissenschaft ; Podcast
Typ: audio
Inhalt: [Episoden-Info] 90 Jahre nach dem Bürgerkrieg

Das Thema:
Der republikanische Schutzbund wurde als Antwort der Arbeiter:innenbewegung auf die zunehmende Militarisierung der rechts-konservativen Seite in Österreich und der faschistisch-autoritären Bewegungen in Italien und Ungarn 1923 gegründet. Der Schutzbund entstand aus verschiedenen Selbstverteidigungsorganisationen der Arbeiter:innenbewegung nach dem Ersten Weltkrieg und sollte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreich (SDAP) und die Gewerkschaften vor gewalttätigen Übergriffen der konservativen Heimwehren und faschistischen Gruppen schützen. Die Organisation verstand sich zwar als überparteilich, war aber eng mit der SDAP verbunden. Die Mitglieder waren militärisch organisiert, trugen Uniformen und besaßen vor allem nach dem Ersten Weltkrieg große Waffenbestände. Am Höhepunkt der Mitgliederentwicklung 1928 hatte der Schutzbund 80.000 Mitglieder. Verschiedene Faktoren führten aber ab 1927 zur Schwächung des Schutzbundes. Vor genau 90 Jahren, im Februar 1934, versuchten Teile der Organisation mit einem letzten verzweifelten Aufstandsversuch die endgültige Zerschlagung der Arbeiter:innenorganisationen und die letztendliche Beseitigung der verbliebenen Reste der parlamentarischen Demokratie zu verhindern.

Der Ort:
Das Wiener Arsenal war einer der größten militärisch-industriellen Komplexe der Doppelmonarchie. 1856 fertiggestellt, beherbergte es Kasernen, Verwaltungsgebäude und Produktionsstätten für Waffen. Primär weniger zur Verteidigung gegen äußere Feinde gedacht, sollte es die Wiener Bevölkerung nach der Revolution von 1848 ruhig halten. Im Objekt 19 befand sich eine Gewehrfabrik, die nach 1918 als Waffenlager für den Republikanischen Schutzbund diente. Nach mehreren vergeblichen Versuchen den Schutzbund zu entwaffnen, gelang es im März 1927 der Exekutive trotz der massenhaften Mobilisierung der in den umliegenden Bezirken wohnenden Arbeiter, einen Großteil der Waffenbestände im Objekt 19 im Zuge einer Razzia zu beschlagnahmen. Diese Polizeiaktion war einer der vielen Mosaiksteine, die zur militärischen und moralischen Schwächung des Schutzbundes führte und zur endgültigen Niederlage im Februar 1934. Der ursprüngliche Gebäudekomplex wurde Großteils in den 1980er Jahren abgerissen, stattdessen wurde auf dem Areal 1993 die Probebühne für das Wiener Burgtheater und die Staatsoper errichtet. Ab 2024 soll dort auch dort das Foto-Arsenal Wien entstehen, ein Zentrum für zeitgenössische Fotografie.

Der Gast:
Florian Wenninger ist Leiter des Instituts für Historische Sozialforschung, einer außeruniversitären Forschungseinrichtung. Er unterrichtet auch auf dem Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien, seine Forschungsschwerpunkte sind neben der Geschichte der Österreichischen Arbeiter:innenbewegung auch Diktatur- und Transformationsgeschichte wie Historische Identitätsbildung.

Tipps Februar 34, Schutzbund

Zum Lesen:
Florian Wenninger, Lucile Dreidemy: Das Dollfuß/Schuschnigg-Regime 1933-1938. Vermessung eines Forschungsfeldes. (2013)
Ilona Duczynska: Der demokratische Bolschewik. Zur Theorie und Praxis der Gewalt. (1975)

Zum Schauen:
Michael Scharang (Regie und Drehbuch): Die Kameraden des Koloman Wallisch. (1984)

Zum Besuchen:
Dauerausstellung „Das Rote Wien im Waschsalon“. Verein Sammlung Rotes Wien. Halteraugasse 7, 1190 Wien. Öffnungszeiten: Jeden Donnerstag 13-18h und Sonntag 12.-16h.
Die Seidenraupe ist der beste Steuerzahler
Mitwirkende: Filipovic, Andreas [Interviewer/in] , Szevera, Walter [Interviewer/in]
Datum: 2023.10.17 [Sendedatum]
Schlagworte: Gesellschaft ; Geschichtswissenschaft ; Podcast
Typ: audio
Inhalt: [Episoden-Info] Neubau und die Gentrifizierung

