Bei immer kritischerer Situation im Inneren und einer scheinbar noch günstigen militärischen Lage mißlingt es, erfolgreich Friedensfühler auszustrecken.
Ernsthaftes Bemühen um den Frieden?
Ohne noch gänzlich auf einen "Sieg-Frieden" verzichten zu wollen, werden im Lauf dieses Jahres zahlreiche Fühler ausgestreckt, die Kriegsmüdigkeit und Friedensbereitschaft signalisieren.
Von diesen ist die zunächst völlig im Geheimen erfolgte Bemühung Kaiser Karls, über die Brüder seiner Gemahlin - die im alliierten Lager stehenden Prinzen Sixtus und Xavier von Boubon-Parma - später am bekanntesten geworden - die "Sixtus-Affäre". Bei ihrem Bekanntwerden im folgenden Jahr spielte eine große Rolle, dass diese Kontakte zumindest teilweise "hinter dem Rücken" des deutschen Bündnispartners erfolgt waren. Ein Grund dafür liegt freilich auch darin, dass die Außen- und Militärpolitik der Monarchie immer stärker unter die Dominanz des Deutschen Reiches geraten war und man nun - in schwierigerer Lage als der Bündnispartner - die Notwendigkeit sah, rasch zu einem Kriegsende zu kommen. Ob dies freilich mit der nötigen Entschlossenheit und mit den richtigen Mitteln unternommen wurde, ist fraglich.
Erinnerungen an die "Sixtus-Affäre" - ein halbes Jahrhundert später
Stefan Zweig
"Hofrat Lammasch [1918 letzter österreichischer Ministerpräsident] bat mich in Salzburg zu sich. ... Seit der militärischen Ausschaltung Rußlands bestehe weder für Deutschland ... noch für Österreich mehr ein wirkliches Hindernis für den Frieden; dieser Augenblick dürfe nicht versäumt werden ... Alles hänge jetzt davon ab, ob Österreich genug Energie aufbringe, statt des "Sieg-Friedens", den die deutsche Militärpartei gleichgültig gegen weitere Opfer fordere, einen Verständigungsfrieden durchzusetzen. Im Notfall müsse aber das Äußerste geschehen: daß Österreich sich vom Bündnis rechtzeitig loslöse, ehe es von den deutschen Militaristen in eine Katastrophe gerissen werde."
Bemühen des neuen Herrscherpaares um Präsenz
Charakterischer Weise zeigen die Filmdokumente vom Kriegsgeschehen neben Schlachtenszenen und Truppenbewegungen in verhältnismäßig großem Ausmaß auch Frontbesuche von Regierenden, so wie hier des neuen Kaisers und seiner Gemahlin - ein damals wichtiger Teil der Kriegspropaganda.
Friedrich Adler vor dem Schwurgericht
Friedrich Adler, Sohn des Führers der Sozialdemokratie Victor Adler, der im Vorjahr aus Protest gegen die Kriegspolitik den Ministerpräsidenten, Graf Stürgkh, erschossen hatte, erläuterte in einer großen Rede seine Motive. Zum Tod verurteilt, wurde er später begnadigt.
Manès Sperber
“Dieser zweitägige Prozeß hat auf Tausende, wenn nicht Zehntausende junger Menschen eine tiefe, dauernde Wirkung ausgeübt. Trotz der Zensur konnte der Zeitungsleser den Prozeß genau verfolgen. Gleich am ersten Tag entdeckten wir alle einen ungewöhnlichen Mann, die Inkarnation all dessen, was für uns beispielhaft sein mußte.”
Stefan Grossmann
“Friedrich Adler hatte eine sechsstündige, weitausholende Verteidigungsrede vorbereitet. Er erwartete sein Todesurteil ... Er hat vor dem Gericht den Schleier von dem vermorschten, im dritten Kriegsjahr zusammenbrechenden Österreich weggezogen ...”
Josef Redlich
"Mittwoch, 6. Juni
Heute eine bewegte Sitzung im Abgeordnetenhaus: die Aufnahme nichtdeutscher Reden ins Protokoll wurde gegen uns durchgesetzt und führte zu leidenschaftlichen Obstruktionsdrohungen Wolfs und seiner Leute."
Gelähmte Innenpolitik
Am 30. Mai 1917 wurde der seit 1914 vertagte Reichsrat wiedereinberufen. Dies trug nicht zu einer Konsolidierung der Innenpolitik bei, vielmehr kamen die Autonomie- bzw. Selbständigkeitswünsche der Nationalitäten, besonders der Tschechen, im Parlament deutlich zum Ausdruck.
Ernst Viktor Zenker
“Die Reihen der Abgeordneten waren stark gelichtet; ein volles Zehntel fehlte. Viele waren gestorben, mehrere gefallen, eine stattliche Anzahl saß im Kerker als Untersuchungshäftlinge oder schon verurteilt. Unter letzteren befanden sich Dr. Kramař und Dr. Rašin. Masaryk und Dürich weilten in den feindlichen Ländern, um dort die Sache der Tschechen zu vertreten. Der Italiener Battisti war gehenkt worden. Mehrere südslawische unt italienische Vertreter hatten lange und harte Haft oder Internierung hinter sich…."
