Der Weltkrieg hatte unzählige Tote und Verwundete gefordert, die wirtschaftliche Infrastruktur ruiniert und Massennot herbeigeführt. Die bisherige soziale Ordnung war in Frage gestellt, der alte staatliche Rahmen schlagartig gesprengt: Ein unklares kleines Restgebilde anstelle der österreichisch-ungarischen Monarchie. Das neue, noch provisorische republikanische Staatswesen hatte die wirtschaftliche und soziale Krise zu bewältigen, einen Friedensvertrag zu schließen und das Land außen- und innenpolitisch neu zu definieren. Gleich zu Beginn wurde mit der Einführung des Frauenwahlrechts und mit staatlicher Sozialpolitik ein wesentlicher Reformschritt getan.
Frauenwahlrecht, Sozialpolitik
Zu den ersten Maßnahmen der neuen Republik gehörte das allgemeine Wahlrecht auch für Frauen (erstmals angewendet bei der Wahl der verfassunggebenden Nationalversammlung am 16. Februar 1919) und einige weitreichende soziale Regelungen, so etwa der Achtstunden-Arbeitstag, Verbot der Kinderarbeit, Kollektivverträge, Betriebsräte, Urlaubsanspruch und die Arbeitslosenversicherung.
Ein Entwicklungssprung
Staatskanzler Renner
Renner-Kienzl-Hymne
Karl Renner
Karl Renner
Lorenz Böhler - Bemühungen 1919
Mieterschutz
Die langwährende Unterernährung während des Krieges hatte vor allem für die Kinder Wiens katastrophale Folgen. Um die hungernden und rachitischen Kinder kümmerten sich nach Kriegsende auch ausländische Organisationen, so etwa die Quäker-Hilfe. Die Not Wiens war zu einem internationalen Thema und Problem geworden.
Die Versorgungskrise wurde auch noch dadurch verstärkt, dass viele Menschen aus den ehemaligen Kronländern nun ihre Zuflucht in Wien suchten.
Milch für an Tuberkulose erkrankte Kinder
Ungewissheit der nationalen und staatlichen Identität
Während verschiedene deutschnationale Gruppierungen schon vor dem Weltkrieg mit einem Anschluss an das Wilhelminische Deutsche Reich geliebäugelt hatten, stand für die Sozialdemokraten nach 1918 der Gedanke an den Anschluss an eine neue deutsche Republik im Vordergrund. Das christlichsoziale Lager konnte sich nur schwer von der österreichisch-habsburgischen Tradition lösen. Für die Meisten war mit dem Ende des alten Österreich ihr Staat, ihr Vaterland, verschwunden und die Frage, wohin man nun eigentlich gehöre, quälend. Man sah sich als deutschen Rest des alten Reiches, das nun in der neuen Republik zusammengefasst und zunächst als "Deutschösterreich" bezeichnet wurde. Würde dies ein Provisorium sein, war ein Anschluss an Deutschland möglich?
Gerade der unter ganz anderen Umständen erzwungene nationalsozialistische "Anschluss" 1938 und der Zweite Weltkrieg sollten Erfahrungen sein, die in Folge zur Ausbildung eines eigenständigen österreichen Nationalgefühls im Lauf der Zweiten Republik führten.
Konflikt mit Ungarn um das Burgenland 1920/21.
Dem österreichische Anspruch auf westungarische Komitate wurde im Friedensvertrag von Trianon zwischen den Alliierten und Ungarn teilweise Rechnung getragen. Ödenburg/Sopron blieb nach einer Volksabstimmung aber ungarisch.
Interview mit Otto Habsburg-Lothringen
Unklare Grenzen – Konflikte mit neuen Nachbarn – Friedensvertrag mit den Siegermächten
Die noch ungeklärte Grenze im Süden.
Wo sollte sie zwischen (Deutsch-)Österreich und dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen („SHS“, später Jugoslawien) verlaufen? Eine klare Sprachgrenze war schwer zu bestimmen, der Wille der Bevölkerung in den umstrittenen südlichen Gebieten der ehemaligen Kronländer Kärnten und Steiermark unterschiedlich oder unklar.
Von November 1918 bis Sommer 1919 wurden immer wieder heftige Kämpfe zwischen vordringendem südslawischem Militär und österreichischen Freiwilligenverbänden („Kärntner Abwehrkampf“) geführt, die unter anderem im Juni 1919 zur (vorübergehenden) Besetzung von Klagenfurt durch südslawische Truppen führten. - Die Intervention der Siegermächte des Weltkrieges stoppte weitere Kampfhandlungen und führte durch die Bestimmungen des Friedensvertrages von St. Germain und die Volksabstimmung vom 10. Oktober 1920 (59 Prozent der Stimmen für Verbleib bei Österreich, bei rund 70 Prozent slowenischsprachigen BewohnerInnen) in einem der umstrittenen Gebiete zum heutigen Grenzverlauf der beiden Staaten.
Räterepubliken in Ungarn und Bayern
Interview mit dem Ethiker und Sozialwissenschaftler Johannes Messner