Sonntag, 28. Juni 1914, in der Erinnerung – Wenige Ereignisse haben sich so tief in die Erinnerung der Zeitgenossen eingeprägt wie die Ermordung des Erzherzog Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajewo.
Obwohl der Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, durchaus nicht beliebt war, wurde sein plötzliches gewaltsames Ende doch als Fanal betrachtet. Daher konnten sich viele damals Lebende noch Jahrzehnte später genau daran erinnern, wann und wo die Meldung von der Gewalttat sie erreichte – an einem strahlenden Sommersonntag, der für viele in der Rückschau die lange Zeit des Friedens, der "Welt der Sicherheit", beschloss. Im Lichte der Ereignisse danach erschien die Tat von Sarajewo als Beginn, ja Auslöser, der folgenden Weltumwälzungen.
Heinrich Baltazzi-Scharschmidt
"… der Erzherzog und seine Gemahlin tot. Einem Bombenattentat sind sie auf der Fahrt nach dem Rathaus von Sarajewo entgangen, ein zweiter Attentäter aber erschoß sie auf der Rückfahrt. Sie waren in ein ganzes Netz von Verschwörern hineingefahren. …
(das) waren die prägnantesten Sätze aus dem Kommentar zu der Depesche, die eine Extraausgabe am selben Tag noch brachte, die Vater am Nachmittag von seinem Butler plötzlich gebracht wurde."
Friedrich Funder
“In diese Welt der gespannten Erwartungen, der Befürchtungen, der Hoffnungen auf eine erlösende neue Zeit schlug das todbringende Attentat auf den Thronfolger vom 28. Juni 1914 wie ein Blitz.”
Ernst Koref
“Der 28. Juni 1914 war in Salzburg ein herrlicher Sommertag, … [wir] nahmen auf der Terrasse eines stark besuchten Café-Restaurants die Jause ein. Eine k. u. k. Militärkapelle spielte flotte, mitreißende Märsche. Plötzlich brach sie ihr Spiel ab. Ein aufgeregtes und aufregendes Gemurmel und Raunen löste die fast unheimlich gewordene Stille ab … Eine entsetzliche Hiobsbotschaft war eingelangt …”
Johann Böhm
“Ich weiß nicht mehr, war es ein Sonn- oder Feiertag jedenfalls saß ich zusammen mit meiner Familie in einem Kreis von Freunden abends im Garten des Ottakringer Arbeiterheims bei ein …”
Julius Braunthal
"… Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajewo von einem serbischen Nationalisten ermordet …
Diese Nachricht traf alle, die sie hörten, wie ein Blitz aus heiterem Himmel …
Was wird nun werden? Das war die bange Frage auf unseren Lippen."
Julius Deutsch
“In den Redaktionsräumen herrschte sommerliche Stille. … Keine Spur einer Aufregung, wie sie sonst an Tagen großer Sensationen in der Redaktion zu herrschen pflegte.”
Edmund Glaise-Horstenau
“… da stürzte uns ein Zeitungsausträger entgegen: Extraausgabe! … Franz Ferdinand und Herzogin Sophie von einem Serben ermordet! Meine Mutter, mit dem Instinkt der Frau, rief sofort entsetzt: “Das ist der Krieg!”"
Vicky Baum
“Es ist heute fast unmöglich, sich in diese Einfalt, dieses harmlose, jeder Gefahr unbewußte Schlafwandeln der glückseligen, arbeitsreichen Julimonate 1914 zurückzuversetzen. Krieg war für uns ein geflügeltes, aber bedeutungsloses Wort aus abgeleierten Lesebuchgedichten, nichts, was uns zu unserer Zeit und in unserer Welt hätte treffen können.”
Franz Brandl
“… aus dem Zimmer klang, von einer Grammophon-Platte wiedergegeben, die Stimme Carusos … als der Nachbar über den Gartenzaun herüberrief: ”Haben sie schon das Schreckliche gehört?""
Ruth von Mayenburg
“… Papa [versammelte] die ganze Familie und [sagte] ungewöhnlich ernst …: ”Der Thronfolger Franz Ferdinand ist ermordet worden - das bedeutet den Krieg!""
Sándor Márai
“”Was ist, Endre?" fragte Vater und ging auf ihn zu. “Man hat den Thronfolger getötet”, sagte er mit einer gereizten Handbewegung.
In der tiefen Stille … saßen wir regungslos um den Tisch, irgendwie erstarrt …"
Stefan Zweig
"In hellen Sommerkleidern, fröhlich und unbesorgt, wogte die Menge im Kurpark vor der Musik.
… als plötzlich mitten im Takt die Musik abbrach. … nähertretend bemerkte ich, daß die Menschen sich in erregten Gruppen vor dem Musikpavillon um eine offenbar soeben angeheftete Mitteilung zusammendrängten. Es war, wie ich nach wenigen Minuten erfuhr, die Depesche, daß Seine kaiserliche Hoheit, der Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin, … einem politischen Meuchelmord zum Opfer gefallen seien."
Carl Bardolff
"Am nächsten Vormittag fielen er und seine Gemahlin als die ersten Opfer des Weltkrieges. …
Mein letzter Dienst war, …. die Herzogin aus dem Wagen in den ersten Stock in ihr Schlafzimmer im Konak zu bringen. Nachdem wir sie gebettet hatten, horchte ich, ob das Herz noch schlage. Sie war tot. Dann stürzte ich in das Zimmer nebenan, wo der Erzherzog auf einem Diwan hingestreckt lag und nach wenigen Minuten sein Leben verhauchte."
Mittagsjournal vom 28. Juni 1994 [Ausschnitt]
Mittagsjournal vom 6. Juni 1984 [Ausschnitt]