Das Jahr 1918 hat bei den damals Lebenden einen tiefgehenden, ja oft traumatischen Eindruck hinterlassen: der Zerfall aller gewohnten politischen und gesellschaftlichen Normen, ein Massenelend in nie gekanntem Ausmaß und eine Zukunft voll banger Fragezeichen. Dies spiegelt sich in den Interviews mit Augenzeugen und -zeuginnen ebenso wider wie in Tagebuchaufzeichnungen und Memoiren – ein widerspruchsreiches Mosaik individueller Erlebnisse und kollektiven Schicksals.
Augenzeugen ... (1)
Das atmosphärische Bild, das die hier versammelten Originaltöne und Zitate aus Erinnerungswerken vermitteln, ist in vieler Hinsicht unvollständig und verzerrt. Neben der Subjektivität der Auswahl durch die Ausstellung selbst ist die Zufälligkeit der Überlieferung zu bedenken: All die Interviews mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen, die nicht gemacht worden sind! Die nie geschriebenen Memoiren!
Augenzeugen … (2)
Originaltöne aus der Zeit 1914–18 sind für Österreich sehr dünn gesät. Hinzu kommt, dass erstaunlich wenig Zeitzeugeninterviews zum Ersten Weltkrieg und zum Ende Österreich-Ungarns zur Verfügung stehen – ganz im Gegensatz zur rechtzeitigen systematischen Herstellung von „Oral-History-Interviews“ vor allem in angelsächsischen Ländern. Ein leider uneinbringliches Defizit ...
Franz Brandl
„...im Jänner 1918 zogen an die 300.000 Arbeiter unter kriegsfeindlichen Rufen, sofortigen allgemeinen Frieden fordernd, aus den Fabriken über die Ringstraße. Die sozialdemokratische Führung bemühte sich mit Erfolg, die Kundgebung innerhalb der Grenzen des bloßen Protestes zu halten; aber im Zuge marschierten schon einige tausend mit, die die Ausrufung der Sowjetrepublik Oesterreich verlangten...“
Josef Redlich
„Donnerstag, 17. Jänner
Die Kürzung der Kopfquote von Mehl bringt langsam aber sicher die soziale Bewegung und die Bewegung für den Frieden ins Rollen. Seit zwei Tagen stehen 200.000 Arbeiter im ganzen Wiener Becken, Floridsdorf, Arsenal im Ausstand: die Stimmung der Bevölkerung wird drohend. ...
Freitag, 18. Jänner
Der Streik der Arbeiterschaft dehnt sich in Wien aus, aber man merkt in den inneren Bezoreken nichts davon. Die Arbeiter stellen direkt die Forderung nach Frieden.
Samstag, 19. Jänner
Seit gestern abend erscheinen keine Zeitungen mehr in Wien ... die Tram verkehrt, die Gaswerke und das Elektrizitätswerk arbeiten.“
Erinnerungen des sozialdemokratischen Politikers Julius Deutsch
Julius Braunthal
„Mit Streiks allein kann man eine imperialistische Regierung nicht zwingen, revolutionäre Friedensvorschläge zu unterzeichnen; man muß sie stürzen.“
Augenzeugen … (3)
Es sind vor allem die Angehörigen höherer sozialer Schichten und die Gebildeteren, die hier das Wort ergreifen, bei den Kriegsteilnehmern z.B. fast nur Offiziere. Was hätten wohl die Mannschaften zu sagen gehabt? Aus einer Reihe von Gründen kommen außerdem vor allem deutschsprachige Zeitzeugen zum Zuge. Die Beschränkung auf die männliche Form – „Zeitzeugen“ – ist hier insofern zutreffend, als sehr viel weniger Zeugnisse von Frauen vorliegen, was das Bild weiter verzerrt.
Augenzeugen … (4)
Einige Augenzeugen erscheinen mit mehreren Aussagen, weil ihre Erinnerungen besonders interessant oder charakteristisch erscheinen. Dies gilt zum Beispiel vom homo politicus und Rechtsgelehrten Joseph Redlich, vom Polizeioffizier Franz Brandl und vom Tagebuch des Arbeiterdichters Alfons Petzold. Dass die politische Orientierung der Augenzeugen sehr unterschiedlich ist, geht meist aus den Äußerungen selbst hervor. Es ist zur Einschätzung mancher Aussagen dabei nicht unwichtig, darauf zu verweisen, dass eine Reihe der zu Wort Kommenden später Nationalsozialisten geworden sind, so Franz Brandl, Edmund Glaise-Horstenau, General Bardolff und der Schriftsteller Bruno Brehm.
