Seekrieg 1917 - Der uneingeschränkte U-Boot-Krieg

1917 ging die britische Seeblockade der Mittelmächte ins vierte Jahr und der Hunger wuchs. Nun wollte Deutschland den Spieß umdrehen, auch auf die Gefahr eines Kriegseintrittes der USA hin. Die Neutralität der Vereinigten Staaten war ohnehin schon mehr Farce als Realität. Die U-Boote sollten Großbritannien in die Knie zwingen. Wenn dies rasch gelang, bevor Amerika eine große Armee aufstellen konnte, dann wäre der Krieg gewonnen.

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Deutsches Filmplakat - U-Boote heraus! ©
U-Boote heraus!
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Karikatur zum U-Boot-Krieg
Deutsches U-Boot ©
Deutsches U-Boot der UC-1-Klasse 

Am 9. Jänner 1917 hatten sich der Kaiser und Kanzler Theobald von Bethmann-Hollweg in Schloss Pless getroffen um das weitere Vorgehen im Krieg zu erläutern. Bethmann-Hollweg war ein Gegner des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs, weil er sich sicher war, dass die Vereinigten Staaten dann aktiv ins Kriegsgeschehen eingreifen würden. Schon 1915, nach der Versenkung der RMS-Lusitania, waren die USA kurz davor, Deutschland den Krieg zu erklären um es dann doch nicht zu tun. Die Oberste Heeresleitung befürwortete dagegen eine Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs. Die USA befand sich seit Kriegsbeginn in einer immer fragwürdigeren Neutralität. Zu Jahresbeginn 1917 waren die Vereinigten Staaten der wichtigste außenstehende Produzent und Lieferant von Waffen, Ausrüstungsgütern, Rohstoffen und Lebensmitteln für die Entente, aber eben nur für die Entente. Waren vor dem Weltkrieg die Vereinigten Staaten noch Schuldner in Großbritannien gewesen, hatte sich seither die Lage drastisch geändert. Die gesamte Entente stand in den USA tief in der Kreide. Eine Entwicklung die gerade in den Jahren 1915 und 1916 massiv vorangeschritten war. Unbemerkt blieb im Deutschen Reich auch nicht, dass die USA 1915 besonders heftig gegen die Verletzung der Prisenordnung durch die deutschen U-Boote, während der ersten Phase des uneingeschränkten U-Boot-Krieges, protestiert hatten. Aber die Verletzung derselben Prisenordnung durch die britische Seeblockade, und das seit Kriegsbeginn, wurde von den USA stillschweigend geduldet.  

Am 31. Jänner unterschrieb Kaiser Wilhelm den Befehl für den mit 1. Februar beginnenden uneingeschränkten U-Boot-Krieg. Kanzler Bethmann-Hollweg meinte dazu, dass Deutschland erledigt sei. Interessanterweise hatte der britische Admiral David Beatty am 27. Jänner bemerkt, dass die Crux der Situation einfach darin lag, wer wen zuerst auf die Knie zwingen würde.

Wie erwartet beendeten die Vereinigten Staaten ihre diplomatischen Beziehungen mit dem Deutschen Reich am 3. Februar und der US-Kongress erklärte Deutschland am 6. April den Krieg. Nun begann aus deutscher Sicht ein Wettlauf gegen die Zeit. Würden die U-Boote so viele Handelsschiffe versenken können, um das „perfide Albion“, der Spott-Name Großbritanniens in der deutschen Kriegspropaganda, zum Ausscheiden aus dem Krieg zu zwingen, oder würde die geballte Wirtschafts- und Militärmacht der Vereinigten Staaten davor an der Westfront zum Tragen kommen, und so den Krieg zu Gunsten der Entente entscheiden.

Deutsches U-Boot-Plakat ©
Gebt für die U-Boot Spende

Freedom Has Never Called To Us in Vain

Deutsche U-Boot Kapitäne - Kapitänleutnant Arnauld de la Perière (2. v. L.) an Bord von SM U 35 ©
Kapitänleutnant Arnauld de la Perière (2. v. L.) an Bord von SM U 35
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SM U 35 auf Feindfahrt im Mittelmeer
U 35 versenkt einen britischen Fracher im MIttelmeer ©

Treffer mittschiffs - SM U 35 versenkt einen britischen Dampfer

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Les gars de Morlaix
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Dass sich die Vereinigten Staaten nie aktiv am Ersten Weltkrieg beteiligt hätten, ist angesichts der im Kriegsverlauf immer weiter fortschreitenden wirtschaftlichen Verflechtung mit der Entente fraglich. In Summe 26,5 Milliarden Dollar an Krediten gewährten die USA im Ersten Weltkrieg, und die Mittelmächte zählten nicht zu den Debitoren. Ein Kreditvolumen, grob inflationsbereinigt für das Jahr 2016, von über 500 Mrd. Dollar.

