Frieden bis Weihnachten – Paix jusqu'à Noël – Peace until Christmas
Millionen Männer in ganz Europa – hunderttausende aus Teilen der restlichen Welt – marschierten im August 1914 in den Krieg. Alle waren davon überzeugt zu Weihnachten wieder zuhause zu sein. Fast niemand hielt es 1914 für möglich, dass der Krieg beinahe bis Weihnachten 1918 dauern sollte.
Als sich die Armeen im August 1914 in Marsch setzten, schien ein kurzer Krieg gewiss. Nur die Offensive konnte eine Entscheidung bringen, dementsprechend gab es nur Offensivpläne. Deutschland begann seine große Offensive im Westen, sie sollte einen schnellen Sieg über Frankreich erzielen.
Auch im Osten blieb die Entscheidung aus. Deutschland war hier in der Defensive, dafür traten Russland und die Donaumonarchie zur Offensive an. Conrad von Hötzendorf, der österreich-ungarische Generalstabschef hoffte, allerdings vergeblich, auf Unterstützung durch eine deutsche Offensive aus dem Norden. Die erfolgreiche deutsche Verteidigung unter Hindenburg und Ludendorff in der Schlacht von Tannenberg und der Schlacht an den Masurischen Seen stoppte den russischen Vormarsch nach Ostpreußen. Das Gros der russischen Streitkräfte stand aber im Süden, in Galizien lag der Schwerpunkt der Armeen des Zaren. Dort mussten sich die k.u.k. Einheiten unter Conrad von Hötzendorf, nach anfänglichen Erfolgen, vor den immer stärker werdenden Russen zurückziehen.
In den Sommerschlachten waren die Verluste auf deutscher Seite relativ niedrig, umso schwerer wogen die riesigen Verluste der k.u.k. Streitkräfte. Auch Russland erlitt im Sommer große Verluste, doch noch schien der Menschennachschub auf russischer Seite unerschöpflich zu sein.
Der Osten unterschied sich vom Westen insofern, weil es noch keine durchgängige Front gab. Zu groß war der Kriegsschauplatz, es blieb ein Bewegungskrieg, bei dem alle Armeen immer wieder lange Vorstöße und Rückzüge unternahmen. Allerdings wurde der Vorteil, der sich durch die Weite des Raumes ergab, zum Teil durch die schlechte Infrastruktur aufgehoben.
Der Herbst sah trotz weiterer Angriffe und Gegenangriffe keine großen Veränderungen, nur mehr Verluste. Lemberg blieb ebenso in russischer Hand wie Lodz. Przemyśl, die größte Festung der Doppelmonarchie, war von russischen Truppen belagert worden, dann entsetzt, nur um abermals belagert zu werden. Die Bedrohung von Krakau und Schlesien war abgewandt, aber die Möglichkeit eines russischen Durchbruchs durch die Karpaten bedrohte immer noch Ungarn. Am Balkan kamen die Kämpfe im Dezember dort zum Stillstand, wo sie im August begonnen hatten. Serbien hatte den Angriff Österreich-Ungarns zurückgeschlagen.
Der aufgestaute, aber auch geschürte Hass, kombiniert mit der Frustration durch den militärischen Misserfolg und die teilweise Beteiligung von Zivilisten an den Kämpfen führte auch hier zu schrecklichen Verbrechen an der Zivilbevölkerung. Im November 1914 kam mit den Kriegserklärungen der Entente an das Osmanische Reich ein weiterer Kriegsschauplatz hinzu. Die Hohe Pforte hatte sich auf die Seite der Mittelmächte gestellt. In Istanbul versprach man sich von einem Sieg der Mittelmächte mehr, befanden sich doch mit Serbien, vor allem aber mit Russland, zwei Gegner der Türkei im Lager der Entente.
Dass der Erste Weltkrieg diesen Namen von Anfang an ganz und gar verdiente, ist im Kampf um die deutschen Kolonien in Übersee begründet. Diese fielen alle im Laufe des Jahres 1914 an die Entente, mit Ausnahme von Deutsch Ostafrika. 1914 war die Hauptaufgabe der Luftstreitkräfte die Feindaufklärung, doch schon bald sollte sich dies ändern. Auf den Weltmeeren zeigt sich die Überlegenheit der Entente, besonders die Übermacht der Royal Navy. Die Blockade Deutschlands und Österreich-Ungarns wurde immer effektiver, deutsche U-Boote erzielten zwar Erfolge, aber es gab weder genügend U-Boote, noch Taktiken und Strategien für einen wirksamen U-Boot-Krieg.
Weihnachten 1914 kam, doch der Krieg ging weiter. Die Feuerpause zu Weihnachten, von den Soldaten spontan an manchen Abschnitten der Westfront eingehalten, wurde von der militärischen Führung auf beiden Seiten rasch unterdrückt.
Generalstabschef Helmuth von Moltke orientierte sich weitgehend an der Denkschrift seines Vorgängers Graf Schlieffen aus dem Jahr 1905. Der berühmte Schlieffen-Plan sah eine Umfassung der französischen Armee mit dem rechten Flügel vor, durch das neutrale Belgien und auch nördlich von Paris. Aber für eine 1:1-Umsetzung des Planes fehlten dem deutschen Heer mindestens 15, eher 20 Divisionen. So fiel die Umfassung nördlich von Paris komplett weg.
Praktisch gleichzeitig mit dem deutschen Aufmarsch begann der französische Plan XVII. Ebenfalls ein Offensivplan, der Angriffe links und rechts der starken deutschen Festung Metz vorsah.
Nachdem die Verletzung der belgischen Neutralität Großbritannien endgültig auf die Seite der Entente gestellt hatte, kam es Ende August zu den Grenzschlachten. Die Heere Frankreichs und Deutschlands trafen aus der Bewegung aufeinander und die Schlachten zählten zu den blutigsten des ganzen Krieges. Das deutsche Heer konnte die französische Armee schlagen und zum Rückzug zwingen, ein den Krieg entscheidender Sieg, wie Frankreichs Niederlage 1870 bei Sedan, blieb aber aus. Fast ganz Belgien und Teile Nordfrankreichs wurden von den deutschen Armeen besetzt, dabei kam es – besonders im wallonischen Teil Belgiens, aber auch in Nordfrankreich – immer wieder zu Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung. Die Frage, wie weit die Beteiligung belgischer Zivilisten, sogenannter Franktireurs, an den Kämpfen, oder Panikreaktionen deutscher Soldaten diese Vorkommen auslösten, ist bis heute umstritten. Der Rückzug ging bis an die Marne und beinahe vor die Tore von Paris.
Jetzt konnte der französische Oberbefehlshaber Joffre die sich verkürzenden Nachschubwege voll ausnutzen. Die Deutschen Armeen wurden gestoppt, oder stoppten ihren Vormarsch. Fest steht, dass Ende September 1914 die Westfront, nach einem kurzen Rückzug der deutschen Armee, zu erstarren begann.
Ein letzter Versuch zum Bewegungskrieg war das „Wettrennen zum Meer“, eine Abfolge von Schlachten um den Gegner nördlich zu überflügeln, bis schließlich mit der Ersten Flandernschlacht, im Herbst 1914, die Nordsee erreicht war. Zu Jahresende sahen sich die Militärs mit einer durchgehenden Front von der Schweiz zur Nordseeküste konfrontiert.