Die Republik war unter den Kriegsverlierern. Wäre es nach ihren Gründern gegangen, hätte sie nur eine kurze Lebensspanne gehabt. Der Anschluss ans Deutsche Reich war Ziel praktisch aller politischen Lager. Doch die Sieger hatten andere Pläne für Österreich.
"Deutschösterreich", so sollte die Republik heißen. Der Name war gleichzeitig Programm, denn niemand rechnete damit, dass dieser letzte Rest der großen Doppelmonarchie als Staat lebensfähig sein könnte. Der baldige Anschluss an das Deutsche Reiche wurde damals von praktisch allen politischen Lagern erwünscht und erhofft, festgeschrieben im zweiten Artikel der Bundesverfassung. Diesen Zusammenschluss mit Deutschland verhinderten die Siegermächte des Ersten Weltkrieges 1919 im Friedensvertrag von St. Germain, nicht der Unabhängigkeitswille oder das Verlangen nach Eigenstaatlichkeit der Österreicher. Artikel 88 des Friedensvertrages sah ein Unabhängigkeitsgebot für Österreich vor. Dahinter standen in erster Linie die Ängste Frankreichs vor einem einzigen großen deutschen Staat in Europa. Das Deutsche Reich hatte den Krieg verloren, hatte nicht unerhebliche Teile seiner Bevölkerung, seines Territoriums und seiner Wirtschaftsmacht durch den Frieden von Versailles verloren, wie konnte man da durch einen Zusammenschluss mit dem deutschen Rest von Österreich-Ungarn diese Verluste ausgleichen.
"Deutschösterreich, du herrliches Land" hieß die Hymne, welche zwischen 1920 und 1929, zwar nicht die offizielle, aber zumindest die inoffizielle Nationalhymne der Ersten Republik war. Auch der Name "Deutschösterreich" für die neue Republik wurde von den Siegern des Ersten Weltkriegs verboten. "Republik Österreich" lautete auf deren Verdikt der Landesname. Keiner konnte sich so recht vorstellen, wie dieser Nachfolge-Klein-Staat der großen alten Donau-Monarchie funktionieren sollte, ja wie er überhaupt überleben könnte.
Die Krisenherde der jungen Republik waren Legion. In faktisch keinem Bereich der Politik liefen die Staatsgeschäfte reibungslos. Von der endgültigen Festlegung der Grenzen, hier sei nur der Kärntner Abwehrkampf genannt, über die wirtschaftliche Lage des Landes, bis hin zur sich immer mehr verstärkenden Gegnerschaft von Sozialdemokraten und Christlichsozialen war der neue Staat von einer Vielzahl von Gefahren aus den nur denkbar unterschiedlichsten Bereichen und Richtungen bedroht. Vom Anbeginn der Republik war zwischen Christlichsozialen und Sozialisten das Trennende im Vordergrund, herrschte Lagerdenken, fehlte der Wille zur gemeinsamen Aufbauarbeit und zum Kompromiss. Aus dieser Frontstellung wurde rasch Feindschaft, die nur zu schnell in blanken gegenseitigen Hass mündete. Weder Kommunisten, noch Faschisten oder Nationalsozialisten hatten in den 1920er Jahren große Bedeutung oder Anhängerschaft in der Ersten Republik. Die zunehmende politische Radikalisierung fand zwischen den beiden Großparteien statt. Die Heimwehr als der bewaffnete Arm der Christlichsozialen Partei und als Pendant der Republikanische Schutzbund der österreichischen Sozialdemokraten, beide hervorgegangen aus Volkswehren, Einwohnerwehren und Selbstschutzverbänden, waren die paramilitärischen Verbände der Großparteien. Paramilitärisch bezieht sich dabei nicht nur auf Uniformierung und militärisch-diszipliniert-formiertes Auftreten in der Öffentlichkeit, sondern auch auf eine militärische Bewaffnung mit Infanteriewaffen bis hin zum schweren Maschinengewehr und Minenwerfer. Eine Rüstung, die von beiden Seiten ständig ausgebaut und erweitert wurde. Die gegnerischen Lager bildeten so Instrumente für den Kampf über die politische Bühne hinaus. Mittel für den erwarteten „Bürgerkrieg“ als Fortsetzung der Politik, um Clausewitz zu paraphrasieren.
Außenpolitisch begannen die 1920er Jahre mit einer Volksabstimmungs-Niederlage für Österreich. 1921 fiel Ödenburg an Ungarn durch eine etwas fragwürdige Volksabstimmung. So sollen bereits längst verstorbene ungarisch-stämmige Einwohner Soprons extra für die Abstimmung auferstanden sein.