Im März 1917 veröffentlichte das amerikanische Außenministerium die sogenannte „Zimmermann-Depesche“, benannt nach Arthur Zimmermann, Staatssekretär im deutschen Außenministerium. Es handelte sich dabei um ein deutsches Bündnisangebot an Mexiko vom 19. Jänner 1917, für den Fall eines Krieges zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten. Der britische Geheimdienst hatte die Depesche abgefangen, dechiffriert und an Washington weitergeleitet. Eine größer diplomatische Dummheit hätte Deutschland kaum begehen können. Die Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Krieges, die Zimmermann-Depesche und einige tatsächliche, so wie einige vermeintliche Sabotage-Akte durch deutsche Agenten in den USA lieferten Präsident Woodrow Wilson genug Argumente, um die öffentliche Meinung im Land, die davor mehrheitlich gegen einen Kriegseintritt der USA war, zu drehen und den Kongress auf eine Kriegserklärung einzuschwören. Der Hauptgrund für diesen Meinungsumschwung war aber zweifellos die U-Boot-Offensiv.

Aus der Sicht Österreich-Ungarns verlief der Seekrieg im Jahr 1917 relativ erfolgreich und es kam zu einem Wechsel an der Spitze der Marine. Großadmiral Anton Haus verstarb im Februar 1917 an einer Lungenentzündung, sein Nachfolger wurde Maximilian Njegovan, der letzte Admiral Österreich-Ungarns. Das Jahr 1917 sollte aber Ritter Nikolaus Horthy von Nagybánya Ruhm bringen. Horthy, aus einer Familie des ungarischen Kleinadels stammend, gelang  ein „Husarenstreich“ der k. u. k. Marine gegen die Sperre der Straße von Otranto. Beim Angriff auf die Sperre am 15. Mai 1917 wurden 18 kleinere Einheiten der Entente versenkt und sechs beschädigt, bei lediglich zwei beschädigten Rapid-Kreuzern der österreich-ungarischen Marine. Die Blockade der Adria wurde dadurch nicht aufgehoben, aber die Moral der Überwasser-Streitkräfte der Mittelmächte wurde gehoben, war bereits dringend notwendig war.

Für die Mittelmächte erfolgreich verlief das Jahr 1917 im Mittelmeer auch wegen der U-Boot-Offensive. Hier wurden, bezogen auf die Zahl der eingesetzten U-Boote, die höchsten Versenkungszahlen erzielt. Lothar von Arnauld de la Perière, der erfolgreichste U-Boote-Kommandant aller Zeiten, gelang hier die überwiegende Mehrzahl seiner über 190 Schiffsversenkungen.  

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Der magische Gürtel - Deutsche U-Boote wider England
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Unsere Blaujacken

Der Krieg zur See hatte im Jahr 1917 zwei Hauptpunkte – die seit 1914 andauernde Seeblockade der Mittelmächte durch die Royal Navy und die Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Krieges durch das Deutsche Reich.

Die Seeblockade, von der die britische Admiralität vor dem Krieg erwartet hatte, dass sie Deutschland in wenigen Monaten friedensbereit hungern würde, ging nun in ihr viertes Jahr. Die Auswirkungen auf die Wirtschaftskraft der Mittelmächte waren unbestreitbar, aber als alleinig kriegsentscheidende Maßnahme war die Blockade eine herbe Enttäuschung. Auch wenn der Hunger in Deutschland und Österreich-Ungarn immer größer wurde, auch wenn laut Kriegsernährungsamt die Zahl der Ersatzmittel für Lebensmittel von 1.400 im April 1917 auf über 10.000 im Oktober 1917 stieg, so manche davon gesundheitsschädlich, auch wenn es immer wieder Brot-Unruhen und wilde Streiks gab, noch waren die Mittelmächte, noch war Deutschland nicht bereit zu kapitulieren. Im Gegenteil, die zentralisierte Kriegswirtschaft, das Hindenburg-Programm, sollte eine erhebliche Steigerung der deutschen Rüstung erzielen. Nicht grundlos wählte Lenin die deutsche Kriegswirtschaft als Vorbild für seinen Kriegskommunismus der Bürgerkriegszeit. Kritiker der deutschen Kriegswirtschaft bestätigten zwar die Steigerung der Rüstungsproduktion, doch wurde nach ihrer Meinung die Steigerung durch einen weiteren Verfall der Landwirtschaft, sprich der Lebensmittelproduktion und einen weiteren Anstieg der Inflation erkauft. 
 

