Die Welt vor dem Ersten Weltkrieg befand sich Großteils im Besitz einiger Kolonialmächte. So war Afrika, bis auf Äthiopien und Liberia, zwischen sieben europäischen Staaten aufgeteilt.
Aufnahme vom Empire Day 1923.
Das Deutsche Reich fühlte sich im Rennen um einen "Platz an der Sonne" benachteiligt. Die deutschen Kolonialbesitzungen waren in Wahrheit Überlassungen durch die großen Kolonialmächte, die zu einer zunehmenden Verstimmung zwischen Frankreich, England und Deutschland führten. Die Rivalitäten zwischen den großen Kolonialmächten England, Frankreich und Russland trugen zum Verhältnis der Staaten untereinander vor 1914 stark bei. Großbritannien erschien ein gutes Verhältnis mit Frankreich und Russland wichtiger, als ein gutes Verhältnis zum Deutschen Reich. Frankreich und Russland konnten direkt imperiale Interessen Londons bedrohen, Deutschland weit weniger.
Kolonialismus und Imperialismus wurden aber auch als der weltweite Kulturauftrag der "Weißen Rasse" verstanden. "The White Man’s Burden" – nach dem Gedicht von Kipling – als Mission, ja eigentlich als Pflicht und Bürde Europas und der USA, die Welt zu "zivilisieren", ob die Welt nun wollte oder nicht.
The White Man’s Burden
Take up the White Man's burden—
Send forth the best ye breed—
Go bind your sons to exile
To serve your captives' need;
To wait in heavy harness,
On fluttered folk and wild—
Your new-caught, sullen peoples,
Half-devil and half-child.
Erste Strophe – "The White Man’s Burden" – Rudyard Kipling 1899
Die Weltkarte erschien 1914 in anderen, in weniger Farben. Rot (oder Rosa) und Blau, die Farben des britischen und des französischen Kolonialreiches waren über den ganzen Globus verteilt. Das Reich des Zaren und das Osmanische-Reich erstreckten sich noch über sehr viel größere Gebiete als das heutige Russland und die Türkei. Portugal, Spanien und Holland hatten Besitzungen in Übersee. Italien, die USA, Japan, Belgien und das Deutsche Reich waren die Neulinge in der Riege der Kolonialmächte. Österreich-Ungarn war die einzige europäische Großmacht ohne Kolonien, dafür wurde eine Expansionspolitik am Balkan betrieben – die Okkupation 1878 und die Annexion 1908 von Bosnien-Herzegowina. Kolonien erfüllten mehrere Funktionen, sie dienten als Markt für die Industrieproduktion des Mutterlandes und gleichzeitig als Lieferant für billige Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte. Auch als möglicher Siedlungsraum für den eigenen Bevölkerungsüberschuss spielte der Kolonialbesitz eines Landes eine wichtige Rolle. Hier sei nur an die USA, Kanada, Australien und Neuseeland erinnert. Kolonien und Stützpunkte, über den ganzen Globus verteilt, garantierten auch Einfluss im geostrategischen Kräftespiel und sorgten für internationales Ansehen und ein gehobenes Selbstwertgefühl in den Mutterländern.
China und Japan nahmen eine Sonderolle ein. Japan als junge Kolonialmacht versetzte die Welt in Staunen, besonders nach dem Sieg über Russland im Krieg von 1904/05. China galt als das riesige, alte Reich der Mitte, dessen Landmasse und Märkte begehrliche Blicke weckten, das für eine Kolonialmacht alleine aber ein zu großes Land war. Im Jahr 1900 erfolgt die Niederschlagung des chinesischen Boxeraufstandes durch ein gemeinsames Vorgehen aller Kolonialmächte. Die "Boxer" waren chinesische Patrioten, die das Land vom Einfluss der ausländischen Mächte befreien wollten, oder sie waren fanatische Horden – die leibhaftige "Gelbe Gefahr" – die mit allen Mitteln bekämpft werden musste – eine Frage des Standpunktes.
In der Welt vor dem Ersten Weltkrieg schien nichts auf ein künftiges, ja mögliches Ende der Kolonialreiche hinzudeuten. Das Gegenteil war der Fall, fast alle "weißen Flecken" der Weltkarte waren verschwunden und die Menschen in den Kolonien schienen sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben, oberflächlich betrachtet zumindest. Alle Aufstände, Revolten, Befreiungskämpfe waren gescheitert, auch wenn es Jahre, oder wie im Fall des Kalifats im Sudan Jahrzehnte gedauert hatte, bis die jeweilige Kolonialmacht obsiegte. Lediglich das Kaiserreich Abessinien hat sich erfolgreich gegen Italiens Kolonialträume zur Wehr gesetzt.