Augenzeugen … (5)
Es liegen deutlich mehr Aussagen über Kriegsereignisse vor als über den Alltag, dessen rasch zunehmende Bedrängnis allerdings in vielen Äußerungen durchscheint. So ist es also eine sehr subjektive und punktuelle Sicht, die hier übermittelt wird, Erinnerungssplitter, die selbst eingeordnet und bewertet werden müssen.
Julius Braunthal
"Nicht allein die Matrosen des "Monarch" hatten gemeutert, sondern die ganze Flotte. ... Sie hatten den Admiral und die Offiziere der Kriegsschiffe entwaffnet und gefangengesetzt, Matrosenräte gewählt und die rote Fahne der Revolte gehißt."
Franz Brandl
“Ein Jahr später [d. h. April 1918] kommt es zu dem großen Skandal: Clemenceau, gereizt von Czernin, veröffentlicht den kaiserlichen Brief, Karl erklärt ihn für eine Fälschung, Clemenceau nennt den Kaiser einen Lügner, Czernin verlangt des Kaisers Rücktritt von den Regierungsgeschäften, und da der Kaiser sich weigert, demissioniert er.”
Josef Redlich
"Freitag, 12. April
Gestern kam die offizielle Mitteilung von den Briefen des Kaisers heraus, von einem Telegramm begleitet, das Kaiser Karl an Kaiser Wilhelm richtete ...
Inzwischen mehren sich die Zeichen der akutesten Hungersnot und Fritz telephonierte mir gestern, daß er in der nächsten Woche kein Mehl mehr für die Stadt Göding hat!"
Josef Redlich
“Ich glaube an den Herrn Ernährungsminister, an die seligmachende Mairübe, die Ernährerein der rayonierten Volksmassen. Ich glaube an die stammverwandte Runkel- und Steckrübe ...”
Alice Herdan-Zuckmayer
"... die Reise [ging] ... in die französische Schweiz. Es war eine "Reise ins Paradies", denn der Hunger war für die meisten von uns eine tägliche Qual geworden."
Josef Redlich
"Carl Menger schreibt mir, ob ich ihm Mehl verschaffen könnte! Das hat mich tief ergriffen: so sieht es mit unseren alten Lehrern aus!"
Frank Varny
“Der Platz vor dem Nordbahnhof bot ein anderes Bild als bei meiner Abfahrt. Keine begeisterte Menge ... nur ein paar armselige Frauen standen da, die ihre Heimkehrer erwarteten. ... Vor dem Ausgang stand ein einziger Einspänner.”
Ernst Krenek
“Plötzlich erregte eine kleine Gruppe von Flugzeugen in großer Höhe meine Aufmerksamkeit. ... Damals wußte ich noch nicht, daß ich den berühmten, von Gabriele D´Annunzio angeführten Luftangriff gesehen hatte, den einzigen, dem Wien während des ersten Krieges ausgesetzt war.”
Alfons Petzold
7. Oktober. Die Weltgeschichte rollt jetzt mit kinematographischer Geschwindigkeit ab. Vorgestern Einsetzung einer demokratischen friedensfreundlichen Regierung in Deutschland, gestern Angebot von Friedensverhandlungen der Mittelmächte an die Entente auf Grundlage der 14 Punkte des Wilsonschen Friedensprogrammes.
Ob sich die Franzosen damit zufrieden geben werden?"
Josef Redlich
"..."man" hofft oben, daß, wenn wir und Deutschland feierlich die 14 Punkte Wilsons annehmen und den Ostfrieden aufgeben, wir von der Entente den Frieden bekommen ..."
Josef Redlich
"Sonntag, 6. Oktober
Seitdem gestern die Veröffentlichung der Friedensanerbietung der Zentralmächte auf Grund der Annahme der 14 Punkte Wilsons erfolgt ist, wartet alles auf die Antwort Washingtons. ... völlige Kopflosigkeit und Panik in Berlin."