Eigene Anschlussabstimmungen fanden in mehreren Bundesländern statt, etwa im April 1921 in Tirol, mit 145.302 Stimmen für den Anschluss an das Deutsche Reich und 1.805 dagegen, oder im Mai in Salzburg. Hier stimmten 98.546 Wähler für den Anschluss an Deutschland und nur 877 dagegen. Ebenfalls 1921 entstand durch das Trennungsgesetz von Wien und Niederösterreich Wien als ein eigenes Bundesland. Der soziale Wohnbau durch das „Rote Wien“ war eine echte Errungenschaft dieser Zeit. Zwar konnte die Gemeinde Wien hier auf die Basis der Stadtplanung und Kommunalpolitik vor dem Ersten Weltkrieg aufbauen, eine Planung und Politik für die Metropole einer europäischen Großmacht mit einer stetig steigenden Bevölkerung, aber der Gemeindebau und die Gemeindewohnung sind und bleiben Beispiele für eine gelungene Sozialpolitik, bei gleichzeitiger Ankurbelung der Bauwirtschaft und damit der gesamten Wirtschaft. Es sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass diese Wohnpolitik von konservativer Seite als Klientelbetreuung und Untergrabung des Haus-Herren-Standes betrachtet wurde.
Beginnend mit den Genfer Protokollen und in Folge davon gewährten Auslandskrediten, bekämpft Bundeskanzler Ignaz Seipel die Hyperinflation. Durch die Währungsreform, mit Einführung des Schillings, 1924/25 gelang die Stabilisierung des Geldes. Die Hyperinflation der frühen 1920er-Jahre vernichtete die Ersparnisse einer ganzen Generation, den Rest besorgte die Umwechslung von Krone auf Schilling, aber keine Volkswirtschaft kann bei unkontrollierbarer Inflation prosperieren. Die dauerhafte Stabilität des „Alpendollars“, wie der Schilling bald genannt wurde, gelang hervorragend. Erreicht wurde dies aber durch eine kompromisslose Hartwährungspolitik. Einschränkung der Staatsausgaben und Steuererhöhungen durch die konservativen Bundesregierungen unter den sich abwechselnden Bundeskanzlern Johann Schober, Ignaz Seipel und Rudolf Ramek waren das Rezept. Diese Wirtschaftspolitik, die mit damaliger konservativer Volkswirtschaftslehre durchaus konform ging, ließ im Krisenfall keinen Spielraum für ein aktives Eingreifen des Staates ins Wirtschaftsleben. Was scheinbar auch nicht nötig war, dennoch verhießen die „Goldenen 20er Jahre“, auch in Österreich, einen weiteren Aufschwung.
Bevor die Weltwirtschaftskrise 1929 die Erste Republik in die tiefste wirtschaftliche Depression stieß, sollte noch der politische Kampf zwischen christlich-sozial-konservativem Lager und den Sozialdemokraten offen ausbrechen. 1927 fielen im burgenländischen Ort Schattendorf bei einem Aufmarsch des Schutzbundes Schüsse, die der politischen Radikalisierung gewaltigen Auftrieb gaben. Angehörige der Frontkämpfervereinigung Deutsch-Österreich, ein kleiner Wehrverband rechts von der Heimwehr, von dem viele Mitglieder, unter ihnen Adolf Eichmann, zu Beginn der 30er Jahre zu den Nationalsozialisten wechselten, fühlten sich bedroht und schossen auf den Aufmarsch des Schutzbundes. Zwei Todesopfer waren zu beklagen, aber die Todesschützen wurden im Gerichtsverfahren freigesprochen. Die sofort ausbrechenden Proteste in Wien, gegen das sogenannte Schattendorfer-Urteil als Klassen-Justiz, eskalierten und führten zu den bürgerkriegsähnlichen Unruhen rund um die Brandstiftung durch Demonstranten am Wiener Justizpalast. Die Polizei bekam den Befehl zu schießen und 89 tote Demonstranten, fünf tote Polizisten und 1184 Verletzte auf beiden Seiten waren die blutige Bilanz des Tages. In der österreichischen Innenpolitik standen die Zeichen fortan endgültig auf Kampf.
1929 führte die über alle Länder hereinbrechende Weltwirtschaftskrise zu einer nochmaligen Verschärfung der politischen Auseinandersetzung, nicht nur in Österreich. Das Heer der Arbeitslosen zählte rasch nach Hunderttausenden und Arbeitslosigkeit in der Ersten Republik bedeutete buchstäblich Hunger und Elend. Nach einer kurzen Zeit der staatlichen Unterstützung waren die sogenannten „Ausgesteuerten“ auf Spenden und Almosen angewiesen. Christlichsoziale und Sozialdemokraten fanden auch in dieser Zeit der Krise keine Basis der Verständigung, das Gegenteil war der Fall, die Zeit erweckte Wünsche nach totalitären Lösungen.