Bosche, Zarja chrani! – Gott schütze den Zaren!
Ein Problem für die zaristische Armee lag in der hohen Rate von Analphabeten im Land. Die Soldaten auf allen Ebenen befolgten Befehle ohne Widerspruch, dafür zeigten sie aber kaum Eigeninitiative. Auch war die Günstlingswirtschaft in der russischen Armee besonders weit verbreitet. Viele höhere Kommandanten verdankten ihren Posten mehr der Tatsache wen sie kannten und trafen, als was sie konnten und taten.
Der Ausbau der Eisenbahn war rein auf die Beschleunigung der Mobilmachung ausgelegt, aber in den Grenzgebieten zum Deutschen Reich wurde der Neubau von Linien bewusst unterlassen, denn auch ein Angreifer könnte, nach dem „Umspuren“ der Gleise, die Linien verwenden.
Die meisten russischen Handelsrouten waren im Kriegsfall entweder durch Gegner blockiert oder zu schwach, um Nachschub im großen Stil von Großbritannien, Frankreich oder den USA zu importieren.
Aus dem größten stehenden Heer in Friedenszeiten wurde mit Beginn der Mobilmachung die zahlenmäßig stärkste Armee Europas. Beinahe 3,5 Millionen Mann standen schon nach wenigen Wochen unter Waffen. Wie sich bald herausstellen sollte, war es für die russische Armee weniger ein Problem genügend Männer zu mobilisieren, als diese auch entsprechend auszubilden, auszurüsten und zu versorgen. Doch vorerst setzte sich die „russische Dampfwalze“, schneller als von vielen Politikern und Militärs erwartet, in Bewegung. Ob sie tatsächlich nicht zu stoppen wäre, das würde die Zukunft zeigen.
Vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges staunten Verbündete und Gegner gleichermaßen über die militärische und wirtschaftliche Machtentfaltung Russlands seit 1905. Doch war die „russische Dampfwalze“ tatsächlich so unaufhaltsam, wenn sie einmal in Bewegung gekommen war?
Der Zar war Herrscher über mehr als 160 Millionen Untertanen, die zahlenmäßig mit Abstand größte Landesbevölkerung in Europa. Alle Rohstoffe zur Kriegsführung gab es im Überfluss und das Wirtschaftswachstum vor dem Ersten Weltkrieg war rasant. Das Hauptproblem für die Entwicklung der russischen Militärmacht schien die Größe des Reiches selbst zu sein. Wie konnten die Ressourcen rasch genug erschlossen werden, wie die Armeen schnell genug an die Front gebracht werden?
Vergessen war 1914 die Niederlage gegen Japan im Jahr 1905, ebenso die Revolution desselben Jahres. Der innere Zusammenhalt schien ungefährdet. Die Tatsache, dass Russland ein Vielvölkerreich war, trat durch die massive Dominanz der größten Volksgruppe, der Russen, in den Hintergrund. Die russische Armee war durch das „Große Programm“ auf dem Weg zur dominanten Land-Streitmacht in Europa, zumindest nach den Zahlen. Das Deutsche Reich sah sich immer stärker bedroht und fast schon erdrückt, ebenso wie Österreich-Ungarn. Selbst in Frankreich und Großbritannien wurden Bedenken laut. Besonders in London verursachte der Gedanke an eine erneute russische Bedrohung Indiens, aber auch eine russische Dominanz in Persien, manch schlaflose Nacht. Der Eindruck war aber trügerisch. Russlands Wirtschaft wuchs zwar gewaltig, trotzdem war die industrielle Basis nicht soweit, die Wünsche des Militärs zu befriedigen. Maschinen mussten in großem Umfang importiert werden. Französisches Kapital strömte seit 1894 ins Land, die Fertigwaren kamen aber ebenso aus England oder Deutschland.
In der Planung der russischen Aufrüstung kam es zu Fehlentwicklungen, ging doch das Militär von einer kurzen Kriegsdauer aus – ein weitverbreiteter Irrtum. Das vorhandene Militärbudget wurde für die Anschaffung von Waffen und Munition verwendet, nicht um die Produktionskapazitäten im eigenen Land zu erweitern. Viel Geld wurde auch für Festungen ausgegeben. Praktisch die gesamte schwere Artillerie wurde als Festungsartillerie zu einer statischen Rolle verurteilt. Die Erwartungen vor dem Krieg in den Kampfwert der Festungen wurden mehr als enttäuscht.