Alice Herdan-Zuckmayer
" Unser Stubenmädchen Bozena kniete auf dem steinernen Küchenboden, schrie und weinte ... "Zwai Brider tot, baide gegen Russen gefallen!" Zu meinem Entsetzen hörte ich Luise Bozena anschreien: "Wär dir lieber gewesen, wenn sie in russischer Armee fallen hätten können ... Bist du Verräterin, hast du Unsern Kaiser nicht gern, hat man böse Feindin im Haus, bist du Verräterin, du!" Luise verließ wütend die Küche.
Ich hob Bozena auf, aber sie wich zurück und sprach mit völlig veränderter Stimme ... "werd ich rausgeschmissen. Macht nix. Geh ich zurück in Heimat meiniges, wo ich gehör hin, und werd ich dort warten, wann kommen die Russen und werden befreien unser schönes Land von gehaßte Österreichische."
... Ich lief ins Wohnzimmer, dort stand Luise noch immer. Ich trat auf sie zu und sagte: "Luise, das war nicht gut von Ihnen, Sie sind doch Böhmin, und so bös zu einer Slawin!"
Sie antwortete: "Bin ich kaisertreu, hab ich gern unsern Kaiser ... bin ich gern bei euch""
Josef Redlich
“Die Polen haben heute in der Delegation erklärt, daß sie sich als Bürger des freien Polen betrachten ... Die Tschechen verlangen, als selbständige Nation angesehen zu werden ...”
Josef Redlich
"Mittwoch, 16. Oktober
... Die Morgenzeitungen bringen die Rede des vom Kaiser wiederberufenen Wekerle, welches die Proklamierung des völlig unabhängigen Ungarn, bloß durch Personal-Union ... gebunden, vornimmt."
Keine nationalen Gegensätze in der Armee? Sicht eines Offiziers
Curt Schuschnigg im Gespräch mit Gerhard Jagschitz
Alfons Petzold
"11. Oktober. Hier ist eine arge Grippeepidemie ausgebrochen. Hedwig und Christl machen mir Sorgen, da beide stark husten.
14. Oktober. Christl an Masern erkrankt. Hedwig stark verkühlt. Wir sehen das Gespenst der “spanischen Grippe” vor und auftauchen."
Josef Redlich
"Wilson lehnt es ab, auf der Basis der 14 Punkte mit uns zu verhandeln, weil sich inzwischen Veränderungen zugetragen haben, die berücksichtigt werden müssen, insbesondere die Anerkennung der tschechisch-slowakischen und jugoslawischen Nationalregierungen!"
Franz Brandl
"18. Oktober.
In den Straßen ist es unruhig. Gruppen bilden sich, die das Fortdauern des Scxhießens an der Front bekritteln. “Aufhören! Es hat doch keinen Sinn mehr!” In den Wirtshäusern dasselbe Murren. Generalstreikgerüchte."
Staatskanzler Renner
Franz Brandl
“Bei Gräf&Stift sind achthundert Arbeiter in den Ausstand getreten, weil zwei Vertrauensmänner einrückend femacht werden sollen. Auch aus anderen Fabriken kommen Nachrichten, daß es unter den Arbeitern gärt. ”Schluß machen!"
Franz Brandl
"Die Nationalversammlung im Gebäude des niederösterreichischen Landhauses in der Herrengasse. ... Die Herrengasse und die umliegenden Gassen sind von Tausenden erfüllt; der Parteirichtung nach sind es zumeist Sozialdemokraten und Deutschnationale, die Christlich-
sozialen blieben zu Hause. ...
Es ist ein stetes Gehen und Kommen. Tausende ziehen ab, andere Tausende kommen. Offiziere werden angehalten und veranlaßt, die kaiserliche Kokarde von der Mütze zu nehmen. ...
In den Straßen klirren einige Fensterscheiben. Die Polizei geht an die Arbeit, reitet Attacken und verhaftet. Bald ist wieder Ruhe."
Franz Brandl
“Im niederösterreichischen Landtag nahmen die Christlichsozialen Stellung zum Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes in Österreich, natürlich positiv. Allein die Begeisterung war nicht groß.”
Franz Brandl
“In der konstituierenden Nationalversammlung ... erklärte Dr. Viktor Adler, daß die Sozialdemokraten bereit seien, an der Bildung eines neuen Staatswesens mitzuwirken, natürlich nur auf breitester demokratischer Grundlage und in der Form einer Republik. ... Die Christlichsozialen betonten ihr Festhalten am monarchischen Prinzip, überließen aber alles der Konstituante.”
