Wien um 1900 – das ist nicht nur eine Zeit künstlerischer Aufbrüche sondern auch eine Zeit, in der Wien als ein Mittelpunkt europäischen Geisteslebens gelten konnte.
Wien war um die Jahrhundertwende und in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ein fruchtbarer Boden für Ideen, Theorien und Gedankenmodelle, die weit ins 20. Jahrhundert hinein fortwirkten. Wesentliche Schriften, wie etwa Freuds Analysen der menschlichen Psyche, wurden damals publiziert und viel ist in späteren Jahren über diesen geistigen Nährboden der Stadt geschrieben worden. Mit Tondokumenten wird man sich den wesentlichen Inhalten dieser Zeit nicht nähern können – erhalten bzw. überhaupt aufgenommen werden konnten nur kurze Schlaglichter, die einen Eindruck von Stimme oder Persönlichkeit geben können, eine Form der Annäherung, die ihren eigenständigen Wert besitzt. Die Stimmen von Wissenschaftlern zu erhalten: einige dieser Aufnahmen verdanken wir dem Phonogrammarchiv, gegründet 1899, das älteste Schallarchiv der Welt, das Stimmportraits damals bekannter Künstler, Wissenschaftler und Politiker erstellte.
Viele dieser Theorien und Visionen des Fin de Siècle beeinflussen auch heute den wissenschaftlichen Diskurs: Kaum eine Theorie des 20. Jahrhunderts ist – auch im Alltagsverständnis – so präsent wie jene Sigmund Freuds. Auch die Theorien der Wiener Schule der Nationalökonomie, basierend auf den Ideen Carl Mengers, wirken in den Wirtschaftswissenschaften bis heute fort. Einiges, was damals noch Utopie war, ist heute zum Teil Realität geworden, wie etwa Rosa Mayreders Vorstellungen über eine aktive Rolle der Frau in der Gesellschaft oder Theodor Herzls Idee des Zionismus. Manches blieb bis heute Utopie, wie Bertha von Suttners Vorstellungen vom Weltfrieden.
Geologe, Paläontologe, liberaler Politker
Wien bot in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg einen fruchtbaren Nährboden für diese Utopien – Wissenschaft und Kunst standen in Wechselwirkung: So waren nicht nur Wissenschaftler begeisterte Anhänger der Künste, auch Künstler griffen wissenschaftliche Erkenntnisse auf. Bestes Beispiel dafür ist die "unheimliche Vertrautheit" zwischen Arthur Schnitzler und Sigmund Freud.
Der Erste Weltkrieg war eine einschneidende Zäsur im Geistesleben – in den Jahren nach dem Krieg gelang der Anschluss an die Zeit vor 1914 nur schwer, endgültig untergegangen ist dieses geistige Klima aber erst 1938 mit der Vertreibung und Ermordung der jüdischen Intelligenz.