Kein Tondokument aus dem österreichischen Reichsrat oder von einem Spitzenpolitiker existiert aus dem Jahr 1917, im Gegensatz zu einer Rede des Deutschen Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg, die allerdings vermutlich später - in einem Studio - nachgesprochen wurde.
27. 2. 1917.
Karl. R. Popper
"Jetzt hörten wir Gerüchte vom Abfall der Tschechen, Slawen und Italiener und von Überläufern in der österreichischen Armee. Die Auflösung hatte begonnen."
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Zuwenig Nahrungsmittel - aber Kriegsanleihen! Weiterhin investierten Bürger Geld in Kriegsanleihen. Hier ein Aufruf des Präsidenten der Deutschen Reichsbank Rudolf Havenstein - ein Tondokument aus Österreich-Ungarn gibt es leider nicht.
Josef Redlich
“Alle Märkte in Wien sind leer, die Gemüse- und Obstzentrale verhindert durch ihr ... Aufkaufen und Requirieren, daß irgend etwas von Obst und Gemüse nach Wien kommt! Aber auch in Göding gibt es kein Gemüse, unser armes Volk, übrigens auch die Arbeiter im X. und XI. Bezirk in Wien, lebt von Gurken, die viele Darmkrankheiten hervorrufen. Die Zustände werden immer drohender, furchtbarer!”
Welthistorische Ereignisse - und wie sie aufgenommen werden
Zwei Revolutionen in Rußland und - nach einem letzten Aufbäumen - das Ausscheiden Rußlands aus dem Krieg und die Kriegserklärungen der USA an das Deutsche Reich (April) und Österreich-Ungarn (Dezember) nach dem verschärften deutschen U-Bootkrieg ändern die außenpolitische Lage in einer zunächst für die meisten unklaren Weise. Die militärische Situation erscheint nach dem Zurückdrängen der Italiener an den Piave noch einmal hoffnungsvoll.
Katharina Karolyi
“Am 11. Februar 1917 saß ich auf der Empore [des ungarischen Parlamentes], als der uneingeschränkte U-Bootkrieg bekanntgegeben wurde und Michael [Karolyi, späterer Ministerpräsident] die Regierung heftig angriff. Als er darauf hinwies, daß durch diesen Beschluß unser Schicksal besiegelt sei und Amerika jetzt in den Krieg eintreten werde, brach ein Entrüstungssturm los ...”
Kriegseintritt der U.S.A.
Februarrevolution in Rußland
Josef Redlich
"Donnerstag, 15. März
Die heutige große Nachricht ist die vom erfolgreichen Ausbruch der Revolution in Petersburg."
Manès Sperber
“Der Sturz des Zaren im Jahre 1917 erfüllte uns mit einer so tiefen Freude, daß man glaubte, Worte könnten sie niemals ausdrücken.”
Alfons Petzold
"16. März
In Rußland ist die Revolution ausbegrochen ..."
Frank Varny
"Niemad konnte tiefer erschüttert sein als ich, da ich an diesem Abend ... von der Funkstation Taschkent Lenins Aufruf an die Welt hörte: "Vsjem! Vsjem! Vsjem! (An Alle! An Alle! An Alle!) Das Volk Rußlands hat die verräterische Kerensky-Regierung beseitigt und die Macht durch die Sowjets der Arbeiter, Soldaten und Bauern in die Hand genommen.""
Josef Redlich
“Der Waffenstillstand soll vom 1. Dezember an gelten ... Welch gewaltige Wendung! Durch Kommunisten geschaffen zur Rettung des untergehenden Europa! Wie werden England und Amerika diese Situation bestehen? Die wahrhaft große Zeit, die des Friedens, bricht vielleicht schon in den nächsten Wochen an!”
Militärischer Erfolg in Italien
Josef Redlich
“Wir ... standen unter dem Eindrucke der großen Siegesnachricht von der Südwestfront. Vor drei oder vier Tagen erfolgte der Durchbruch im Flitscher Becken und bei Tolmein, gestern ist Görz, Cividale und Monfalcone genommen worden ... großartig, daß wir nach 3 Kriegsjahren ... imstande sind, Italien ... in vier Tagen um die Früchte von elf Isonzoschlachten zu bringen.”
Johann Blöchl
“Um acht Uhr verstummten die Geschütze, die Infanterie griff an. Unsere Telefonisten erlauschten, daß einige Kilometer nördlich von uns das Tal mit Gasgranaten belegt werde. Nach zwei Stunden sollen bereits die drei vordersten Linien überrannt worden sein. Hier bei uns folgte Angriff auf Gegenangriff, die Infanterie war in schwerste Kämpfe verwickelt. ... Um zwei Uhr nachmittags war der Kampf entschieden. Die Italiener ergriffen die Flucht, sofern sie nicht dem Sperrfeuer zum Opfer fielen.”
Kaiser Karl bei den Kaiserjägern in Tirol