"Ganz vergessner Völker Müdigkeiten..."
(Hugo von Hofmannsthal)
Treffpunkt der jungen Literaturszene war das Kaffeehaus, man publizierte u. a. in Zeitschriften, wie der von Hermann Bahr herausgegebenen "Die Zeit". Stellvertretend für diese Gruppe seien zwei Autoren herausgegriffen: Arthur Schnitzler und Karl Kraus. Der 1862 in Wien geborene Arthur Schnitzler hielt in seinen Dramen und Erzählungen dem Bürgertum einen Spiegel vor und brachte offen Tabus dieser Gesellschaft zur Sprache: Sei es Sexualität, wie im "Reigen" (erschienen 1903 – eine Aufführung des Stücks fand aus Gründen der Zensur erst nach dem Ersten Weltkrieg statt), der starre Ehrenkodex des Militärs wie in "Leutnant Gustl"(erschienen 1900 – nach der Veröffentlichung dieser als innerer Monolog gestalteten Novelle wurde Schnitzler in einem militärischen Ehrengericht der Offiziersrang aberkannt) oder Antisemitismus wie in "Professor Bernhardi" (erschienen 1912 – auch hier verhinderte die Zensur eine Aufführung des Stücks bis zum Ende der Donaumonarchie). Die schonungslosen und pointierten Charakterzeichnungen machen die Erzählungen, Theaterstücke und Romane Schnitzlers zu einem literarischen Zeit- und Sittenbild der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg.
Ebenfalls ein Kritiker der gesellschaftlichen Zustände seiner Zeit war der 1874 in Böhmen geborene Karl Kraus. Nach ersten journalistischen Tätigkeiten – vornehmlich Literatur- und Theaterkritiken – wechselte Kraus zur Satire und griff in seiner 1899 erstmals erschienenen Zeitschrift "Die Fackel" nicht nur Schriftstellerkollegen wie Hermann Bahr an, sondern betätigte sich auch als Sprachkritiker, der den "Verfall" der Sprache anprangerte. Seine ab 1915 entstandene Satire "Die letzten Tage der Menschheit", eine "Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog" nimmt in über 200 Einzelszenen die Gräuel des Krieges ins Visier – Ausschnitte daraus werden in künftigen Nummern der Ausstellung das Geschehen begleiten.
Das literarische Leben und die literarische Rezeption der Jahrhundertwende und der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg waren ein Nebeneinander von Tradition und Moderne. Der Realismus des 19. Jahrhunderts, hier vertreten durch Marie von Ebner-Eschenbach und Ferdinand von Saar, wirkte noch nach in einer Zeit, in der Schriftsteller rund um die Gruppe "Jung-Wien" – wie etwa Peter Altenberg, Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten, Arthur Schnitzler oder auch Stefan Zweig ihre ersten Erfolge feiern konnten und die Moderne in Wien und Österreich einläuteten.