Der Ort
Schottenfeldgasse

Das Thema
Neubau und die Gentrifizierung Diese Folge führt uns ausgehend von der Schottenfeldgasse in Wien Neubau von der frühen Textil- und Seidenindustrie des 18. und 19. Jahrhunderts bis in die schicken Boutiquen und Design Stores in den heutigen Bezirken Sechs und Sieben. Und es geht um die Gentrifizierung und ihre Bedingungen – damals wie heute.
Stachel in der Normalität
Mitwirkende: Filipovic, Andreas [Interviewer/in] , Szevera, Walter [Interviewer/in] , Foltin, Robert [Interviewte/r]
Datum: 2023.12.26 [Sendedatum]
Schlagworte: Gesellschaft ; Geschichtswissenschaft ; Podcast
Typ: audio
Inhalt: [Episoden-Info] Historische Hausbesetzungen in Wien

Der Ort
Stiftgasse, 1070
Das Amerlinghaus ist ein selbstverwaltetes Kulturzentrum, das sich seit den 1970er-Jahren im ehemaligen Wohnhaus von Friedrich von Amerling im siebten Wiener Gemeindebezirk befindet.
Nach einem mehrtätigen Grätzelfest und einer darauf folgenden Hausbesetzung wurde hier 1975 der Grundstein für das erste autonom verwaltete Kulturhaus Wiens, das Amerlinghaus, gelegt. Es galt, mehrere denkmalgeschützte Biedermeier Häuser vor dem Abriss zu retten. Nach langen Verhandlungen wurde dieses Haus renoviert und einem Kulturverein zur Selbstverwaltung übergeben, welche auch heute noch existiert.

Das Thema
Bei Hausbesetzungen geht es um die Aneignung von leerstehenden Räumen, um sie als Wohn- und/oder Kulturfläche zu nutzen, ganz nach dem Motto, die Häuser denen, die drin wohnen!
Der rapide Zerfall innerstädtischer Wohn- und Arbeitsplatzstruktur der Wiener Innenbezirke während der 1960er und 70er Jahre ließ tausende Wohnungen trotz enormem Wohnungsbedarf leer stehen. Diese Entwicklung bildete die politische Grundlage der aufkeimenden HausbesetzerInnenszene.
In diesem Podcast wollen wir der Geschichte von Hausbesetzungen in Wien nachgehen, die Szene mit der anderer Städte vergleichen und einen Überblick über die Entwicklung und den theoretischen Hintergrund dieser politischen Aktionsform über die Jahrzehnte geben.

Zu Gast
Unser Studiogast, Robert Foltin, gilt als „Chronist der Bewegung“ und setzt diese Entwicklung in einen Zusammenhang mit dem Aufbrechen von Disziplinargesellschaft und Fordismus. Hausbesetzungen hatten unterschiedliche Gründe und Ziele, waren aber besonders dann umstritten, wenn sie „als ein Stachel in der Normalität“ fungierten. So entstand zeitweise ein „neuer Typus sozialer Organisation“ zwischen dem „Privaten“ und „Öffentlichen“ als ein Versuch der Selbstverwaltung.
Robert Foltin ist Autor, Pensionist, Theoretiker, Philosoph, Politaktivist, Queere Aktivist*in, Linguist und Phonologe – mehr dazu unter: www.robertfoltin.net

Tipps

Zum Hören:
Drahdiwaberl: Der Terrorprofi aus der BRD. Auf: McRonalds Massaker

Zum Lesen:
Robert Foltin: Und wir bewegen uns doch. Soziale Bewegungen in Österreich. 2004
Robert Foltin: Und wir bewegen uns noch. Zur jüngeren Geschichte sozialer Bewegungen in Österreich. 2011
Andreas Suttner: „Beton brennt“: Hausbesetzer und Selbstverwaltung im Berlin, Wien und Zürich der 80er. 2011
Katalog des Wien Museums: Besetzt! (Ausstellungskatalog 2012)
Martin W. Drexler; Markus Eiblmayr, Franziska Maderthaner (Hg.): Idealzone Wien: Die schnellen Jahre (1978-1985). 2016
Werner Faulstich: Die Kultur der 60er Jahre. Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. 2003
Werner Faulstich: Die Kultur der 70er Jahre. Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. 2004
Die Stadt und die Seuchen
Mitwirkende: Filipovic, Andreas [Interviewer/in] , Szevera, Walter [Interviewer/in]
Datum: 2023.08.22 [Sendedatum]
Schlagworte: Gesellschaft ; Geschichtswissenschaft ; Podcast
Typ: audio
Inhalt: [Episoden-Info] Historische Seuchen und Parallelen zur Corona Pandemie

Der Ort
Die Kirche der Heiligen Thekla im 4.Bezirk

Das Thema
Die erste Folge der Geschichtsgreißlerei untersucht die historischen Choleraepidemien im Wien des 19. Jahrhunderts und vergleicht sie mit der jüngsten Corona-Pandemie. Dabei wird klar: Seuchen sind gerade im städtischen Raum Katalysatoren für Innovation. Die soziale Frage bleibt entscheidend, wenn es um Bewältigung von Seuchen geht.

