Le jour de gloire est arrivé! – Der Tag des Ruhmes ist gekommen!
Frankreich ging, ebenso wie Deutschland, in die Offensive. Plan XVII sollte die deutsche Armee im Idealfall bezwingen, aber auf jeden Fall solange binden, dass die „russische Dampfwalze“ bis Berlin rollen konnte und so den Krieg beenden würde.
Die französischen und britischen Militärs hatten seit der „Entente cordiale“ Gespräche über ein gemeinsames Vorgehen im Kriegsfalle gegen Deutschland geführt. Auch wenn für die britische Regierung diese Frage noch nicht endgültig entschieden war, die Generalstäbe beider Länder planten bereits den Kampf gegen das Deutsche Reich. Dieser Kampf sollte offensiv geführt werden. Wie in praktisch allen großen Armeen Europas, so war auch in der französischen der Glaube an die Offensive vorherrschend, vielleicht sogar am dominantesten. Spätestens ab 1911, als General Joffre Generalstabschef wurde, hielt der Kult der „Offensive à outrance“ – der Offensive bis zum Äußersten und darüber hinaus – in die französische Armee Einzug. In einer Mischung aus Sozialdarwinismus, dem „Elan Vital“ der Philosophie Bergsons und der Einschätzung des französischen Soldaten als für den Angriff geschaffen, wurde der Glaube an die Offensive und ihre Unfehlbarkeit gepredigt. Die technischen Neuerungen, das Maschinengewehr, das moderne Infanteriegewehr, die Schnellfeuerkanone – allesamt Entwicklungen, die eigentlich die Abwehr bevorzugten – wurden einfach ignoriert oder als die Offensive stärkend interpretiert.
Die Armee der Dritten Republik, die 1914 zur Marseillaise in den Kampf zog, hatte sich seit über 20 Jahren darauf vorbereitet. Der „Esprit de revanche“, der Wunsch nach Vergeltung, bestimmte das Denken der Armee in Frankreich gegenüber Deutschland, geboren aus der Niederlage von 1871 und dem Verlust der Provinzen Elsass und Lothringen. Die außenpolitische Isolation Frankreichs nach 1871, Bismarcks Meisterstück, war durchbrochen worden – nicht zuletzt dank des neuen deutschen Kaisers Wilhelm II. waren Frankreich und Russland seit 1894 Verbündete. Neben diesem Bündnis war der Ausgleich in Kolonialfragen mit Großbritannien der wohl gewichtigste außenpolitische Erfolg Frankreichs vor dem Ersten Weltkrieg. Noch 1897 schien die Faschoda-Krise, als britische und französische Truppen und Interessen im Herzen von Afrika aufeinander trafen, in einen Krieg zu münden. Doch die friedliche Beilegung und der gelungene Interessensausgleich legten den Grundstein für die „Entente cordiale“ von 1904 zwischen London und Paris. Die Marinekonvention von 1912 zwischen Großbritannien und Frankreich, Frankreich sollte das Mittelmeer als Einsatzgebiet abdecken, während Großbritannien den Schutz der französischen Kanal- und Atlantikküste übernahm, war ein weiteres Ergebnis dieser Annäherung.
Auch die Uniformierung der Soldaten spiegelte das militärische Denken Frankreichs wider. Die „Pantalon rouge“ – die roten Hosen, zusammen mit dem blauen Uniformrock und der roten Uniformmütze, waren der Stolz der Armee. Das weithin sichtbare Rot galt als ein Sinnbild für den Angriffsgeist der Truppe, der Feind sollte sie sehen und erzittern.
Was den Umfang der Militarisierung der Bevölkerung betrifft, so wird das Bild des deutschen Militarismus eigentlich durch Frankreich widerlegt. Pro Kopf hatte Frankreich 1913 den höchsten Anteil an Armee- und Marineangehörigen in ganz Europa. Plan XVII, der Angriffsplan der französischen Armee, war auf Offensiven beiderseits von Metz ausgelegt. In den Ardennen und in Lothringen sollte der Feind bezwungen werden. Die Realität der Grenzschlachten im August 1914 war eine andere.