Katharina Károlyi
"... [Michael Károlyi] sollte ... Politiker des linken Flügels vorschlagen, mit denen der König Kontakt aufnehmen sollte. Sooft Michael einen Namen nannte, fragte König Karl: "Ist er Jude?"
Und nach zwei oder drei Tagen sagte der König ... er werde Michael zum Ministerpräsidenten ernennen ...
Onkel Duci (Außenminister Graf Andrassy] habe gereizt geantwortet: "Wenn Euer Majestät Károlyi ernennen, können Sie mich gleich ins Irrenhaus schicken.""
Josef Redlich
"Die Regierung fühlt ihre vollkommene Aktionsunfähigkeit. ...
An der Piave ist ein Durchbruch erfolgt, Kroatien hat sich feierlich vom Haus Habsburg gelöst. ...
Triest wird evakuiert, ...
Nachmittag wird die neue deutschösterreichische Regierung gebildet, ...
Der Kaiser hat die Flotte dem neuen jugoslawischen Staat geschenkt."
Franz Brandl
"Andrassy trat angesichts der nach ihm rufenden Menge auf den Balkon und sagte: " Meine Herren! ... Das Land und der Friedenskaiser ..." Da kam es zu stürmischen Unterbrechungen: "Pfui Andrassy! Anschluß an Deutschland! Oesterreich ist eine Republik!" ...
Die Slowenen, Kroaten und bosnischen Serben haben sich von der Monarchie losgesagt und vereinigen sich mit Serbien zu einem Reich. ...
In Schönbrunn "regiert" aber noch der Kaiser, und es tagt noch ein Parlament. Massen ziehen über die Ringstraße mit dem Schrei: "Wir wollen die Republik! Nieder mit Habsburg!""
Carl v. Bardolff
"... ein Haufen von etwa 300-400 Menschen kreiste ihn [den Wagen] ein. ... In wenigen Augenblicken waren alle Glasscheiben mit Stöcken unter tosendem Gebrüll zertrümmert und die Kappen uns vom Kopf gerissen. Ohne die Kokarden mit dem kaiserlichen Namenszug flogen sie wieder in den Wagen, und die Horde schrie dem Fahrer zu: "So, jetzt kannst wieder weiterfahren, du blöder Kerl. Heil die Republik!""
Edmund Glaise-Horstenau
"Soviel ich mich erinnere, bedeuteten die [Reden] der Deutschnationalen und der Sozialisten schon eine recht merkbare Absage an das alte Reich, indes die Christlichsozialen ausdrücklich die Hoffnung hervorhoben, daß die alte Völkerfamilie entsprechend erneuert beisammenbleibe. ...
Finis Austriae!"
Josef Redlich
"Die Offiziere werden zum Teil von Straßenjungen gezwungen, an die Stelle der Rosette die nationale Kokarde zu setzen. Der Portier beim Militärkommando verkauft die Rosetten! Durch den Beschluß des gemeinsanen Ministerrates ist das legalisiert. Jeder Soldat kann zu dem Heere der Nation sich melden, zu der er gehört.
... Die ganze Armee an der Südwestfront ist in fluchtartigem Rückzug und voller Auflösung begriffen: infolge der kaiserlichen Armee-Erlässe besteht keine österreichisch-ungarische Armee mehr."
Alfons Petzold
“2. November. Hier ist eine schreckliche Panikstimmung, die wildesten Gerüchte schwirren herum und selbst dem nervenstärksten Menschen ist es schwer, ruhig zu bleiben."
Franz Brandl
"... reißen Offizieren die Sterne von der Montur ...
Der Vorstand des Gremiums der Hoteliers, hat die Hotelbesitzer angewiesen, ihre Aufschriften, soweit sie die Worte "Habsburg", "Oesterreich", "Kaiser", "König" enthalten, zu überkleben.
Die nicht deutschösterreichischen Soldaten ziehen in ihre Heimat ab. ...
Abends: Große Soldatenversammlung beim Lembacher auf der Landstraße ... Die Leute bemühen sich, zu einer Führung und Organisation und damit selbst zu Ruhe und Ordnung zu kommen. Die Worte klingen natürlich sehr radikal. ...