Tipps

Im Netz:
Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz: So geht’s uns heute: die sozialen Folgen der Corona-Krise. 2012.
Downloadbar von der Ministeriums-Homepage.

Zum Lesen:
Andreas Weigel: Cholera: eine Seuche verändert die Stadt. In: Wiener Geschichtsblättern Heft 98 (2018)

Zum Selber-Hingehen:
Wiener Wasserwanderweg.
Von Kathedralen der Moderne, Skihallen und Fischfabriken
Mitwirkende: Filipovic, Andreas [Interviewer/in] , Szevera, Walter [Interviewer/in]
Datum: 2023.09.19 [Sendedatum]
Schlagworte: Gesellschaft ; Geschichtswissenschaft ; Podcast
Typ: audio
Inhalt: [Episoden-Info] Der Ort
Der Wiener Nordwestbahnhof und die Brigittenau

Das Thema
Bahnhöfe waren und sind besondere Orte. Als Kathedralen der Moderne zogen sie früher alle möglichen Menschen an: Reisende, Arbeiterinnen, Randexistenzen, Glücksritter und Demagoginnen. Heute müssen ganz oder teilweise großen Wohn- und Geschäftsprojekten weichen. Der Nordwest-Bahnhof war der wichtigste Wiener Bahnhof der Doppelmonarchie. In den 1870er Jahren errichtet war er eines der größten infrastrukturellen Projekte der Kaiserstadt und sollte die Metropole mit den wichtigen Industrie- und Agrargebieten in Böhmen und Mähren verbinden. Das über 40ha große Gelände teilte den Bezirk Brigittenau für über 150 Jahre in zwei Teile. Der größte Bahnhof der Kaiserstadt durchlief eine äußerste wechselhafte Geschichte. Von der Hauptanlaufstelle für Waren und Menschen aus der Monarchie hin zu einem wirtschaftlichen und infrastrukturellen Problemkind der Ersten Republik bis zur Neuerfindung als Bahn-LKW Umschlagterminal in den 1960er Jahren, der als Verkehrsknotenpunkt für eine Wirtschaftslinie agierte, die von der Nordsee bis in den Iran reichte. Er war Filmkulisse, Schrottplatz, Skipiste, Fischfabrik, Aufmarschplatz der Austrofaschisten und Nazis und Ausstellungsort für Anti-Semitische Ausstellungen der schlimmsten Ausprägung. Mit der endgültigen Stilllegung in den 2010er Jahren findet das Areal eine neue Nutzung durch intensive Wohnraumbewirtschaftung. In den nächsten Jahren sollen dort 17.000 NeubewohnerInnen des Bezirks ansässig werden, was eine massive Veränderung des gesamten Bezirks mit sich bringen wird.

Tipps

Zum Lesen:
Bernhard Hachleitner, Michael Hieslmair, Michael Zinganel:
Blinder Fleck Nordwestbahnhof. 2022

Zum Selber-Hingehen:
Museum Nordwestbahnhof. Nordwestbahnhof 16a, 1200 Wien.
Jeden Donnerstag 15.00-18.00 geöffnet (Eintritt frei)

Besuch des Nordwestbahnhof: Noch ist das Gelände frei begehbar. Eingänge entlang der Nordwestbahnstraße und Am Tabor beim Gelände
Wir mussten gar nichts kochen!
Mitwirkende: Filipovic, Andreas [Interviewer/in] , Szevera, Walter [Interviewer/in]
Datum: 2024.01.23 [Sendedatum]
Schlagworte: Gesellschaft ; Geschichtswissenschaft ; Podcast
Typ: audio
Inhalt: [Episoden-Info] Das Einküchenhaus aus dem Roten Wien

