Am 11. November 1918 endete der Erste Weltkrieg, das große Töten ging aber noch Jahre weiter. Die Opferzahl der vielen Kriege zusammen, die ihre Wurzeln in der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts hatten, war kaum kleiner als die des Ersten Weltkrieges.
Die Kriege, Revolutionen, Massaker, Vertreibungen, Hungersnöte und Epidemien, die ihren Ursprung im Ersten Weltkrieg hatten, gingen nach dem Waffenstillstand vom 11. November an einer Vielzahl von Schauplätzen weiter oder begannen danach. Der größte, mörderischste und für die Weltgeschichte wohl bedeutsamste dieser Nachfolge-Konflikte war der Russische Bürgerkrieg. Die Liste der Beteiligten ist lange und sie beinhaltet neben der Roten Armee, den verschiedenen Weißen Armeen, Truppen der Entente, aufständische Bauern, meuternden Matrosen auch noch die Männer der Tschechoslowakischen Legion. Eine noch zur Zeit des Zaren aus Kriegsgefangenen Tschechen und Slowaken gebildete Truppe. Sie kam auch noch gegen die Mittelmächte zum Einsatz, beispielsweise bei der Kerenski-Offensive. Echte Berühmtheit erlangten die Legionäre aber durch ihre Verwicklungen in den russischen Bürgerkrieg. Die Rückkehr in die neue Heimat, die Tschechoslowakei, glückte 1920, allerdings über den Umweg der Transsibirischen Eisenbahn und den Pazifikhafen von Wladiwostok, und auch nur nachdem die Legionäre den weißen Admiral Alexander Wassilijewitsch Koltschak an die Rote Armee ausgeliefert hatten. Soldaten der Entente kamen an der Peripherie des Bürgerkrieges zum Einsatz. Von Sibirien, wo japanische Einheiten eine Zeitlang tief entlang der Transsibirischen Eisenbahn vorrückten, britischen und französischen Soldaten im Kaukasusgebiet, bis hin zu US-Truppen in Murmansk, kämpften diese Verbände allesamt immer gegen die Bolschewiki. Ein Fakt, der die Probleme bei der Aufnahme von diplomatischen Beziehungen zwischen der UdSSR und den Siegermächten des Ersten Weltkrieges miterklärt.
Ö1 - Von Tag zu Tag. Der ehemalige KPÖ-Politiker Viktor Matejka im Gespräch mit Helmut Bock.
Ein anderer Punkt waren die Schulden des Zarenreiches, für die Lenin sich einfach nicht zuständig fühlen wollte. Im Baltikum schließlich fochten eine Zeitlang deutsche Freikorps, gebildet aus Veteranen des Krieges, gegen die Rote Armee und halfen damit bei der Gründung von Estland, Lettland und Litauen. Eine ähnliche Hilfestellung war zuvor im finnischen Bürgerkrieg geschehen, allerdings noch durch deutsche kaiserliche Truppen, denn der Kampf um Finnland endete im Mai 1918 mit einem Sieg der Weißen. Die Opferzahl des russischen Bürgerkrieges mit all seinen Schauplätzen und Nachfolgekonflikten wird wohl für immer unbekannt bleiben. Die Schätzungen für Exekutionen durch die TscheKa – die russische Abkürzung für „Die allrussische Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage“ - die erste politische Polizei der Bolschewiki, reichen von einigen zehntausend Toten bis zu über einer Million Hingerichteter. Der Völkermord an den Kosaken, ein bis heute praktisch unerforschtes und weitgehend unbekanntes Kapitel des Bürgerkrieges und der Geschichte der UdSSR, hat zu mindestens 300.000 Kosaken das Leben gekostet, wahrscheinlich aber sehr viel mehr. Wenn man nun die Opfer der Hungersnot von 1921 bis 1922 hinzufügt, ausgelöst durch Bürgerkrieg und Kriegskommunismus, so verloren zumindest sieben Millionen Menschen in dieser gewaltsamen Geburt der Sowjetunion ihr Leben. Die Opfer der Typhusepidemie in Russland, alleine für das Jahr 1920, hinzugerechnet, sind es bereits über zehn Millionen Tote.
