Erinnerungen an die Zeit zwischen Attentat und Ultimatum
Georg Günther
"Vom 28. Juni ab lag bleierne Schwüle über der gesamten Bevölkerung. Selbst die Hoffnungsfrohen, die noch glauben mochten, daß irgend etwas die rollende Kugel im Laufe aufhalten werde, wurden in ihrer Zuversicht schwankend."
Heinrich Baltazzi-Scharschmid
"... bald nach der ersten Entrüstung über das Attentat [war] keine wirklich anhaltende Anteilnahme bemerkbar."
Josef Redlich
"Heute eine halbe Stunde bei Alek Hoyos: Er sagt mir in größtem Vertrauen, dass der Krieg so gut wie beschlossen sei. … Der Kaiser selbst ist vollkommen bereit zum Kriege."
Josef Redlich
"Die Spannung ist aufs höchste gestiegen: Wir Wissenden sind ganz ruhig ...
Alek sah abgespannt und doch froh aus. Er teilte mir mit, dass der Kaiser in Ischl am Mittwoch seine Unterschrift der Note an Serbien gegeben habe, dass diese heute um ½ 5 Uhr in Belgrad überreicht worden ist. Die Note ... lässt eine Annahme Serbiens eigentlich überhaupt nicht zu: Sie ist ein 48-stündiges Ultimatum, und dann beginnt der Krieg. Dass Russland mit Serbien geht, ist so gut wie sicher anzunehmen ..."
Edmund Glaise-Horstenau
"Am 24. früh, einem Freitag, las ich den Inhalt unserer Note an Serbien. Es war mir klar: das war der Krieg, wenn Serbien ablehnte, was es natürlich nur bei sicherem Beistand Rußlands tun konnte. Das Unglück meiner Generation setzte ein."
Georg Günther
“In der zweiten Hälfte Juli, einige Tage vor Überreichung des Ultimatums an Serbien, machten wir eine kleine Autotour nach Cortina d'Ampezzo. Dort traf ich im Café Concordia den Kriegsminister Feldzeugmeister von Krobatin und den Chef des Generalstabes [Conrad] von Hötzendorf ... kaum ein Wort über die besorgniserregende Lage.”
Josef Redlich
“Wie ich ... höre, hat Tisza ... gleichfalls gesagt, dass der Krieg unvermeidlich sei, nur dass man jetzt noch nicht reden dürfe: Man will nämlich erst nach Vollendung der Ernte mit den Serben deutlich werden. Die Mitteilungen, dass Conrad und Krobatin auf Urlaub gehen, sind zur Verschleierung unserer Absichten bestimmt.”
Edmund Glaise-Horstenau
"Ich sagte nur immer eins: "Kinder, macht keinen Krieg, die Armee rennt in drei Monaten auseinander." Ich meinte damit, die Monarchie als Vielvölkerreich werde nicht länger Bestand halten ..."
Josef Redlich
25. Juli 1914
"… er sei sehr betrübt, denn es mehren sich die Zeichen, dass Serbien sich unterwerfe … Wieder einmal wäre der Enthusiasmus der Bevölkerung Wiens umsonst gewesen!…
… er habe soeben … gehört, Serbien habe alles abgelehnt. Fünf Minuten später ruft mich Graf Kinsky an und sagt mir durchs Telefon: "Abgereist!" Ich erwiderte: "Hurrah!""
Franz Brandl
“ ... als die verklausulierte Antwort aus Belgrad eintraf, da gab es keinen Zweifel: Das bedeutet den Krieg. Es war ein feierlicher Augenblick ... Da reichten wir einander aus einer Eingebung die Hände und gelobten, alles, was wir in unserem Wirkungskreise vermöchten, und unsere ganze Kraft einzusetzen für die Größe des geliebten Vaterlandes.”
Heinrich Baltazzi-Scharschmid
" ... ich sehe da noch immer die ernsten Mienen von Vater und Feri Vetsera vor mir, wie sie im Loggiagang über die Zeitung gebeugt standen und diskutierten. Beide meinten, daß es mit diesem Ultimatum unaufhaltsam zum Krieg kommen könne ..."
Edmund Glaise-Horstenau
“Ich stieg in Hütteldorf-Hacking auf die Stadtbahn über und fuhr noch spätabends in die Stadt, wo in den Kaffeehäusern die Abendblätter keinen Zweifel mehr bestehen ließen: Serbien hatte nur unter großen Vorbehalten angenommen, das heißt eigentlich abgelehnt, unser Gesandter Wladimir Freiherr von Giesl Belgrad mit dem gesamten Gesandtschaftspersonal verlassen.”
Claire Eugenie Mollik-Stransky
“In unsere Sommeridylle platzte das Ultimatum an Serbien. Unverzüglich brachen wir unsere Zelte in San Martino ab und kehrten im Eiltempo nach Wien zurück.”
Alfons Petzold
“In Innsbruck gehen die wildesten Kriegsgerüchte um. Es hieß, der Verkehr auf den Bahnen würde eingestellt. So fuhr ich noch nachts nach Bozen zurück. Überall regnet und blitzt es, auch in den Herzen der Menschen, über denen das Damoklesschwert des Krieges hängt.”
Arthur Koestler
“Während des täglichen Nachmittagsspazierganges mit der Gouvernante begegnete uns ein begeisterter Demonstrationszug, der die Straße hinuntermarschierte und die Nationalhymne sang: »Gott segne den Ungarn!«”