Dazzle-painting - verwirrender Tarnanstrich für Schiffe gegen U-Boote ©
Dazzle-ships in Drydock at Liverpool
US-Propagandplakat gegen den U-Boot-Krieg ©
Besiege den Kaiser und seine U-Boote - Iss weniger Weizen
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Stapellauf eines Kriegsschiffes in den Vereinigten Staaten
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Quand je suis parti pour la Rochelle
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Konvoi - Gemälde von Herbert Everett 1918 ©
A convoy - Ein Konvoi 1918

Nach Schätzung der deutschen Marine mussten 600.000 Tonnen Schiffsraum pro Monat versenkt werden, das würde auf die Dauer die Versorgung von Großbritannien zum Erliegen bringen. Die Monate Februar und März waren aus deutscher Sicht verheißungsvoll, der April 1917 schien Deutschlands Sieg anzukündigen. Beinahe 1. Million Tonnen Schiffsraum wurden in diesem Monat, bei geringen eigenen Verlusten, von den deutschen U-Booten im Atlantik versenkt.

Die britische Admiralität verlor erstmals im Krieg ihren Optimismus und der First Sea Lord Admiral John Jellicoe meinte, dass die U-Boote Großbritannien an den Rand einer Hungersnot trieben. Geleichzeitig war Jellicoe ein Gegner der Einführung des Konvoi-Systems. Er meinte, dass ein durch Kriegsschiffe geschützter Konvoi/Geleitzug einfach eine große Zahl von Zielen für die U-Boote versammeln würde. Außerdem hielt er die Kapitäne und Matrosen der Handelsmarine einfach für unfähig ihren Platz in einem Konvoi halten zu können.

Mai, Juni und Juli brachten keine weitere Steigerung der Schiffsverluste für die Entente, aber die erlittenen Verluste waren immer noch verheerend. Im August wurde auf Drängen des neuen britischen Premierminister David Lloyd George das Konvoi-System für die Atlantiküberquerung von Handelsschiffen eingeführt. Langsam, aber stetig, fielen nun die Versenkungszahlen. Im November und Dezember 1917 wurde nur mehr knapp die Hälfte der angepeilten 600.000 Tonnen versenkt, und dieser Trend hielt auch 1918 unverändert an.

Die Ursachen für das Scheitern des uneingeschränkten U-Boot-Krieges waren mannigfaltig. Die Zahl der deutschen U-Boote war zu gering, 329 im Ersten Weltkrieg im Vergleich zu 1162 im Zweiten Weltkrieg. Ein weiterer Grund waren die technischen Grenzen des U-Bootes zur Zeit des Ersten Weltkrieges. Auch trug die Überlastung der vorhandenen Einheiten, respektive der Besatzungen, durch die Dauer der Offensive zum Scheitern bei. Der Erfolg des Konvoi-Systems und die gewaltige Zahl an Schiffsneubauten, besonders in den Werften der USA, waren aber die beiden Hauptursachen für die Niederlage der U-Boote. Im Gegensatz zu Admiral Jellicoes Befürchtungen schreckte der militärische Schutz durch Zerstörer und Fregatten, im Küstenbereich auch zunehmend durch Flugzeuge, die U-Boote ab. Die riesige Zahl an Schiffsneubauten durch die amerikanischen Werften demonstrierte einmal mehr das enorme wirtschaftliche Potential des neuen Kriegsteilnehmers. All das zusammen verhinderte, dass Großbritannien durch Hunger zum Frieden gezwungen wurde. Im gesamten Kriegsverlauf versenkten die U-Boote der Mittelmächte über 6.000 Handelsschiffe, mit über 13 Millionen Bruttoregistertonnen und über 100 Kriegsschiffe der Entente. Etwa 15.000 Matrosen der Handelsmarine verloren dabei auf Seiten der Entente ihr Leben. Die U-Boot Verluste betrugen knapp über 200 Boote, 178 davon durch Feindeinwirkung, mit etwa 5.000 Matrosen an Bord.

Britisches Flugboot auf U-Boot-Patrouille ©

Ein F2a-Flugboot auf U-Boot-Patrouille

US-Propagandplakat gegen den U-Boot-Krieg ©
Only the Navy Can Stop This
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US-Propagandafilm über den U-Boot-Krieg
UB 148 in schwerer See ©
UB 148 in schwerer See

Chronologie der Ereignisse