Der polnisch-ukrainische Krieg, vom November 1918 bis zum 17. Juli 1919 endete mit einem Sieg Polens und die West-Ukraine verlor ihre gerade gewonnene Unabhängigkeit. Dieser Konflikt ging praktisch ohne Unterbrechung in den Krieg zwischen Sowjetrussland und Polen, 1919 bis 1921, über. Zuerst konnte die Armee des jungen und gerade siegreichen Polens bis Kiew vorrücken, nur um beim Gegenangriff der Roten Armee bis vor die Tore Warschaus zurückgeworfen zu werden. Lenin erwartet angeblich in dieser Zeit jeden Tag die Meldung vom Ausbruch der Revolution in Polen, in Deutschland und damit im kontinentalen Europa. Die Hoffnung der Bolschewiki auf eine Revolution in Deutschland war noch nicht begraben. Denn Sowjet-Russland im Bündnis mit Sowjet-Deutschland hätte die Weltrevolution mehr als einen Schritt näher an die Realität gebracht. Das Wunder an der Weichsel beendete diese hochfliegenden Hoffnungen. Polens Armee, mit Unterstützung der Westmächte, besonders von Frankreich, aber auch mit Unterstützung durch Josef Stalin, konnte die Rote Armee stoppen und wieder aus Polen vertreiben. Stalin, als Kriegskommissar der Kavallerie-Armee, überredete deren Kommandanten General Semjon Michailowitsch Budjonny dazu, Lemberg anzugreifen, anstatt, wie befohlen in Richtung Warschau vorzurücken. Dadurch entstand zwischen den Einheiten der Roten Armee, die auf Warschau vorrückten und Budjonnys Armee eine Lücke. Genau hier startete die polnische Armee ihren Gegenangriff und das Wunder an der Weichsel konnte stattfinden. Weniger Glück hatten Georgien, Armenien und Aserbaidschan, die allesamt 1918 ihre Unabhängigkeit erklärt hatten, nur um diese 1920/21 wieder an die siegreiche Rote Armee zu verlieren.
Der Krieg zwischen Ungarn und Rumänien im Jahr 1919 war ein klassischer Konflikt um die Grenzziehung zwischen den beiden Staaten. Im Verlauf dieses Kampfes wurde die ungarische Räterepublik, ein revolutionärer Staat nach dem Vorbild von Sowjetrussland, von der rumänischen Armee und einer konservativen ungarischen Gegenregierung vernichtet. Admiral Miklós Horthy, der letzte Kommandant der k. u. k. Marine, wurde neues Staatsoberhaupt Ungarns. Rumänien erreichte seine Kriegsziele, das geschlagene Ungarn konnte im Friedensvertrag von Trianon nur mehr den Gebietsverlusten zustimmen. Ebenso war der Kärntner Abwehrkampf ein Konflikt um die Frage der Grenzziehung. Nach der Novemberrevolution 1918 kam es auch auf dem Gebiet des Deutschen Reiches über diese Frage zu Auseinandersetzungen, wie die drei Aufstände in Oberschlesien zeigen. Es gab aber auch weitere Kämpfe zwischen kommunistischen Revolutionären und national-konservativen Kräften, wie den diversen Freikorps. Die wohl bekanntesten Beispiele sind der Spartakusaufstand im Jänner 1919 in Berlin, die Entstehung und Zerschlagung der Münchner Räterepublik im April desselben Jahres und der Ruhraufstand 1920. Daneben gab es noch Putschversuche, die vom rechten politischen Spektrum ausgingen, wie den Kapp-Putsch 1920 oder 1923 den Bürgerbräu-Putsch von Adolf Hitler und Erich Ludendorff. Dieser orientierte sich an Benito Mussolinis Marsch auf Rom im Oktober 1922. Italien blieb zwar ein großer Bürgerkrieg erspart, im Norden des Landes kam es aber zu einem immer brutaleren Konflikt zwischen Kommunisten, die eindeutig revolutionäre Ziele verfolgten, und den Faschisten von Benito Mussolini. Mussolini, der vor dem Krieg ein Sozialist gewesen war, hatte sich schon für Italiens Kriegseintritt ausgesprochen. Als Kriegsteilnehmer von August 1915 bis August 1917 wandelte sich sein Weltbild nun noch radikaler. Aus Veteranen der Arditi, der italienischen Variante der Sturmtruppen, formte er die ersten Fasci di Combatittmento, die Schwarzhemden, Urzellen des italienischen Faschismus. „Me ne frego“ – „Es ist mir egal“ - lautete die Parole der Arditi im Krieg, die nun ebenfalls von den Faschisten übernommen wurde. Von 1919 bis 1922 verlor der italienische Staat immer mehr an Autorität und die Faschisten gewannen den Krieg der Straße gegen Sozialisten und Kommunisten. Der Marsch auf Rom war eigentlich die Bankrott-Erklärung von Italiens liberaler Elite und staatlicher Autorität. Aus Angst vor einer möglichen kommunistischen Revolution riskierten König Viktor Emanuel III. und die Armee lieber Mussolini als neuen Regierungschef.