Inhalt:
Die Grundidee des Einküchenhauses ist die Versorgung einer ganzen Wohnanlage durch eine zentral bewirtschaftete Küche, die für alle Bewohner:innen sämtliche Speisen zubereitet. Durch diese Maßnahme sollten aber nicht nur Frauen, denen diese Reproduktionsarbeit traditionell übertragen wurde, von lästiger Küchenarbeit entlastet werden, sondern auch Ressourcen und Arbeitsabfolgen rationeller und ökonomischer gestaltet werden. Mit diesem Konzept erhoffte man sich, dass die Bewohner:innen mehr Zeit auf Familie, Beruf, Freizeit und soziales Engagement verwenden können.
Die Idee wurde sowohl von bürgerlichen wie sozialistischen Frauenrechtlerinnen entwickelt und propagiert. Einküchenhäuser wurden schon vor dem Ersten Weltkrieg in verschiedenen europäischen Städten errichtet, eines der größten wurde im Rahmen der Bautätigkeit des Roten Wiens im 15.Wiener Gemeindebezirk 1923 errichtet.

Ort:
1923 wurde in der Pilgerimgasse 22-24, 1150 Wien, ein Einküchenhaus mit 25 Wohnungen errichtet. Das Gebäude umfasste neben den Wohneinheiten und der Zentralküche auch eine Wäscherei. Die Speisen wurden über einen Aufzug in die Wohneinheiten verbracht, Reinigung und Beheizung wurde ebenfalls zentral organisiert. Die Anlage wurde 1925 auf insgesamt 246 Wohneinheiten mit weiteren Sozialräumen und einer Bibliothek erweitert. Das Experiment des Einküchenhauses wurde später wieder zurückgebaut, heute haben alle Wohneinheiten eine eigene Küche, die Zentralküche ist stillgelegt.
Ein Vorläufer des Komplexes Pilgerimgasse befindet sich in der Peter-Jordan Straße 32-34, 1190 Wien. Dieser „Heimhof“ war aber nicht für ganze Familien, sondern für alleinstehende Frauen gedacht, die nur ein Zimmer bewohnten.

Gäste:
Christina Schraml ist Urbanistin und forscht und lehrt an der Universität für angewandte Kunst in Wien, Marie Noelle Yazdanpanah ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ludwig Boltzman-Institute for Digital History. Beide beschäftigen sich seit langem mit dem Konzept des Einküchenhauses und sind im Verein zur Erforschung emanzipatorischer Wohnmodelle aktiv.

Tipps EKH

Zum Lesen
Günther Uhlig: Kollektivmodell „Einküchenhaus“. Wohnreform und Architekturdebatte zwischen Frauenbewegung und Funktionalismus 1900–1933. (1981)
Danilo Udovički-Selb: Moisej J. Ginzburg, Ignatij F. Milinis: Narkomfin, Moscow 1928–1930 (2016)

Im Netz:
Marie-Noëlle Yazdanpanah, Kurzfilm „Frauen Wohnen Wien“: https://www.youtube.com/watch?v=Yuul8SHqFnE
www.einkuechenhaus.at
https://topos.orf.at/vor-100-jahren-einkuechenhaus100

Katalogzettel

Titel Die Geschichtsgreißlerei
Titelzusatz Wiener Orte erzählen Geschichte(n)
Urheber/innen und Mitwirkende Filipovic, Andreas [Interviewer/in]
Szevera, Walter [Interviewer/in]
Schlagworte Gesellschaft ; Geschichtswissenschaft ; Podcast
Typ audio
Sprache Deutsch

Information

Inhalt

[Podcast-Info] Die Wiener Geschichtsgreißlerei
Das Große spiegelt sich im Kleinen wider: Die Wiener Geschichtsgreisslerei erzählt alle zwei Wochen von historischen Wiener Orten, in denen sich die aktuellen gesellschaftliche Diskussionen fokussieren – ob in der Vergangenheit oder in der Gegenwart. Und dabei werden jene Plätze und Punkte in den Blick genommen, die sonst nicht so im Rampenlicht stehen:

Ob Krankenhäuser, Bahnhöfe, Fabriken oder Wohnexperimente: Zu Zweit oder mit Gästen sprechen wir über deren Geschichte und welche umfassenden sozialen, politischen oder kulturellen Fragen sich mit diesen Orten verknüpfen.

Das Team
HistorikerInnen, Social-Media Fachleute und GrafikerInnen: Unser Team verbindet nicht nur unterschiedliche Kompetenzen, Generationen und inhaltliche Zugänge. Im Vordergrund steht vor allem ein gemeinsames Interesse: Wie kann man lokale Geschichte so präsentieren, dass man breites Interesse an der Vergangenheit weckt und diese in konkrete Gegenwartsfragen hinüberführt. Ganz im Sinne: History Goes Public!

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