Zweitausend Soldaten, geführt von Offizieren, ziehen mit roten Fahnen vor das Kriegsministerium.
Aus Budapest kommt die Nachricht, daß Tisza in seiner Wohnung von Soldaten ermordet wurde."
Edmund Glaise-Horstenau
"Auf der Treppe begegnete ich Dr. Renner, seit dem Vortage Staatskanzler des neuen Österreich. Ich fragte ihn, ob wir den Bolschewismus zu fürchten hätten. Er meinte: "Bolschewismus wäre wenigstens organisierte Anarchie, wenn wir nur keine unorganisierte bekommen!"
Aufregende Gerüchte kamen. In Budapest war Tisza ermordet und ... Michael Károlyi zum allerdings noch königlichen Ministerpräsidenten ernannt worden."
Interview mit Otto Habsburg-Lothringen
Arthur Koestler
"Es ist Graf Mihály Károlyi, der eben die Trennung Ungarns von Österreich und seine Wiedergeburt als eine unabhängige, freie, demokratische Republik proklamiert hat ...
Mein Vater und ich marschieren mit und kommen in Hochstimmung nach Hause; wir sind beide glühende ungarische Patrioten. Meine Mutter verhält sich mißbilligend; Sie ist Wienerin ..."
Julius Hay
"In jenen Tagen folgte eine Straßendemonstration der anderen. Studenten, Arbeiter, Soldaten. ...
Es gab dann noch einen "Sturm auf die Burg"! Da wurden wir von einer Seite von bosnischen Soldaten in feldgrauem Fes empfangen, die kein Wort von den Parolen verstanden, die wir ihnen entgegenriefen. Trotzdem haben sie nicht geschossen. ... Zersprengt, blutig geschlagen und weggejagt wurden wir von den berittenen Polizisten, die mit der flachen Klinge auf uns losgingen. Sie waren Ungarn und haben unsere Worte verstanden; die Worte schon. Den Sinn nicht. Sie waren Polizisten."
Katharina Károlyi
"...das neue Kabinett Károlyi sei ernannt worden. Auf diese Weise sei Blutvergießen vermieden worden. Michael habe die Situation gerettet. ...
In der fieberhaften Situation blieb Tiszas Ermordung so gut wie unbeachtet."
Edmund Glaise-Horstenau
""Stelle dir vor, ein furchtbares Mißverständnis! Wir haben bereits den Befehl zum Einstellen des Feuers an der ganzen Front gegeben und jetzt erklären die Italiener, daß der Waffenstillstand erst morgen um drei Uhr nachmittags in Kraft treten werde!"
Das Mißverständnis entstand araus, daß wir in unserer Sehnsucht nach Waffenruhe irrtümlich annahmen, ein uns aus der Villa Giusti gesandter Entwurf... sei mit der Annahme durch uns bereits perfekt."
Willy Haas
“Ich habe sogar die siegreiche Endschlacht Italiens bei Vittorio Veneto als österreichischer Offizier mitgemacht, ... die aber nach meinem besten Wissen und Gewissen niemals stattgefunden hat, sondern die einfach darin bestand, daß italienische Feldartillerie in die abmarschierenden österreichischen Kolonnen hineinschoß, ohne besonderen Schaden zu stiften, und die Enden der Kolonnen zu Gefangenen zu machen ...”
Erinnerungen eines Offiziers und Wertung des Historikers. Friedrich Engel-Janosi
Erinnerungen eines Offiziers und Wertung des Historikers. Friedrich Engel-Janosi
Franz Brandl
"4. November
Die ersten Heimkehrer von der Front passieren Wien. In den Bahnhöfen an der Peripherie werden Kontrollstationen zur Entwaffung eingerichtet. ...
Abends erzählt man sich von der Katastrophe an der italienischen Front. Die Waffenstillstandsverhandlungen waren so geführt worden, daß die Oesterreicher die Waffen 24 Stunden früher niederlegten als die Italiener. Dadurch wurde den Italienern ein Vormarsch ermöglicht und hunderttausend Oesterreicher gerieten in Kriegsgefangenschaft, was Italien später den Sieg von "Vittorio Veneto" genannt hat. Die Erbitterung ist grenzenlos. Man vermutet böse Absicht, um leichter demobilisieren zu können."
