Das allgemeine und gleiche Männerwahlrecht (die ersten Wahlen nach diesem Wahlrecht fanden 1907 statt) begünstigte den Aufstieg von Massenparteien modernen Zuschnitts.
Der Parlamentarismus der Monarchie war geprägt durch ein Wahlrecht, das bis Ende des 19. Jahrhunderts die politische Mitgestaltung vornehmlich Männern mit Besitz bzw. Bildung ermöglichte. 1896 wurde mit der Einführung der allgemeinen Wählerklasse dieses System etwas aufgebrochen, dennoch war nicht jede Stimme gleich viel wert – der Zensus begünstigte weiterhin vor allem eine finanzkräftige Oberschicht. Die Einführung des allgemeinen und gleichen Männerwahlrechts 1906 – die ersten Wahlen nach diesem Wahlrecht fanden 1907 statt – ermöglichte den Siegeszug der Massenparteien: 1907 waren die Christlichsozialen, gefolgt von den Sozialdemokraten und Deutschnationalen, die stärkste Partei, 1911, bei den letzten Wahlen der Monarchie, waren es die Deutschnationalen, gefolgt von den Sozialdemokraten und Christlichsozialen.
Die tatsächliche Handlungsfähigkeit des Reichsrates war aufgrund der herrschenden politischen Auseinandersetzungen auf der einen Seite und der Nationalitätenkonflikte auf der anderen Seite jedoch stark eingeschränkt.
Abgeordneter des Reichsrates, Liberaler
Die Parteienlandschaft spiegelte die großen Ideologien des 19. Jahrhunderts wider. Der politische Liberalismus war lange Zeit die dominierende politische Kraft der Monarchie, begünstigt durch das Wahlrecht. Beheimatet vor allem im Groß- und Bildungsbürgertum, vertrat man eine zentralistische Reichsauffassung, im Laufe der Jahre wurden die Altliberalen zunehmend von deutsch-nationalen Kräften innerhalb ihrer Bewegung zurückgedrängt.
Der politische Konservativismus wurde in erster Linie von der Aristokratie, dem Klerus und der Bauernschaft getragen. Er war vor allem in den Landtagen stark vertreten und bekam Ende des 19. Jahrhunderts in den Christlichsozialen Konkurrenz, mit denen man sich allerdings 1907 zu einem gemeinsamen Parlamentsklub zusammenschloss.
Die Christlichsozialen entstanden als Massenpartei vor allem aus dem Kleinbürgertum – Kleingewerbe, Handwerker; die herausragende politische Persönlichkeit dieser Bewegung war Karl Lueger, Wiener Bürgermeister ab 1897. Ein Aspekt der christlichsozialen Bewegung war ihr scharfer Antisemitismus – eine Geisteshaltung, die man auch mit den deutsch-nationalen Gruppen teilte.
Die Deutschnationalen waren eine Bewegung, die in sich stark zersplittert war – es gab mehrere deutsch-nationale Parteien mit unterschiedlicher Radikalisierungstendenz. Der Wahlerfolg der Deutschnationalen 1911 zeigte, dass das Thema nationaler Zugehörigkeiten ein bestimmender Faktor der Politik vor dem Ersten Weltkrieg war.
Die Sozialdemokratie schloss sich 1888/89 unter Victor Adler zu einer einheitlichen politischen Bewegung zusammen. Es war vor allem die Sozialdemokratie, die sich den Kampf um ein allgemeines und gleiches (Männer-)Wahlrecht auf ihre Fahnen schrieb.
Als Stimmporträts vertreten sind hier vor allem Abgeordnete, die sich 1906/07 zum neu eingeführten allgemeinen und gleichen Wahlrecht äußern. In diesen Aufnahmen des Phonogrammarchivs kann man gut die ideologischen Bruchlinien nachvollziehen: Die (leise) Skepsis der Liberalen, die durch das neue Wahlrecht an Macht und Einfluss verloren, und die Hoffnungen der Sozialdemokratie, die dem neuen Wahlrecht eine Stärkung ihres politischen Einflusses verdanken sollte.
Politisches Cabaret aus dem Jahr 1908