In der Türkei, die auf das kleinasiatische Kernland zurückgedrängt worden war, führte der Vertrag von Sevres, abgeschlossen noch zwischen dem Osmanischen Reich und der Entente, zum Krieg zwischen der Türkei und Griechenland. Mustafa Kemal, besser bekannt als Ata-Türk, der neue Herrscher der Türkei, erkannte den Vertrag, der der Bevölkerung Kleinasiens die Wahl der Staatszugehörigkeit gewährte, nicht an. Daraufhin griff das griechische Militär ein und der Krieg endete, nach anfänglichen griechischen Erfolgen, 1922 mit der kleinasiatischen Katastrophe. Über 1,2 Millionen Griechen mussten vor den nun siegreichen Türken aus Asien flüchten, im Gegenzug verloren über 500.000 Türken ihre Heimat in Europa. Dass diese Vertreibungen nicht ohne Massaker an der Zivilbevölkerung vor sich gingen, folgt der grausamen Logik ethnischer Säuberungen zu allen Zeiten.
In Irland waren die Freiheitskämpfer vom Osteraufstand 1916 weder aller tot noch vergessen. Im Jänner 1919 begann der irische Freiheitskampf gegen Großbritannien, der praktisch nahtlos in den Irischen Bürgerkrieg von 1922 bis 1923 überging und die Teilung Irlands als Folge hatte. So hat ein Nachfolgekrieg des Ersten Weltkriegs immer noch Auswirkungen auf die aktuelle Politik, ist doch die Frage der Grenze zwischen Nordirland, als Teil des Vereinigten Königreiches, und der Republik Irland als EU-Mitglied einer der schwierigsten Punkte der Brexit-Verhandlungen.
Im Nahen Osten waren durch das Sykes-Picot-Abkommen und die Balfour-Deklaration zu einer dem Arabischen Aufstand zuwiederlaufenden Realität gekommen. Das Sykes-Picot-Abkommen teilte die ehemals osmanischen Gebiete des Nahen Ostens zwischen Frankreich und Großbritannien als Mandats-Gebiete auf. Die Balfour-Deklaration war ein diplomatisches Versprechen der britischen Regierung an bedeutende Zionisten einen "jüdische Heimat" in Palästina zu unterstützen. So kam es bereits im April 1920 und abermals im Mai 1921 zu arabischen Ausschreitungen gegenüber jüdischen Einwanderern.
China, welches 1917 dem Deutschen Reich den Krieg erklärt hatte, wurde von den Siegermächten zwar als ein Staat betrachtet, aber nicht so behandelt. Japan und Sowjetrussland bedrohten Chinas staatliche Integrität direkt, während die westlichen Siegermächte de facto nichts unternahmen, um China stark und einig zu machen. Die Zeit der Warlords in China, die eigentlich schon 1916 begonnen hatte, sollte bis 1928 andauern, dann erwies sich Marschall Chiang Kai-shek und die Kuomintang als die vorläufig stärkste Fraktion. Die Gründung der Mongolischen Volksrepublik wäre ohne den Russischen Bürgerkrieg nicht denkbar, sowie der Bürgerkrieg ohne Revolutionen in Russland und die Revolutionen ohne Ersten Weltkrieg nicht stattgefunden hätten.
Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts ist eine passende Bezeichnung, finden sich doch viele Ursachen für den Zweiten Weltkrieg in diesem Ersten Weltkrieg.