Der Historiker Heinrich Benedikt erzählt aus seinem Leben
Curt Schuschnigg im Gespräch mit Gerhard Jagschitz
Kurt Schuschnigg
“Wenige Tage später kam die Waffenstillstandsbotschaft. Sie ward mit innerer Erleichterung von allen aufgenommen. Dann folgte, uns allen unbegreiflicherweise, die Gefangennahme. Niemand von uns konnte sich diese Entwicklung der Dinge zusammenreimen, da alle an den Waffemstillstand glaubten.”
Ernst Rüdiger Starhemberg
"Einige hatten rote Armbinden. Etwa 12 bis 15 hieben mit den Fäusten auf zwei junge Offiziere ein, rissen ihnen die Sterne (das Abzeichen des österreichischen Offiziersranges) herunter, rissen ihnen Kriegsauszeichnungen von der Brust und warfen sie in den Kot. Ein paar Zivilisten brüllten und Weiber kreischten dazu "schlagt sie tot, die Offiziersschweine! Nieder mit den kaiserlichen Hunden!" Ich ging rasch näher, um den angegriffenen Kameraden zu Hilfe zu kommen. ... schon spürte ich die ersten Faustschläge. Einer wollte mir das Offiziersporteppee vom Säbel reißen, dabei zog er diesen aus der Scheide. Indem sie einen Rinnstein zu Hilfe nahmen, zerbrachen die Kerle die Klinge ... Auch mir wurden die Sterne und Tapferkeitsmedaillen heruntergerissen, die "Große Silberne" mit dem Bild des Kaisers flog in den Straßengraben. ... Ich spuckte das Blut aus und hob die zerbrochenen Stücke meines Säbels und die Tapferkeitsmedaille auf. "Verfluchtes Gesindel", dachte ich, “mit euch werde ich noch abrechnen.”"
Erinnerungen eines Offiziers und Wertung des Historikers. Friedrich Engel-Janosi
Kurt Schuschnigg
“So zogen wir zweitausend Offiziere in Reih und Glied am 4. November ... in tagelangen Märschen landeinwärts ... Alle leibliche Not wog gering gegen den unerhörten Druck, der seelisch auf dem Österreicher lasten mußte, ... daß er kein Vaterland mehr hatte.”
Erinnerungen eines Offiziers und Wertung des Historikers. Friedrich Engel-Janosi
Franz Brandl
"7. November.
Die deutsch-böhmischen Soldaten werden bei der Ankunft in Gmünd, das von den Tschechen bereits besetzt ist, kontrolliert und soferne sie sich nicht zum tschechoslowakischen Staat bekennen, interniert. Daher gehen in Hinkunft die Transporte über Tulln-St. Pölten-Passau nach Eger.
Franz Brandl
“In der Regierung führen die Sozialdemokraten das große Wort, aber auch sie haben die Volkswehr nicht in der Hand. Die ist stark kommunistisch durchsetzt und die ”Rote Garde" bemüht sich, sie ganz zu sich herüber zu reißen. Das Soldatenblatt des Unterstaatssekretärs Deutsch, “Der freie Soldat”, das radikal genug ist, wird an Schärfe überboten vom “Roten Soldat”. Es wird bereits ganz offen von einem bewaffneten Putsch der Volkswehr gesprochen. Aber die Arbeiterschaft ist gegen die Soldateska."
Josef Redlich
"Die Gründung des deutsch-österreichischen Staates vom 21. Oktober war ... die unvermeidliche Antwort auf das Inslebentreten der beiden slawischen Staaten, die nach dem Manifeste offen als völkerrechtlich konstituierte Verbündete der Entente sich erklärten und dadurch den neuen deutsch-österreichischen Staat vollends nötigten, das Band, das ihn mit der Idee des historischen Österreich und des Kaisertums verband, glatt durchzuschneiden.
... Nachricht von der Abdankung Kaiser Wilhelms II. ..."
Franz Brandl
"3. November
Die Aufnahmen zur Volkswehr und zur polizeilichen Stadtschutzwache beginnen. Riesiger Zulauf. ...
In den Eichensälen hat sich die kommunistische Partei konstitiert. ....
"Arbeiter, Soldaten!", haranguiert ein Flugzettel, "eine neue Zeit bricht an. Die Revolution, die in Rußland begonnen, setzt sich jetzt bei uns fort. ... Arbeiter, wählt aus Eurer Mitte Arbeitskameraden, einen Arbeiterrat! Soldaten, erklärt, daß Ihr keine Offiziere mehr kennt! ... Tretet in die Rote Garde ein zum Schutz des Proletariats!""
Alfons Petzold
“9. November. In Bayern ist der König über Nacht abgesetzt und eine Volksregierung unter Kurt Eisner als Präsident eingesetzt."
Josef Redlich
"Als Banhans an Lammasch Worte des Abschieds richtete, begann er zu weinen und Lammasch antwortete schluchzend ... er habe die schwerste Aufgabe seines Lebens übernommen ... Die Ereignisse in der Welt seien so überstürzend und übermächtig gekommen, daß ein anderer Weg nicht möglich war. Wir alle hatten Tränen in den Augen ... Ich empfand die ganze Szene fast als eine physische Pein; als ich durch den Vorsaal ging, sagte ich zu zwei Ministerkollegen: "Nun ist das alte schwarzgelbe Österreich für immer tot!""
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Interview mit Otto Habsburg-Lothringen
Alfons Petzold
“11. November. Der deutsche Kaiser ist mit seiner Familie nach Holland geflohen.”
Franz Brandl
"11. November
Von einer Tätigkeit christlichsozialer oder deutschnationaler Parteiführer sieht und hört man nichts. Als ob sie der Erdboden verschluckt hätte! Rot ist Trumpf!
Der Kaiser hat auf die Ausübung der Regierungstätigkeit verzichtet. Er hat sich lange gewehrt. ...
Das letzte gesamt-österreichische Kabinett Lamasch [sic!] hat demissioniert.
Heute ist Viktor Adler einem Herzschlage erlegen."
Richard A. Bermann (Arnold Höllriegel)
“Der Präsident der Nationalversammlung, Karl Seitz, trat sodann mit den anderen Mitgliedern des Präsidiums und der Regierung auf die Parlamentsrampe hinaus. Schon während der Proklamation der Verfassung war es unten auf der Straße unruhig geworden; ... Dann kam der Augenblick, in dem die rotweißroten Fahnenen hochgezogen werden sollten. Es entstand ein kurzes Getümmel - und dann stieg an den beiden Flaggenmasten je eine zerrissene verstümmelte Fahne hoch. Irgendjemand hatte den weißen Streifen aus beiden Flaggen herausgeschnitten; ein unordentlicher roter Lappen stieg durch die Luft bis zur Spitze der hohen Stange, die noch mit dem Doppeladler der Habsburger gekrönt war. Wenn es je eine üble Vorbedeutung für einen neu gegründeten Staat gegeben hat, hier war sie.”
Franz Brandl
"12. November
... während der Ansprache des ersten Präsidenten sollte die neue Fahne Rot-weiß-rot an den beiden Masten in die Höhe gehen. Aber da gab es bei einem derselben einen Tumult. ... statt der rot-weiß-roten wird eine rote Fahne hinaufgekurbelt. Unter Aufregung geht die Feier zuende. ...
Da wird von der Straße gegen das Gebäude geschossen ... Und plötzlich steht die Rote Garde, vierhundert Mann, auf der Rampe, und es hebt ein allgemeines Streiten an ...
"Aus dem Parlament ist zuerst auf uns geschossen worden ... sogar mit einem Maschinengewehr."
"Aber das war doch ein Rollbalken, der herabgelassen wurde, der hat einen solchren Lärm gemacht."
"Es waren Schüsse."
"Nein, ein Rollbalken.""
Frank Varny
“... ein paar Mitglieder des Volkswehrbataillons 41 ... schnitten aus der linken Fahne den weißen Mittelstreifen heraus, so daß eine rote Fahne, allerdings in Fetzen, hochging. Der rechte Mast zeigte die rot-weiß-rote Fahne. Der Menge bemächtigte sich eine ungeheure Erregung, Pfiffe, Pfuirufe, aber auch Hochrufe ertönten, alles drängte sich gegen die Mitte; Frauen begannen zu kreischen. Das Tor des Parlamentsgebäudes wurde eiligst geschlossen. Da ertönten plötzlich Schüsse, die Menge stob schreiend auseinander und in wenigen Minuten war der Platz leer, nur ein paar Verwundete lagen blutend auf dem Pflaster.”